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Unsa Senf - 02.12.2016

Der BVB und das Tuchel-Dilemma

Die letzte Woche hat gezeigt: Thomas Tuchel könnte als Trainer von Borussia Dortmund bald ein unlösbares Problem bekommen, denn er genießt wenig Kredit. Im emotional aufgeladenen Umfeld des BVB birgt das bedrohliche Sprengkraft. Bleibt der sportliche Erfolg aus, wird es brenzlig. Wir haben uns auf die Suche nach den Ursachen begeben.

Die Euphorie nach dem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern war schnell dahin. Statt weiter Kurs auf die Tabellenspitze zu halten, enttäuschte die Mannschaft am vergangenen Samstag mit 1:2 bei Eintracht Frankfurt. Deprimierter BVB. Doch die abermals leichten Gegentore, die erneute Ideenlosigkeit gegen einen früh anlaufenden Gegner, aber auch der himmelweite Unterschied im Auftreten zwischen dem Spiel gegen den FCB und dem Kick gegen Frankfurt waren kurzzeitig vergessen, als unser Trainer die Bühne betrat. Und sehr deutliche Worte für diesen Auftritt seiner Mannschaft fand. Zu deutliche? Er sprach über Defizite im Spiel, aber auch im Trainingsbetrieb. Er nahm keinen Spieler aus. Es war eine Pauschalschelte, die wohl auch in der Chefetage am Rheinlanddamm für ein Aufhorchen gesorgt haben dürfte. Zumal man sich eine Niederlage gegen einen zuvor punktgleichen Gegner eingefangen hatte.

Erstaunliches Medienecho

Drehen wir die Uhr zurück auf Samstagnachmittag, 17.45 Uhr, Pressekonferenz: „Technisch, taktisch, mental, Bereitschaft, komplett – ein einziges Defizit", holte Thomas Tuchel zum Rundumschlag aus. Mit so vielen Missständen sei in der Bundesliga kein einziges Auswärtsspiel zu gewinnen. Das Gegentor zum 0:1 wenige Sekunden nach der Halbzeitpause kommentierte er beinahe zynisch: "So wie wir aus der Pause kamen, hätte es mich gewundert, wenn wir keins gekriegt hätten." Schließlich habe sich die mangelhafte Einstellung der Mannschaft nicht bloß am Samstag, "von der ersten bis zur letzten Minute", niedergeschlagen, sondern schon in der Trainingswoche nach dem kurios-fehlerhaften 8:4 über Legia Warschau. So viel zum Gesagten. Was bleibt, ist das Unausgesprochene. Was verleitet einen Trainer zu einer solchen Generalkritik, obwohl sportlich gesehen das Kind zwar am Brunnenrand balanciert, jedoch noch nicht hineingefallen ist?

Das Echo war geteilt. Die Frage, ob Thomas Tuchels Schelte und seine markanten Umstellungen angemessen waren, wurde in den vergangenen Tagen hin und her gewälzt. Wir möchten sie an dieser Stelle ausklammern. Unser Trainer hat ein gravierenderes Problem: Er besitzt bei einem Großteil der BVB-Fans und im emotionalen Umfeld des Vereins keinen nennenswerten Kredit und hat ihn auch nie besessen. Betrachtet man die emotionale Gemengelage rund um den Ballspielverein, den Spagat zwischen Chicago, Shanghai und Borsigplatz sowie die Entfremdung der Mannschaft durch den Wegfall fast aller Identifikationsfiguren, dann kommt man zu dem Schluss: Das kann nicht lange gut gehen.

Doch woran liegt das und warum spielt Thomas Tuchel eine zentrale Rolle bei der Frage, wie es um die Ruhe im BVB-Umfeld bestellt sein wird? Wir haben ein paar der möglichen Gründe gesammelt.

Trotz vieler offener Fragen: Abschottung um jeden Preis

Über den Nicht-Fußballer Thomas Tuchel ist kaum etwas bekannt. (Online-)Zeitungen gibt er nur ganz selten Interviews; und wenn, dann bloß ausgewählten Blättern, wie zum Beispiel der Zeit. Der zurückhaltende Fußballlehrer habe Sorge, dass seine Aussagen in verschriftlichten Gesprächen stark verkürzt wiedergegeben werden könnten, heißt es. Dass komplette Funkstille in diesem Fall jedoch Interpretationen seines Handelns Tür und Tor öffnet, nimmt er damit in Kauf.

