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Fußball Offline - 15.06.2016

Fimpen, der Knirps - So schreibt man Trash auf Schwedisch

Während heutzutage Dutzende Filme mit fußballerischem Sujet den Markt nachgerade überschwemmen und es inzwischen sogar eigene Festivals für Fußballfilme gibt, stellte dieses Genre in den 70er-Jahren noch eine große Ausnahme dar. Umso überraschender, dass ein schwedischer Film aus dieser Zeit und mit dieser Thematik 2013 anlässlich des zehnten 11mm-Jubiläums zum angeblich „besten Fußball-Spielfilm aller Zeiten“ gewählt wurde. Grund genug für schwatzgelb.de, mal einen genaueren Blick auf dieses lange ignoriertes Kunstwerk zu werfen.

Der Inhalt des Films ist recht schnell erzählt: Der schwedische Nationalstürmer und Superstar Macken wird auf einem Hinterhof-Bolzplatz vom kleinen Johan Bergmann (Johan Bergman) durch einen Trick gedemütigt und verliert daraufhin sein komplettes Selbstbewusstsein, während der sechsjährige Johan a.k.a Fimpen über den Traditionsverein Hammarby IF in die schwedische Nationalmannschaft gelangt und dort an der Seite der damaligen großen Stars wie Torwart Ronnie Hellström reüssiert.

Fimpen, der Stockfisch

Während am Anfang der kleine Fimpen (schwedisch für „Stummel“) den Zuschauer aufgrund seiner rührigen Art noch in den Bann ziehen kann, verflüchtigt sich dieser erste positive Eindruck nach und nach, da der Kleine sowohl in größter Freude als auch in tiefster Trauer nur über einen Gesichtsausdruck verfügt und damit eher an einen grenzdebilen Stockfisch erinnert. „Ja“ und „Nö“ dürften die am meisten verwendeten Worte dieses Films sein, wobei auch die deutsche Synchronisation unterdurchschnittlich ist und die Lippenbewegungen nur sporadisch zum Gesagten passen.

Besonders ärgerlich sind diese Mängel mit Blick auf die eigentlich wunderbare Intention dieses Films, da wir es hier mit der cineastisch verwirklichten Form eines jeden Jungentraums zu tun haben: entscheidende Tore für den Heimatverein und/oder die Nationalmannschaft zu erzielen, um so zum gefeierten Star werden zu können. Doch auch die damit zusammenhängenden Spielszenen können keinem Vergleich mit Spielszenen aus anderen Fußball-Filmen wie beispielsweise „Das Wunder von Bern“ standhalten. So verfügt Fimpen über genau zwei Tricks, um an seinen Gegenspielern vorbeizukommen, die kurioserweise auch immer wieder aufs Neue klappen. Aber vielleicht hat es in den 70ern ja auch einfach noch keine Videoanalyse der gegnerischen Mannschaften gegeben...

Stockfisch Fimpen

Während die fußballerischen Bezüge also eher Trash-Charakter aufweisen, überzeugt der Film im zweiten Teil schon eher durch seine fast schon prophetischen Darstellungen der auch heute noch gegebenen Probleme junger Spieler mit dem plötzlichen Ruhm sowie den damit zusamenhängenden Begleiterscheinungen in der medialen Berichterstattung. Selbst die Frage, ob und inwieweit junge Profifußballer noch zur Schule gehen sollen respektive können sowie die damit korrespondierende Überforderung wird in diesem Film des Regisseurs Bo Widerberg durchaus realistisch verhandelt, auch wenn diese Frage natürlich überspitzt auf einen Grundschüler bezogen wird.

Zwischen Realität und Fiktion

Beim entscheidenden Qualifikationsspiel der Schweden in Moskau, welches mit der damaligen Realität übrigens nichts zu tun hat, strotzt der Film zudem vor Klischees, die der damaligen Zeit des Kalten Kriegs geschuldet sein dürften. So verwundert es denn auch nicht, dass auch dieses Spiel wie jeder x-beliebige US-Sportfilm endet, wobei zumindest die Musik und die Farbgestaltung der einzelnen Filmpassagen zu überzeugen weiß. Aus heutiger Perspektive völlig absurd, surreal und fantastisch war jedoch die Tatsache, dass die damaligen Spieler der Sowjetunion der Film-Crew mitten im Ost-West-Konflikt hilfreich zur Seite standen und vor der eigentlichen Partie, die damals in Wahrheit als Freundschaftsspiel stattfand, für Filmaufnahmen zur Verfügung standen, wie es übrigens auch die meisten anderen gegnerischen Teams in diesem Film taten. Am Ende dieser fußballanalogen 90 Film-Minuten gewinnen glücklicherweise auch bei Fimpen die Bolzplatzromantik und eine unbeschwerte Kindheit die Oberhand. In der Realität schaffte es der kleine Johan übrigens immerhin bis zum Drittligaspieler in Schweden.

Fazit

Dieser Film ist sicherlich nicht der beste Fußball-Film aller Zeiten, sondern eher interessant für Liebhaber, Sammler oder sonstige Interessierte an der Geschichte dieses Genres. Zwar gibt es – möglicherweise unfreiwillig – einige Ansätze, die „den modernen Fußball“ und seine problematischen Begleiterscheinungen prophetisch andeuten, aber können weder die nicht auserzählte Story noch die Schauspieler überzeugen. Insbesondere der kleine Hauptdarsteller geht einem ab Mitte des Films nur noch auf die Nerven. Am Ende bleibt nur die kuriose und amüsante Vorstellung, wie unsere heutigen Nationalspieler wohl in einem solchen Film wirken würden, wenn sie im Mannschaftshotel ihrem jungen Mitspieler Gute-Nacht-Geschichten vorlesen würden...

Trailer

Malte D., 15.6.2016


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