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Unsa Senf - 26.06.2016

Ein kleines EM-Tagebuch

Ich gehöre nun wahrlich zu der Fraktion, für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft so wichtig sind wie ein Trainingslager der Blauen. Hinzu kommt, dass die nun immer schneller fortschreitende Kommerzialisierung meines Lieblingssportes eh schon derbe Kerben in meinem emotional geprägten Fanherz hinterlassen hat. Bei einigen doch so unwichtigen Länderspielen während der Saison wird das Ganze natürlich nicht gerade besser. Dennoch genieße ich auch diese Europameisterschaft in vollen – und ausschließlich – sportlichen Zügen. 15 Uhr Fußball, 18 Uhr Fußball, 21 Uhr Fußball. Was geil klingt, ist es meistens auch. Und diese anderen, bitter aufstoßenden Faktoren kann ich an den Bildrand schieben, so wie es immer öfter ja auch in der Bundesliga oder im Europapokal der Fall ist. Fußball pur durch den Sommer – wenn man es durchweg positiv betrachtet.

Mit dieser Einstellung und drei guten Freunden im Gepäck brach ich dann also auf gen Frankreich, zu einem neuntägigen Wohnmobil-Junggesellenabschiedstrip mit reichlich Fußball auf der Route. Die folgenden Zeilen beschreiben kurz und knapp die tollen Erlebnisse dieses Trips und geben so ein bisschen wieder, warum der Fußball für mich doch noch nicht gänzlich kaputt „eventisiert“ (das Wort wird es hoffentlich bald wirklich geben) ist.

Tag 1 (Anreise)

Los ging es auf die erste knapp 1.000 Kilometer lange Etappe von Eisenhüttenstadt nach Paris – mit Zwischenstopp im Camper freundlichen Saarbrücken – Grillabend und einheimisches Bier inklusive.

Tag 2 (Paris)

Weiter nach Paris. Meiner persönlichen Tour-Bedingung folgend, mied ich das Stadion, denn ich wollte ums Verrecken kein Deutschland-Spiel sehen. Also verfolgte ich die torlose Qual und La Mannschaft auf einer Leinwand und wirkte fast schon bestürzt ob der desolaten Chancenverwertung der Polen an diesem Abend. Die wenigen Deutschen um mich herum, die keine Karte für St. Denis ergattern konnten (eigentlich Blödsinn, denn der Schwarzmarkt boomte mit teilweise lächerlich günstigen Tickets), waren beste Unterhaltung. Hier ein Klischee zum Schmunzeln, dort ein Mega-Klischee zum Hose-Pinkeln. Ach ja, diese Deutschen – so ja schon immer ein Highlight im Urlaub, aber mit schwarz-rote-geilem Hintergrund der absolute Knaller. Peinlich berührt, ja fast schon beschämt, brachte ich diesen Abend leider einigermaßen nüchtern über die Runden.

Tag 3 (Saint-Etienne; Kroatien-Tschechien)

Von Paris ging es Richtung Süden nach Saint-Etienne zum ersten Live-Spiel der Reise. Rein in den Kroaten-Block, von dem aus im Laufe der zweiten Halbzeit dann auch versucht wurde, die Partie mittels Pyrotechnik abzubrechen. Als die Polizei sich in Viererreihen vor dem Block positionierte, wurde uns in Reihe eins direkt hinter dem Tor dann schon etwas mulmig, um den lockeren, sehr großzügigen Pefferspray-Einsatz der französischen Ordnungskräfte wissend. Die bedrückende Szenerie beruhigte sich dann aber erstaunlicherweise recht schnell und ließ die Augen wieder Richtung Spielfeld wandern, wo Tschechien spät einen 0:2 Rückstand in ein Unentschieden wandeln konnte. Erst nach dem Spiel erfuhren wir von der geplanten Aktion aufständischer Kroaten, die ein Zeichen gegen vielerlei Dinge setzen wollten – zum Glück blieb es bei diesem überschaubaren Zwischenfall. 99 % der kroatischen Anhänger feierten ein friedliches Fußballfest und gaben 90 Minuten Vollgas beim Supporten. Ähnlich die Tschechien, die zahlenmäßig leicht unterlegen waren.

