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Spielbericht Profis - 03.11.2016

Europäischer Winterschlaf mit Nebengeräuschen

Fahnenintro im Block DrölfDas Problem der Prokrastination ist (Gerüchten zufolge) vor allem bei der studentischen Bevölkerungsschicht ein weit verbreitetes Phänomen. Manchmal nicht genau wissend zu welcher Zielflagge die eigentliche Reise mal gehen soll, hakt es hier und da mal an der Motivation in Form des eigenen, scheinbar unüberwindbaren Schweinehundes.

Im Falle des BVB könnten böse Zungen in selber Analogie dazu behaupten, die Akteure in schwarz-gelb bräuchten die epochalen Klänge der Champions-League-Hymne, um eine besondere, effektive und dem Endergebnis förderliche Eigenmotivation zu entwickeln. Zu deutlich seien die Leistungsunterschiede zwischen der Bundesliga als das täglich Brot und der strahlenden europäischen Fußballbühne als eben jene Belohnung der zuvor erbrachten Leistungen auf nationaler Ebene in den letzten Wochen gewesen zu sein. Auch die schnippische, inhaltlich nicht ganz korrekte Frage eines portugiesischen Reporters auf der PK vor der Partie, wie man sich denn für das Duell mit Sporting überhaupt motivieren könne, wenn der eigene Chef („Aki“ Watzke) vorgibt, sich gefälligst auf die Bundesliga zu konzentrieren, suggerierte eine momentan eher ungewöhnliche Außenwahrnehmung.

Doch glaubt man Thomas Tuchel, stand die Frage der Motivation, anders als bei angehenden „Akademikern“, nicht einmal im Ansatz zur Disposition. Die Mannschaft will, die Mannschaft versucht alles. Dass die Umsetzung sich im Moment eher zäh als flüssig gestaltet, erkennen nicht nur die derzeit eher unbefriedigten Anhänger. Und so waren aus den Mündern der Verantwortlichen dieser Tage gehäuft Begründungen wie „Pech“, „unterschiedliche Formationen und Aufstellungen“, „Verletzte“ und das „fehlende Quäntchen Glück“ zu hören. Sonst nichts.

Auch der Gästeblock war gut gefülltMit sieben Zählern und einem besseren Torverhältnis als „Verfolger“ Real Madrid ging man als Tabellenführer der Gruppe F ins Rückspiel gegen die Grün-Weißen aus dem Land des Europameisters. Mit einem Sieg gegen Lissabon konnte der BVB die Prokrastination von konstanter Leistung auf allen Ebenen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben und sich das Weiterkommen ins Achtelfinale der Königsklasse sichern, mit einem Punktgewinn hätte man zumindest das direkte Duell mit den Portugiesen für sich entscheiden. Wenn das mal nicht Motivation genug war …

Taktik & Personal

Wie schon im Vorfeld auf der Pressekonferenz angekündigt, kehrten die beiden Top-Vorbereiter Gonzalo Castro und Raphaël Guerreiro in die Mannschaft zurück. Und nicht nur das, die beiden rutschten auch direkt in die Startelf. Der BVB startete mit Bürki im Tor, vor ihm sollten Ginter, Sokratis und Bartra verteidigen. Der wiedergenesene Portugiese in schwarz-gelb sollte die linke Abwehr- und auch Offensivseite beackern. Weigl war wie gewohnt für den ersten Schritt im Spielaufbau vor der Defensive gesetzt. Die Mittelfeldpositionen besetzten Götze, Pulisic, Dembélé und Rückkehrer Castro. Überraschend befand sich auch Ramos in der Anfangsformation und ersetzte den sonst selbstverständlich gesetzten Aubameyang. Den Gabuner suchte man vergeblich auf dem Spielberichtsbogen, „interne Gründe“ ließen vor Anpfiff reichlich Platz für Spekulationen. Vor der Partie wollte Cheftrainer Tuchel im „Sky“-Interview keinerlei Auskünfte über die Hintergründe der Nichtberücksichtigung des Dortmunder Top-Torjägers geben. Entgegen im Vorfeld der Partie anders lautenden Meldungen war die Suspendierung keine kurzfristige Entscheidung seitens des Marc Bartra stand wieder in der IVKlubs. Da unmittelbar vor Anpfiff der Begegnung das Trikot unserer #17 noch in der Kabine hing, war man von einer sehr kurzfristigen Entscheidung ausgegangen. Thomas Tuchel dementierte diese Einschätzung und verwies mit einem Augenzwinkern auf einen Scherz des Zeugwarts. Unbestätigten Berichten zufolge soll ein verspätetes Wiedererscheinen nach einem Kurztrip nach Mailand zur der Suspendierung geführt haben. Andere Meldungen besagten, der Gabuner soll dem Coach gegenüber respektlos und laut geworden sein.

