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Spielbericht Profis - 27.10.2016

Der "eiserne Roman"

Das gleichzeitige Werfen von Konfetti üben wir besser noch malDie wohl schlechteste Halbzeit unter Trainer Thomas Tuchel (Odds BK ausgenommen) und weiterhin arge Verletzungssorgen. Post-Ingolstadt und Prä-Union, waren die Rahmenbedingungen für ein K.O.-Spiel für den BVB in der Tat schon öfter um einiges besser. Zu den bekannten Langzeitverletzten gesellten sich Anfang der Woche auch noch die zuletzt äußerst formstarken Pulisic, Dembélé (angeschlagen) und Aubameyang. Nichtsdestotrotz sollte der abermals intensivierte personelle Aderlass nicht als Ausrede dienen. Nach nur zwei Punkten aus den letzten drei Bundesligaspielen galt es, die unangenehme, aber absolute Pflichtaufgabe der eisernen Köpenicker zu bewältigen. Die Berliner kamen jedoch nicht nur mit knapp 11.000 Anhängern im Gepäck in den Tempel, sondern auch mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Mit fünf Punkten Rückstand auf Tabellenführer Braunschweig ist man in Liga 2 zurzeit deutlich auf Kurs in Richtung Aufstieg und konnte die Partie mit absolut breiter Underdog-Brust bestreiten. Vor Anpfiff waren rund ums Stadion gefühlt mehr Menschen in rot als in schwarz-gelb unterwegs. Ganze drei Sonderzüge rollten am Abend aus Berlin im Dortmunder Hauptbahnhof ein und das machte sich nicht nur im Stadion deutlich bemerkbar. Fast die komplette rechte Hälfte der Nord- und Nordosttribüne erstrahlte in eisernem rot - ein an dieser Stelle ganz dickes Lob an den Berliner Anhang für die imposante Kulisse! Negativer Randaspekt: Nicht nur das Verkehrschaos rund um Stadion und Innenstadt sorgte dafür, dass die Partie mit Das Pyroinferno war dann eher ein Infernchen15-minütiger Verspätung angepfiffen werden musste. Knapp eine Stunde vor Spielbeginn soll es einen Eingangssturm mit Polizeieinsatz gegeben haben, betroffen war der Gästeblockeingang. Berichten zufolge gingen über dem Gästeeingang im Anschluss rote Lampen an, weshalb es zu einem vorübergehenden Einlassstopp kam. Andere berichten, der Druck der wartenden Menge sei zu groß geworden, weshalb es vorne immer enger wurde. Über Organisation und das polizeiliche Konzept der Stadt Dortmund könnte an dieser Stelle sicherlich zumindest diskutiert werden.

Taktik & Personal

Und wenn man denkt, es geht wirklich nicht mehr, holt der Trainer von irgendwo eine noch größere Rotationsmaschine her. Zehn Verletzte verhalfen nicht nur Sahin zu seinem ersten Pflichtspieleinsatz in dieser Saison, sondern verschafften dem erst 18-jährigen A-Jugendlichen Jacob Bruun Larsen sein Profidebüt. Mit sechs Wechseln gegenüber der eher unterdurchschnittlichen Partie in Ingolstadt trotzte Tuchel der Personalnot und überraschte zum wiederholten Mal mit seiner ersten Elf. Weidenfeller durfte wie angekündigt das Tor hüten, davor verteidigten Piszczek, Ginter, Sokratis und Passlack. Das Mittelfeld komplettierten Castro, Götze und Mor. Die alleinige Spitze bildete Ramos.

Erste Hälfte

Mario Götze stand wieder in der StartelfIn einer erneut größtenteils auseinander-rotierten Formation begann der BVB relativ nervös und fahrig. Union stand überraschend hoch im Feld, versuchte früh zu attackieren und konnte nach gut fünf Minuten auch den ersten gefährlichen offensiven Nadelstich setzen. Redondo war nach einem Stellungsfehler der Dortmunder Defensive plötzlich allein auf weiter Flur, konnte die gute Chance aber nicht verwerten.

