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Reportage - 16.08.2016

Zwischen Trauer, Entsetzen und Wut - Gedenkstättenfahrt 2016 nach Lublin

Auf der Spurensuche Dortmunder Jüd*innen in PolenEin gutes Jahr ist seit der Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz vergangen. Und was ist seither alles passiert, gerade hier in Europa, dem Kontinent, dem gerade im vergangenen Jahrhundert so viel Leid widerfahren ist. Und was ist insbesondere in Deutschland passiert, dem Verursacher ebenjenen Leides. Die Gesellschaft ist seit dem vergangenen Jahr - zumindest gefühlt - ein ganzes Stück nach rechts gerückt. Menschen aus anderen Kulturkreisen wird zunehmend mit Ablehnung begegnet, teilweise sogar mit blankem Hass. Ihre Unterkünfte gehen in Flammen auf. Deutschland im Jahr 70 nach der Befreiung von menschenverachtendem Faschismus und Rassismus.

Das Teatr NN dokumentiert jüdisches Leben in LublinUnd in diesen Zeiten stand nun eine weitere Gedenkstättenfahrt nach Polen an. Unter dem Motto „Dortmunder Jüdinnen und Juden in den Lagern und Ghettos der ‚Aktion Reinhardt‘ - die Deportation nach Zamosc am 30. April 1942“ machten sich rund 35 BVB-Fans auf die Spurensuche im Südosten Polens.

Deportation Dortmunder Juden aus 1942 als thematischer Anknüpfungspunkt

Der thematische Anknüpfungspunkt der Reise war die Deportation von rund 800 Menschen am 30. April 1942 vom Dortmunder Südbahnhof nach Zamosc, wo der Zug am Morgen des 3. Mai 1942 ankam. Noch heute erinnert übrigens ein Mahnmal kurz vor der Continental-Versicherung - leider etwas versteckt und irgendwie surreal anmutend neben der B54 - an diese Gräueltat der Nazis.

Die zentrale Station unserer Reise, die bereits seit mehreren Jahren von Borussia Dortmund in Kooperation mit der Auslandsgesellschaft NRW angeboten wird, war das zentral gelegene Lublin, von wo aus die umliegenden Gedenkorte angesteuert werden können. Einer ersten Stadterkundung folgte der Besuch des Teatr NN, einer Einrichtung, die sich der Dokumentation jüdischen Lebens in Lublin verschrieben hat und insbesondere durch akribische Recherchearbeit die Erinnerung an die Opfer der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten aufrechterhält.

Das Vernichtungslager Belzec

Belzec lässt das Grauen real erscheinen

War der erste Tag noch relativ abstrakt, so sollte der folgende Tag die Thematik erschreckend real erscheinen lassen. Nach der Fahrt in das Transitghetto Zamosc, dem Ziel des Dortmunder Transportes des Jahres 1942, stand mit dem Besuch des ehemaligen Vernichtungslagers Belzec einer der emotionalen Tiefpunkte der Fahrt auf dem Programm. Dort wurden im Laufe des Jahres 1942 über 400.000 Menschen systematisch ermordet. Den Nazis gelang es leider, die Spuren des Vernichtungslagers größtenteils zu verwischen, sodass an dem Gedenkort keine Baracken und Häuser mehr Zeugnis der deutschen Gräueltaten ablegen können. Und vermutlich ist es genau diese Atmosphäre, die diesen Ort mit besonderer Trauer, besonderem Schmerz und besonderer Wut umgibt. Erst im Jahr 2004 wurde der künstlerisch rekonstruierte Ort als Gedenkstätte eröffnet. Ein riesiges Steinfeld erhebt sich langsam den Hügel hinauf, umgrenzt von bewusst rostigen Drähten, in der Mitte ein Gang mitten durch den ansteigenden Hügel, an dessen Ende eine Gedenkwand steht.

Blick von außen in das Vernichtungslager BelzecEs ist diese psychische Herausforderung, die Belzec zu einem kaum auszuhaltenden Ort werden lässt. Durch die Zerstörung des Lagers ist der Besucher gezwungen, sich die Geschehnisse vor Ort selbst vorzustellen. Man blickt auf ein Meer von Steinen und stellt sich vor, wie hier vor 74 Jahren vom Rassenwahn getriebene deutsche Verbrecher die Menschen wie Vieh vor sich hertrieben und in den Tod schickten. Ein Grauen, das sich nur schwer in adäquate Worte fassen lässt - und die Umgebungstemperatur von fast 30 Grad gefühlt in den Minusbereich sinken lässt. Und mit der Zeit wächst die Wut, dass es den Nazis gelungen ist, ihre Spuren, die Zeugnisse ihrer Taten, hier weitgehend zu verwischen. Diese Wut sollte zwei Tage später noch weiter wachsen.

