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Unsa Senf - 27.10.2016

Willkommen in der Provinz

Wenn Dortmund ein kleiner Junge wäre, würden große Städte vermutlich etwas sagen wie: „Keine Haare am Sack, aber im Puff drängeln, wa?!“ Denn so, wie sich die Bier-, Fußball- und überhaupt-Hauptstadt rund um das Spiel gegen Union Berlin präsentiert hat, gab sie einen erschütternden Blick in die triste Realität ab: Dortmund ist Provinz.

Für jemanden, der sehenden Auges durch das Leben in dieser so lebens- und liebenswerten Stadt geht, ist die Erkenntnis, dass Dortmund nicht zwingend der Nabel der Welt ist, nicht neu. Dennoch – oder vielleicht auch darum – haben wir Dortmunder unsere Stadt ja auch so gern. Aber Provinz? Das klingt so nach Hamm, Münster oder Mönchengladbach. Aber eine Stadt mit knapp 600.000 Einwohnern kann doch nicht Provinz sein. Nee, vielleicht nicht. Aber provinziell kann sie sein. Und das trieben Stadt, Polizei und DSW21 am Mittwoch zur Perfektion.

Selten war ich so sauer über die Organisation rund um ein Fußballspiel wie an diesem Mittwoch. Und das Beste daran: Ich wollte nicht mal ins Stadion!

Statt inne Ecke vom Stadion saß ich inne Ecke vonne Couch, aber der Weg dorthin war steinig und schwer.

Der Ärger begann schon unter der Woche, als vom Leichtathletikverein die Mail kam, dass Kind 2 in dieser und in der kommenden Woche nicht trainieren könne, weil der BVB spiele. Nein, das Kind trainiert nicht im Westfalenstadion, sondern in der Helmut-Körnig-Halle, die so ganz nebenbei auch noch Olympia-Stützpunkt für echte Profis wie Olympionikin Gina Lückenkemper ist. Trainingsfrei für alle also wegen DFB-Pokal und Champions League. Natürlich ist es toll und hat total viel Flair, wenn nebenan das große Westfalenstadion steht – aber eben nur, solange es nicht genutzt wird. Es ist Fluch und Segen. Die Stadt preist sich gerne als „Sportmund“ und „Fußball-Hauptstadt“, versagt an der Strobelallee aber immer wieder kläglich.

Die Infrastruktur rund um das Westfalenstadion ist ein Witz. Die Stadtbahn-Haltestelle war schon zu klein, als nur 42.800 Zuschauer ins Stadion passten, jetzt ist sie das engste Nadelöhr im gesamten Stadionumfeld. Das Einzige, was es wirklich in Hülle und Fülle gibt, sind Parkplätze, vor allem wenn man bereit ist, auch mal zehn Minuten zu Fuß zu gehen. Ist ja noch keiner dran gestorben.

Aber man soll ja den ÖPNV nutzen, um zum Stadion zu reisen – und da kommen Polizei, Bahn und DSW21 ins Spiel. Ich wollte ja, wie gesagt, gar nicht ins Stadion, musste aber trotzdem auf dem Nachhauseweg den Dortmunder Hauptbahnhof nutzen. Das ist im normalen Berufsverkehr schon kein Vergnügen, wird aber richtig lustig, wenn Fußball-Fans unterwegs sind. Und ganz besonders ärgerlich wird es, wenn am selben Bahnsteig auch noch ein Sonderzug mit Gäste-Fans steht. Der Bahnsteig war also hoffnungslos überfüllt mit verwirrten Union-, BVB-Fans und Pendlern. Mittendrin stand die Bundespolizei schwer behelmt und wirkungsvoll im Weg und versuchte das von ihr mitverursachte Chaos zu ordnen, indem ein Beamter über Megafon die Berliner anwies, „nach vorne“ durchzugehen, wobei aber niemand so richtig verstand, wo dieses „vorne“ sein sollte. Jedenfalls wurde klar, dass die Bundespolizisten auf Gedeih und Verderb und absolut unnötigerweise eine Art Fantrennung auf diesem viel zu schmalen und vollen Bahnsteig durchsetzen wollten. Erste Wagemutige, die es geschafft hatten, sich bis zur überfüllten Treppe durchzuschlagen, rannten auf der aufwärts laufenden Rolltreppe nach unten, die nicht so Mutigen – also unter anderem ich – warteten geduldig.