Erste Hälfte

Personell trotz relativ entspannter Situation durch den „Ausfall“ von Aubameyang wiederum erheblich geschwächt, sah sich der BVB schon früh im Spiel einer doch überraschend hoch verteidigenden Mannschaft von Sporting C.P. gegenüber. Nach einer anfänglichen Eingewöhnungsphase dauerte es nur bis zur 12. Minute, bis die Borussia den Torreigen eröffnen konnte. Einen lang über die portugiesische Abwehrreihe gespielten Ball holte Youngster Pulisic gekonnt runter und legte auf Götze ab. Der bediente auf rechts den aufgerückten Ginter, dessen starke Flanke Stellvertreter Ramos in der Mitte exzellent verwerten konnte. Per Bogenlampe flog der Kopfball des Kolumbianers zum 1:0 ins lange Eck.

Der Treffer verhalf Schwarz-Gelb zwar im direkten Anschluss zu mehr Sicherheit im eigenen Spiel, doch nach einer knappen halben Stunde Spielzeit wirkte die Verteidigung der Borussia dann ein ums andere Mal nicht wirklich sattelfest. Gefährlich wurde es meist, wenn Sporting mit schnellen Balleroberungen und Gegenstößen das Dortmunder Mittelfeld überbrücken konnte. In Minute 27 hielt Bürki erst stark beim direkten Duell mit Martins, wenige Minuten später klärte Bartra mit einer gut getimten Grätsche gegen den erneut freistehenden Martins.

Entscheidende Szene: Ramos köpft zum 1:0Der BVB konnte die Drangphase der Portugiesen jedoch durchbrechen und hatte vor dem Pausenpfiff selbst zahlreiche weitere Möglichkeiten das wichtige zweite Tor zu erzielen. In Minute 34 sah der Tempel eine überragende Kombination zwischen Ramos, Götze und Pulisic, am Ende welcher der US-Amerikaner die Kugel aus fünf Metern leider nur an die Latte befördern konnte. Im Anschluss kamen noch Ginter, Castro und Guerreiro zu mehr oder weniger gefährlichen Abschlüssen, der Pausenpfiff ertönte nichtsdestotrotz bei einer nur knappen 1:0-Führung.

Zweite Hälfte

Nach dem Pausentee blieb der junge Dembélé in der Kabine, für ihn betrat der wieder voll einsatzfähige Schürrle den Rasen. Auch Lissabon tauschte personell: Für den glücklosen Ex-Frankfurter Castaignos kam der eigentlich etatmäßige Ex-Wolfsburger Bas Dost ins Spiel. Wie schon im ersten Spielabschnitt vermittelte die letzte Reihe der Borussen nie den Eindruck, als könnte man sie nicht in Bedrängnis bringen. Vor allem der agile Martins auf der Außenbahn und der ballsichere Cesar mit seinen guten spieleröffnenden Zuspielen in die Tiefe stellten den BVB immer wieder vor mehr oder weniger große Schwierigkeiten. In der Phase kurz nach Wiederanpfiff der zweiten Hälfte stand die Führung von Schwarz-Gelb auf eher wackeligen Beinen und war keinesfalls sicher. Rückkehrer Guerreiro setzte via direktem Freistoß ein eher maues Offensivzeichen, das Patricio ohne Probleme parieren konnte. Nur zwei Zeigerumdrehungen später war Außenverteidiger Schelotto plötzlich auf rechts komplett alleine gelassen worden und durfte ungehindert Richtung Strafraum marschieren. Bartra rückte nicht beziehungsweise zu spät raus und die Hereingabe musste Sokratis im Zentrum äußerst artistisch klären.

Sokratis gegen DostMit zunehmender Spielzeit merkte man den Akteuren auf beiden Seiten dann den Kräfteverschleiß schon deutlich an. Vor allem Guerreiro merkte man in einigen Situationen die längere Abwesenheit und die fehlende Spielpraxis an. Beispielhaft die Szene als der Portugiese gegen den durchgestarteten Adrien Silva deutlich zu spät kam und sich nur noch mit einem, zugegeben wichtigen, taktischen Foul zu helfen wusste. Tuchel brachte anschließend mit Rode und Schürrle noch frische Kräfte ins Spiel und letzterer hatte in der 75. Minute mit einem direkten Freistoß die letzte gefährliche Dortmunder Chance.

