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Spielbericht Profis - 16.08.2016

Langsam ernährt sich der Vizemeister …

Duell BVB-Abgang Hummels gegen BVB-Neuzugang DembeleWohl selten erlebte die Dortmunder Borussia schon vor dem ersten offiziellen Pflichtspiel der neuen Saison eine turbulentere Phase als in dieser Sommerpause. Nach den Abgängen der drei wichtigsten Säulen im Dortmunder Spiel der vergangenen Saison (Hummels, Mkhitaryan und Gündogan) wurde der Kader von Cheftrainer Thomas Tuchel einer fast schon radikalen Verjüngung unterzogen. Ganze acht Neuzugänge konnten Michael Zorc und Co. unter Dach und Fach bringen, die spektakulärste Personalie war dabei sicherlich die Rückkehr des „verlorenen“ Sohnes Mario G. nach dreijähriger Abstinenz und süddeutscher Verirrung in den schwarzgelben Tempel. Aber ob Hummels, Rode oder auch Götze: Das ewige Prestige-Duell der beiden derzeitigen Alleinherrscher des deutschen Fußballs lieferte auch an diesem Abend genug Nebenschauplätze abseits des sportlichen Wettkampfes. Für die Bayern mit neuem Maestro an der Seitenlinie namens Carlo Ancelotti wohl nicht mehr als ein erster ernstzunehmender Abruf der momentanen Leistungsfähigkeit, für den BVB irgendwas zwischen einem weiteren Schritt zur Findung einer neuen spielerischen Identität und der gleichzeitigen Integration der vielen neuen Einflüsse und Mannschaftselemente. Nichtsdestotrotz hieß es: Meister gegen Vizemeister. Vorhang auf zur neuen Spielzeit!

Taktik und Personal

Duell Rode gegen VidalDer BVB mit gleich drei Neuzugängen in der Startelf: Bartra, Rode und Dembélé durften sich von Anfang an präsentieren. Bürki im Tor, Youngster Passlack, Schmelzer und Sokratis komplettierten den Abwehrverbund. Neben Debütant und Ex-Bayer Rode durfte Castro ran. In der Offensive durften Kagawa, Ramos, Dembélé und Aubameyang ihr Glück versuchen. Götze, Schürrle, Mor und Guerreiro begannen ihr erstes Pflichtspiel in Schwarzgelb somit vorerst von der Bank.

Erste Hälfte

Spätestens beim Anpfiff war das Kribbeln dann doch endgültig da: Der Ball rollte wieder im Fußballtempel Deutschlands. Die Anfangsphase beim alljährlichen Duell der Giganten war zumindest auf Dortmunder Seite vor allem von Anspannung und leicht spürbarer Nervosität geprägt. Und den angespannten Moment durften nach knapp fünf Minuten dann auch die Fans auf den Rängen erleben: Nach einem harten Zweikampf mit Martinez blieb Aubameyang für einige Zeit mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Grün liegen, konnte dann aber zum Glück doch wieder weitermachen. Das erste spielerische Ausrufezeichen durfte der BVB auf den Spielbericht setzen, Kagawa hatte die erste ernstzunehmende Möglichkeit, die allerdings knapp am Kasten von Neuer vorbei strich. Auffällig vor allem in der ersten Phase des Spiels: Die Bemühungen der neuformierten Abwehrreihe um Kommunikation und Verständigung.

