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Eua Senf - 03.05.2016

Oh, the irony… (Ein nicht ganz ernster virtueller Monolog an Mats Hummels)

Hey Mats,

lange nichts voneinander gehört. Das letzte Mal war, glaube ich, bei einer Weihnachtsfeier in Schwelm 2008, als Du als gerade knapp 20-Jähriger mit meiner Tochter und dem Sohn von Sebastian Kehl etwas linkisch und unbeholfen im Hof Fußball gespielt hast. Pickelig und pennälerhaft, aber auch da schon den Ball mit Vorliebe mit dem Außenrist zirkelnd. Aber warum erzähle ich das? Da Du ja im Augenblick in Dortmund wenig Freunde zu haben scheinst, dachte ich mir, ich oute mich mal. Ja, die Angst ist unbegründet, das hier wird keine Schmähschrift. Ich bin hier nicht angetreten, um Dich zu beleidigen oder zu beschimpfen, im Gegenteil: Ich will Dir mein Mitgefühl aussprechen! Ja, richtig gelesen: Mein Mitgefühl!

München? Schon lange klar!

Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die wenigsten sich auch nur im Ansatz ausmalen können, durch welche Hölle Du die letzten Wochen gegangen bist. OK, ich bin kein Fußballprofi, aber ich glaube, ich verstehe durchaus etwas von Psychologie, von Zwischenmenschlichkeit und von Druck – so auf Westentaschenniveau versteht sich. Machen wir es kurz: Du hast unfassbaren Druck verspürt. Man konnte ja sehen, wie Dich diese ganze Sache mitnimmt. So mit Tränen und so. Machen wir uns nichts vor – wir sind hier ja schließlich unter uns –: dass es Dich nach München zieht, das war doch schon lange klar.

Vielleicht nicht für Dich, aber aus der Vogelperspektive konnte man das ahnen und sogar verstehen, zumindest wenn man kein Herz aus Stein hat. Blödsinn, sagst Du jetzt, ich war immer aufrichtig. Komm, ich baue Dir eine Brücke. Du kennst bestimmt den großen Philosophen Schopenhauer, der den sinngemäßen Ausspruch prägte, dass wir zwar tun können, was wir wollen, aber nicht wollen können, was wir wollen. Was würde besser auf Dich und den FCB passen…

Denn wenn man mit Abstand Deine vielen Aussagen, Interviews und essayhaften Statements zu Deinem Heimatverein, dem BVB und vor allem den Wechseln vieler anderer Spieler betrachtet, dann musste man – die schwarzgelbe Brille, die einem das „Echte Liebe“-Logo auf den zerebralen Cortex tätowiert und das klare Denken vernebelt, mal bei Seite gelassen – attestieren, dass der Furor, der Dich da zumeist antrieb, höchst emotional gespeist war und man das Endergebnis eigentlich vorhersehen konnte. Aber lass es uns der Reihe nach aufdröseln, wie man hier im Pott sagt:

Du hast da in München alle Jugendmannschaften durchlaufen, wurdest dort als eines DER Talente in Deutschland auf Deiner Position gehandelt. Und dann verleiht man Dich ausgerechnet in das Ruhrgebiet, zu den aus Münchener Sicht so ungeliebten Dortmundern. Einen Club, der gerade mal soeben an der Pleite vorbeigeschrammt war. Scheiß Stadt. Scheiß Menschen. Scheiß Natur. Scheiß Einkaufsstraßen. Mit Kovac und Wörns zwei absolute „Sympathen“ auf Deiner Position, direkt vor Dir in der Depth-Chart. Alles scheiße. Natürlich immer im Vergleich zu München, versteht sich.

Feier auf dem Rathausbalkon

 

Ein Verein von Emporkömmlingen, dieser BVB, der sich mehr auf seine vermeintliche Tradition einbildet als er sollte. Wieder aus Münchener Sicht, versteht sich. Sicher: Tolle Fans und ein prima Stadion, aber vor dem Hintergrund der Jahre zuvor, wo man sich beinahe daran verschluckt hätte, dass man sich mit dem großen FCB messen wollte, alles andere als konkurrenzfähig. Vor allem im Vergleich zu Deinem geliebten Heimatverein. Und noch besser (oder noch besser gesagt, noch schlechter!): Man weigert sich, Dich nach Ablauf der Leihe wieder zurückzunehmen, verkauft Dich gar ganz an die Dortmunder. Und nicht lange danach muss auch noch Dein Vater seinen Spind räumen. Das sitzt.

