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Eua Senf - 23.04.2016

Lieber Mats Hummels - Ein Leserbrief

Mats HummelsLieber Mats Hummels,

durch Ihr Interview nach dem erfolgreich absolvierten DFB-Pokalhalbfinale gegen Hertha BSC Berlin, ist es in der deutschen Medienlandschaft, aber vor allem auch im Fanlager Ihres aktuellen Arbeitsgebers Borussia Dortmund, zu erheblicher Unruhe gekommen. Deswegen will ich mich heute mal direkt an Sie wenden, indem ich einen öffentlichen Brief verfasse, welcher Sie hoffentlich irgendwie erreichen wird.

Vorweg muss ich sagen, dass ich mich eigentlich nur in Ihrer Anfangszeit beim BVB, als sie gerade 19-20 Jahre jung waren, zu ihren großen Fans zählte. Dies ist nach und nach erkaltet, weil mir schlicht ihr Auftreten gepaart mit Ihren sportlichen Leistungen, oftmals nicht gefiel. Aber so ist das halt manchmal, auch bei „Spieler – Fanbeziehungen“, dass keine richtige Wellenlänge zustande kommt. Dennoch vermag ich ihre Leistungen für den BVB und mit ihm anzuerkennen. Und ich habe auch immer mit großem Respekt auf Ihre Klarheit und Verbundenheit geblickt, die sich auch dadurch ausdrückte, dass sie keine Ausstiegsklauseln vereinbarten und immer wieder mit klaren Aussagen aufzufallen vermochten! Ihr „ich würde einen Champions-League-Titel mit dem BVB sechs mit einem anderen Verein vorziehen“ als Replik auf den damaligen Wechsel Mario Götzes war da schon bemerkenswert. Der BVB jedoch hatte Ihnen eben auch etwas geboten und gegeben, von dem Sie profitierten. Nämlich die Chance (anfangs durch Thomas Doll) und das Vertrauen (durch Jürgen Klopp), bei uns hier eine Karriere von Weltformat zu begründen. Wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Sie zumindest zuletzt dafür auch fürstlich entlohnt wurden.

Dennoch stieß mir immer wieder auf, wie Sie sich öffentlich gezielt von der Mannschaft abgegrenzt haben. Vor allem im Krisenjahr 14/15 war dies extrem prägnant. Zudem waren Ihre Leistungen in jener Saison auch nicht mehr dergestalt, als dass man dies hätte akzeptieren können. Offensichtlich (und nach der Saison auch eingestanden) nicht ansatzweise austrainiert und professionell agierend, stürzte der BVB mit Ihnen ab. In Ihrer Konsequenz daraus – als die Klasse dann doch erhalten war, und sogar noch internationaler Fußball winkte – gaben Sie ein für mich wirklich empörendes Interview im kicker – Sportmagazin. Während Jürgen Klopp seinen Abschied zum Saisonende bereits verkündet hatte, forderten Sie vom Verein ambitioniertes Vorgehen im Hinblick auf die Spielzeit 15/16, während Sie gleichermaßen die eigene Zukunft „offen stellten“, weil Sie noch nicht „klar sein“, ob nicht doch das Ausland mal reizvoll sein könnte. Zusammengefasst sagten Sie, dass der Verein schon ambitioniert handeln müsse, wenn man Sie überzeugen wolle, aber selbst wenn dem so wäre, das Thema „Ausland“ immer in Ihnen gären würde.

Dies, wohlgemerkt, nach einer Spielzeit, wie es das Jahr 2014/2015 für den BVB und für Sie persönlich war. Und in der Rolle des Kapitäns obendrein .Andererseits will ich Ihnen zugute halten, dass Sie einer jener Profifußballer sind, die auch einmal ein halbwegs offenes Wort gegenüber der Öffentlichkeit sprechen. Und damit natürlich auch immer das Risiko in Kauf nehmen, falsch interpretiert zu werden oder halt Widerspruch hervorzurufen.