Aufregung um Passlack und RibéryDie lautstarken Pfiffe der Zuschauer gegen Mats Hummels wichen dann kurze Zeit später einem vermeintlichen ersten Torjubel, doch Aubameyang zögerte völlig freistehend viel zu lange vor dem Tor und Javi Martinez bekam in letzter Sekunde noch das lange Bein dazwischen. Die Bayern waren spielerisch noch nicht in der Partie angekommen, der BVB entwickelte durch Halbchancen zunehmend so etwas wie Torgefahr. Die erste strittige Szene erlebte das Westfalenstadion nach einer Flanke vom sehr aktiven Passlack, die Alonso relativ deutlich im Strafraum mit der Hand bearbeitete, Schiri Welz ließ dies aber ungeahndet. Glück für die Roten. Generell rührte Felix Passlack durch wiederholt starke Aktionen, sowohl offensiv als auch defensiv, in der gesamten ersten Hälfte deutlich die Werbetrommel in eigener Sache. Freundschaftliche Aufeinandertreffen erlebte der Youngster dann auch immer wieder mit dem Temperamentbeauftragten Franck Ribéry. Eine endgültige Freundschaftsanfrage schickte der Franzose dann im Zweikampf mal wieder mit der Hand durch das Gesicht des jungen Dortmunders. Bei dem ein oder anderen löste dies Erinnerungen an das vergangene Pokalfinale aus, denn das Resultat war dasselbe: Ribéry bekam nur Gelb und durfte auf dem Rasen bleiben. Mittlerweile leider schon fast Gewohnheit und scheinbar unbelehrbarer Standard im Spiel des französischen Ausnahmekönners. Spätestens diese Szene trug dann dazu bei, dass die Partie an Intensität gewann und die Zweikämpfe um einiges giftiger wurden.

Zum Verzweifeln: Auch Shinji hatte beste MöglichkeitenBezeichnend dafür gestalteten sich die letzten Minuten der ersten Hälfte als besonders ereignisreich. Riesen-Doppelchancen von Dembélé und Ramos blieben ungenutzt bzw. wurden stark von Neuer pariert, im Anschluss kam Vidal auf der Gegenseite völlig frei zum Kopfball, den Bürki überragend fischen konnte.

Das Fazit der ersten Hälfte: Die letzten 15 Minuten hätten durchaus gereicht, Passlack, Bürki und Neuer waren die mit Abstand stärksten Akteure.

Zweite Hälfte

Zu Beginn der zweiten Hälfte merkte man vor allem Felix Passlack an, dass er dort anknüpfen wollte, wo er im ersten Abschnitt aufgehört hatte. Erst schüttelte er im Zweikampf stark Buddy Ribéry ab, dann scheiterte er mit der eigens eingeleiteten Chance erst am stark reagierenden Neuer. Auch Neuzugang Dembélé war scheinbar nicht gänzlich zufrieden mit dem eigenen Auftritt im ersten Spielabschnitt und hatte kurze Zeit später nach einem starken Antritt gegen drei Mann die nächste dicke Möglichkeit, für den BVB in Führung zu gehen, doch abermals konnte Neuer den Ball aus der Ecke kratzen. Die Borussia war zu diesem Zeitpunkt die deutlich aktivere Mannschaft, doch den ersten Treffer markierte in Minute 58 dann leider der Rekordmeister und das auf überragende Art und Weise. Ribéry hebelte mit einem starken Pass in die Schnittstelle auf Lewandowski die Hintermannschaft aus, der Pole spielte anschließend quer auf den völlig alleine gelassenen Vidal. Den ersten Versuch parierte Bürki noch stark, gegen den Nachschuss war der Schweizer dann jedoch machtlos.

Bitter: am Ende jubeln nur die RotenMehr Torschüsse, die klareren Torchancen und ein Eckenverhältnis von 7:1 für Schwarzgelb: Die Statistik spiegelte das Ergebnis und den Spielverlauf nur bedingt wider. Doch der Gegentreffer ließ merklich die Luft aus dem Spiel des BVB, die Bayern standen tief und sattelfest und lauerten auf leichtfertige Ballverluste und Kontermöglichkeiten. Und die bekamen sie dann auch. Immer wieder brachen die Münchener auf den Außenbahnen durch, unter anderem mit Coman, Müller und Lewandowski. Tuchel musste einsehen: Dem Spiel  fehlte eine klare und ordnende Hand, die eine Lücke im bayerischen Defensivverbund ausmachen konnte. Neben Debütant Schürrle kam Jule Weigl in die Partie. Wirkliche Impulse konnten jedoch auch die frischen Kräfte dem Spiel nicht liefern, und so bewegte sich die Partie knappe zwanzig Minuten im Standby-Modus. Bayern musste nicht, der BVB konnte nicht. Die Hoffnung auf den ersten Titel der neuen Spielzeit löste sich dann spätestens in der 78. Minute auf: Ecke für die Roten, (ausgerechnet) Hummels verlängerte den Ball an den Fünfer, Müller schob locker zum 2:0 ein. Wäre dies normalerweise wohl keine Vorentscheidung in solch einem Duell gewesen, hatte man an diesem Abend nicht unbedingt das Gefühl, dass die Borussia die Partie noch spannend gestalten könnte.

