schwatzgelb.de
Zu schwatzgelb.com wechseln

Unsa Senf - 29.04.2016

Warum mir die Bayern nicht egal sein können

Kollege Scherben hat jüngst wortreich begründet, warum ihm die Bayern egal sind. Abgesehen davon, dass ich immer stutzig werde, wenn jemand viele Worte über eine Sache verlieren kann, die ihm doch egal ist und ich die Egalheit somit schon mal anzweifele (ich könnte keinen Aufsatz über Germany's next Top Model schreiben - es interessiert mich nicht, ist mir also egal), empfinde ich in Bezug auf die Bayern grundsätzlich anders.

Ja, ich habe auch schon oft gesagt, dass mich die Bayern nicht interessieren. Das stimmt in vielerlei Hinsicht, speziell in Bezug auf Fankultur, rein sportliche Dinge oder Fußballgespräche mit Menschen, die von sich behaupten, Bayern-Fan zu sein. Ich beende diese Gespräche immer sofort, sobald mir vorgezählt wird, wie viele Meisterschaften die Bayern schon geholt haben und wie unglaublich erfolgreich sie sind. Von mir kommt dann meist noch die Frage nach der schweren Kindheit und einem erfolglosen Privatleben. Ich kann da nicht an mich halten. Sportlich sind sie mir wurscht, wenn Borussia nicht gerade in Konkurrenz zu ihnen steht. Ob die jetzt mit 30 Punkten oder 2 Punkten vor Wolfsburg Meister werden – egal. Dass sie überhaupt Meister werden? Na, dann werden's die Blauen wenigstens nicht.

Ich habe einige Jahre in München gewohnt und konnte es mir in der Zeit nicht nehmen lassen, bei unseren Heimspielen westfälisch sprechende Bayern zu beschimpfen und ihnen ein "Ich komme wenigstens aus München" an die Köpfe zu werfen, oder Fragen, die mir von roten Hochdeutschsprechern gestellt wurden, mit einem "Sorry, ich verstehe kein Bayerisch" abzubügeln.

Ja, die Bayern machen mich aggressiv. Im Gegensatz zu den Blauen, bedarf es bei den Bayern aber meist der direkten Begegnung oder eines Anlasses. Und den liefern die Bayern zuverlässig.

Rückblick:

Als ich BVB-Fan wurde, also Ende der 70er und Anfang der 80er, spielte Borussia mal um den Klassenerhalt oder um den Einzug in den Uefa-Cup. Wer Meister wurde, interessierte mich nicht. Da waren die Bayern, der HSV, manchmal Ausreißer wie Köln oder Stuttgart. Es war aber egal. Oft - und das hat sich bis heute nicht geändert - wusste ich gar nicht, gegen wen Borussia spielte, wenn ich ins Stadion ging. Es war und ist auch irrelevant, weil ich ja nicht wegen der Gastmannschaft ins Stadion gehe. Aber wenn die Bayern kamen, wusste ich das. Da standen Spieler wie Sepp Maier, Kalle Rummenigge und Paul Breitner auf dem Platz und bei uns spielten Peter Geyer und Wolfgang Vöge. Wir waren klein, die waren unerreichbar groß. Und irgendwann stand bei uns ein 17-jähriger Junge im Tor und faustete am ersten Spieltag der Saison 1978/1979 alle Bälle weg, die von den Bayern-Superstars auf unser Tor gefeuert wurden. Borussia gewann dieses Spiel sensationell mit 1:0 und ich lernte, dass ein 1:0 gegen Bayern doch süßer schmeckt als ein 6:0 gegen die Kickers Offenbach in der zweiten Pokalrunde.

Bayern war aber immer mehr als nur Fußball. Bayern war für mich immer auch Weltanschauung - fußballpolitisch, aber auch realpolitisch. Die Bayern waren für mich immer auch Strauß, CSU und Schuhplattler. Als Dortmunder Dortmund-Fan konnte ich nie (kann ich immer noch nicht) verstehen, wie Menschen Bayern-Fan sein können, ohne dort aufgewachsen zu sein und das Paket aus CSU und Strauß mitzulieben. „Mia san mia“ ist der Kotzbrocken unter den Vereinsslogans, weil er für alles steht, für das man Franz-Josef Strauß verabscheut hat. Er spricht für die Arroganz und die parasitäre Haltung des FC Bayern. Die leben das sprichwörtliche „Wer ko', der ko'“ des Xaver Krenkl. Sie kaufen Spieler aus Selbstzweck – eben nur weil sie es können.

