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Unsa Senf - 04.07.2016

Ein Hauch von Baskenland im Tempel

Knappe vier Minuten dauerte der Redeschwall des jungen Mannes auf dem Podium. Im Rahmen der eigens für ihn eingerichteten Pressekonferenz fiel überdurchschnittlich oft das Wort „Danke“. Mitspieler, Trainer, Fans und Einwohner der Stadt - sie alle bekamen ein großes Stück vom vielschichtigen Kuchen der Dankbarkeit und Zuneigung, den Mikel Merino am Tag des Abschieds von seinem Herzensklub für all die Menschen übrig hatte, die ihn in guten und in schlechten Zeiten bedingungslos unterstützt haben. Am Ende seiner Ansprache konnte sich der für seine erst 20 Jahre sonst so ruhige, reife und bedachte U-Nationalspieler Spaniens den Ansatz einer Träne dann doch nicht verkneifen. Zu intensiv und erlebnisreich waren die zwei letzten Jahre im Profiteam von Pamplona, bei dem er schon mit 18 sein Debüt feiern durfte.

Der emotionalen Verbundenheit tat vor allem die abgelaufene Spielzeit keinen Abbruch. Im Gegenteil: Merino war maßgeblich daran beteiligt, dass Osasuna den Wiederaufstieg in die Primera Division feiern durfte und hatte nicht nur mit seinen drei Toren in den Playoff-Spielen gegen Gimnastic de Tarragona erheblichen Anteil daran, dass das Zentrum von Pamplona anschließend einer riesigen Aufstiegsparty komplett in „rojo“ glich. Als Kirsche auf der Abschiedstorte wurde ihm seitens der spanischen Liga für seine Leistungen im Monat Juni dann auch noch der Titel als „Spieler des Monats“ verliehen. Auf eine bessere Art und Weise kann man das langjährige heimische Nest eigentlich nicht verlassen, um sich einer neuen Herausforderung zu widmen.

Diese Herausforderung heißt nun also Borussia Dortmund. Neue Sprache, neue Kultur, neues Land, neues und deutlich höheres sportliches Niveau - auf den ersten Blick ein riesiger Schritt für einen erst 20-Jährigen. Doch wen genau dürfen der BVB samt Anhänger in Mikel Merino eigentlich erwarten, wenn Thomas Tuchel am 4. Juli zumindest einen Teil des Kaders zum offiziellen Trainingsstart begrüßt?

Ob Raul Garcia, Cesar Azpilicueta oder Javi Martinez - die Liste der heute erfolgreichen und der Jugendschmiede von Osasuna entsprungenen Profis liest sich wie ein kleines „Who is who“ des spanischen Fußballs. Damit zwar unfreiwillig in mehr oder weniger große Fußstapfen tretend, schickt sich der Neu-Borusse an, der nächste langjährig feingeschliffene Rohdiamant aus der Fußballschule der baskischen Provinzhauptstadt aus dem Norden Spaniens zu werden.

Vornehmlich auf der defensiven Mittelfeldposition unmittelbar vor der Abwehr beheimatet, kann Merino jedoch auch offensiv verschiedene Räume zwischen den beiden Strafräumen ausfüllen und damit gehörigen Zug zum Tor entwickeln. Bewegungsabläufe, technische Versiertheit und hohe Ballsicherheit - nicht wenige Fachleute der spanischen Fußballwelt erinnert der Box-to-Box Spieler schon jetzt an einen gewissen Sergio Busquets. Vergleiche dieser Art kann der gebürtige Junge aus Pamplona selbstverständlich noch in keinster Art und Weise gerecht werden. Doch nicht zuletzt bei der letztjährigen U19-Europameisterschaft, die Spanien übrigens zum siebten Mal in nur 14 Jahren gewann, zeigte Merino das erste Mal sein positionell äußerst variables Spiel auch auf internationalem Niveau und dabei auch die Fähigkeit, sich Spielverlauf und Tempo rasch anpassen zu können.

All das scheinen unter anderem Argumente gewesen zu sein, weshalb die Chefetage des BVB um Trainer Thomas Tuchel sich bereits im letzten Winter durchsetzen konnte und die Verpflichtung so schnell unter Dach und Fach bringen wollte. Zu überzeugt scheint man von dem enormen Entwicklungspotenzial des jungen Spaniers zu sein, als das man bis zur Transferperiode im Sommer hätte warten können. Und tatsächlich ist Merino, zwischen dem halben Dutzend an Neuverpflichtungen, die die Borussia bereits eintüten konnte, so etwas wie die größte Unbekannte. Mit Emre Mor und Ousmane Dembélé kommen zwar zwei blutjunge Talente mit Ansätzen zur Weltklasse. Wann diese letztlich zum Vorschein kommt, steht jedoch komplett in den Sternen. Mit Sebastian Rode kommt ein aus der Bundesliga bekannter und äußerst solider Mittelfeldabräumer der Marke „Kampfschwein“ mit zeitweisen spielerischen Ansätzen, Marc Bartra wechselt vom großen FC Barcelona und soll die riesige Lücke des Abgangs von Mats Hummels in der Innenverteidigung füllen. Raphael Guerreiro lässt zudem aktuell bei der Europameisterschaft seine außerordentliche Qualität als Außenverteidiger erkennen.

Aber gerade auf Mikel Merino scheint nun zur neuen Spielzeit eine größere Rolle im Spiel von Thomas Tuchel zuzukommen als vielleicht noch bis vor kurzem angenommen. Die Abgänge von Ilkay Gündogan und vor allem Henrikh Mkhitaryan glichen zwar keiner riesigen Sensation, hinterlassen aber eine doch erheblich klaffende Lücke mitten im Herzen des Dortmunder Spiels. Mit Nuri Sahin und vor allem dem gesetzten Julian Weigl kämpft „Meri“ zwar mit nicht unerheblicher Konkurrenz um einen Platz in der ersten Elf. Doch gerade die Vielseitigkeit, die ausgeprägte Ballsicherheit und die hohe Bereitschaft für das von Tuchel praktizierte laufintensive Pressing gegen den Ball könnten am Ende den Ausschlag dafür geben, dass sich die neue schwarzgelbe #24 öfter auf dem Grün des Tempels wiederfinden wird.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die neue Saison für den BVB größtenteils unter dem Vorzeichen eines Umbruches stehen wird. „Jugend forscht“ scheint bei Betrachtung der bisherigen Transfertätigkeiten ein Teilaspekt der Lösung zu sein, mit der die Borussia das Problem der schwerwiegenden Abgänge diverser langjähriger Leistungsträger kompensieren möchte. Im Zuge dessen wird es äußerst spannend zu beobachten, wie sich ein so junger und hochveranlagter U-Nationalspieler wie Merino in einem komplett neuen Umfeld entwickeln und zurecht finden wird. Und auch wenn es noch nicht ganz zu einem Sergio Busquets reicht, findet der Spanier vielleicht schon bald auf dem Feld neben sich ein motivierendes „Vorbild“: den Namen Julian Weigl kannten vor ziemlich genau einem Jahr auch nur die allerwenigsten...

03+1.07.2016, Boris Davidovski


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