schwatzgelb.de
Zu schwatzgelb.com wechseln

Eua Senf - 19.01.2017

Mammut WM - von 32 auf 48 in unter 10 Jahren

  • Für die einen nur weitere Geldmacherei, für andere ein Schritt hin zu einer echten Welt-Meisterschaft.
  • Watzke befürchtet logistische Probleme bei der Ausführung.
  • WM-Gefühl wichtiger als WM-Qualität?

Über nichts wird in Fußballdeutschland momentan so diskutiert wie über die ausgedehnte und „aufgeblähte“ Weltmeisterschaft ab 2026. Die Gemüter sind erhitzt, Untergänge und Langeweile werden auf der einen Seite genauso prophezeit wie Spannung und Hysterie auf der anderen. Doch was stimmt denn nun? Wird es wirklich langweilig oder sitzen wir in neun Jahren doch alle gebannt auf den Bildschirm starrend vor der Glotze?

Doch erst mal die Fakten: Der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino hat seinen im Wahlkampf geschwungenen Worten Taten folgen lassen: Einstimmig und im Eilverfahren hat das FIFA-Council für eine Weltmeisterschaft mit 48 statt 32 Teilnehmern gestimmt. Trotz Kritik von der Spitze des europäischen Vereinsfußballs konnte das Komitee nicht davon abgebracht werden, die Mammut-WM wird kommen. Doch warum wird überhaupt aufgerüstet? Wenn man sich auf die Suche nach Gründen für diese Teilnehmeraufstockung macht, kommt man wie immer an einem Thema nicht vorbei: Dem Geld. Denn eine Erweiterung des Teilnehmerfeldes bedeutet für die FIFA mehr Spiele, also folglich auch mehr Einnahmen. In Zeiten, in denen globale Sportereignisse von immer mehr Fans auf der ganzen Welt geschaut und gefeiert werden, schadet es also aus Sicht der FIFA nicht, diese Geldquelle bis zum letzten Cent auszunutzen. Dass Infantino durch die versprochene Ausdehnung bei der Präsidentenwahl viele Stimmen von Verbänden erhielt, die sich nun natürlich nach einer Teilnahme sehnen, zeigt, dass Entscheidungen, die den Weltfußball beeinflussen, (leider) längst nicht mehr zugunsten des Sports, sondern eher zugunsten des Geldes entschieden werden.

„Ein Angriff auf den Fußball“, „eine katastrophale Entscheidung“ oder „furchtbar“ werden Michael Ballack, Hans-Joachim Watzke und Berti Vogts zitiert und wenn man Kommentare im Netz liest, hat man das Gefühl, viele stimmen dem zu. Doch auf der anderen Seite gibt es Stimmen wie „Fußball ist doch für alle“ oder „die kleinen Länder haben das verdient“ von Marcell Jansen und Pal Dardai. Da fragt man sich doch: Wie kann eine solche Entscheidung, die offensichtlich aufgrund des Geldes getroffen wurde, trotzdem noch sportliche Unterstützung erhalten? Nun, die Sache ist einfach und die Seiten beider Lager sind schnell erklärt.

Zum einen haben wir die Ballacks und Watzkes, welche die Erweiterung für eine Katastrophe halten, da ihrer Ansicht nach viel Qualität verloren geht. „Es ist einfach nicht mehr das Turnier der besten, wenn so viele Nationen teilnehmen“, ist ein oft gelesener Satz in Kommentarfeldern und die Kritik ist berechtigt. Natürlich wird durch die Teilnahme weiterer Länder, welche sich in den letzten Jahren nicht qualifizieren konnten, der Qualitätsschnitt nach unten gehen. Zudem kommen von Watzke angesprochene logistische Probleme: „Welches Land soll noch eine WM ausrichten, bei der 48 Mannschaften untergebracht und 80 Spiele absolviert werden müssen?“

Auf der anderen Seite stehen nun aber auch nicht gerade unbekannte Fußballnamen, die sich für dieses Modell ausgesprochen haben und ich muss ehrlich sagen: Am Ende habe ich für mich entschieden, dass die Mammut-WM tatsächlich gar nicht so blöd sein könnte. Zum einen ist es das von Dardai und Jansen angesprochene „Fußball ist für alle“. Also warum sollte man eine Fußballnation, welche sich nach überstandener Qualifikation für dieses Turnier berechtigt hat, nicht mitspielen lassen? Die Weltmeisterschaft war für mich schon immer ein Turnier, welches ich anders als die Europameisterschaft nicht wegen ihrer Qualitätsdichte so mochte, sondern wegen des Gefühls, dass wirklich die ganze Welt Fußball spielt. Dieses Gefühl der Fußballwelt wird natürlich mit einer solchen Ausweitung unterstützt und das ist meiner Meinung nach auch gut so.

Dass das Hinzufügen von Teams ebenfalls zu einer Umstrukturierung des Turnierbaums führte, ist ein weiterer heiß diskutierter Punkt. Die Herabsetzung der Gruppengröße auf drei Teams pro Gruppe führt zu deutlich mehr K.O.-Spielen. Wenn man nun wieder auf die Spannung zu sprechen kommt, sind doch K.O.-Spiele viel interessanter als Gruppenspiele. Zudem werden vermeintlich schwache Teams mit großer Wahrscheinlichkeit im dritten Lostopf landen. Somit hat man also in jeder Gruppe einen „Favoriten“, einen Gegner aus Topf zwei, welcher noch einen höheren Qualitätslevel haben sollte, und einen „Underdog“ der nichts zu verlieren hat und in jedem Spiel kämpfen wird. Der DFB-Pokal lebt doch auch nur von K.O.-Spielen und die interessantesten sind meistens die „David gegen Goliath“-Duelle. Wieso sollte man also dieses Prinzip nicht auch international versuchen umzusetzen? Wenn man mich fragt, finde ich, dass es an dieser Konstellation nichts auszusetzen gibt.

Alles in allem ist die WM noch weit weg und bis dahin werden wir sehen, wie sich der Fußball weiter entwickelt. Ob und wie sich die Mammut-WM tatsächlich in neun Jahren auf den Fußball auswirken wird, steht noch in den Sternen und bis dahin würde ich sagen: Abwarten und Tee trinken.

Jakob Thurk, 17.1.2017

In der Rubrik „Eua Senf“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Texte, die uns von unseren Lesern zugesandt wurden.

Dir brennt auch ein Thema unter den Nägeln und Du möchtest einen Text auf schwatzgelb.de veröffentlichen? Dann schick ihn an gastautor@schwatzgelb.de.



Du möchtest schwatzgelb.de unterstützen?

Schwatzgelb.de ist kostenlos und werbefrei. Wir finanzieren unsere ehrenamtliche Arbeit über unsere Shops. Schaut doch mal rein!