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Unsa Senf - 28.03.2016

Die Personalie Mario Götze und die nicht vorhandene Emotionalität

Mich berührt die Diskussion um Mario Götze emotional nicht. Ein Umstand, den ich als befremdlich und faszinierend zugleich empfinde. Erinnere ich mich an den April 2013 zurück, dann denke ich daran, wie ich die Wechsel-Meldung zunächst für eine der üblichen Boulevard-Fehlmeldungen hielt, ehe mich Götzes Entscheidung nach München zu wechseln sichtlich traf. Die Gründe dafür sind in der Retrospektive schnell gefunden: Die „Vollgas-Ära“ und das Märchen von den „11 Freunden“ waren unter der Leitung von Jürgen Klopp noch in vollem Gange. Der Wechsel von Götze sollte diese traumhafte Episode des BVB, die für mich zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen authentisch war (Nein, den Marketingclaim fand ich auch zu diesem Zeitpunkt bereits dämlich), beenden.

„Für einen in südliche Gefilde abgewanderten Jungen gekommen, zeigte Mkhitaryan trotz Verletzung während der Saisonvorbereit 2013/2014 ansprechende Leistungen.“

Diesen Halbsatz schrieb ich noch am 22.02.2015 über Götze. Komischerweise erinnere ich mich auch noch heute an den Schreibprozess, wie ich mehrere Minuten grübelnd am Schreibtisch saß und mich fragte, ob dieses Nachtragen eines vergangenen Ereignisses überhaupt noch meiner persönlichen Empfindung entsprechen würde? Damals habe ich diese Frage mit Ja beantwortet. Warum weiß ich nicht mehr genau, vielleicht um so einen spezielleren Dreh in den Text zu bekommen und zu verdeutlichen, dass Mkhitaryan für Götze nach Dortmund wechselte.

Etwas hat sich in all den Jahren grundlegend in der Bewertung von Verein, Fußball und Spielern bei mir geändert. Der Auslöser dafür war der genannte Wechsel im April 2013. Ich habe mich davon losgelöst, Erwartungen auf Spieler zu projizieren, die diese letztlich nicht halten können. Geplatzte Vertragsverhandlungen und Wechsel von Leistungsträgern zu nationalen oder internationalen Konkurrenten, alles potentielle Ärgernisse, die ich nicht beeinflussen kann.

Mir sind die Spieler nicht mehr wichtig. Versteht mich nicht falsch, ich kann die Leistung eines Fußballprofis anerkennen, mir ist bewusst, welch großer Qualitätsverlust ein Abgang von Ilkay Gündogan bedeuten würde, aber ich fühle mich nicht länger angegriffen oder gar persönlich beleidigt von Karriereentscheidungen „gegen“ meinen Verein. Wenn ein Teil der Fans in der aktuellen Götze-Diskussion von Vereinswerten wie Treue, Ehre, Vernunft oder Verrat fabuliert, dann dreht sich mir der Magen um und ich möchte fragen: Lauft ihr mit Scheuklappen durch die Welt?

Der BVB fliegt für ein Wintertrainingslager in die Vereinigten Arabischen Emirate (in diesem Fall sogar mal ohne Turkish-Airlines), die nächste Internationalisierungs-Asienreise für den Sommer ist bereits festgezurrt und es werden sich in naher Zukunft sicherlich noch weitere Veranstaltungen finden lassen, um den (höchstemotionalen!) Marketingclaim für die internationalen Konsumenten zu platzieren. Wo sind diese angeblichen Vereinswerte denn noch geblieben, mit denen die Diskussion aktuell befeuert wird?

Der eine Profi bevorzugt die Nestwärme und verdient etwas weniger Geld, während ein anderer ein raueres Arbeitsklima in Kauf nimmt, um sich dafür am Ende des Jahres 30% mehr Gehalt in die Tasche zu stecken. Fußballprofis sind Arbeitnehmer (ganz neue Erkenntnis!), die sich im Gegensatz zu einem Teil der Fußballfans bei der Entscheidungsfindung nicht primär von Emotionen leiten lassen. Wieso sollte diese emotionale Verklärung also weiterhin Bestand haben?

Und um das nochmal zu verdeutlichen: Ich möchte weder einen Wechsel von Götze befürworten, noch diesen ablehnen. Mich würde dieser Wechsel schlicht nicht mehr verwundern. Dafür haben Götze und das Fußballgeschäft längst gesorgt

DerJungeMitDemBall, 28.03.2016


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