Doch nicht nur nach außen findet kaum Kommunikation statt. Kontakt zu BVB-Fans sucht Thomas Tuchel nicht und auch der Verein macht keinerlei Anstalten, seinen Cheftrainer mit Anhängern an einen Tisch zu bringen – von absoluten Pflichtveranstaltungen einmal abgesehen. Dabei gäbe es so viele Fragen, die unter den Nägeln brennen: Warum die zahlreichen personellen Umstellungen, obwohl die Verletzungsmisere mittlerweile überwunden ist? Wie erklärt Thomas Tuchel den unrühmlichen Abgang Henrikh Mkhitaryans, den er wenige Monate vorher noch als “echtes Vorbild“ lobte, der “alles verkörpert, was unseren Verein ausmacht”? Weshalb bekommt Urgestein Nuri Sahin nur in absoluten Ausnahmefällen eine Chance, obwohl auch Sebastian Rode, Julian Weigl und Gonzalo Castro derzeit nicht vollends zu überzeugen wissen? Wieso ließ er in der Rückrunde 2016 im Derby, für einige Fans das wichtigste Spiel der Saison, lediglich eine B-Elf auflaufen? Und gab bzw. gibt es für Jakub Blaszczykowski und Neven Subotic wirklich keinerlei Perspektive?

Andererseits böte sich auch die Gelegenheit, Thomas Tuchel etwas über Borussia Dortmund, seine Fans und deren Werte zu erzählen. Welche Art des Fußballs spricht uns an? Warum ist es uns manchmal wichtiger, gegen Eintrittspreise zu protestieren, statt die Mannschaft anzufeuern? Man könnte ihm erklären, dass uns diese Entscheidungen nie leicht fallen und keine Bestrafung des Teams sind. Oder dass es seit jeher zur Identität des BVB gehört, dass Spieler und Fans eine Einheit bilden: Wir gehen nicht bloß ins Stadion, um schönen Fußball zu sehen, sondern weil wir überzeugt sind, Einfluss auf das Spiel nehmen zu können. An guten Tagen kann das Westfalenstadion so Spiele gewinnen. Doch der Funke wird nicht überspringen, wenn wir Anhänger das Gefühl haben, nicht Teil des Geschehens auf dem Rasen zu sein.

Der „Pep-Stil“ wird in Dortmund nicht funktionieren

Diese Abschottung erinnert stark an Pep Guardiola, der während seiner Amtszeit in München ebenfalls darauf verzichtete, abseits von Pressekonferenzen mit den Medien und/oder Fans zu kommunizieren. Dies führte in München nie zum großen Bruch, da die Maxime des Vereins der sportliche Erfolg ist, dem sich Emotionen und Identifikationsfaktoren eben unterordnen müssen. Borussia Dortmund und sein Umfeld sind anders gepolt, hier können Spieler und Team schon mit Leidenschaft und Hingabe die Fans gewinnen – solange diese Hingabe auch Verein und Fans gilt. Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit, derer sich der Verein wohl erst bewusst werden wird, wenn die eine Seite nicht mehr gewillt ist, dieses ungleiche Spiel mitzuspielen.

Ob Thomas Tuchel, stellvertretend für den Großteil der jungen Neuzugänge, diese Werte verkörpert und vermittelt, lässt sich bei seinen sparsamen Auftritten nicht ergründen. Und so verfestigt sich bei den schwatzgelben Fans nicht nur unfreiwillig der Eindruck, Tuchel würde wenig auf ihre Befindlichkeiten oder den Verein geben; es entsteht simultan auch das Gefühl, er sähe – ebenfalls parallel zu seinem erklärten Vorbild Pep Guardiola – den BVB nur als äußerst befristetes Projekt und Sprungbrett zu höheren Aufgaben.

Thomas Tuchel soll sich nicht verbiegen, aber öffnen muss er sich

An Möglichkeiten, sich hierüber abseits der Medien auszutauschen, mangelt es nicht. Der neue Fanrat zum Beispiel vertritt seit seiner Wahl durch die Fandelegiertentagung eine breite Anhängerschaft. Durch seine Ansiedlung bei der KGaA und die enge Zusammenarbeit mit den Fanbeauftragten wäre zudem eine vertrauliche Atmosphäre gewährleistet. Und auch die Angst vor möglichen Missinterpretationen, die seinem Schrift-Interview-Boykott zugrunde liegt, wäre im direkten Gespräch unbegründet.