Der Anspruch, die besten deutschen Spieler unter Vertrag haben zu müssen, ist schädlich für die Liga und oftmals auch für die Spieler selbst. Er widerspricht dem sportlichen Wettbewerb und macht ihn zur darwinistischen Finanzschlacht. Die geht soweit, dass sich inzwischen Mannschaften freiwillig von den Bayern abschlachten lassen und sich lieber auf die Partien gegen ihre Tabellennachbarn konzentrieren. Und er bringt die Spieler häufig keinen Schritt weiter – Mario Götze kann ebenso ein Lied davon singen wie weiland Kalle Del'Haye und die beinahe namenlosen Kirchhoffs, Baumjohanns und Schlaudraffs.

Die Art, für sich andere Regeln in Anspruch zu nehmen und hemmungslos gegen Gegner und Schiedsrichter zu schießen, weil man ja der FC Bayern ist, widert mich an. Ja, die Bayern haben Großes geleistet, aber sie sind trotzdem oder deswegen auch einfach scheiße. Sie sind das Arschloch, das mit seinem AMG durch die Fußgängerzone fährt oder mit dem Brabus auf einem Behindertenparkplatz steht. Sie sind in jeder Beziehung das exakte Gegenteil davon, wie ich mir meinen BVB wünsche. Ich unterschreibe jede Zeile des Liedes „Bayern“ von den Toten Hosen.

So viel zur Politik – zurück zum Sport.

Auf dem Rasen, in jedem Spiel und in der ganzen Saison zählt für mich nur der BVB. Und dennoch fühlen sich – wie oben gesagt – Siege gegen Bayern süßer an als die gegen 16 andere Vereine, auch weil sie in sportlicher Hinsicht ein paar Nummern größer sind als ein 2:0 gegen Hannover 96. Wir Borussen haben 1995 und 1996 sowie 2011 und 2012 vier Meisterschaften in ähnlicher Konstellation erlebt: Zunächst war da ein Titelgewinn, der sich einfach unfassbar gut und genial anfühlte, weil er eben ein historisch besonderer Titelgewinn war. 1995 der erste nach unendlich langer Zeit, 2011 war er die Krönung des neuen BVB, in den wir uns alle neu verliebt hatten. Es waren Meisterschaften der Emotion, wahre Ausbrüche voller positiver Energie.

Aber wir haben sie nicht gegen Bayern gewonnen (jetzt nicht klugscheißen, dass man Meisterschaften nicht gegen eine, sondern gegen 17 Mannschaften gewinnt). 1995 war Werder Bremen der Konkurrent, 2011 war es Leverkusen. 1996 und 2012 waren es die Bayern und im Pokalfinale waren es sogar DIE BAYERN! Das 5:2 im Pokalfinale war an sich schon fantastisch, aber seinen Zuckerguss erhält es durch den Gegner. Zur unbändigen Freude darüber, was meine Borussia da geleistet hatte, kam noch – ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll, die Genugtuung? der Stolz? - es gegen Bayern geschafft zu haben. Gegen die da ganz oben!

Ich schalte mal eben rüber zum Tennis.

Als Boris Becker 1985 in Wimbledon gewann, war das eine Sensation. Dass er überhaupt das Finale erreichte, war eine Sensation. Dass er im Finale nicht auf John McEnroe oder oder Jimmy Conners traf, war mindestens Glück. Denn die Großen der Welt hatte sein Finalgegner Kevin Curren, ebenfalls Überraschungsfinalist, quasi für Becker aus dem Weg geräumt. Historisch ist der Sieg 1985 nicht zu toppen. Aber sportlich? Im Folgejahr traf Becker im Wimbledon-Finale auf die Nummer Eins in der Welt, die tschechische Ballmaschine Ivan Lendl – und wiederholte seinen Triumph. Sportlich gesehen ein viel größerer Sieg als 1985. Steffi Graf wird sicherlich auch ihre Siege gegen Martina Navratilova höher schätzen als ihr in 34 Minuten rausgezuckertes 6:0, 6:0 im Finale der French Open 1988 gegen die bedauernswerte Natalia Zvereva.

Wer gewinnen will, will gegen die Besten gewinnen und nicht davon profitieren, dass die Bayern gerade eine schlechte Phase hatten. Das sind seit 1980 im Fußball unangefochten die Bayern. Deutscher Meister zu werden, bedeutet in Deutschland leider in 99 Prozent der Fälle, dass man besser als die Bayern sein muss. Die Bayern sind das Nonplusultra, sportlich und weltanschaulich. Auf sie projizieren sich Gefühle und Ansichten und ergeben eine Gemengelage, in der mir die Bayern einfach nicht egal sein können.

desperado09, 29.04.2016


Du möchtest schwatzgelb.de unterstützen?

Schwatzgelb.de ist kostenlos und werbefrei. Wir finanzieren unsere ehrenamtliche Arbeit über unsere Shops. Schaut doch mal rein!