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Fußball offline - 16.09.2016

Die Modernisierung des deutschen Fußballs auf dem Weg zum vierten Stern

Jogi Löw, Oliver Bierhoff und eigentlich der ganze DFB sind in Dortmund nicht wohl gelitten. Schon früh wurde dem Bundestrainer eine Vorliebe für süddeutsche Spieler unterstellt, die Trennungen von Frings und Ballack als „Typen“ kritisch gesehen. Die Nationalmannschaft war vielen Dortmundern in den letzten Jahren wohl auch zu klinisch, im Ruhrpott wird ja oftmals noch eine dreckigere Variante des Fußballs geliebt, selbst wenn die Ballstafetten des BVB in der letzten Saison davon nur noch wenig übrig ließen. Bei aller Kritik und möglicher Antipathie kommt man seit zwei Jahren an einem Fakt nicht mehr vorbei: Jogi Löw wurde mit der Nationalmannschaft 2014 in Brasilien Weltmeister, was bereits ein Anzeichen dafür ist, dass nicht alle seine Maßnahmen falsch gewesen sein können.

Raphael Honigstein zeigt in seinem Buch „Der vierte Stern. Wie sich der deutsche Fußball neu erfand“, dass Jogi Löw und sein Team sogar sehr viel richtig gemacht haben, auch wenn die Modernisierung des Fußballs seit der Jahrtausendwende nicht alleine ihr Verdienst war. Honigstein, der als Sportjournalist unter anderem für den Guardian und die Süddeutsche Zeitung, aber auch das Red Bull Magazin Redbulletin schreibt, wechselt regelmäßig zwischen den Ereignissen in Brasilien während der Weltmeisterschaft sowie den Maßnahmen und Entwicklungen, die den deutschen Fußball seit der Jahrtausendwende geprägt haben. Auf diese Weise erklärt er auf überzeugende Weise den WM-Titel nicht nur durch singuläre Ereignisse während des Turniers, sondern als Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der den Erfolg zwar nicht garantierte, aber wahrscheinlich machte.

Ende der 1990er Jahre geriet der deutsche Fußball in eine Sackgasse

Der deutsche Fußball war in den 1990er Jahren in eine Sackgasse geraten und hatte den Anschluss an den modernen Fußball verloren. Raumdeckung, Pressing und Viererkette spielten weder in der öffentlichen Debatte noch in der fußballerischen Praxis eine Rolle. Fernsehexperten wie Michael Schulz, beim BVB lange Zeit als Verteidiger aktiv, konnten noch 2002 mit der Viererkette nichts anfangen: „Wenn du mit drei Verteidigern spielst, hast du sowieso schon die meiste Zeit nichts zu tun. Mit vier Verteidigern wäre es noch schlimmer.“ Während Arrigo Sacchi als Trainer des AC Mailand bereits Ende der 1980er Jahre mit der Viererkette internationale Erfolge feierte, spielte die deutsche Nationalmannschaft erstmals 2002 während der Weltmeisterschaft in Südkorea mit der neuen Defensivstrategie. Nachhaltige Wirkung hatte dies nicht, da der Fokus der Debatte auf dem Fehlen der Talente lag. Es dauerte noch einige Jahre, bis sich moderne Taktik und Trainingsgestaltung auch im deutschen Spitzenfußball durchsetzten.

Raphael Honigstein beschreibt drei miteinander verschlungene Reformanstöße und deren Wirkung auf den deutschen Fußball. Zwei hatten ihren Ursprung bereits vor den desaströsen EM-Turnieren 2000 unter Erich Ribbeck und 2004 unter Rudi Völler. Schon 1996 setzte sich Berti Vogts für eine Reform der Jugendausbildung ein, die damals beim DFB nur eine Nebenrolle spielte und in den Händen der Regionalverbände lag. Es dauerte einige Jahre, bis alle Widerstände überwunden waren und ein dichtes Netzwerk von DFB-Stützpunkten und Nachwuchsleistungszentren, die bei den Vereinen angesiedelt sind, gebildet wurde. Dieses Netzwerk garantiert nicht nur die Sichtung von mehr als 600.000 Jugendlichen pro Jahr, sondern auch regelmäßige zusätzliche Trainingseinheiten für Talente. Zugleich wurden die Trainerausbildung verbessert und die Lehrinhalte vereinheitlicht, um ein effektiveres Training zu gewährleisten.

Ein weiterer Anstoß kam von einem Trainernetzwerk aus dem süddeutschen Raum, das noch heute Talente wie Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann hervorbringt. Ihr Mentor war Helmut Groß, der als erster Trainer ballorientierte Raumdeckung praktizierte, bei welcher der Raum um den ballführenden Spieler zugestellt und der Ball aggressiv attackiert wird – modernes Pressing, wie es heute in der Bundesliga üblich ist, jedoch noch in den 2000er Jahren kaum praktiziert wurde. Groß trat Mitte der 1980er Jahre in den Trainerlehrstab des Württembergischen Fußball-Verbands ein und nahm enormen Einfluss auf die Ausbildung moderner Fußballlehrer wie Ralf Rangnick. Aber auch Wolfgang Frank, der Mentor Jürgen Klopps, war von seinen Ideen fasziniert. Diese Außenseiter der Trainergilde, die oftmals keine beeindruckende Fußballerkarriere  hinter sich hatten, mussten sich allerdings zunächst in unterklassigen Ligen beweisen und es dauerte eine Weile, bis sie sich in der Bundesliga etablierten.

