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Unsa Senf - 17.05.2016

Was mich am neuen BVB-Trikot stört

Am vergangenen Donnerstag ließ der BVB die Katze aus dem Sack. Stolz präsentierten Marco Reus und seine Teamkollegen das neue Trikot für die kommende Saison. Im „dynamischen Marco Reus im neuen ZwirnBlockstreifen-Design“ werden Tuchels Jungs demnächst auflaufen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag öffnete die FanWelt am Stadion dann eigens zum „Late-Night-Shopping“. Und es gab tatsächlich Menschen, die mitten in der Nacht zur Strobelallee pilgerten, um sich das Shirt für 80 Euro zu kaufen. Ein Schnäppchenpreis – wenn man dem Verein glauben darf, der sich mächtig auf die eigene Schulter klopft: „Wir haben nicht an der Preisschraube gedreht – wie versprochen!“

In der Woche zuvor hatte auch die Gladbacher Borussia mit Glanz und Gloria seinen neuen Dress vorgestellt. Die Spieler Patrick Herrmann und Andreas Christensen traten auf einem Catwalk vor der eigenen Wellblechhütte auf. Fashion Week in Heinsberg!

Wie die Vereine mittlerweile ihre eigenen Trikots vermarkten, steht sinnbildlich für die ekelhafte Entwicklung des Profi-Fußballs.

Das Fußball-Trikot als alltagstaugliches Shirt

Genau wie der Profi-Fußball immer mehr zum sterilen Hochglanz-Produkt aufgemotzt wird, sollen offensichtlich auch die Trikots immer edler wirken. „Unsere Fans können das neue Trikot nicht nur im Stadion oder auf dem Fußballplatz anziehen, sondern auch abends in der Bar“, posaunte Alexander Jobst, der Marketingvorstand der Blauen, bei der Präsentation des neuen Hemdchens.

Und genau dort liegt mein Problem. Der moderne Fußball will sich für die obere Mittelschicht der Gesellschaft hoffähig präsentieren und Familien mit gutem Einkommen ansprechen. Von solchen gut situierten Kunden träumt der moderne Fußball, denn sie sind fähig, ordentlich Geld in den Rachen der Fußball-Konzerne zu schütten.

Um sich an dieser Schicht der Gesellschaft anzubiedern, muss der moderne Fußball sein raues Image aus vergangener Zeit endgültig verlieren. Der moderne Fußball will nicht mehr das dreckige Männerhobby der Arbeiterklasse sein. Der moderne Fußball will stattdessen ganz klar kommunizieren, dass er auch und gerade für die oberen Zehntausend salonfähig ist.

Wie weit lässt sich der Fußballfan verarschen?

Und wie sollte der moderne Fußball diese Haltung besser artikulieren als mit Trikots, die wie Designer-Hemden vermarktet werden? Große Erfolge feierte dahingehend der Sportartikelhersteller Nike, der die französische Nationalmannschaft zuletzt immer wieder mit Trikots in „interessanter“ Optik ausstattete. Nicht nur einmal hörte ich in den vergangenen Jahren in meinem Bekanntenkreis den Satz: „Ich bin eigentlich kein großer Fußballfan, aber ich glaube, ich kaufe mir das Frankreich-Trikot für die WM.“

Von Menschen mit solcher Gesinnung träumt der moderne Fußball. Menschen, die den Fußball nicht zu ernst nehmen, sondern lediglich als unterhaltsames Event ansehen. Ein Event, bei dem sie sogar noch ein schickes Shirt ergattern können.

Wie passend, dass es in diesem Sommer wieder ein solches Event gibt. Die EM steht vor der Tür. Doch zur Überraschung von Hersteller adidas ist das EM-Trikot der DFB-Elf mit seinem Preis von 85 Euro ein Ladenhüter. Online-Händler überbieten sich gegenseitig in Mega-Rabatt-Aktionen, um das Trikot loszuwerden. „Realistisch scheint aktuell ein Marktpreis um 60 Euro plus x“, sagt Kim Roether, Vorstandsboss des Sportartikelhandels Intersport, dem Fachmagazin „Textilwirtschaft".

Dieser Satz ist mehr als bloß ein betriebswirtschaftliches Zahlenspiel. Dieser Satz ist ein klares Statement des modernen Fußballs: Wir loten gerade aus, wie weit wir den Fußballfan verarschen können.

Nun liegt es an uns, diese Frage zu beantworten.

Die Blauen gaben bereits ihre Antwort. Deren Fans liefen nämlich wegen des schwindelerregenden Trikot-Preises von 90 Euro – mit Beflockung und Wettbewerbslogo gar 108 Euro - zu Recht Sturm und brachten den Vereinsvorstand mächtig in Erklärungsnot. Schalker sein bedeutete in diesem Fall tatsächlich Probleme kriegen.

Elster, 16.05.2016


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