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Unsa Senf - 31.01.2017

Dringend gesucht: BVB-Tugenden

Zufrieden kann Thomas Tuchel mit den ersten beiden Pflichtspielen 2017 nicht sein.

Keine drei Minuten war der 18. Spieltag für den BVB alt, da durften die mitgereisten oder auch die am TV zuschauenden BVB-Fans hoffen: Auf ein Fußballfest. Spielfreude. Tore. Einen deutlichen, verdienten Sieg. Gerade hatte Marco Reus zur 1:0-Führung beim FSV Mainz 05 eingenetzt. Doch was in knapp 90 Minuten folgte, war eine fußballerische Null-Leistung. Ein Offenbarungseid in Sachen Leidenschaft, Einsatzbereitschaft, Konzentration, Abgeklärtheit und zu schlechter Letzt in Puncto Siegeswillen.

Die Mainzer waren am Ende in zwei elementaren Statistiken besser: Sie liefen mehr (115,75 km : 110,08 km) und sie gewannen mehr Zweikämpfe (53% : 47%) – beides Kategorien, die der BVB einst zu dominieren verstand. Nicht erst in Mainz fiel auf, dass diese Kategorien im ballbesitzdominierten Tuchel-System zur Nebensächlichkeit zu verkommen scheinen. Kein Problem, solange besagter Ballbesitzfußball die gewünschten Ergebnisse liefert.

Die Bundesliga-Auftritte 2016/2017 sind überwiegend unzufriedenstellend

Schon beim 2:1 in Bremen war der BVB drauf und dran, eine frühe Führung durch eigene Fehler zu verspielen und beim Abstiegskandidaten nicht mehr als einen Zähler mitzunehmen. Bei keinesfalls überzeugenden Mainzer kam das Tuchel-Team nun nicht mehr mit dem blauen Auge davon. Der späte Ausgleich war dabei das von vielen Fans vorhergesehene Ergebnis der Dortmunder Spielweise in dieser Saison.

Da kann die Punkteausbeute noch so sehr im Rahmen liegen, die Auftritte des BVB in dieser Bundesliga-Saison sind überwiegend unzufriedenstellend. Ideenloses, ungenaues Ballgeschiebe. Individuelle Fehlentscheidungen im Angriffsspiel. Kraftloses und lustloses Zweikampfverhalten. Simple Stellungsfehler und fehlende Aggressivität im Defensivspiel. Das alles kann die wahrlich großartigen und begeisternden Momente, in denen das BVB-Spiel Tempo aufnimmt und die Räume genutzt werden – das frühe Tor in Mainz lässt grüßen – nicht aufheben.

Am Ende steht dann eben ein 1:1 in Mainz, bei dem die Mannschaft nach dem Ausgleichstreffer zu keiner Sekunde den Eindruck machte, dieses Ergebnis noch einmal positiver gestalten zu wollen. Die selbsternannte Nummer zwei des Landes gibt sich also mit einem Punktgewinn gegen einen spielerisch bestenfalls schwachen Gegner zufrieden. Wohlgemerkt bei mittlerweile elf Punkten Abstand auf eben jenen zweiten Tabellenplatz, auf dem sich Mannschaft, Offizielle und auch wir Fans eigentlich standesgemäß wiederfinden wollen.

Die Erklärung für die jüngste Leistung liefert 30 Millionen-Mann André Schürrle: Die schlechten Platzverhältnisse. Da darf man schon fragen, ob es nicht noch etwas einfacher geht in Puncto Ausreden.

Viele Nebenschauplätze beim BVB - und welche Rolle Thomas Tuchel dabei einnimmt

Läuft seiner Form aktuell hinterher: Gonzalo Castro.

Viel eher könnte die Antwort lauten: Zahlreiche Spieler bringen auch nach der Winterpause nicht die Leistung, die sie bewiesenermaßen zeigen können. Namentlich sei vor allem Gonzalo Castro genannt, der auch in Mainz wieder einige aussichtsreiche Situationen durch schlichtweg falsche Entscheidungen und ungenaue Pässe vertändelte. Wieso der formschwache Ex-Nationalspieler schließlich erst nach dem Ausgleichstreffer ausgewechselt wurde, bleibt wohl eines der vielen Geheimnisse des Thomas Tuchel.

