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Spielbericht Profis - 20.11.2016

Mit einem Punch für die Statik der Liga

Abschiedschoreo von THE UNITY auf der Südtribüne„Der deutsche Clasico“ - der mittlerweile im Volksmund gebrauchte, und zugegebenermaßen etwas sperrig aus dem spanischen adaptierte Begriff für das Spiel der Spiele im deutschen Fußball, elektrisierte am Spieltag schon seit den frühen Morgenstunden merklich die Menschen und das schwarzgelbe Stadtbild in Dortmund. Nicht nur ältere Damen bemerkten in der Straßenbahn äußerst präzise, heute sei ja „ganz Dortmund auf den Beinen.“ Diese besondere Anspannung und Vorfreude auf ein, nein, auf DAS Topspiel am Samstagabend im Westfalenstadion: Man spürte es an allen Ecken und Enden des Potts.

„Minus neun klingt furchtbar.“ Thomas Tuchel beschrieb die Situation auf der Pk vor dem Spiel ganz treffend, die sich bei einer Heimniederlage der Borussia dargestellt hätte. Vier Jahre war es mittlerweile her, dass Dortmund die drei Punkte im heimischen Tempel gegen den Rekordmeister einheimsen konnte. Keinesfalls sollte es so bleiben, wollte man den Anschluss an das obere Tabellendrittel nicht verlieren. „Wir brauchen eine Emotionalität in unserem Handeln. Das kann man mit Willen und Leidenschaft darstellen. Wir gehen fest davon aus, dass das die Basis ist, um die Bayern zu schlagen.“ Der Cheftrainer wusste da noch nicht, mit welcher Richtigkeit seine prophetischen Silben das Duell am Folgetag beschreiben würden.

Taktik & Personal

Wurfrollen im GästeblockAngriff ist die beste Verteidigung - so und nicht anders musste man die Aufstellung von Cheftrainer Thomas Tuchel deuten. Der BVB startete mit den drei „nominellen“ Spitzen Schürrle, Aubameyang und Ramos. Das Mittelfeld komplettierten Götze und Weigl. Defensiv griff man auf das bereits bewährte System mit drei Innenverteidigern, also einer 5-3-2-Grundordnung, zurück: Ginter, Bartra und Sokratis bildeten den Abwehrriegel bei eigenem Ballbesitz, bei Ball am gegnerischen Fuß füllten Schmelzer und Piszczek defensiv die Außen auf. Bürki hütete selbstverständlich auch gegen die Münchner den Kasten. Etwas überraschend, erhielt der wiedergenesene Durm den Vorzug vor Passlack und besetzte seinen Kaderplatz. Gonzalo Castro startete ebenfalls nur von der Bank aus.

Die Gäste aus Bayern begannen mit der zurzeit wohl besten zur Verfügung stehenden Elf. Die Ex-Borussen Hummels und Lewandowski sowieso mit an Bord und in der Startaufstellung, fanden sich sonst noch Neuer, Lahm, Boateng, Alaba, Kimmich, Alonso, Thiago, Müller und Ribery auf dem Spielberichtsbogen wieder. Robben, Martinez und Coman fehlten verletzungsbedingt.

Erste Hälfte

So muss das: Torjubel von AubameyangDie Bedeutung und Wichtigkeit der Partie war von Anfang an auf dem Tempelgrün zu spüren. Beide Mannschaften kamen mit der absolut nötigen Intensität und Einstellung aus der Kabine, das Spiel war ab der ersten Minute hochklassig. Die Gäste aus Bayern versuchten den Spielaufbau der Borussia so früh wie möglich zu stören, die Ballbesitzpassagen wechselten sich mit schöner Regelmäßigkeit ab. Der offensichtlichen Qualität des Gegners geschuldet, agierte Schwarz-Gelb nicht mit totaler Offensive, obwohl auf dem Feld formal ganze drei Spitzen standen. Besonders auffällig in den Anfangsminuten: Mario Götze und Thiago. Der Dortmunder mit zwischenzeitlicher süddeutscher Verirrung schien gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber besonders motiviert zu sein, spielte viele gute und kluge Pässe und war entscheidend an der wichtigsten Szene des ersten Spielabschnitts beteiligt. Elf Minuten dauerte es, bis der Tempel zum ersten Mal beben durfte. Götze bekam halbrechts die Kugel von Piszczek, spitzelte Hummels den Ball durch die Lederhosenträger, und in der Mitte hielt Aubameyang die Fußspitze zur verdienten Führung hin.