Im Sommer 2015 jedoch erschien Ihnen unter dem Strich das Vorgehen des Vereins offenbar ambitioniert genug und auch ihre Wechselpläne / „Auslandsaufenthaltgedanken“ schienen zunächst ad acta gelegt. Sie brachten sich körperlich wieder in eine sehr gute Verfassung, und siehe da, sportlich sah man „den besten Hummels“ seit Jahren. Ihre Saison 2015/2016 war im Grunde durchweg herausragend, bemerkenswert und auch in der Rolle der Führungsfigur und des Leaders auf dem Platz scheinen Sie in meinen Augen endlich angekommen zu sein. Auch beim historisch epochalen Aus in Liverpool empfand ich ihre Leistung, ihren Willen und ihre Führungsstärke auf dem Platz als außergewöhnlich. Mit mehr „von dem“, wäre diese Partie wohl nicht verloren gegangen! Schon als Sie den Platz vor dem Spiel betraten – direkt an unserem Gästebereich vorbei – waren Sie es, der sich kurz umdrehte und „uns Fans“ anstachelte! Das fiel mir sehr positiv auf.

Allerdings wartete ich gleichzeitig bereits seit Februar, wann sich der Kapitän von Borussia Dortmund endlich äußern würde, wie er sich denn angesichts eines 2017 auslaufenden Vertrages seine weitere Zukunft vorstellen würde. Ich warte bis heute vergeblich und schlussendlich war dann Ihre oben erwähnte Aussage nach dem Pokal-Halbfinale zum ersten Mal eine etwas „hindeutende“ Erklärung wenngleich sie nicht Klarheit, sondern eher Verunsicherung schaffte.
Es wäre wünschenswert, wenn Sie als Kapitän und seit acht Jahren bei uns viele Erfolge feiernder und sehr gut dotierter - und dem BVB eine glanzvolle Karriere verdankender - Spieler bereits vor einigen Wochen eine klare Ansage gemacht hätten. Schlicht zugunsten des Klubs, um diesem Planungssicherheit zu geben und schlicht, weil Sie doch wissen, wie wir Anhänger des Ballspielvereins diese Themen umtreiben. Wie Sie sich entscheiden, ist dabei im Grunde zweitrangig. Der Zeitpunkt ist entscheidend, und letzten Endes Ausdruck dessen, was man als Respekt ausdrückt.

Das nunmehr auch der Name FC Bayern, gewollt oder ungewollt, durch Ihren Vater medial ins Spiel gebracht, durch die Welt geistert, will ich dabei gar nicht groß Ihnen anlastend kommentieren. Ich für meinen Teil kann Sie sogar verstehen, wenn Ihnen ein Wechsel zu einem der ganz großen Klubs dieser Welt vorschwebt. Und dazu gehört auch der FC Bayern München, aus dessen Reihen Sie ja zudem auch entstammen und somit auch mit ihm verbunden sind. Allerdings würde solch ein Transfer schon Ihre Glaubwürdigkeit und Klarheit, die ich oben ja lobend hervorhob, komplett desavouieren.

Insgesamt kann ich Ihnen als Borussia Dortmund-Fan ohnehin nur entgegenhalten, dass Sie sich genau überlegen sollten, worauf es in einer Fußball-Karriere genau ankommt. Gewiss, Geld ist ein wichtiger Faktor, was auch vollkommen legitim ist. Sportlich das eigene Talent möglichst in viele Erfolge ummünzen, ist ebenso einer. Aber etwas für „die Ewigkeit“ hinterlassen auf jeden Fall ebenso ein nicht zu unterschätzender.
Alle drei Faktoren jedoch lassen sich nicht immer bzw. nur sehr selten unter einen Hut bringen. In Dortmund jedenfalls ist man da schon recht nah dran, dass man alles drei ermöglicht bekommt. Aber gewiss, zum einen liegt Dortmund nicht in Spanien (oder England) und kann somit keine gewünschte Auslandserfahrung bieten, zum anderen gibt es Vereine auf dieser Welt, wo mehr Geld und mehr sportlicher Erfolg möglich sind. Obschon diese dann eben eher jenem widerspricht, was sie vor circa drei Jahren Mario Götze entgegenwarfen, als Sie sagten, dass es nicht darauf ankommt, was man alles gewonnen hat, sondern wie man es gewann und welche Rolle man dabei spielte. Wie Ihre Rolle z.B. in Barcelona oder München wäre, vermag ich natürlich nicht zum heutigen Zeitpunkt zu wissen, erahnen könnte man es aber. Den Status, den sie in Dortmund haben und hätten, würden sie dort niemals erreichen. Dafür aber natürlich eher mal den Champions-League Pokal in den Händen halten.

