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Unsa Senf - 06.07.2016

Kein Plädoyer für einen Weltmeister

Eins muss vorweg gesagt werden: Ich mag den Spielertypen André Schürrle. Schon zu Zeiten, als die Bruchweg-Boys aus Mainz die Bundesliga unter Thomas Tuchel überrollten, war der offensive Flügelspieler zwischen Lewis Holtby und Adam Szalai derjenige, der mich mit seiner offensichtlichen fußballerischen Qualität am meisten begeistern konnte. Doch bei Betrachtung der Gegenwart scheinen diese Eindrücke eine gefühlte Ewigkeit her zu sein. Denn die Realität im Jahr 2016 sieht ganz anders aus.

Es ist absolut legitim, von Leverkusen nach Chelsea zu wechseln und zu scheitern, solche Chancen bieten sich im Leben selten ein zweites Mal. Schürrle ist nicht der erste und auch nicht der letzte Profi, der seine eigenen fußballerischen, aber vor allem seine taktischen Fähigkeiten komplett überschätzt. Also was tun? Zurück nach Deutschland? 2015 blätterte der VfL Wolfsburg sage und schreibe 30 Millionen Euro hin, José Mourinho sei Dank. Schürrle glücklich, VW zufrieden. Doch auch in der Autostadt läuft es nicht. Der Nationalspieler steckt längst in einem chronischen Formtief, und niemand weiß so recht warum. 63 Pflichtspiele im grünen Dress und 13 Tore gepaart mit zehn Vorlagen später ist nun der BVB angeblich tatsächlich an einer Verpflichtung interessiert.

Ja, Schürrle ist Weltmeister und Vorbereiter des goldenen Treffers im Finale gegen Argentinien. Ja, Schürrle ist schnell und hat einen guten Abschluss aus der Distanz. Und ja, Schürrle hat wohl einen besonderen Draht zu Thomas Tuchel. Aber sonst? Richtig, nicht viel.

Nach dem menschlich fragwürdigen, sportlich aber doch schmerzhaften Abgang von Henrikh Mkhitaryan zu Manchester United ist die Borussia auf der Suche nach einem halbwegs gleichwertigen Ersatz für die Offensive. Und nun scheint wirklich die Zeit gekommen zu sein, erstmals an die Vernunft und das in Transferfragen sonst so rationale Denkvermögen der sportlichen Führung des BVB zu appellieren. Bei dem Gedanken, dass das von der Borussia angeblich erstmalig unterbreitete Angebot von knapp 20 Millionen deutlich zu wenig sei, läuft es mir persönlich kalt den Rücken runter.

Unter KEINEN Umständen ist ein André Schürrle in jetziger Verfassung 42, 30 oder sogar auch 20 Millionen Euro wert. Unter KEINEN Umständen ist André Schürrle in sportlicher Hinsicht, aktuell, eine deutliche Verstärkung gegenüber den Spielern, die man entweder schon im Kader hat oder für dasselbe Geld bekommen könnte. Yarmolenko? Kovacic? Isco? Nein, es müssen ja nicht mal teure Neuzugänge sein. Man hat mit Dembélé, Mor und Pulisic mindestens drei junge und hungrige Akteure, die für die vakante Stelle in Frage kommen würden. Einen gewissen „Kuba“ nicht zu vergessen.

Es scheint, als hoffe das Triumvirat aus Watzke, Zorc und Tuchel darauf, dass sich der Offensivspieler unter dem neuen alten Coach zu einer lange vergessenen Topform aufschwingen kann. Sollte dies das Hauptargument für eine Verpflichtung sein, wäre das Maß an Naivität damit wohl nicht zu überbieten. Und nochmals: André Schürrle kann Fußball spielen. Sogar überdurchschnittlich gut. Und sollte der BVB den Transfer tatsächlich über die Bühne bringen und Schürrle zur Form aus Mainzer und Leverkusener Zeiten finden, dann nehme ich alles zurück und lasse ich mich sehr gerne eines Besseren belehren. Doch ein Transfer mit dem aktuellen Preis-Leistungsverhältnis wäre aus sportlicher und finanzieller Sicht absolut unnötig und nicht zu rechtfertigen.

06.07.2016, Boris Davidovski


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