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Unsa Senf - 21.06.2016

Das Image bröckelt

Ich erinnere mich noch genau an einen Artikel, den ich im Februar 2015 verfasste. Der BVB schickte sich gerade dazu an, nach der verkorksten Hinrunde und dem zwischenzeitlichen letzten Tabellenplatz wieder in höhere Tabellenregionen aufzusteigen. Der Großteil der Mannschaft präsentierte sich in verbesserter Verfassung, nur Henrikh Mkhitaryan, den ich damals als den „großen Melancholiker“ bezeichnete, blieb seiner schwachen Form treu. Schlechte Entscheidungsfindungen im Spiel und mangelnde Präzision bei der Ballverarbeitung waren nur einige der ihm vorgeworfenen Kritikpunkte. Ich führte dies damals u.a. auf mangelndes Selbstbewusstsein zurück und auf die Last der 27 Millionen Euro-Ablöse, die auf die Schultern des Armeniers drückte. Das Image des sensiblen, melancholischen, intelligenten und überaus talentierten Henrikh Mkhitaryan hatte sich bei mir spätestens jetzt manifestiert.

Was sagt die Gegenwart? Der Armenier hat eine überragende Saison bei Borussia Dortmund gespielt und war maßgeblich an den jüngsten Erfolgen beteiligt. Zu gut passte es hier ins Bild, dass erst der Denker Thomas Tuchel einen Zugang zum intelligenten und sensiblen Henrikh Mkhitaryan gefunden haben soll. U.a. war dort die Rede von einem Buchgeschenk an Mkhitaryan, welches sich mit der Konzentration im professionellen Tennis beschäftigt. Aufgrund dieser scheinbar speziellen Bindung zwischen Trainer und Spieler, der nun endlich alles aus seinem Schützling herausholen konnte, schien die Vertragsverlängerung mit dem BVB reine Formsache zu sein. Der intelligente Mkhitaryan würde schon wissen, was er am BVB und seinem Trainer hat. Darauf deutete selbst die ominöse, angeblich von Mkhitaryans Seite eingeforderte Tuchel-Klausel hin.


Aus Wochen wurden allerdings Monate und mittlerweile scheint Mkhitaryan nicht mehr länger gewillt, seinen Vertrag zu verlängern. Stattdessen krakeelt dessen Berater Mino Raiola wie ein Marktschreier in die Mikrofone der Presse, versucht damit einen Wechsel zu Manchester United zu forcieren und scheut dabei auch nicht davor zurück, den BVB-Verantwortlichen Wortbruch vorzuwerfen. Mancher möge nun meinen, dass ein intelligenter Spieler seinen Berater zurückpfeifen müsste, wenn dieser nicht nach dem eigenen Gusto handelt. Mkhitaryan lässt Raiola gewähren und sorgt damit für Unruhe. Gekonnt wird hier auf die Taktik „Bad Cop – Good Cop“ gesetzt, bei der der Berater die Drecksarbeit für den Spieler erledigt und dieser in der Öffentlichekit weitestgehend seine weiße Weste wahrt. Imagepflege par excellence. Wenn Mkhitaryan so ein feinfühliger, intelligenter und schüchterner Spieler sein soll, wie passt dieses Transfergebaren ins Bild? Er müsste ziemlich genau wissen, dass Unruhe im Verein nicht zuträglich ist. Wieso spricht der Armenier nicht persönlich Klartext hinsichtlich seiner Zukunft, wie er es
im Interview mit Spox.com im Falle eines Wechsels verlautbaren ließ?

Nein, das alte Bild von Henrikh Mkhitaryan bröckelt gewaltig. Möglicherweise deuteten aber auch schon die Umstände bei seinem Wechsel nach Dortmund darauf hin, welch einen Charakter man sich dort ins Boot geholt hat. Nur zu gerne wurde von Seiten der Fans beim Transfer von Shaktar Donezk ignoriert, dass er seinen Wechsel in die Mitte Europas mit dem Fernbleiben beim Mannschaftstraining erzwang und den Unmut seines damaligen Vereins auf sich zog. Zu sehr gab bisher der Diskurs den Ton an, der Mkhitaryan als in sich gekehrten Spieler darstellte, der dem Fußball sein ganzes Leben widmete, gar auf dem Trainingsgelände in Donezk wohnte und aus den Fängen der ukrainischen Oligarchen des Donbass errettet werden musste. Wie passt nun das an den Tag gelegte Verhalten und ein möglicher Wechsel zu Manchester United zum bis dato gepflegten Image? Der englische Rekordmeister spielt in der nächsten Saison lediglich Europa-League und José Mourinho, obwohl ihn seine ehemaligen Spieler in den höchsten Tönen loben, lässt einen, milde ausgedrückt, nicht gerade offensiven Fußballstil spielen. Geht es Mkhitaryan um die Bühne Premier League oder letztlich doch einfach nur darum, den letzten fetten Vertrag zu unterschreiben, egal wie seine sportliche Entwicklung in Großbritannien verlaufen sollte?

Im Hinblick auf die besondere Beziehung zwischen Thomas Tuchel und Henrikh Mkhitaryan wirkt der nun forcierte Wechsel auch ein Stück weit undankbar. Einer durchwachsenen Saison folgte eine miserable, ehe der Ballbesitzfußball Tuchels endlich die Stärken von Mkhitaryan kontinuierlich zum Vorschein brachte. Das aktuelle Verhalten von Mkhitaryan, einen Wechsel via Berater forcieren zu lassen, ohne auch nur im geringsten die Reaktion der Fans zu berücksichtigen, passt nicht ins bisherige Image des Spielers. Nach nur einer wirklich brillanten Saison in einer europäischen Spitzenliga direkt wieder seinen Mentor zu verlassen ebensowenig. Die aktuellen Spielchen sollen nichts anderes bezwecken, als den Spieler weiter in ein braves und freundliches Licht zu rücken, während der Berater den Schmutzfänger spielt. Es ist längst an der Zeit, das bis dato vorherrschende Spielerimage Henrikh Mkhitaryans zu überdenken, denn bezahlt wird Mino Raiola immer noch von ihm.

DerJungeMitDemBall, 21.06.2016


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