Tag 4 (Marseille; Island-Ungarn)

Ein absolutes Highlight der Reise, auf das ich mich im Vorfeld schon riesig freute. Am Stade Velodrome angekommen (das Wohnmobil geschickt in einer Seitenstraße direkt neben dem Stadion verstaut) lud die für Autos gesperrte Prachtstraße Avenue du Prado zum Marsch ans Mittelmeer ein. Mit Bier in der Hand wurde von der Promenade aus der belgische Sieg über Irland verfolgt. Die Ungarn waren schon hier deutlich in Überzahl und sangen sich bereits warm. Anders die Isländer, die mit der Wärme nicht sonderlich viel anfangen konnten und daher lieber auf kulinarische Entdeckungsreise gingen. Alles friedlich, alles super entspannt. Mit geölter Stimme versuchten die blonden EM-Neulinge dann im Stadion gegen die rote Wand anzukämpfen. Das gelang beeindruckender Weise sogar ganz gut, auch wenn die Ungarn geschlossen agierten und mit ihrem Support dem einer gut aufgestellten Vereinsszene sehr nahe kamen. Der Lautstärkepegel im Velodrome war jedenfalls durchweg am Limit, was das Spiel zusätzlich noch auf ein anderes Level hob. Spätestens mit der Führung für die Insulaner fielen dann auch bei uns sämtliche Schranken und der Sitzplatz wurde aufgegeben. Volksfeststimmung im blauen Teil des Stadions, leichte Tristesse bei den Magyaren, die dann mit dem späten Ausgleich noch mal den Turbo zündeten und die Bude zum Kochen brachten. Kein Halten mehr nach Abpfiff und dem so gut wie sicheren Achtelfinaleinzug. Aber auch die Isländer hatten den späten Schock schnell verdaut und zeigten sich hocherfreut über den erneuten Punktgewinn – sie waren bis dahin ja eh nur zum Feiern da und ließen ihre wunderschöne Insel quasi menschenleer zurück.

Tag 5 (Lyon; Rumänien-Albanien)

Auch ein Spiel, auf das man sich freuen konnte – auch durch den neuen Modus, der zumindest einem krassen Außenseiter pro Gruppe Hoffnung auf die KO-Runde machte. Albanien galt ganz klar als ein solcher Außenseiter und wollte gegen Rumänien zumindest die theoretischen Chancen aufs Weiterkommen wahren und endlich das erste Turniertor erzielen. Auch hier war die Stimmung wieder durchgängig am Siedepunkt, was hauptsächlich den knapp 30.000 Albanern zu verdanken war, die trotz dürftigen Fußballs lautstark ihr Team pushten. Mit dem ersten Tor noch in Hälfte eins war dann ein neuer Nationalfeiertag ausgerufen. Eine super Erfahrung, vor allem nach dem Spiel in so viele glückliche Gesichter zu schauen und erahnen zu können, was ein solcher Erfolg den Menschen eines ganzen Landes bedeuten kann. Fußball halt. In seiner Reinform. Mit all seinen großartigen Eigenschaften und emotionalen Kräften.

Tag 6 (Saint-Etienne; England-Slowakei)