Medial wird der völlig unnötige Punktverlust auch mit den zahlreichen Nebenschauplätzen erklärt, die sich ebenfalls durch diese Saison ziehen. Und während man Fan hierfür kurzer Hand die Medien als Schuldige ausmacht, muss stattdessen auch an dieser Stelle wieder mal der Name Tuchel fallen. Die vermeintliche Kapitänsfrage im Winter bekam er lange nicht unter Kontrolle. Die Verpflichtung von Alexander Isak mit „Ich kannte den Spieler nicht“ zu kommentieren, ist trotz der später folgenden Erklärung in der heutigen Medienlandschaft ebenfalls nicht klug. Und überhaupt lässt die gesamte, an einen gewissen Pep Guardiola erinnernde Art Tuchels immer wieder Unruhe aufkommen.

Öffentliche Unruhe in einer Regelmäßigkeit, wie es sich unter Vorgänger Jürgen Klopp selbst auf Tabellenplatz 18 nicht gegeben hat. An dieser Stelle sei der Vergleich einfach mal als notwendig und schlichtweg passend entschuldigt. Dabei hatte auch der heutige Liverpool-Coach durchaus seine Meinungsverschiedenheiten mit Geschäftsführer Aki Watzke, diese blieben jedoch nahezu unbemerkt und wurden professionell verarbeitet. Hört man mittlerweile sowohl dem BVB-Geschäftsführer als auch seinem Trainer zu, lassen sich gewisse Schwingungen der Disharmonie aus beiden Lagern nicht wegdiskutieren.

Mannschaft und Trainer schaffen kein Wir-Gefühl beim BVB

Doch das bestenfalls als neutral zu beschreibende Verhältnis reduziert sich nicht nur auf Trainer und Chefetage. Auch innerhalb der Mannschaft, mit ihrem Stamm aus alteingesessenen Double-Siegern und vielen Zugängen, und dem anspruchsvollen Tuchel läuft offenkundig nicht alles glatt. Weder der von ihm gewollte André Schürrle, noch der von ihm angeblich nicht so sehr gewollte Mario Götze konnten bislang Konstanz in ihre Leistungen bekommen. Manch Jungspund findet sich mal in der Stammelf und dann plötzlich auf der Tribüne wieder. Andere Spieler dürfen trotz offenkundig abfallender Form weiter starten, während andere schon bei kleinen Schwankungen wieder auf der Bank sitzen. Neben Roman Bürki im Tor und Pierre-Emerick Aubameyang im Sturmzentrum ist keine Position vor plötzlichen Veränderungen gefreit.

Thomas Tuchel verfolgt seinen Weg - aber ist es der richtige Weg für Borussia Dortmund?

Lässt der Gegner es zu und/oder liegt Tuchel mit seinen Personal- und Taktikentscheidungen richtig, können daraus Fußballfeste entstehen. Fan erinnere an Spiele gegen Darmstadt, Hamburg, Gladbach oder auch den umjubelten Taktik-Sieg beim 1:0 gegen Bayern München. Die Mannschaft kann, wenn alles passt. Das zeigte nicht zuletzt die Vorrunde der Champions League und wird ohnehin von keinem Betrachter bestritten. Doch sie bringt es viel zu selten auf den Platz. Die dann gezeigten Leistungen reichen mal für drei Punkte – siehe Bremen – viel häufiger aber eben für maximal einen Zähler. Beispiele dafür lassen sich rückblickend zahlreiche finden, das jüngste wurde hier ausführlich geschildert.

Ja, natürlich haben Medien und Fans eine Abkehr vom BVB-Dauerpressing unter Jürgen Klopp erwartet, auf das sich die Gegner zuletzt so gut eingestellt hatten. Ja, natürlich hat Thomas Tuchel diese Veränderung vergangene Saison erfolgreich durchgeführt und ein neues Spielsystem umgesetzt und weiterentwickelt. Doch in der aktuellen Spielzeit scheitern Trainer und Mannschaft nicht nur daran, dieses System konstant und konzentriert auf den Platz zu bringen. Sie scheitern sich auch daran, zu einer Einheit zusammen zu wachsen, an der sich Fans und Verein begeistern können.

Tuchel und Mannschaft wirken in dieser Spielzeit genauso wenig geschlossen, wie es Fans und Vereinsführung seit einiger Zeit sind. Jeder schaut auf sich und sein Wohlbefinden, ficht seine kleinen Machtkämpfe aus und verliert den Fokus auf das Wesentliche. Übergangssaison hin oder her – unter dieser Situation leiden alle! Und alle bedeutet in diesem Fall: Darunter leidet Borussia Dortmund!

Clemens, 31.01.2017


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