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Unsa Senf - 28.11.2016

Rotation - Reden wir doch mal drüber

Wir haben gegen Bayern gewonnen und in Frankfurt verloren. Zwei Bundesligaspiele hintereinander, die insgesamt sehr gut den BVB in der Saison 2016/2017 beschreiben. Die Mannschaft ist zu richtig guten Leistungen fähig, legt aber andererseits auch immer wieder offensiv ein deutliches Phlegma und defensiv große Abstimmungsprobleme an den Tag. Dabei sind natürlich die tiefgehenden Umstellungen im Kader in der Sommerpause zu berücksichtigen. Trotzdem muss man auch konstatieren, dass man mit dem momentanen Punkteschnitt auf die Saison hochgerechnet Probleme bekommen kann. Wir halten Kurs auf 60 Punkte, was in den letzten drei Spielzeiten nur ein einziges Mal für den Einzug in die Königsklasse gereicht hätte. Es ist also nicht ganz unverständlich, dass die Fans besorgt sind und sich auf die Suche nach Gründen machen.

Wir wollen uns an dieser Stelle einem Aspekt widmen, der in diesem Zusammenhang häufig genannt wird: Thomas Tuchels Hang zur Rotation. War sie im Oktober auch einer großen Verletzungsmisere geschuldet, ist der Trainer auch nach Rückkehr der meisten lädierten Kicker dieser Linie treu geblieben und nimmt weiterhin häufige Änderungen in der Startelf vor. Der Eindruck steht im Raum, dass wir so exzessiv rotieren wie kein anderer Verein der Liga und uns dadurch Sicherheit und Stabilität fehlen. Schauen wir uns aber doch einfach mal die Zahlen an und vergleichen sie mit denen anderer Teams.

Borussia Dortmund hat in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League bislang 25 Spieler eingesetzt. In den betreffenden 19 Spielen gab es insgesamt 79 Veränderungen in der Startelf. Oder anders ausgedrückt: Im Schnitt stehen 4,15 Spieler, also mehr als ein Drittel der Mannschaft, auf dem Platz, die beim Spiel zuvor ihren Platz zu Beginn nur auf der Bank hatten oder gar nicht im Kader waren. Dabei kann man eine ziemlich scharfe Trennlinie nach dem neunten Spieltag ziehen. Bis zu diesem Spieltag gab es maximal vier Wechsel in der Startelf, danach immer mindestens vier Änderungen. Das Spiel gegen Legia Warschau markiert dabei mit sage und schreibe neun personellen Varianten den Höhepunkt. Und was sagen uns diese Zahlen? Richtig, für sich genommen erst einmal nichts. Bewerten kann man sie erst, wenn man sie in Relation zu anderen Teams setzt. Um den Kräfteverschleiß als Rotationsgrund fair einfließen zu lassen, vergleichen wir unsere Borussia nur mit den fünf deutschen Vertretern in Champions League und Europa League.

Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: Ja, der BVB rotiert sehr viel. Aber eben auch nicht so signifikant mehr, um eine wirkliche Anomalie der Liga darzustellen. Gladbach hat mit nur 21 Spielern zwar deutlich weniger eingesetzt, aber Bayern und Leverkusen mit 23 und GE sowie Mainz mit jeweils 24 Kickern nur unwesentlich weniger. In unserem Kader haben bislang NULLNEUN Spieler mindestens 1.000 Einsatzminuten vorzuweisen. Und damit liegen wir gleichauf mit Bayern und Mainz. Für die Blauen standen gar nur sieben Spieler mindestens so lange auf dem Feld. Würden wir deutlich mehr Wechsel vornehmen als die anderen Teams, müssten auch weniger Spieler auf solche Einsatzzeiten kommen. Ein letzter Beweis dafür ist der Vergleich der durchschnittlichen Wechsel in der Startaufstellung von Spiel zu Spiel. Hier liegen unsere Nachbarn aus Gelsenkirchen mit 3,57 Änderungen zwar deutlich unter der bereits erwähnten Zahl von 4,15 bei uns – aber die Bayern mit einem Wert von 4,42 eben noch über uns.