Offen ist, ob Thomas Tuchel sich diese Abschottung selbst auferlegt hat oder ob der BVB nach sieben intensiven Jahren mit Jürgen Klopp fürchtet, an seinen Nachfolger könnten unfaire Erwartungen gestellt werden – und ihn dieser Situation deshalb erst gar nicht aussetzen möchte. Wir wissen es nicht. Die Sorge ist vielleicht nicht einmal unberechtigt, doch Trainer und Verein sei gesagt:

Thomas Tuchel kann immer noch zu der Erkenntnis kommen, dass er mit der Mentalität des BVB und seiner Fans nicht viel anfangen kann. Das wäre zwar schade, aber akzeptabel und vielleicht könnte man sich sogar arrangieren. Niemand möchte einen Trainer, der sich verbiegt, um es möglichst vielen Menschen recht zu machen. Doch jemand, der nicht einmal einen Versuch unternimmt, die BVB-Fans und das emotional aufgeladene Umfeld unseres Vereins zu verstehen und mit in sein Boot – unser Boot – zu nehmen, genießt auf Dauer keinen Rückhalt. Spätestens wenn der sportliche Erfolg in der Bundesliga ausbleibt, wird es ungemütlich. Erste Vorboten sind bereits zu erkennen. Eine Person, die sich abschottet, ist im Zweifel schnell als Schuldiger ausgemacht und gilt als austauschbar.

Die Lücke des Jürgen Klopp

Thomas Tuchel hat es nicht leicht. Aller guten Vorsätze zum Trotz lassen sich Vergleiche zum Menschenfänger Jürgen Klopp nicht unterdrücken. Dafür hat der zweifache Deutsche Meister und DFB-Pokalsieger das Image des BVB über sieben Jahre einfach zu sehr geprägt. Ohne ihn zu überhöhen, kann man sagen, dass die Bindung zwischen Mannschaft und Fans nie so intensiv erlebt worden ist wie unter Klopp, insbesondere in den Jahren 2008 bis 2013.

Man kann von Thomas Tuchel nicht verlangen, diese Lücke alleine zu schließen. Klopps Omnipräsenz aufzufangen, dazu bedarf es mehrerer Schultern. Und genau hier liegt das Problem: Ausgerechnet in den ersten anderthalb Jahren des Post-Klopp-Zeitalters verlor der Verein reihenweise Identifikationsfiguren. Kevin Großkreutz wurde ein Wechsel ans Herz gelegt, Kuba erst verliehen und dann verkauft. Sahin und Subotic spielen sportlich keine Rolle mehr, Roman Weidenfeller ist nur noch Nummer zwei und Sven Bender steht dank Verletzungen kaum noch auf dem Platz. Mats Hummels, in den ersten Klopp-Jahren Publikumsliebling, hätte eine solche Identifikationsfigur werden, ja sein Verbleib gar als Sieg der “guten Seite der Macht” vermarktet werden können. Doch er entschied sich anders. Genauso wie Dortmunds jugendlicher Weltstar, der durch seinen Ausflug nach München viele Sympathien verspielt hat. Sein bester Freund Marco Reus leidet schon seit Jahren unter verhältnismäßig geringer Wertschätzung, da er seine Heimat nicht so offen liebt wie Kevin Großkreutz. Und der einschneidende personelle Umbruch im vergangenen Sommer macht es für Fans umso schwerer, eine Beziehung zur neuen Mannschaft aufzubauen.

Die BVB-Verantwortlichen haben sich verzettelt

Der Verein hat keinerlei Maßnahmen ergriffen, den Abgang von Jürgen Klopp emotional aufzufangen. Mit der Zeit werde die Erinnerung schon verblassen. Doch so einfach ist es nicht. Der Vergleich zu einer Liebesbeziehung mag auf den ersten Blick kitschig erscheinen, ganz falsch ist er allerdings nicht. Der Slogan „Echte Liebe.“ kommt schließlich nicht von ungefähr. Ohne Jürgen Klopp hätte er sich niemals durchgesetzt. Der Trainer hat ihn mit Leben gefüllt. Sechseinhalb Jahre lang hat der BVB sich dankbar und mit Haut und Haaren auf Klopp eingelassen, hat ihn zum Gesicht eines Vereins, eines Gefühls gemacht. Der Erfolg gab ihm Recht. Wie kann man danach einfach wieder zum Alltag übergehen?

