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Unsa Senf - 27.01.2017

Macht's gut und vielleicht auf Wiedersehen

Wie fange ich diesen Text nur am besten an. Ich weiß es nicht. Das Ganze fällt mir schwer. Deshalb versuche ich es mal so: Ich bin müde. Müde von der Entwicklung meines Lieblingssportes im letzten Jahrzehnt. Müde von meinem Verein, der in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren eine so immense Bedeutung in meinem Leben eingenommen hat. Diese Bedeutung wird er auch nie verlieren. Das habe ich mir so oft geschworen, und daran ändert sich nichts.

Trotzdem bin ich müde von all dieser Dunkelheit, die sich über den Profi-Fußball gelegt, sich immer mehr ausgebreitet hat wie Unkraut zwischen den schönsten Pflanzen. Ich kann diesen einen ausschlaggebenden Punkt, der für diese Art der Entfremdung verantwortlich ist, nicht benennen, weil es ihn so in dieser Einfachheit nicht gibt. Es sind schlichtweg viele Punkte, viele Gründe, die bei mir zu einer extremen Gefühlskälte geführt haben. Eine schwarzgelbe Gefühlskälte, die ich so bisher noch nicht kannte und erleben musste. In den letzten Wochen dieser kurzen Winterpause ist mir eines klar geworden, eine Wahrheit, die ich bislang geschickt verdrängen konnte: Der Fußball und ich – Borussia und ich – wir brauchen eine Pause. Wie lang diese Pause ausfällt, wird die Zeit zeigen.

Im Moment kann ich mir leider nur schwerlich den Weg zurück vorstellen. Ich selbst bin erschüttert über diese, meine Sicht der Dinge. Aber ändern kann ich es auch nicht. Zwang hat noch nie dazu geführt, dass etwas ruckartig besser wird. Und über diese Entscheidung habe ich schließlich auch lange und länger nachgedacht. Diese Art der Hingabe wirft man nicht einfach weg. Aber man sollte sich auch nicht für immer an sie klammern und sich so den Blick auf die Wirklichkeit verbauen. Denn diese Wirklichkeit im Zirkus Fußball sieht mittlerweile richtig unschön aus. Ich will hier jetzt auch gar nicht kommen mit all diesen plakativen Begründungen à la „exorbitante Spielergehälter“, „korrumpierte Verbände“ oder „aus Fan wurde Konsument“. Wobei, warum eigentlich nicht? All diese schleichenden Prozesse haben in ihrer Gesamtheit und ihrem hartnäckigen Wachstum dazu beigetragen, dass ich mich immer mehr von diesem Sport und so leider auch von meinem Verein entfernt habe. Es gibt so viele Fronten, an denen wir Fans kleine Kriege kämpfen, ohne die Maschinerie aufhalten zu können. In Teilen haben wir es geschafft, negative Prozesse und Tendenzen zu verlangsamen. Aber eben nur zu verlangsamen. Die kalte Fratze des Geschäfts, die mittlerweile nicht mal mehr versucht, ihr eigenes Ich zu kaschieren, schreitet weiter unerbittlich voran. Auf diesem Weg wird dann viel zerstört. Der Fußball frisst sich gerade selbst auf. Und er lässt uns Fans in Trostlosigkeit zurück.

Auch deswegen bin ich müde. Müde von all diesen neuen Entwicklungen, die Tag für Tag auf uns einprasseln, als würde es Scheiße hageln. Nur haben wir keinen Regenschirm dabei und schauen wie die Ölgötzen mit offenem Mund gen Himmel. Auch deswegen habe ich mir gesagt, ist es Zeit den Kopf nach unten zu nehmen und sich diesem Scheiße-Schauer zu entziehen.
Es hat sich so vieles geändert. Nicht nur die Abgänge einzelner Spieler und Trainer – zumindest nicht vorrangig – sondern das große Ganze. Es ist lauter geworden. Schriller. Bunter. Unehrlicher. Werte und Traditionen rücken in den Hintergrund. Dabei waren genau diese beiden Elemente das, was mich jahrelang an den Fußball, an meine Borussia gepresst hatte.

Es bricht mir das Fußballherz, eine Sache, ein Konstrukt wie RB Leipzig in den Tabellen des deutschen Profi-Fußballs sehen zu müssen. Dann ist da noch China hier und China dort. Und die Premier League. Und all die wilden Pläne einer Super League der Super League der Super League. Schöner. Besser. Reicher. Wer dann wie den Ball kickt, ist letztlich doch völlig egal, wenn eh nur noch alles Gold ist, was glänzt.
Diese Art der Übersättigung ist schon lange nicht mehr nur eine Floskel, sondern traurige Wahrheit. Was habe ich damals jedes verdammte Fußballspiel im Fernsehen schauen müssen: egal wer, wo und wann. Dann kam die Hochphase des Internets und das Angebot wurde noch breiter, noch detaillierter. Ich las jeden Tag gefühlt jede Schlagzeile mit Fußballbezug und vor allem von und mit Borussia Dortmund. Ich schaute mir die verpassten Tore des Wochenendes – denn man selbst war ja im Stadion – der anderen Teams an. Sportschau, Sportstudio, Doppelpass. Überall musste man sich einklinken und konnte gar nicht genug bekommen. Dann kamen die Apps und man freute sich über News-Ticker und wilde Push-Nachrichten. Und jetzt? Ist mir das völlig egal geworden. Ich möchte nicht mehr lesen, wer für wie viele Millionen Euro/Pfund/Dollar ins Reich der Mitte wechselt oder wessen Freundin mal wieder die Ehefrau eines Teamkollegen auf eine Soja-Latte-Safari eingeladen hat. Es ist alles einfach zu viel und damit überflüssig geworden. Lange habe ich versucht, dem Zwang zu entkommen, diese Inhalte konsumieren zu müssen, wo doch jeglicher Bezug zur Realität, zum eigenen Dasein eh schon lange nicht mehr gegeben ist. Jetzt habe ich es geschafft.