Ich kann da eigentlich nur an „Sie selbst“ appellieren. Im Juni 2015 haben Sie auf Ihrem Twitter-Account einmal Dirk Nowitzki mit „Jetzt schon eine Legende“ zu dessen Geburtstag gratuliert. Warum ist Nowitzki eine Legende? In Deutschland, aber vor allem auch in den USA? Weil er, anders als viele Profisportler, sich dafür entschieden hat, (voraussichtlich) für immer bei den Dallas Mavericks zu spielen. Er selbst begründete das damit, dass er nicht irgendwo die Meisterschaft mitnehmen, sondern dies mit SEINEN Mavericks erreichen wolle. Dafür verzichtete er auf viel Geld und auf die Erfahrung in einer anderen Stadt der USA zu leben. Zudem war unklar, ob es tatsächlich mit seinem Team zum Titel reichen sollte, welches sich selten durch Durchsetzungsstärke in den entscheidendsten Momenten auszeichnen konnte; zumindest bis zum Titelgewinn 2011. Es klappte schlussendlich, wodurch Nowitzki zum „German Wunderkind“ und erst Recht zu einer (deutschen) Legende in der NBA wurde. Kaufen kann man sich als Profisportler dafür sicherlich wenig. Aber man hat die Gewissheit, dass man „unvergessen“ bleibt. Etwas, wonach viele Menschen ja streben.

Sie, lieber Mats Hummels, könnten, so Sie sich dazu entschließen würden ihr Kapitänsamt beim BVB weiter auszufüllen, und vermutlich Ihre Karriere hier zu beenden, zu einer d e r BVB-Figuren der bisher 107 Jahre werden. Eine der prägenden Figuren. Sicherlich streitbar, nicht von jedem geliebt (siehe mich selbst), aber hoch anerkannt und respektiert. Und noch in 50 Jahren würden die Menschen in Dortmund wohl sagen: „Wisst ihr noch, damals, als Klopp und Hummels…“
Ich weiß nicht, da Sie uns ja so lang warten lassen, ob und wie Ihre Entscheidung aussieht oder bereits gefällt ist. Aber denken Sie noch einmal darüber nach, was Sie hier aufgeben und anderswo gewinnen werden. Und lassen Sie sich durch den Kopf gehen, dass hier selbst Personen wie ich, die sie eher kritisch sehen, mit großem Respekt von Ihnen reden! Auch das ist etwas, was nicht gewöhnlich ist und nicht überall vorzufinden ist.

Gewiss, wenn Sie für sich (und gemeinsam mit ihrer Frau) entscheiden, dass Sie einmal im Ausland leben und arbeiten wollen, und wenn Sie dies so bereits kommuniziert hätten, oder es jetzt zeitnah tun, dann werde ich Sie – und sehr viele andere – mit größtem Wohlwollen verabschieden und Ihnen dafür Danken, was Sie in bald zehn Jahren mit und für den BVB geschafft haben. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber beenden Sie Ihr Hinhalten und überlegen Sie sich gut, wofür Sie sich entscheiden werden. Ich jedenfalls wünsche Ihnen, dass Sie die richtige Entscheidung treffen.

Phil, 22.04.2016


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