Die Münchner agierten keineswegs geschockt, trugen ihre Offensivbemühungen besonders gerne über das Duo Alaba-Ribery vor. Und nach einer guten halben Stunde fanden die Roten auch immer besser in die Partie, die Dortmunder Kombinationssicherheit ließ etwas nach. Aber eine wirklich gefährliche Torchance der Bayern bis zu diesem Zeitpunkte? Fehlanzeige. Der BVB verteidigte aufopferungsvoll und äußerst konzentriert, erst ein Kimmich gegen SchürrleKopfball von Hummels in Richtung Bürki strahlte erstmals so etwas wie „Torgefahr“ aus. Die mehr oder weniger brenzlige Phase unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff überstanden die Schwarzgelben dann ebenfalls unbeschadet, da Thiagos verunglückter Seitfallzieher genauso wie Kimmichs Pressschlag gegen Sokratis, letzteres wenn auch nur knapp, den Weg nicht ins Tor fanden. So ging es mit einer nicht unverdienten Führung zur Pause in die Kabine.

Dass es mit elf statt mit nur zehn Mann zum Pausentee ging, hatte auch ein wenig Glück mit zu tun. Nach gut einer halben Stunde, sah Bartra nach einem taktischen Foul gegen Lewandowski nicht zum wiederholten Male die Gelbe Karte, was logischerweise einem Platzverweis gleich gekommen wäre.

Zweite Hälfte

Eine ganze halbe Minute dauerte es nach Wiederanpfiff dann, bis Aubameyang das erste Mal gefährlich im Strafraum der Bayern auftauchte, der Gabuner scheiterte jedoch aus spitzem Winkel am stark reagierenden Nationalkeeper. Fünf Minuten später war es erneute die Dortmunder Tormaschine, die gefährlich vor dem Tor auftauchte. Den Kopfball segelte jedoch nach guter Flanke von Schmelzer über den Kasten. Die Bayern Thiago gegen Weigldrückten nach Wiederanpfiff der Partie zunehmend aufs Gaspedal und drängten auf den Ausgleich. Bürki war nach einer gefährlichen Hereingabe mit der Faust nur knapp vor Lewandowski am Ball, anschließend wurde das Hackentor von Ribery nach einer Abseitssituation korrekterweise aberkannt. Die Münchner übernahmen merklich die Kontrolle über das Spiel, und schnürten den BVB immer mehr in der eigenen Hälfte ein. Die Dortmunder erlebten nach gut zehn Minuten in der zweiten Hälfte keine gute Phase, verloren die Bälle zu leicht und leisteten sich immer wieder Unkonzentriertheiten. Folgerichtig brachten die Bayern mit Costa frische Offensivpower, Kimmich musste seinen Platz räumen.

Eine knappe halbe Stunde vor Schlusspfiff überstand die Borussia dann die gefährlichste Chance der Bayern ebenfalls unbeschadet: Alonso setzte den Ball aus ca 17 Metern an die Latte, Bürki konnte nur staunend hinterherschauen. Eine schöne Randnotiz: Erik Durm feierte nach halbjähriger Verletzungspause sein Comeback, und betrat nach 68 Minuten den Platz für Schürrle.

Xabi Alonso war es dann auch, der fast dafür gesorgt hätte, dass die Borussia den Sack nach 71 Minuten hätte zu machen können. Nach einem katastrophalen Harakiri-Rückpass, schnappte sich Aubameyang die Pille und stürmte frei auf Neuer zu, hatte im Eins gegen Eins aber erneut das Nachsehen gegen den Welttorhüter. Nach 76 Minuten holte sich dann der enorm fleißige und starke Götze seinen verdienten Applaus im Tempelrund ab, Castro kam für ihn in die Partie.

Aubameyang hatte in der zweiten Halbzeit das 2-0 auf den FüßenDie Schlussphase der Partie war geprägt von Hektik, bayerischem Druck und hitzigen Wortgefechten. Ohne so richtigen Spielfluss und mit vielen kleinen Unterbrechungen, verteidigten die Borussen die anrollenden Angriffswellen der Roten mit höchster Intensität und Leidenschaft. Richtig hitzig wird es dann das erste Mal, als die Kräfte vor allem bei den Gastgebern anfangen zu schwinden. Nachdem sowohl Bartra als auch Sokratis mit Krämpfen zu kämpfen hatten und Schmelzer auf dem Rasen liegen geblieben war, spielten die Roten zum Unmut aller Dortmunder Beteiligten trotzdem unbehelligt weiter. Im Anschluss legte sich Ramos erst mit Costa an, dann kam, wer auch sonst, auch noch Ribery dazu. Thiago und Bartra hatten sich zusätzlich noch in den Haaren, und am Ende hatte gefühlt jeder was gegen jeden. Der kolumbianische Stürmer und der Franzose sahen den gelben Karton, und der Tempel begleitete die Schlussoffensive der Bayern mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert. Die letzten Bemühungen der Gäste noch den Ausgleich zu erzielen wurden seitens des BVB souverän abgewehrt, und der äußerst umkämpfte und emotional errungene Sieg gegen den Erzrivalen war eingetütet.