Ich vermisse bestimmte Spieler. Eben jene, die in den vergangenen Jahren ihre Knochen hingehalten haben und uns so die unglaublichsten Erlebnisse und Erinnerungen beschert haben. Diese Erinnerungen habe ich fest gespeichert, mit all ihren romantischen Details. Diese Erinnerungen trage ich für immer mit mir herum, und sie machen mich bei jedem Gedanken an sie verdammt stolz. Da geht es nicht unbedingt um Meisterschaften und Pokale. Es geht um ein Gesamtgefühl, das Borussia über einen so langen und nicht immer immer von Erfolg geprägten Zeitraum in mir auslösen konnte.

Der BVB kann nur in Teilen was für diesen radikalen Schnitt. Sollte ich quantifizieren, in welcher Hälfte der Ball liegt, ob nun beim Fußball generell oder beim BVB, so wäre die Antwort eine ganz deutliche: Beim (Profi-)Fußball im Allgemeinen. Der BVB ist aber Teil dieses Ganzen und hat damit ebenso – wenn auch teilweise automatisch – diese Entwicklungen mitgetragen und mit zu verantworten. Wir Fans mussten uns in eine Spirale begeben, deren Ende wir bei all dieser Begeisterung und Euphorie der Klopp-Ära nicht voraussehen konnten. Vielleicht konnten wir es doch. Aber wir wollten es verdrängen. Und plötzlich befindet man sich in einem Erfolgsmodell, das einen in die Sphären von europäischen Top-Klubs gehievt hat, von denen man sich jahrelang durch ein gewisses Anderssein abgrenzen konnte und wollte. Plötzlich muss man dann den Regeln des Marktes folgen, Entwicklungen mittragen, um sich weiterhin oben zu behaupten. Klar wollte ein Teil von mir das auch – vor allem in und nach den Jahren unter van Marwijk, Röber und Doll. Aber hier kommt dann der Punkt der Entfremdung ins Spiel. Wenn man sich nicht mehr auf ein Pokalfinale freuen kann, weil diese stilisierten Feierlichkeiten in Berlin offenkundig peinlich sind. Und man sich ärgert, weil man sich ärgert. Denn wie bitter ist denn beim Blick auf die Vergangenheit der erneute Frust über eine Niederlage gegen die Bayern. Wer sind die Bayern. Warum müssen wir uns an denen orientieren. Müssen wir ja nicht, machen wir aber trotzdem. Und man selbst erwischt sich auch viel zu oft dabei. Und dann schiebt man Frust des Frustes wegen. Der Erfolg der letzten Jahre hat vieles verdreht und sich selbst in einer Art Paradoxon eingeschlossen. Oben angekommen, will und muss man dann irgendwann auch oben bleiben. Und wir Fans wollen das auch – und doch wieder nicht, zumindest nicht um jeden Preis.

Diese sportlichen Gedanken spielten in meiner Entscheidungsfindung nur eine sehr untergeordnete Rolle. Aber sie waren natürlich da. Auch sie haben mich müde gemacht.
Die letzten Wochen und Monate habe ich mir sehr viel US-Sport angeschaut, vorrangig American Football und Basketball. Ich war auch in Hamburg bei einigen Basketball Zweitliga-Partien zu Gast. Macht Spaß. Der US-Sport ist in vielen Belangen fairer aufgebaut und dadurch anders erlebbar. Geld fließt da ebenso in Massen – auch hier fernab jeglicher Realität. Und trotzdem nehme ich das anders wahr. Aus dieser Art von Entertainment wird kein Hehl gemacht, denn der Sport wird als Entertainment aufgezogen. Man versucht nicht, den Leuten/Fans/Konsumenten etwas anderes aufzuheucheln. Das ist dann halt wirklich gutes Entertainment. Aber eben auch nicht mehr. Fußball/Borussia war immer Herz und Leidenschaft. Ein passendes Surrogat dafür wird es in meinem Fall niemals geben. Aber wenn es (im Moment) Borussia als Teil des Fußballs nicht mehr schafft, mich emotional mitzureißen, dann ist doch eigentlich alles gesagt.
Ich bin Exil-Borusse und habe daher eine Hürde weniger zu nehmen, wenn ich sage, ich bin jetzt erstmal raus. Wer in Dortmund und Umgebung lebt, kann diesen Schritt nicht so leicht gehen – als wäre es in meinem Fall leicht. Ich weiß aber, dass es einigen Freunden in meinem Umfeld ähnlich geht. Das weiß ich aus vielen Gesprächen in den vergangenen Monaten. Einige von uns sind müde. Und übersättigt. Und deswegen auch unzufrieden.
Und schaut man sich die Umstände an, hängt das eben nicht mit neuen Jobs, Familien, Ehemännern/Ehefrauen, privaten Projekten oder dem eigenen, fortschreitenden Alter zusammen. Borussia und der Fußball hatten immer Platz! Wenn es jetzt nicht mehr so ist, dann liegt der Grund tatsächlich in der Veränderung des Fußballs und unseres Ballspielvereins.

Ich hoffe, es wird nur eine Pause und ich finde einen Weg zurück.

Ansonsten: Macht’s gut!

Tim, 27.01.2017


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