In der Bahnhofshalle ging ich meinen gewohnten Pendlerweg zur U-Bahn – denkste! Die DSW21 hatten die Treppe zur U-Bahn gesperrt, vermutlich auf Geheiß der Polizei. Wer zum Stadion (oder nach Hörde, Aplerbeck oder Hacheney) wollte, musste zunächst aus dem Hauptbahnhof raus, um dann über eine abseits gelegene Treppe neben dem Bahnhofsvorplatz hinunter zur U-Bahn zu gelangen. Wieder: Denkste! Eine Menschentraube knubbelte sich vor der Treppe zum nach Süden führenden Gleis. Es gibt ja nur ein einziges Gleis. Ich wäre weitaus gelassener gewesen, wenn ich es nicht eilig gehabt hätte, um Kind 2 zu hüten, während Kind 1 und Frau schon unterwegs zum Stadion waren. Ich hatte es aber eilig und wurde sauer.

Also zu Fuß zur nächsten Haltestelle „Kampstr.“. Dort musste es ja möglich sein, eine Bahn nach Hacheney zu bekommen, weil die Option, mit eben dieser Bahn zur Haltestelle „Westfalenpark“ zu fahren und von dort zu Fuß zum Stadion zu gehen, unerklärlicherweise immer noch ein Geheimtipp für absolute Dortmund-Insider zu sein scheint. Naja, jetzt vermutlich nicht mehr…

Das kurze Ende vom Lied: Ich fuhr in einer leeren Bahn Richtung Hacheney über just jene Haltestelle „Westfalenpark“, an der ich üblicherweise aussteige, wenn ich zum BVB fahre. Liebe DSW21, liebe Polizei, ist das Absicht? Sollen die Fanmassen aus der Innenstadt bzw. vom Hauptbahnhof zwingend durch ein Nadelöhr gequetscht werden, statt ihnen eine sinnvolle Alternative zu nennen? Oder sie gar auf die Ausweichmöglichkeit mit den Linien U 42 und U 46 aufmerksam zu machen, damit sie gar nicht erst versuchen, direkt am Bahnhof in die Bahn zu steigen? Wie provinziell ist diese Stadt, wenn es nicht möglich ist, Fußballfans und Berufstätige gleichzeitig mit der U-Bahn fahren zu lassen? Stattdessen darf ich mir von Pendlern Sprüche anhören à la „nur wegen der scheiß Fußball-Fans“ müsse man durch dieses Chaos. Nein, muss man nicht. Müsste man zumindest nicht, weil das Chaos zum Teil erst durch künstlich verkleinerte Zugänge erzeugt wird.

Liebe Bahn, was ist das für ein beschissener Bahnhof, mit dem ihr uns Dortmunder tagein, tagaus der Lächerlichkeit preis gebt? Und warum wird im Hauptbahnhof nicht offensiver dafür geworben, mit der Regionalbahn zum Stadion zu fahren, statt mit der U-Bahn? Und warum werden auf dieser nicht so wahnsinnig frequentierten Nebennebennebenstrecke an Spieltagen nicht zusätzlich S-Bahnen, Schienenbusse oder meinetwegen Draisinen eingesetzt?

Das Chaos in Dortmund ließe sich beheben, wenn es eine Stelle gäbe, die mal von oben drauf blicken und sehen würde, dass es so, wie es ist, nicht gehen kann. Momentan kochen alle irgendwie ihr eigenes Süppchen und finden sich eigentlich ganz dufte. Und dann kommt zu allem Überfluss noch die Polizei mit ihren oftmals hanebüchenen Ideen und verleiht dem Chaos noch ihre ganz persönliche Note.

Eines zur Versöhnung: Ich bin sofort nach dem Elfmeterschießen ins Auto gestiegen, um Frau und Kind 1 abzuholen. An der Ardeystraße habe ich sie aufgegabelt, ab nach Hause – Gesamtzeit: ca. 40 Minuten.

27.10.2016, desperado09


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