Der Eingang ins Lager Majdanek - hinten das Mausoleum

Den Opfern so nah verbunden in Majdanek

Doch zuvor stand am Tag darauf erst einmal der Besuch des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek an. Dieses, vor den Toren der Stadt Lublin gelegene Lager kostete zwischen 1941 und 1944 rund 80.000 Menschen das Leben, bevor es durch den Vormarsch der Roten Armee überhastet geräumt wurde - wodurch immerhin noch einige Baracken und Gebäude erhalten geblieben. Als markdurchdringendes Mahnmal wurde ein Mausoleum errichtet: Unter einer rund zwanzig Meter großen Steinkuppel wurden die Asche sowie die übrigen sterblichen Überreste der Opfer zusammengetragen. 

Blick auf das Mausoleum in MajdanekEin intensiver Moment, fühlt man sich hier den Opfern doch irgendwie so nah und verbunden, kann ihren seelischen und körperlichen Schmerz und ihr Leid in einer gewissen Art spüren. Besonders surreal an diesem Ort ist der Umstand, dass die Wohnblöcke Lublins quasi an den Lagergrenzen beginnen - und auch damals schon vorhanden waren. Ein systematischer Massenmord unter den Augen der Öffentlichkeit.

Spuren in Sobibor fast komplett verwischt

Der Besuch des Vernichtungslagers Sobibor am vorletzten Tag bildete den Abschluss der Gedenkstättenfahrt. Von 1942 bis zum Aufstand der Inhaftierten im Oktober 1943 wurden hier etwa 250.000 Menschen ermordet. Nach dem Aufstand zerstörten die Nazis das Lager und versuchten die Spuren zu verwischen - und man muss sagen, dass ihnen das leider gelungen ist. 

Die Gedenk-Allee in SobiborWer heute ohne Vorwissen das kleine, verschlafen wirkende Dorf besucht, der dürfte kaum ahnen, welches Grauen sich hier zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges abgespielt hat. Und lange Zeit schien es auch kaum jemandem ein Anliegen zu sein, die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Versteckt in einem Wald wurde vor einigen Jahren eine Gedenkallee mit Namen der Ermordeten und auch in Andenken an die vielen anonymen Opfer errichtet. Erinnerung an die anonymen Opfer in SobiborErgänzend zeugen einige Gedenktafeln von der Geschichte des Ortes. Ähnlich zu Belzec wurde hier ebenfalls ein rundes Mausoleum errichtet, dessen Hügel jedoch hier nur aus Erde besteht und einen symbolischen Charakter aufweist. Gegen Ende des Besuchs von Sobibor kommen zu der Trauer und der Betroffenheit noch Entsetzen und Wut hinzu, dass dieser im negativen Sinne geschichtsträchtige Ort heute weitgehend unbeachtet bleibt; und dass es den Nazis auch hier gelungen ist, ihre Spuren weitgehend zu verwischen.

Eintreten für Weltoffenheit und Toleranz als Aufgabe der Geschichte

Ein Besuch des ehemaligen Warschauer Ghettos am Abflugtag bildete den Abschluss der diesjährigen Reise nach Polen. Was bleibt nun unter dem Strich hängen? Abermals wurde uns vor Augen geführt, wohin fanatischer Rassismus führen kann. 

Eine Führung durch das Warschauer Ghetto bildete den AbschlussRassismus tötet - früher oder später. Es ist unsere heutige Aufgabe, die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten, wachzuhalten und somit dafür zu sorgen, dass sich dieser Verlust an Menschlichkeit, der so viel Verderben von Deutschland aus über Europa und die Welt gebracht hat, niemals wiederholen. Wie wichtig diese, unsere Aufgabe ist, das zeigt sich an den eingangs geschilderten Zuständen, in denen wir im Hier und Heute leben. Und wieder machen wir Fehler. Ohne eine selbstredend unzulässige Gleichsetzung mit dem Dritten Reich anzustreben, doch wieder schauen wir bei der Etablierung antidemokratischer Systeme vor unserer Haustür nur tatenlos zu, teilweise innerhalb der EU (Polen, Ungarn), teilweise unmittelbar daneben (Türkei).

Doch man muss nicht in andere Länder schauen, wir haben genügend Probleme vor der eigenen Haustür. Seien es antisemitische Lieder und Parolen, die in einigen Kreisen der deutschen Fanszenen, leider auch hier in Dortmund, in letzter Zeit wieder en vogue zu werden scheinen; oder sei es der ganz alltägliche Rassismus in der Gesellschaft, wie zu Beginn des Artikels geschildert. Das kompromisslose Eintreten für Weltoffenheit und Toleranz - das ist unser Erbe der damaligen Verbrechen. Und das sind wir den Opfern schuldig.

KICK RACISM OUT!
Refugees welcome.
Hevenu shalom alechem.

Samuel Woiczyk, 16.08.2016

Fotos mit freundlicher Genehmigung von dp pictures.


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