Die letzten knapp zehn Minuten boten neben viel kraftlosem Leerlauf noch zwei halbwegs brauchbare Torannäherungen von Sporting in Person von Martins und Ruiz. Doch der jeweilige Schuss bzw. Kopfball fand nicht mehr das anvisierte Ziel. So blieb es beim letztlich verdienten, aber eher nicht überzeugenden 1:0-Arbeitssieg gegen zwar spielerisch gute, aber harmlose Portugiesen aus Lissabon.

Fazit

Am Ende stand ein mühsamer, zäher und kräftezehrender, aber nicht unverdienter Sieg und der vorzeitige Einzug ins Achtelfinale der Champions League. In der ersten Hälfte zwar noch dominanter und offensiv gefährlicher, hatte man nie das Gefühl, dass die Borussia defensiv komplett sattelfest war. Der Führungstreffer gab zwar mehr Sicherheit, die Portugiesen blieben jedoch trotzdem stets gefährlich und kamen auch in Halbzeit zwei mehrmals zu guten Möglichkeiten. Am Ende merkte man beiden Teams das kräftezehrende Spiel deutlich an und die Borussia konnte das Ergebnis bis zum Schluss verwalten und verteidigen.

Jubel nach AbpfiffIn der Königsklasse geht es am 22. November im Kampf um den Gruppensieg weiter mit dem Heimspiel gegen Legia Warschau, die Real Madrid zuhause im Parallelspiel ein starkes 3:3-Unentschieden abringen konnten und damit dem BVB zum vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale verhalfen.

Im wichtigen Liga-Alltag verschlägt es Schwarz-Gelb am Samstag zum Angstgegner und momentanen Tabellen-18., dem Hamburger SV.

Statistik

BVB: Bürki - Ginter, Sokratis, Bartra, Guerreiro - Weigl - Castro (69. Rode), Götze (69. Piszczek), Dembélé (46. Schürrle), Pulisic - Ramos

Sporting: Patricio - Schelotto, P. Oliveira, Coates, Zeegelaar - William - Semedo, B. Cesar (58. Silva) - Gelson, Bryan Ruiz (78. Markovic) - Castaignos (46. Dost)

Schiedsrichter: Danny Makkelie
Assistenten: Mario Diks, Hessel Steegstra
Torrichter: Kevin Blom, Kamphuis Jochem
Vierter Offizieller: Jan Vries

Ramos gegen MarkovicTore: 1:0 Ramos (12.)

Zuschauer: 65.849 (ausverkauft)

Karten: Guerreiro - Semedo, Castaignos, William

Torschüsse: 5:4

Ecken: 4:1

Ballbesitz: 54 : 46 %

Stimmen zum Spiel

Thomas Tuchel: „Ich musste nach dem Spiel tief durchatmen, es war sehr zäh heute. Wir habe in nur wenigen Phasen eine Selbstverständlichkeit in unser Spiel bekommen, hatten offensiv viele unerzwungene Fehler. Sporting war mutiger, mit drei Mann hinten aufzubauen. Wir haben viel Zeit zum Aufbauen gebraucht. Trotzdem sind wir sehr froh, gewonnen zu haben. Wir sind nach vier "Ich musste nach dem Spiel tief durchatmen, es war sehr zäh heute."Spieltagen weiter, das ist toll. Das Ergebnis rahmen wir uns ein und nehmen das Positive mit. Der Sieg gibt uns das Gefühl, so ein zähes Spiel mit viel Willen auf unsere Seite gezogen zu haben. Die Partie heute hilft sehr, um die Kräfte für die Bundesliga bündeln zu können. Wir sammeln jetzt unsere Kräfte für das Spiel gegen Hamburg.“

zu Aubameyang: „Manche Dinge müssen losgelöst vom Zeitpunkt betrachtet werden. Entweder es gibt eine Konsequenz oder keine. Wenn konsequent, dann auch konsequent konsequent. Es ist uns sehr sehr schwer gefallen, er ist unser Stürmer Nummer eins, er hätte sicher gespielt. Es fällt natürlich schwer, auf seine Qualität zu verzichten.“

Jorge Jesus: „Unser Matchplan war ausgesprochen gut. Die Dreier- bzw. Fünferkette in der Defensive war definitiv die richtige Entscheidung. Wir hatten die richtige Raumaufteilung und das richtige Verhalten bei Ballbesitz. Wir haben ein sehr starkes Spiel gegen eine ganz starke Mannschaft gemacht. Nur haben heute leider die Tore gefehlt um uns zu belohnen. Wenn man das auf diesem Niveau verpasst, dann darf man sich nicht beschweren. Ein Remis wäre wohl gerecht gewesen, aber ich bin auch so zufrieden mit dem, was wir gegen Borussia Dortmund gezeigt haben.“

3.11.2016, Boris Davidovski


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