Eigentlich war dieser Tag als Ruhetag eingeplant. Wenn man aber schon mal in Lyon ist und schon vormittags die wichtigsten Touri-Punkte abgearbeitet hat, kann man auch mal spontan die nur knapp 100 Kilometer auf sich nehmen und nochmal im benachbarten Saint-Etienne halten. England gegen die Slowakei ist jetzt ja auch nicht unbedingt das uninteressanteste Stück Ballsport. Karten vor dem Stadion zu einem sehr erträglichen Preis erworben und dann rein ins Vergnügen. Schon draußen zeigten die Engländer, warum sie einen bestimmten Ruf weg haben und hier und da schon ein Stück weit als „leicht verrückt bis völlig bekloppt“ gelten. Kreative Gesänge über die Penisgröße von Marek Hamsik zählten da noch zum jugendfreien Liedgut. Auch schön: Eine Asphalt-Bier-Leck-Aktion einer nicht mehr ganz so nüchternen Gruppe des Königreichs. Ach ja… die spinnen, die Engländer. Im Slowakei-Block angekommen, versuchten wir ein paar Brocken des slowakischen Support-Einmaleins aufzuschnappen und verfolgten ein Null zu Null der tatsächlich besseren Sorte. Generell versuchte unsere kleine Reisegruppe die Mitmachquote nach oben zu treiben, indem wir trotz deutlicher Sprachbarrieren die uns bekannten Melodien aufgriffen und teils sinnfreie Eigenkompositionen in die Stadionluft donnerten, die den wirklichen Liedern vom Klang her zumindest sehr nahe kamen. So hörte man im slowakischen Schall auch mal ein „Badehose, Badehose, mit Schnitzel!“ oder beim Island-Spiel ein „Island, Island komm schon!“. Auch die Brandenburgische Länderhymne wurde das eine oder andere Mal lautstark vorgetragen. Hauptsache die Atmosphäre stimmte. Aber das war ja eigentlich nie das Problem. Auch beim zweiten Spiel in Saint-Etienne mussten wieder keinerlei Zwischenfälle notiert werden – eine auf beiden Seiten lockere und ausgeglichene Atmosphäre umgab das Stadion und die Umgebung.

Tag 7 (Paris; Deutschland-Nordirland)

Zurück in Paris brach ich meine eigens aufgestellte Reise-Bedingung, kein Deutschland-Spiel sehen zu wollen. Oder besser gesagt: Ich fand ein Schlupfloch und legte das Ganze zu meinen Gunsten aus. Fußballerisch auf den Geschmack gekommen, hatte ich ja schon Bock auf eine grüne Party-Nacht. Und so ergab sich die Chance auf Tickets in der Nordiren-Kurve. Da musste ich nicht zweimal überlegen und streifte mir ein grünes Shirt über. Hier und da wurden gemeinsame Fotos geschossen, Getränke geteilt und natürlich über Fußball gefachsimpelt. An jeder Ecke suchten die Briten das Gespräch mit Deutschen und gingen mit offenen Armen auf die Fans des Weltmeisters zu. In der Kurve des Prinzenparks ging es dann richtig ab. Natürlich hatte man im Vorfeld schon vom Will Grigg Song gehört. Aber dass das Teil so geil abgeht, konnte ja keiner ahnen. Was für eine überragende Stimmung! Die vereinzelten, kümmerlichen „Die Nummer 1 der Welt sind wir“ Gesänge waren immer nur ein paar Sekunden vernehmbar, dann fing Will Grigg schon wieder Feuer. Es war fantastisch von der ersten bis zur letzten Minute. „We’re not Brazil“ war auf vielen Shirts zu lesen. Den Karneval in Rio stelle ich mir aber auch nicht ausgelassener vor als die Stimmung im Stadion. Als dann am Abend nach und nach klar wurde, dass die drei gegen die Ukraine eingefahrenen Punkte fürs Achtelfinale reichen würden, gab es sowieso kein Halten mehr. Keinem Land hätte ich es an diesem Abend mehr gegönnt.

Tag 8 (Lille; Irland-Italien)

Die Iren. Da hatten wir ja schon einiges gesehen in den vorangegangenen Tagen, aber ein qualifiziertes Irland setzt so einer Tour dann noch mal die Krone auf und bildete den passenden Abschluss. Italiens B-Elf Spielweise sei mal dahingestellt. Die Iren kamen mit so viel Power auf den Rasen – hatten sie sich wahrscheinlich bei ihren Landsleuten auf den Tribünen abgeschaut. Die hatten es tatsächlich in jeden Block des Stade Pierre-Mauroy geschafft – im Italien-Block war grün-orange die dominierende Farbkombination – und trieben ihre Mannen zum letztlich verdienten Sieg. Vier Punkte in der vermeintlich stärksten Gruppe. Zur Hölle mit der Kritik an diesem Modus, wenn dadurch die Iren in der KO-Runde stehen...