Thomas Tuchel liegt mit seiner Rotation also mehr oder weniger voll im Trend. Zwar kann man erkennen, dass er, nachdem er dieses Mittel zu Saisonbeginn noch recht sparsam eingesetzt hat, im Laufe der Spielzeit immer stärker auf Anpassungen zum Anpfiff setzt, aber seine Trainerkollegen, die ebenfalls mit einer Dreifachbelastung zu kämpfen haben, machen es nicht anders. Auffällig ist aber auch, dass von allen fünf Teams nur Mainz einen für die eigenen Verhältnisse wirklich befriedigenden Saisonstart hingelegt hat. Stimmt also vielleicht die Aussage, dass viele Wechsel unterm Strich Punkte kosten?

Auch das geben die Zahlen in dieser Endgültigkeit nicht her. Wendet man die 3-Punkte-Regel auch auf den DFB-Pokal an, dann hat der BVB inklusive des neunten Saisonspiels (die eingangs gezogene Grenze) in Leverkusen 2,1 Punkte pro Spiel geholt. Danach zwar nur noch 1,9 Punkte, allerdings ist hier das Pokalspiel gegen Union Berlin als Unentschieden in die Wertung eingeflossen. Es ist bloße Geschmackssache, ob man einen Sieg im Elfmeterschießen jetzt als Unentschieden in der regulären Spielzeit oder eben als echten Sieg betrachtet. Setzt man hier drei Punkte an, verändert das den Durchschnitt schon auf 2,1 – und somit auf exakt die gleiche Durchschnittsausbeute wie zuvor. Wir haben also in der Zeit mit wenigstens vier Startelfveränderungen genauso viele Punkte geholt wie zu Beginn, als dieses Mittel noch deutlich sparsamer eingesetzt wurde.

Wie so oft steckt der Teufel im Detail und hier wird ein deutlicher Einfluss der Wechsel in der Anfangsformation auf den Spielverlauf deutlich: Wenn wir wieder die Grenze beim neunten Spiel ansetzen, dann haben wir bis dahin im Schnitt drei Tore pro Spiel geschossen und 0,89 Gegentore kassiert. Danach verschlechtern sich die Werte deutlich auf 2,3 eigene Tore, aber 1,4 Treffer für den Gegner. Mit anderen Worten: Durch die vielen Änderungen fällt es uns deutlich schwerer, sowohl eigene Tore zu erzielen als auch unser Tor zu verteidigen. Dabei sind die Anforderungen an die Mannschaft in beiden Fällen sehr ähnlich gewesen. Fällt in die ersten neun Spiele zum Beispiel das CL-Spiel gegen Real Madrid, haben wir in der zweiten Hälfte dafür gegen Bayern gespielt. Und Spielen gegen Darmstadt und Freiburg stehen auf der anderen Seite der Wertung die Partien gegen Ingolstadt und Hamburg gegenüber.

Die Rotation mag nicht außergewöhnlich hoch sein und sie mag uns bislang noch keine Punkte gekostet haben, aber sie macht es uns signifikant schwerer, diese Punkte einzufahren und verhindert momentan eine Verbesserung. Dabei sollte genau das nach einem gespielten Drittel der Saison so langsam der Fall sein und positive Effekte durch eine höhere Abstimmung und Spielverständnis sichtbar werden. Fairerweise muss man natürlich auch berücksichtigen, dass ein Teil der Wechsel verletzungsbedingt waren und sich in den übrigen Spielen die viel zitierte „Belastungssteuerung" vermutlich positiv im Spielverlauf auswirkt. Diese Auswirkungen können Sportwissenschaftler mit Sicherheit besser belegen als das Zahlenmaterial.

Es sollte trotzdem mehr als eine Überlegung wert sein, ob es die Mannschaft nicht weiter bringt, wenn sie ein paar Spiele am Stück mit möglichst wenigen Änderungen in Personal und Taktik herunterspulen darf. Momentan ist häufig der Eindruck, dass sie im Spiel fast mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit dem Gegner. Die Zahlen bestätigen am Ende diesen Eindruck eben doch.

Sascha, 28.11.2016


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