Ich bin mir sicher, dass Du Dir als Kind oft ausgemalt hast, wie es wäre, auf dem Rathausbalkon vor den versammelten 500 Leuten die Schale oder gar den Henkelpott in die Luft zu recken. Als Spieler beim FCB hat man für sowas ja quasi eine implizite Garantie im Arbeitsvertrag. Warum also nicht davon träumen, wenn Dein Weg quasi vorgezeichnet schien? Und dann diese Landung – Dein Traum zerplatzt wie ein Fußball unter dem Gewicht eines Elefanten. Dortmund. Diaspora, im doppelten Sinne. Ich weiß nicht, ob Du Dir damals heimlich Voodoopuppen von Hoeneß und Hitzfeld gebastelt hast, aber es würde mich nicht wundern…

Es hat bestimmt gedauert, aber irgendwann warst Du dann irgendwie durch mit dem Thema FCB. Blick zurück im Zorn ist schließlich ein guter Motor, aber ein verdammt beschissenes Steuerrad. Hat Dir die Mama ganz sicher auch mit auf den Weg gegeben. Zumindest dachtest Du, es wäre vorbei, der Schmerz weg. Klopp schien da der richtige Mann und Therapeut am richtigen Ort zu sein. Du als der Kopf eines jungen, hungrigen Teams. Rosige Zukunft. Und siehe da: Es kam genau der Erfolg, den Du Dir eigentlich in München ausgemalt hattest. Zweimal nacheinander Meister. Das Double. Diese komplett Irren, die zur Meisterfeier, die in München maximal drei Leute und einen müden Hund auf die Straße lockt, eine ganze Stadt auf links ziehen. Krönung sicherlich Dein Tor im vielleicht zweit-demütigendsten Finale der glorreichen Geschichte des FCB, das 5:2 in Berlin. DFB-Pokalfinale. „The next big thing in europe’s football“. Ich will ehrlich sein, Mats, das waren auch für mich als Fan die größten Jahre, zumal so kurz nach der Fast-Pleite. Aber ich will ja nicht über mich reden….

Mit dem Götze-Wechsel zerbrach etwas

Auf jeden Fall kam dann, was kommen musste, the empire strikes back. Kaltherzig und emotionslos wurde in München analysiert, was denn wohl das Geheimnis des Erfolgs sein könnte und wie man schnellstmöglich aufschließt und überholt. Na klar, vor allem mit Geld. Und mit Geld. Mannschaft umgebaut, fiesen Trainer entlassen. Auf zum Triple. Währenddessen zieht Sahin in Dortmund seine Ausstiegsklausel und ist weg nach Madrid. Kagawa geht nach Manchester. Das Biotop bröckelt. Dazu Turbulenzen im Umfeld. Der Gipfel sicherlich das unverschämte und blödsinnige Gerücht um Deinen Nebenmann in der IV, den verrückten Hund Neven, und Deine geliebte Cathy. Das ist ja schon fast wie München, nur rein gar nicht witzig. Und was für ein inhaltlicher Blödsinn. Und dann, der Stich ins Herz, Mario Götze wechselt nach München. Zu DEINEM Verein.

Und da ist auch was in Dir zerbrochen. Da und im CL-Finale kurz danach. Denn da wurde Dir endgültig klar, dass es in Dortmund nie wieder so werden wird wie 2012. Dass Du mit dem BVB so schnell dort nicht wieder hinkommst. Das waren einfach die Zeichen an der Wand. Voraussichtlich ist „zerbrochen“ hier ein falscher Begriff. Es hat sich etwas Bahn gebrochen, etwas, dass in einem kleinen Kämmerlein eingeschlossen, abgeschlossen schien. München. Der FCB. Heimat. Und was macht ein Mensch mit Deiner Eloquenz in einer solchen Situation? Er wehrt sich. Er gibt Interviews. Er redet den Schmerz weg. So wie Fußballer manchmal im Spiel einen Pferdekuss „weglaufen“ können, so hast Du versucht, das Gefühl im Keim zu ersticken. „Das Pfeifen im Wald“ nennt man das im Volksmund. „Überkompensation“ die Psychologen. Glaube ich zumindest…

Da ich – wie gesagt – Dein Freund bin, erspare ich es Dir, hier jede Aussage aus der Vergangenheit hoch zu kramen. Das wäre gemein und außerdem kennst Du sie sowieso alle in- und auswendig. Du hast gesagt, Du hättest schlaflose Nächte. Die hätte ich an Deiner Stelle auch gehabt. Ich denke, Dich wird jede Aussage vergangener Interviews wach gehalten haben.

Jede. Einzelne. Silbe.