Den dritten Anstoß sieht Honigstein in der Reform der Nationalmannschaft selbst, die Jürgen Klinsmann 2004 in Angriff nahm und die in der Folge von Joachim Löw immer wieder einen Schritt weitergeführt wurde. Die Bedeutung Klinsmanns für den Reformprozess wird in der deutschen Öffentlichkeit heute oftmals durch sein gescheitertes Engagement beim FC Bayern überlagert, dabei war sein Beitrag tiefgreifend. Noch unter Rudi Völler wurde bei der Nationalmannschaft nicht ernsthaft trainiert, Spiele mit der Nationalmannschaften galten eher als Erholungsurlaub vom Stress in den Vereinsmannschaften. Klinsmann brachte moderne Leistungsdiagnostik zum DFB und hatte auch einen Sinn für moderne Fußballtaktik, die allerdings noch stärker von Joachim Löw implementiert wurde. Vor allem bemühten sich Klinsmann und Löw, unterstützt von Oliver Bierhoff, immer wieder, neue Anregungen von außen aufzunehmen und an die Nationalmannschaft heranzuführen. Der Zustrom neuer Talente aus der Nachwuchsförderung und das modernisierte Fußballverständnis in der Bundesliga ermöglichten es Löw in seiner Zeit als Bundestrainer, mit der Nationalmannschaft modernen Fußball zu spielen, der sich nicht mehr auf vermeintlich deutsche Tugenden verlassen musste, sondern der technische und taktische Lösungen auf die Herausforderungen der Gegner sucht und findet.

Gelungene Darstellung mit wenigen blinden Flecken

Diesen Bruch zwischen dem alten und dem neuen Fußball in Deutschland darzustellen gehört zu den großen Stärken von Honigsteins Buch, das zahlreiche vielsagende Zitate zu bieten hat. Michael Skibbe, Co-Trainer von Rudi Völler und damals im Ruf, ein Experte für Nachwuchsarbeit zu sein, erklärte sich das Fehlen von Talenten in Deutschland mit der fehlenden sozialen Not in der Bundesrepublik: „In Deutschland gibt es kaum die Notwendigkeit, deinen sozialen Status durch Sport zu verbessern.“ Solche sozialdarwinistischen Sichtweisen wurden durch die hervorragende Jugendarbeit in den folgenden Jahren eindrucksvoll widerlegt. Selten brachte der deutsche Fußball so viele herausragende Talente hervor wie in den letzten Jahren. Honigstein zerlegt auch den boulevardesken Ruf nach einem Führungsspieler, dem die Aufgabe zufallen sollte, Deutschland aus dem sportlichen Dilemma der Zeit um die Jahrtausendwende herauszuführen. Er stellt richtig fest: „Nicht Führungsschwäche, sondern der Mangel an kollektivem Verständnis war das Hauptproblem des deutschen Fußballs im Jahr 2000.“

Raphael Honigstein ist ein Buch gelungen, das einen erhellenden Einblick in den deutschen Fußball der letzten knapp zwanzig Jahre bietet und das zudem ungemein gut zu lesen ist. Die selektive Auswahl der Gesprächspartner verursacht jedoch ein paar Lücken oder schiefe Darstellungen. Honigstein hat vor allem mit Vertretern des DFB gesprochen und mit Per Mertesacker in London offenbar viel Zeit verbracht. Zu den hervorgehobenen Gesprächspartnern gehörte auch Ralf Rangnick, und tatsächlich wird der umstrittene RB-Sportdirektor ungewöhnlich freundlich dargestellt. Mancher Vereinsfan wird sich auch an dem starken Fokus auf den FC Bayern stören. Fraglos steckt viel Bayern München in der Nationalmannschaft, für viele Dortmunder auch vielleicht zu viel Bayern München, aber es wäre doch interessant gewesen, einmal etwas abseits der Hauptlinien nach der Entwicklung des modernen Fußballs zu schauen. Die Dortmunder Meisterschaften 2011/12 finden kaum Niederschlag, Jürgen Klopps Wirkung wird vor allem anhand seiner Fernsehanalysen während der Mainzer Zeit gewürdigt. Noch gravierender ist der blinde Fleck bei der Jugendarbeit der Vereine. Hier erliegt Honigstein dem „Mia san Mia“-Mantra des FC Bayern: „Jedes Bayern-Team, von den Profis bis zur U 9, hat stärkere Einzelspieler als der Gegner, jedes Wochenende wieder, egal wie der Gegner heißt. Siege sind nicht nur Pflicht, sondern auch recht wahrscheinlich. Die Bayern-Spieler wissen das ebenso wie ihre Rivalen. Diese Aura der Unbesiegbarkeit allein garantiert jedes Jahr ein paar Punkte.“ Ganz so viele Punkte können es dann aber doch nicht sein, denn in der A-Jugend wurde der FC-Bayern zuletzt 2004 Meister, in der B-Jugend 2007. Hingegen dominierten in den letzten Jahren die NRW-Mannschaften sowie aus dem Süden Hoffenheim und Stuttgart. Der FC Bayern hat hier eine Entwicklung verschlafen, deren Analyse gut in den Rahmen von Honigsteins Buch gepasst hätte und die die Vielgestaltigkeit des Aufbruchs des deutschen Fußballs nochmals unterstrichen hätte. Das sind jedoch nur kleine Abstriche an einem ansonsten sehr gelungenen Buch. 

Das Buch könnt ihr unter anderem bei Amazon bestellen.

PatBorm, 16.09.2016


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