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Eua Senf - 30.04.2016

Der nächste Verräter oder was ist Borussia?

Mein erster Beitrag hier, von daher eine kurze Vorstellung. 47 Jahre alt, Heimatstadt Unna, seit 24 Jahren berufsbedingt wohnhaft im Rhein-Main-Gebiet, am 12.4.2016 30jähriges Südtribünen-Jubiläum, Dauerkarte Block 12.

Die aktuelle, zum Teil hitzige Diskussion über den potentiellen Abgang von Mats (schlimmstenfalls in den Süden der Republik) und die potentielle Rückkehr von Mario G. aus eben dieser Region haben mich dazu bewogen, mal niederzuschreiben, was Borussia eigentlich für mich bedeutet. Tausende Fans haben sicherlich ähnliche Gefühle und Geschichten – stellvertretend hier meine Gedanken zu „Was ist Borussia“?

Was ist Borussia?

Borussia ist das Packen der Tasche am Abend vor dem Spiel – Schal, Trikot, alte Buxe. Es ist die Fahrt am sehr frühen Samstagmorgen über die A 45 zu meinen Eltern. Es ist die freudige Begrüßung „des Jungen“. Dann die Fahrt mit der S-Bahn, in der auch zur frühen Zeit bereits die ersten Schwatzgelben sitzen. Es ist der Gang zum griechischen Imbiss Mykonos, wo nach der Standardbegrüßung „Wie immer?“ ein leckeres Pils, ein Ouzo und ein Gyrosteller bereit stehen. Danach der Besuch bei Oma, Opa und Onkel auf dem Südwestfriedhof , der kurze Gruß an Heini Kwiatkowski und Franz Jacobi, die um die Ecke liegen. Dann der lange Spaziergang in Richtung Bolmke zu der Bank am Feldrand mit Blick Richtung Hombruch – Zeit für eine Kippe – in der Ferne bereits erste Gesänge aus Richtung Stadion. Anschließend der gemütliche Gang zum Tempel –wahrscheinlich wieder mal zu früh – Tore öffnen erst in zehn Minuten. Endlich drin, Deckel aufgeladen, erstes Pils, Handschlag mit Tayfun, dem Ordner am Block. Willkommen im Wohnzimmer. Kurze Sitzpause auf der erotischen Unterlage aus Kaugummis und Taubenscheiße. Die Kumpels, mit denen man hier seit Jahrzehnten steht, kommen – Runde Pils, Geschichten – Heimat. Dann kommt auch irgendwann mal ein Fußballspiel. 90 Minuten schreien, aufregen, fluchen und jubeln. Das alles ist Borussia für mich.

Spielerwechsel: Verrat oder ganz normaler Jobwechsel?

Und welchen Platz haben jetzt die Spieler in der Geschichte? Sie sind meiner Meinung nach Fußballer, die für einen begrenzten Abschnitt ihrer Karriere das Privileg haben, ein Teil dieses Ganzen zu sein (und dafür auch noch nett Geld verdienen). Bei vielen hat man das Gefühl, dass sie sich auch als Teil dieser Gemeinschaft fühlen, bei manchen weiß man es (stellvertretend Dede, Susi, Nobby) und bei manchen ist es eben einfach ihr Job. Ich kann mich aber in den über 40 Jahren als Fan an niemanden erinnern, der den Verein in der Absicht verließ, Borussia zu verraten. Sie alle haben Karrierepläne und das muss man akzeptieren. Am aktuellen Beispiel Mats erkennt man, dass Spieler auf unterschiedliche Weise mit dem inneren Konflikt Karriere versus Treue zu einem Verein umgehen. Mats gilt als „intelligenter“ Fußballer und entsprechend differenziert scheint er sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Er spricht auch offen über diesen Konflikt, ohne natürlich im Moment konkrete Vereinsnamen zu nennen. Andere Spieler haben es zu Verkündungen in eher unpassenden Momenten der Saison kommen lassen und sich eher nicht darum geschert, welche Auswirkungen es auf Verein und Fanseele hat. Sollte es Mats also nicht zu einem wirklich großen Verein in Europa, sondern ins Voralpenland ziehen, dann bin ich überzeugt, dass die Faktoren Heimat und Familie eine sehr bedeutende Rolle spielen (und ja, Cathy hat ein paar Läden mehr zur Auswahl als auf dem Westenhellweg). Es ist also kein Verrat am BVB, sondern eine individuelle Entscheidung  auf Basis notgedrungen zu akzeptierender Rahmenbedingungen. Falls es im Gegenzug zur Rückkehr von Mario G. käme, sollte man versuchen, gleiche Maßstäbe anzulegen. Er hat ab dem 5. Lebensjahr in Dortmund gelebt und damit die prägendste Zeit seines Lebens. Auch er ist nicht dumm und weiß, dass ihn nicht nur offene Arme erwarten würden. Wenn er sich dem trotzdem stellen würde, hätte auch er das Recht, eine Chance zu bekommen.

Grundsätzlich würde ich mir trotz aller Trauer, die der Verlust eines hochverdienten Spielers bedeuten würde, wünschen, dass ein jeder Spieler bis zu dem Punkt, an dem er das Trikot in seinen Spind hängt und geht, die volle Unterstützung durch uns hat und jeder, der kommt, das Trikot anzieht und für uns spielt, wiederum ein Teil vom Ganzen wird. Denn dann – und eigentlich nur dann – behält das große Ganze namens Borussia seine Identität, seine Würde und seinen Sinn im Herzen der Menschen.

Schwatzgelbe Grüße aus der hessischen Diaspora

30.03+1.2016, Frankfurter68

 

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