Schon mit Bekanntwerden der Trennung von Jürgen Klopp hätte eine Auseinandersetzung mit der Frage stattfinden müssen: Wie kann man jemanden ersetzen, der es nach der Verkündung des Wechsels von Mario Götze zum FC Bayern – ein Stich ins Herz für viele Fußballromantiker – geschafft hat, einen ganzen Verein mit nur einer trotzigen Pressekonferenz (und der nötigen Portion Galgenhumor) wieder aufzurichten und die Mannschaft zu einem 4:1-Sieg über Real Madrid zu führen? Und ja, wir, Fans und Verein, hätten auch darüber sprechen müssen, ob Jürgen Klopp an manchen Stellen nicht überhöht worden ist. All das ist nicht passiert. Stattdessen ist ein Vakuum entstanden, in dem Thomas Tuchels distanzierte, asketische Art erst recht heraussticht, ohne dass der Neutrainer viel dafür kann.

Tuchel fordert von seinen Spielern hohe Werte ein – doch handelt er auch selbst danach?

Fleiß, Höflichkeit, Offenheit, Haltung, Anstand – diese Schlagworte fallen immer wieder in Pressekonferenzen von Thomas Tuchel. Es sind für ihn die Eigenschaften einer funktionierenden Mannschaft. Er fordert sie von seinen Spielern ein.

Und wer das tut, wird umso genauer beäugt, wenn es darum geht, diese Werte auch selbst vorzuleben. Der zweifache Familienvater hat da keinen einfachen Stand. Christian Heidel, einst Manager von Tuchels Ex-Klub Mainz 05, verlor nach dessen überraschendem Rücktritt kaum böse Worte über den erfolgreichsten 05-Trainer aller Zeiten, warf ihm jedoch vor, hinter dem Rücken des Vereins und trotz weiterhin laufenden Vertrags mit Bayer Leverkusen und Gelsenkirchen verhandelt zu haben.

Als Nachtreten wurden Tuchels kühle Äußerungen nach dem Pokalfinale über Mats Hummels bewertet, der sich wegen eines Krampfes auswechseln ließ. Beide hatten ohnehin ein schwieriges Verhältnis. Und auch das Bekanntwerden des Disputs mit Chefscout Sven Mislintat hinterließ kleine Schrammen. Schließlich sind da noch die (Ex-)Spieler: Jakub Blaszczykowski warf seinem ehemaligen Trainer vor, nach seiner Rückkehr aus Florenz nicht mehr mit ihm gesprochen zu haben. Schon Ivan Klasnic kritisierte Tuchel in einem 11-Freunde-Interview 2013, dieser würde kaum mit Ersatzspielern kommunizieren. Über Nuri Sahin, der unter Tuchel kaum noch eingesetzt wird, hört man ähnliche Gerüchte. Das Dortmunder Urgestein selbst bezeichnete seinen Coach in einem Gastbeitrag für das neue Sportmagazin Socrates vor wenigen Wochen zwar als "taktisch vielleicht besten Trainer, den ich je hatte", ließ aber auch Raum für Interpretationen, als er schrieb: "Natürlich ist Taktik wichtig, natürlich ist Training wichtig, aber in diesem Geschäft ist die Menschlichkeit etwas abhanden gekommen und deswegen finde ich Typen wie Mourinho oder Klopp wichtig. Sie haben den Anker zum Menschen nie verloren."

Ein kühler Trainer auf Durchreise?

Es ist nun natürlich ein Leichtes, Kritiker unter den von Tuchel Aussortierten zu finden. Aber dem Eindruck, er würde keine zweite Chance gewähren, kann nur einer entgegenwirken: Er selbst. Thomas Tuchel jedoch nutzt keine der Gelegenheiten, den Fans seine Entscheidungen zu erklären. Bleibt das so, wird ihm das Bild des kühlen Trainers bald zum Verhängnis. Des kühlen Trainers, der seinem perfektionistisch-bürokratischen Fußball zahlreiche Publikumslieblinge opferte und der den Eindruck vermittelt, Borussia Dortmund sei für ihn lediglich ein Teilprojekt auf seiner Reise. Es liegt an Borussia Dortmund und Thomas Tuchel, ein anderes Bild zu zeichnen.

02.12.2016, Malte S. und Neusser Jens


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