Die Borussia war sichtlich um Kombinationsspiel bemüht, tat sich aber schwer. Die erste Torannäherung verbuchte Ramos nach einem eher harmlosen Schuss, Mor und Götze hatten sich leichtfüßig durch die eiserne Defensive gedribbelt. Ein besonderes Auge warf der Großteil der interessierten Menge natürlich auf den dänischen Debütanten Bruun Larsen. Der 18-Jährige, eigentlich für die A-Junioren vorgesehen und mit seinem Profidebüt, war sichtlich darum bemüht, auf sich aufmerksam zu machen. Gute Antritte und Offensivaktionen wechselten sich mit leichten Abstimmungsproblemen im Passspiel mit seinen Mitspielern ab. Nichtsdestotrotz war leicht zu erkennen: Der Junge hat was drauf und stand nicht umsonst auf dem weiten Grün.

Das Spiel gestaltete sich über weite Strecken der ersten Hälfte weitestgehend offen. Hauptsächlich lag das an den Berlinern, die sich giftig in den Zweikämpfen und aggressiv im Anlaufverhalten zeigten. Nie hatte man das Gefühl, dass „Eisern“ nicht im Spiel gewesen wäre. Der BVB reagierte phasenweise unstrukturiert und unklar in seinen Aktionen und ließ sich vom teils hektischen Spiel der Unioner anstecken. Teils mehr oder weniger gefährliche Möglichkeiten von Sahin und Götze blieben für längere Zeit die einzigen nennenswerten Chancen für die Borussia.

Initiator des 1-0: Jacob Bruun LarsenBittere Nachricht dann für die Unioner in der 39. Minute: Collin Quaner fasste sich an den hinteren Oberschenkel und signalisierte: Es geht nicht mehr weiter. Der bisher beste Torschütze der Berliner (sieben Treffer) machte bis zu diesem Zeitpunkt der Partie gut die Bälle mit dem Rücken zum Tor fest und war bis dato elementarer Teil des Offensivspiels der Roten. Deutlich besser ging es den Anhängern der Köpenicker auf der Nord. Stimmgewaltig und laut machten die Fans mächtig Alarm und verwiesen die Süd teilweise deutlich in ihre Schranken. Eine eher ungewohnte Szenerie im Tempel. Auf dem Rasen war die Borussia indes sichtlich darum bemüht, noch möglichst vor dem Pausentee den Führungstreffer zu erzielen und intensivierte, vor allem über den bemühten jungen Larsen, ihre Offensivaktionen. Und in Minute 44 kam es dann, wie es kommen musste: Götze trieb den Ball in die gegnerische Hälfte, legte gut raus auf den Dänen und dessen Schusshereingabe wurde unhaltbar zum 1:0 ins Tor abgefälscht. Einen psychologisch grandioseren Zeitpunkt für dieses Tor hätte es wohl nur schwerlich geben können. Die Tatsache, dass zudem auch noch der Debütant und diesjährige Olympiateilnehmer seine erste Torbeteiligung verzeichnen konnte, rundete die eher zähe erste Halbzeit dann doch positiv ab.