Tag 9 (Rückreise)

Auf der sehr langen Rückreise denke ich noch einmal ausführlich über die vergangenen Tage nach. Wie ich als Anti-Nationalmannschaftsfan diesen Trip zu einer Europameisterschaft, über die aufgrund des neuen Modus so viel diskutiert wurde, letztlich bewerten soll. Mal abgesehen davon, dass es als Junggesellenabschiedstour eine Hammer-Woche war. Ich blende die ganzen Tanzdarbietungen und UEFA-Selbstinszenierungen vor den Spielen einfach aus und denke schlichtweg nur an die lachenden Isländer, an die glücklichen Nordiren und die von Alkohol und Siegestaumel beschwipsten Iren und kann so nur zu einem sehr subjektiven Fazit kommen: Dieser EM-Trip hat mein Gefühl für Fußball unerwartet gestärkt und um eine Variable erweitert. Länderspiele können also doch Spaß machen schließlich treten auch hier 22 Mann sinnlos gegen einen Ball und versetzen damit ganze Nationen in Ekstase. Wir können dem Kommerz nicht Erfolg versprechend entgegentreten, denn dafür ist er schon zu lange ein zu fester Bestandteil. Wir können ihn aber beiseiteschieben und soweit ignorieren, dass er uns die Sicht auf unseren Fußball nicht versperrt. Dann ist es wieder unser Spiel. Unsere 90 Minuten, in denen es darum geht, Fans auf den Tribünen auf und ab hüpfen zu sehen, es zu genießen, wenn Underdogs Punktgewinne wie Turniersiege zelebrieren und schmunzeln, wenn besoffene Engländer perverse Reime in die Nacht schreien. Fußball ist eben das, was wir daraus machen. Und das pure Erlebnis wird es ja eh erst durch all diese großartigen Rahmen, die wir Fans hineintragen - auch ohne bunte Plastikfähnchen und nicht bezahlbares Lightbeer. Auf unserer kleinen Tour durch diese EM haben wir jedenfalls das Beste daraus gemacht und konnten so jeden einzelnen Moment in und neben den Stadien genießen. Da hat der Fußball gewonnen!

Die restlichen EM-Partien werde ich auf dem heimischen Sofa am TV verfolgen. Mein Blick auf dieses Turnier aber hat eine völlig andere Perspektive erhalten. Ich werde nun noch stärker mit den Isländern, Iren und Nordiren (seit gestern ja leider ausgeschieden) mitfiebern und mich auf spannende KO-Duelle freuen. Mir ist immer noch total egal, wie Deutschland abschneiden wird. Dem stehe ich völlig wertneutral gegenüber. Ich weiß nun aber, wie dieser grüne Haufen von positiv bescheuerten Iren und Nordiren tickt, wenn ihre Mannschaften auf dem Rasen bis zum Umfallen fighten und den ganzen Stolz einer Nation verkörpern. „Come on you boys in green“ ist dann eben nicht nur ein windiger Pseudo-Fangesang, sondern verkörpert all das, was den Fußball und seine Strahlkraft so einzigartig macht: Die Wirkung auf tausende Menschen, in einem Augenblick das größte Gemeinschaftsglück zu fühlen und dabei so stolz auf die eigene Herkunft zu sein. Das macht diese EM so interessant. Fußball im Juni und Juli hat eben was für sich. Die Vorfreude auf die neue schwarzgelbe Saison wird dadurch jedenfalls nicht kleiner.

Ach ja, übrigens: Will Grigg’s on fire!

Tim, 24.06.2016


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