Die Spieler nach Abpfiff vor der SüdtribüneGrößtenteils uninspiriert war dementsprechend auch die Stimmung auf den Tribünen während der gesamten Spieldauer. Stellenweise Konterlautstärke bei deutlich zu vernehmenden Schmähungen aus dem Gästeblock wechselte sich vor allem gegen Ende mit langwieriger Stille und gelegentlichen Unmutsbekundungen seitens der Borussen-Fans über das glücklose Spiel ab.

Fazit

Aufgrund der zweiten Halbzeit ein letztlich verdienter Sieg der Bayern. Allerdings hätte der BVB mindestens einen Treffer erzielen können, wenn nicht sogar müssen. Die Münchener vergaben ihre Möglichkeiten in der ersten Hälfte zwar ebenfalls, schlugen im zweiten Abschnitt dann aber eiskalt zu und ließen in der Folge auf souveräne Art und Weise nichts mehr anbrennen. Der Borussia fehlte es ein ums andere Mal vor allem in der Defensive an den nötigen Automatismen in der Rückwärtsbewegung und der Abstimmung. So wirklich schlau wird man aus der endgültigen Analyse dieser Partie aber trotzdem nicht: In der ersten Hälfte waren die Schwarzgelben voll auf der Höhe, hatten reichlich Chancen und hätten die Partie zu ihren Gunsten lenken können. Der Leistungsabfall im zweiten Abschnitt lässt jedoch nur schwer darauf schließen, wo genau der Status quo des BVB in puncto Leistungsfähigkeit im Moment anzusiedeln ist. Überbewerten sollte man diese Begegnung aus Sicht der Borussia in jedem Fall mitnichten.

Statistik

BVB: Bürki - Passlack, Sokratis, Bartra, Schmelzer (C) - Castro, Rode - Ramos, Kagawa, Dembélé - Aubameyang

FC Bayern: Neuer - Lahm, Hummels, Martinez, Alaba - Alonso, Vidal - Ribéry, Thiago, Müller - Lewandowski

Pokalübergabe Schiedsrichter: Tobias Welz

Assistenten: Rafael Foltyn, Dr. Martin Thomsen

Vierter Offizieller: Tobias Stieler

Tore:0:1 Vidal (58.), 0:2 T. Müller (79.)

Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)

Torschüsse: 20:9

Ecken: 7:2

Ballbesitz: 54:46 %

Stimmen zum Spiel:

Thomas Tuchel fühlte sich an das Pokalendspiel erinnertThomas Tuchel (über das Spiel): „Wir mussten eine unverdiente und unglücklihe Niederlage hinnehmen. Wir haben sehr viel investiert. Die Mannschaft hat eine gute Energie auf dem Platz gehabt und sich vor allem in der ersten Halbzeit gute Chancen herausspielen können; das war auch unser Anspruch. Jedoch haben wir durch Leichtsinn und kleinere technische Fehler immer wieder mal den Faden verloren.“

über das Duell Passlack gegen Ribery: „Ich beurteile die Szene wie im Pokalfinale. Man muss nur die Bilder sehen, dann gibt es keine Zweifel. Heute standen Linienrichter, vierter Offizieller und Schiedsrichter im Dreieck aus 15 Metern Entfernung. Der selbe Spieler, die gleiche Aktion, heute wieder, okay…”

Boris Davidovski, 15.08.2016


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