Fazit

Jubel nach AbpfiffEin äußerst schwieriger und intensiver, keinesfalls unverdienter Sieg gegen den Rekordmeister aus München. In der Anfangsphase der ersten Hälfte mit spielerischen äußerst starken Phasen, in der zweiten Halbzeit übernahmen die Münchner zunehmend das Kommando und drückten auf den Ausgleichstreffer, ohne zu wirklichen Großchancen zu kommen. Der BVB hielt mit großem Kampf und herausragender Intensität in der Defensivarbeit dagegen, und konnte so die Schlussphase unbeschadet überstehen.

Der BVB blieb somit im 27. Heimspiel in Folge ungeschlagen und baute den eigenen Rekord damit nicht nur weiter aus, sondern bescherte den Bayern im Jahr 2016 auch die erste Auswärtsniederlage in der Bundesliga.

Abseits

Oft, aber doch nicht immer steht ausschließlich der sportliche Aspekt am Spieltag selbst im Mittelpunkt, selbst beim wohl bedeutendsten Spiel im deutschen Fußball. Aki Schmidt, Ur-Borusse und schwarzgelbe Ikone, verstarb am 11. November nach kurzer und schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren. Folgerichtig gedachte der Tempel der Dortmunder Ikone unmittelbar vor dem Spiel nicht nur mit einem Gedenkvideo und einer andächtigen Schweigeminute. Die Süd entrollte kurz vor Anpfiff ein gewaltiges, sich über die halbe Tribüne erstreckendes schwarzgelbes Folientransparent, „Dein Wohnzimmer verneigt sich vor dir - Ruhe in Frieden Aki“. Dem blieb nichts hinzuzufügen.

Endlich mal wieder einen Heimsieg gegen die BayernSchöner Randaspekt: Anlässlich der geplanten Choreo der Südtribüne und aus Respekt vor den Umständen, verzichtete die Münchner Schickeria auf die eigentlich vor dem Spiel vorgesehene eigene Choreo, und setzte diese erst kurz nach der Halbzeit um. Respekt!

Statistik

BVB: Bürki - Ginter, Bartra, Sokratis - Piszczek, Götze (77. Castro), Weigl, Schürrle (68. Durm), Schmelzer (88. Pulisic) - Ramos, Aubameyang

Bayern: Neuer - Lahm (Rafinha 68.), Hummels, Boateng, Alaba - Alonso (74. Sanches) - Thiago, Kimmich (58. Costa) - Müller, Lewandowski, Ribery

Schiedsrichter: Tobias Stieler

Assistenten: Sascha Thielert, Dr. Matthias Jöllenbeck

Vierter Offizieller: Guido Kleve

Tore: 1:0, Aubameyang (11.)

Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)

Karten: Bartra, Götze, Ramos - Ribery, Sanches

Chancenverhältnis: 4:3

Ecken: 3:9

Ballbesitz: 38:62 %

Stimmen zum Spiel

Thomas Tuchel:Ein sehr schweres Spiel, in dem wir in vielen Phasen sehr gelitten haben. Wenn man mit den Bayern in den Ring steigt, kann man Thomas Tuchel hat phasenweise sehr gelittennicht erwarten, dass man ohne blaues Auge wieder rauskommt. Du musst stehen bleiben, das war unser Motto. Niemals aufgeben, immer weiter unterstützen, mutig bleiben und weiter verteidigen. Wir haben den Bayern am Ende ein paar „Halbchancen“ gestattet, vielleicht gar keine davor so richtig groß. Deshalb war es eine Top-Leistung von uns.“

zu Mario Götze: „Er war wahnsinnig fleißig. Er hat viele Wege in die Halbräume gemacht und es war höchste Zeit, dass bei ihm eine Torbeteiligung dazukommt. Er braucht das für die letzten Prozent und wir brauchen das auch, das ist der Anspruch an ihn und an uns.“

zu Gonzalo Castro: „Gonzo war heute ein absoluter Härtefall. Er war überragend wichtig bislang, er hatte eine unfassbar gute Frühform. Ich wollte ihn am Ende auf dem Feld haben, aber weil wir die Intensität vorausgesehen haben, war ich der Meinung, es sei besser, dass er nicht von Anfang an spielt. Das Gute ist, er ist Profi ist durch und durch, ich habe das mit ihm besprochen und es war absolute kein Problem“.

Carlo Ancelotti: „Die Dortmunder haben gut begonnen, dann kamen wir zurück ins Spiel. Wir hatten in der Anfangsphase Probleme, waren etwas zu offen und haben beim Gegentor nicht gut verteidigt. Danach haben wir bis zum Ende gut gespielt. Wir haben das Spiel gut kontrolliert und wir hatten Chancen. Nach 20 Minuten waren wir besser, gegen eine immer noch starke Mannschaft. Die Leistung war gut, das Ergebnis natürlich nicht.“

20.11.2016, Boris Davidovski


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