Zweite Hälfte

Sokratis gegen QuanerWer sich in der Vergangenheit ein wenig mit Union Berlin beschäftigt hat, der wusste genau, was zu Beginn der zweiten Hälfte im Gästeblock passieren würde. Richtig, es wurde ordentlich gezündet und nach kurzer Verzögerung wurde die Partie planmäßig wieder angepfiffen. Beide Teams kamen unverändert aus der Kabine und lieferten zu Beginn der zweiten Halbzeit eine spielerisch eher maue Darbietung. Union lauerte weiterhin auf Fehler im Dortmunder Spielaufbau, der BVB war zwar bemüht, verfing sich aber zunehmend im Berliner Defensivnetz und ließ jegliche Durchschlagskraft vermissen. Zu diesem Zeitpunkt sorgten fast ausschließlich zwei Aspekte für ein wenig Belebung im Stadionrund: Die Berliner Anhänger und Emre Mor. Abgesehen von der ansehnlichen, aber eher unnötigen Pyro-Show und der Provokation durch das Zeigen von geklauten Fan-Utensilien am unteren Zaun überzeugten die Fans über die gesamte Spielzeit mit pausenloser Unterstützung und ununterbrochenem Support. Auf Seiten von Schwarz-Gelb feierte die Süd vor allem Nuri bei seiner Auswechslung in Minute 68 mit Sprechchören. Der Ur-Dortmunder wird dies auf dem Weg zu seinem eigentlichen momentanen Arbeitsplatz vermutlich mit großem Wohlwollen vernommen haben.

Spielerisch mühte sich vor allem der junge Mor, offensive Akzente zu setzen und das Spiel der Borussia an sich zu reißen. Dabei merkte man jedoch deutlich, dass der Türke meist noch zu eigensinnig agiert, in seinen Dribblings zu oft am Gegner hängen bleibt und zu selten den oft besser postierten Nebenmann sieht. Nichtsdestotrotz ist es meist immer noch ein Genuss, dem erst 18-Jährigen beim Fußballspielen zuzuschauen. Doch der Borussia gelang es nicht, das vorentscheidende zweite Tor zu erzielen und so hielt man die Berliner weiterhin im Spiel. Auf Berliner Seite wurde ein letztes Mal offensiv gewechselt, und dann kam der große Auftritt von Skrzybski. 42 Sekunden auf dem Feld, drosch der Köpenicker den Ball nach einer eigentlich Motor im Mittelfeld: Gonzalo Castrogeklärten Ecke unhaltbar ins lange Eck. Mehr oder weniger aus dem Nichts fiel der Ausgleich und der Gast war plötzlich wieder im Spiel. In der anschließenden Schlussphase drückte die Borussia teils hektisch und stürmisch auf den Siegtreffer, Mor traf noch den Innenpfosten und die Süd versuchte, den Ball mehr oder weniger ins gegnerische Tor zu schreien. Doch es half nichts, die Kugel überquerte die Torlinie nicht mehr und Union rettete sich in die (verdiente) Verlängerung.

In der ebenfalls hektischen zusätzlich zu spielenden halben Stunde sorgten Götze und Castro für die besten Möglichkeiten auf schwarzgelber Seite, doch genauso wie bei den Berlinern schwanden auch bei den Borussen merklich die Kräfte und die damit verbundene Konzentration ging schlichtweg abhanden. In den letzten Minuten glich das Spiel einer Handballpartie, der BVB belagerte den gegnerischen Strafraum, wirklich gefährlich wurde es aber nicht mehr. Union Berlin lieferte an diesem Abend den erneuten Beweis: Der Pokal besitzt seine ganz eigenen Regeln.

Bevor jedoch im Elfmeterschießen ein einziger Schuss abgegeben wurde, brach auf der Süd schon der erste Jubel aus, denn das Tor direkt vor der Tribüne sollte den Schauplatz für den anschließenden Abschluss des Pokalkrimis darstellen. Was folgte, war wohl der erneute Beweis für die Macht und den Eindruck, den die gelbe Wand immer noch auszustrahlen scheint. Drei Schützen traten für den BVB, drei für Union an. Ousmane Dembélé, 19, Cooler Kopf im Elfmeterschießen: Roman Weidenfellerübernahm direkt mal als erster Verantwortung und traf souverän. Den Elfer von Felix Kroos parierte Roman auf starke Art und Weise, Matze Ginter beförderte die Kugel ebenfalls sicher ins Netz. Den Berlinern flatterten merklich die Nerven und sowohl Fürstner als auch Hosiner als letzter Schütze scheiterten am erneut starken Roman bzw. der Latte. Dazwischen traf noch Mario G. und die komplette Mannschaft stürmte nach Ende zum Mann des Abends: Roman Weidenfeller! Der „eigentlich-nicht-Elfer-Killer“ kann es also noch. Danke, Roman!

