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Helden in schwatzgelb - 03.12.2016

Von Legenden des BVB und dem größten Sohn der Stadt Aarhus

Wer aus Dortmund kommt, wird irgendwann in seinem Leben die Erfahrung machen, dass man weit weg von Zuhause mit einer anderen Person ins Gespräch kommt, über Gott und die Welt redet und irgendwann danach gefragt wird, wo man eigentlich herkommt. Und sobald dann das magische Wort fällt, leuchten die Augen des Gegenübers und es folgt ein wohliges "Ooooh! Borussia Dortmund!"

Bei mir war dieses Erwecklungserlebnis vor vielen Jahren in Dänemark. Nach gefühlt einem ganzen Tag im Zug kam ich müde und kaputt in Aarhus an und wollte eigentlich nur noch ins Bett. Der Taxifahrer war allerdings etwas redselig und ließ nach dem Hinweis auf Deutschland nicht locker, was meine Herkunft anging. Kaum war das Zauberwort ausgesprochen, war die Begeisterung im Auto förmlich spürbar und es folgte eine Lobrede auf den Mann, der wohl als Aarhus' größter Sohn anzusehen sei (so der ungefähr vermittelte Eindruck) und ja auch (bzw. vor allem) für Borussia Dortmund gespielt habe: Flemming Povlsen.

Danach leuchteten meine Augen. Und wir haben natürlich ohne Pause bis zum Hotel gequatscht.

Denkt man an Legenden des BVB, dann gibt es gefühlt zwei Typen von Spielern: Die einen sind die echten Dortmunder Jungs, entweder direkt aus der Stadt oder aus der Umgebung, die viele Jahre oder vielleicht sogar die gesamte Karriere für Borussia Dortmund gespielt haben und während dieser Zeit nicht nur Meisterschalen und Pokale in die Stadt brachten, sondern nebenbei den Traum gelebt haben, den viele Fans als kleine Stöpsel selbst einmal gehegt haben: Irgendwann für den BVB auf dem Platz zu stehen. Diese Leute sind unendlich wichtig für unseren Verein, weil sie eine Verbindung zwischen der Stadt, den Fans und den Sportlern schaffen, und wir können uns glücklich schätzen, dass (wie man bei der noch frischen Trauer um Aki Schmidt erkennen konnte) große Spieler von der Kragenweite Michael Zorc, Norbert Dickel und Lars Ricken für Borussia Dortmund arbeiten. Und dass wir bereits jetzt wissen, dass nach ihnen eine weitere Generation von Spielern kommen wird, die auch irgendwann einmal "von früher erzählen" können wird.

Der andere Typ sind die Spieler, die eher zufällig beim BVB gelandet sind, vielleicht auch aus dem Ausland kommend, und die während ihrer Zeit in Dortmund einen kleinen oder großen Teil ihres Herzens an unsere Borussia verloren haben. Dabei müssen sie gar nicht lange in Dortmund gespielt oder große Titel geholt haben, es reicht völlig, dass sie irgendwann einmal diese Magie gespürt haben und auch heute noch von ihr erzählen. Und so etwas von unserem wunderbaren Verein zurück in die Welt tragen. Auch sie werden zeit ihres Lebens in Dortmund verehrt, und wem zaubern Namen wie Murdo MacLeod, Leonardo Dede oder Jakub Blaszczykowski kein Lächeln ins Gesicht? Oder eben: Flemming Povlsen!

Flemming mit der Meisterschale

Gerade Flemming Povlsen, der heute seinen 50. Geburtstag feiert, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie wenig wichtig herausragende Leistungen sind, um eine Legende des BVB zu werden. Viel bedeutender ist die Begeisterung, mit der man seine Aufgabe in Dortmund angeht, und dass man jederzeit das Gefühl vermittelt, mit vollem Herzen auf und neben dem Platz dabei zu sein. So erlangt man selbst dann Heldenstatus, wenn einem als Stürmer während der Karriere eher der Ruf eines Chacentods denn eines Knipsers vorauseilt, wovon die (nur) 20 Tore in 116 Bundesligaspielen für den BVB ein eindrucksvolles Zeugnis abgeben. Und trotzdem bleibt man nach dem Ende der Laufbahn den Leuten in Dortmund in mehr als wohlwollender Erinnerung.

Ein bisschen hängt das bei ihm auch mit der Art des Karriereendes zusammen. Wer zu jung ist, um Flemming Povlsen auf dem Platz gesehen zu haben, und ihn daher nur von Statistikseiten kennt, dem fällt als größter Erfolg (neben dem ebenso absurden wie romantischen Europameistertitel 1992) der Gewinn der Meisterschaft 1994/95 ins Auge. Tatsächlich war Flemming Povlsen aber eigentlich nur zwischen 1990 und 1993 für den BVB aktiv, ehe zwei Kreuzbandrisse und ein Knorpelschaden seine Karriere bereits mit 29 Jahren beendeten und er gerade in der Meistersaison nur noch zu einigen Kurzeinsätzen kam. Unendlich bitter, dass man seine Laufbahn gerade dann beenden muss, wenn der eigene Verein sich anschickt, durch die Decke zu gehen. Und doch: Trotz seinem persönlichen Schicksal sprach aus seinen Augen die pure Begeisterung, als Flemming Povlsen auf dem Friedensplatz die Meisterschaft 1995 gefeiert hat. Da war die Transformation zu spüren: Irgendwie nur noch halb Spieler zu sein und schon halb Fan. Wie man seitdem aus vielen Interviews weiß: Das ist er, mittlerweile zurück in Aarhus, bis heute geblieben.

Tillykke med fødselsdagen, Flemming!

Scherben, 03.12.2016


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