Der Mats hat Scheiße gebaut

Lass mich die Tragweite ein wenig erläutern. Nur für mich, versteht sich, wir sind schließlich unter uns: Du, der aufrichtige, der „straighte“, derjenige, dem Erfolge egal sind, solange der Fußball und das Umfeld zu ihm passen, Du musst Dir nun überlegen, mit welchem rhetorischen Winkelzug Du das alles erklären kannst: Dass Du alsbald A machst, während Du jahrelang B gesagt hast, dass Du ab jetzt Wein säufst, während die Predigten über das Wassertrinken Deinen makellosen Ruf begründet haben, dass Du den Mario öffentlich gemaßregelt hast, um es ihm jetzt gleich zu tun. Wie da bloß raus kommen? Wie diesen Geist wieder in die Flasche bringen? Das Netz vergisst nicht, wobei ich mir sicher bin, dass der mandatory Shitstorm sogar halbwegs an Dir runterperlt. Aber wie der Welt erklären, dass Mats H. doch nicht dieser reflektierte, abgeklärte und aufrechte Typ ist, den Du uns jahrelang vor den Mikros verkaufen wolltest? Und am schlimmsten: Wie erklärt Mats Hummels das bloß Mats Hummels?

Nicht, dass DU wie Matthäus in der dritten Person von Dir redest, aber verdammt nochmal, der Mats hat Scheiße gebaut. Epische Scheiße. Mit einem kapitalen „S“, so groß wie die Marienkirche in München. Oh man, Mats. „Si tacuisses“, falls Dir das was sagt. Hast Du denn Deiner Mutter echt nie zugehört? Wir haben hier im Pott eine Redensart, die das ganz prima trifft. Die besagt nämlich, dass man den Arsch des Pavians umso weiter leuchten sehen kann, desto höher er auf die Palme klettert. Himmel, Mats, Du bist natürlich kein Affe, aber – um in diesem metaphorischen Bild zu bleiben – Du hast dir verdammt nochmal die höchste Palme Dortmunds ausgesucht, bist hoch in die Krone und hast dann Deinen Gluteus Maximus auch noch mit Signalfarbe angemalt. Capiche? Und das alles wegen Deinen voraussichtlich selbsttherapeutischen Interviews...

Wie gesagt, ich verstehe das. Ich habe Mitgefühl. Nichts im Leben ist erkenntnisspezifisch härter, als Verantwortung zu übernehmen und dann festzustellen, dass die Schuhe ein paar Nummern zu groß sind, die man sich da ausgesucht hat. Ich bin mir aber sicher, dass Du gut aufgenommen wirst. Da sind Deine Eltern, Deine Cathy, die Berge direkt vor der Tür. Das kuschelige Umfeld beim FCB. Die Familie. Da ist Dein guter Freund Holger, den Du ja schon von der Jugendmannschaft her kennst. Da sind der Robert und der Mario…. Oh, warte, das ist so sicher nicht, bei beiden nicht. Aber dafür hat’s den Manuel, den Franck und nicht zu vergessen: Matthias Sammer. Na? Ist das nichts? Letzterer kann Dich bestimmt dahingehend beruhigen, dass die Dortmunder alle schon irgendwie komisch sind. Und nachtragend. Viel zu emotional und gefühlsduselig. Galligkeit rules. Und das Stahlbad, von dem wir hier reden, das wird Dich besser machen. Härter. Davon weiß er was. Kurz gesagt: Du wirst weich fallen.

Daher wünsche ich der Cathy und Dir nun zum Schluss wirklich alles erdenklich Gute in München. Ich mein, ich kann verstehen, dass viele sauer auf Dich sind. Aber die sind es nur deswegen, weil sie Dich nicht so gut verstehen wie ich. Wir kommen hier schon ohne Dich klar. Sind wir immer. Mach Dir also keinen Kopf. Und Du siehst ja derzeit beim Mario, dass ein Großteil der Leute eh ein eher unterentwickeltes Erinnerungsvermögen besitzt. Von daher, passt scho‘, wie man in München sagt. Und nichts für ungut – ich grüße auch meine Tochter von Dir (die war übrigens richtig sauer und fühlte sich furchtbar verraten, aber so sind Kinder halt). Ach ja, bevor ich es vergesse, ein Punkt wäre da noch: Tu mir und Dir und unserer Freundschaft vielleicht in der Zukunft einen kleinen Gefallen. Halt künftig einfach die Fresse, wenn es darum geht, den Leuten zu erklären, dass sie gefälligst durch den Fluss schwimmen sollen, wenn Du selbst so panische Angst davor hast, nass zu werden. Ich weiß, dass Du das und vor allem mich verstehst.

Auf bald, mein Lieber. „Zurückkehren“ ist im Augenblick ja groß im Trend...

Dein Götz

01.05.2016, Götz

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