Fazit

Ein typischer Pokalabend, wie ihn sich die Dortmunder wohl sehr gerne erspart hätten. Eine äußerst schwierige und nervenaufreibende Partie, die am Ende ihren großen Helden in Roman Weidenfeller fand. Der BVB war über neunzig Minuten die bessere Mannschaft und spielbestimmend, jedoch immer wieder mit fehlerhaften letzten Pässen, Abstimmungsproblemen im Aufbau und leichtsinnigen Fehlern in der Defensive, die es den Berlinern wiederholt erlaubten, gefährliche Nadelstiche zu setzen und zu Chancen zu kommen. Letztlich mit einem Sonntagsschuss in die Verlängerung gehievt, retteten sich die Eisernen ins Elfmeterduell, scheiterten dort jedoch vor der eindrucksvollen Süd an den eigenen Nerven, der Latte und dem schlussendlich starken Roman Weidenfeller.

Jubel nach dem Zittersieg vor der SüdtribüneIn der nächsten Runde des Pokalwettbewerbs wartet in einem erneuten Heimspiel, am 7. oder 8. Februar, dann wieder eine Mannschaft aus Berlin: die alte Dame von Hertha BSC. Am Samstag dann schon der nächste Knaller: Die Blauen kommen zum abendlichen Topspiel und Derby ins Westfalenstadion.

Statistik

BVB: Weidenfeller - Piszczek, Ginter, Sokratis, Passlack (100. Rode) - Castro, Sahin (68. Weigl) - Mor, Götze, Larsen (68. Dembélé) - Ramos

Union: Mesenhöler - Trimmel, Leistner, Puncec, Pedersen - Kroos, Redondo - Quaner (39. Hosiner), Zejnullahu, Parensen (65. Fürstner) - Hedlund (80. Skrzybski)

Schiedsrichter: Jochen Drees
Assistenten: Timo Gerach, Christian Gittelmann
Vierter Offizieller: Andreas Steffens

Tore: 1:0 Larsen (44.), 1:1 Skrzybski (81.)

Emotionaler Jubel auf der SüdtribüneElfmeterschießen: 1:0 Dembélé, Weidenfeller pariert gegen Kroos, 2:0 Ginter, Weidenfeller pariert gegen Fürstner, 3:0 Götze, Hosiner schießt an die Latte

Zuschauer: 79.037

Karten: Parensen, Puncec, Fürstner, Trimmel

Torschüsse: 10:6

Ecken: 10:4

Ballbesitz: 71 : 29 %


Stimmen zum Spiel

Einhüpfen auf das DerbyThomas Tuchel: „Es war ein langes Spiel, ein harter Fight. Ein Spiel, das wir am Ende wahrscheinlich mit unserer Hartnäckigkeit, mit unserem Willen, mit einer gewissen Zähigkeit, trotzdem an den Sieg zu glauben, und unseren Zuschauern gewonnen haben. Niemand kann behaupten, dass die Mannschaft nicht alles gegeben hat. Es war ein kompliziertes Spiel, weil wir verpasst haben, das zweite Tor zu machen. Jetzt freuen wir uns über das Ergebnis, aber wir müssen auch kritisch in die Analyse, um bereit zu sein für das Derby am Samstag.“

Jens Keller: „Ich muss mich wohl heute bei der Mannschaft entschuldigen, die Niederlage geht auf meine Kappe. Wir haben leider vergessen, Elfmeterschießen zu trainieren. Die Leistung der Mannschaft war großartig. Trotz des Ausscheidens heute bin ich sehr, sehr stolz auf meine Truppe.“

27.10.2016, Boris Davidovski


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