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Eua Senf - 07.12.2016

Alle Jahre wieder – Gastkommentar zur Fanclub-Weihnachtsfeier

Es gibt Momente, in denen ich – jemand, der eigentlich unsere Borussia stets und stetig verliebt durch die schwarzgelbe Brille betrachtet – denke, eine kleine Entziehungskur würde mir mal ganz gut tun. Zuletzt gab es am vergangenen Montagabend einen solchen Moment.

Ich hatte das, wie ich es empfinde, große Privileg, zum dritten Mal hintereinander an der Fanclubweihnachtsfeier des BVB teilnehmen zu können. Privileg in meinen Augen einfach deswegen, weil bei dieser Veranstaltung gleich mehrere meiner liebsten Dinge aufeinandertreffen: weihnachtliches Flair zusammen mit der Familie an einem der schönsten Orte der Welt. Ich habe in den letzten drei Jahren festgestellt, dass es mir nicht allein so ergeht. Für die meisten aus der teilweise sehr weit gereisten Fangemeinde ist dies ein ganz besonderer Abend und das nicht nur aufgrund des Freibiers...

Der BVB und insbesondere die Mannschaft möchten sich zum Jahresende mit dieser Feier – vorausgesetzt, ich habe es richtig verstanden – bei uns, ihren Fans bedanken. Für die so oft lautstarke Unterstützung. Für tausende gefahrene Kilometer. Für das Ausgeben des letzten Euros im Fanshop und für jeden Streit mit den Eltern, weil am Wochenende der Stadionbesuch mal wieder wichtiger war als die Einladung zum Essen. Was ich persönlich als Gegenleistung dafür erwarte, ist eigentlich kein großes Dankeschön. Das ist überhaupt nicht nötig. Ich mache all das von Herzen gern für meinen Verein. Wenn ich nach einem Spiel, unabhängig vom Ergebnis, das Gefühl habe, die Mannschaft hat alles ihr erdenklich mögliche gegeben, ist mir das Dank genug. Möchten Verantwortliche und Spieler uns Fans nun aber außerdem an einem Abend volle Aufmerksamkeit schenken und uns in den Mittelpunkt stellen, ist das natürlich eine schöne Geste.

Im Dezember der Saison 2014/15, dem berühmten Seuchenjahr, der letzten Saison unter Jürgen Klopp, glich der Abend exakt dem, was seine Intention war. Mannschaft und Trainerstab nahmen sich stundenlang Zeit für persönliche Worte, Fotos, Autogramme und lächelten auch nach dem tausendsten Schulterklopfer mit einem gut gemeinten „das wird schon wieder“ noch freundlich. Es wurde das Gefühl vermittelt, kein Angestellter unseres Ballspielvereins würde das Westfalenstadion verlassen, bevor nicht der letzte Anhänger glücklich gemacht wurde.

Von dieser vorweihnachtlichen Romantik war im Winter der darauffolgenden Saison 2015/16 schon nicht mehr ganz so viel zu spüren. Glich der Autogrammbarbereich im vergangenen Jahr einem Gourmetdinner, so reichte es 2015 nur noch für ein Schnellrestaurant. Aufgereiht wie an einer Perlenschnur saßen die Hauptdarsteller teilweise unmotiviert mit steinerner Miene auf ihren Plätzen und die Fanschar wurde Zoobesucherähnlich kurz an ihnen vorbeigetrieben. Gemeinsame Fotos waren nicht gestattet, für persönliche Worte keine Zeit, die Bitte nach Widmungen auf dem zu unterzeichnenden Objekt wurde von einigen Spielern mit „darf ich nicht“ abgelehnt. Das berühmte Bierzapfen für die treuen Anhänger unserer Borussia im Gastronomiebereich fiel bis auf einige Ausnahmen deutlich kürzer aus als im Vorjahr. Immerhin gab es einige Akteure, die sich im Anschluss Zeit nahmen und sich noch etwas unter das schwarzgelbe Volk mischten.

Und in diesem Jahr? Nach dem Motto schlimmer geht immer gewann man nicht nur den Eindruck, dass es sich für einen Teil unserer Trikotträger um eine Pflichtveranstaltung handelte, nein, es schien, als hielten einige dieser es nicht mal für nötig, ihre Pflicht auch mit der erforderlichen Professionalität zu erfüllen. Die mit aufgeregt klopfendem Herzen vor ihren Helden stehenden Fanclubvertreter wurden teilweise keines Blickes gewürdigt. Es wurde sich ungestört mit seinem Spielerkollegen rechts oder links unterhalten, die zügig bekritzelte Devotionalie ebenso zügig lieblos weitergeschoben. Das Smartphone, als offenbar wichtigstes Accessoire heutzutage, wurde von seinem jeweiligen Eigentümer hemmungslos für alle zur Verfügung stehenden Funktionen genutzt, was ich persönlich besonders demütigend und respektlos fand.

Jungs, was ist los mit Euch? Sind wir Fans für Euch ein nerviges notwendiges Übel? Etwas, das Euch ein paar Stunden kostbarer Lebenszeit stiehlt? Seid Ihr so wichtig, dass Ihr nicht für ein paar Stunden Eure Handys ausgeschaltet in der Hosentasche lassen könnt? Oder sind wir Eure Aufmerksamkeit nur wert, wenn unser Tabellenrang jenseits der Champions-League-Plätze liegt?

Ich hatte die Geschichte mit der echten Liebe mal ähnlich wie die mit einer Ehe verstanden. In guten wie in schlechten Zeiten. Aber ähnlich wie in mancher Ehe scheint diese Liebe zumindest zeitweise sehr einseitig zu sein.

Ich wünsche frohe und einigen unserer Ballkünstler im wahrsten Sinne des Wortes besinnliche Weihnachten!

Gastautorin Janine, 07.12.2016


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