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Unsa Senf - 12.04.2016

Der BVB ist nicht die Leinwand für Meisterschafts-Träume

Guten Abend! Ging es euch am Montagmorgen auch so, dass ihr aufgewacht und vor Schreck fast aus dem Bett gefallen seid, weil euch mit einem Schlag dieser furchtbare Gedanke in den Kopf kam? Bayern wird Meister!

Nä! Sach bloß! Wer hätte das vor der Saison zu prognostizieren gewagt? 

Für Fußball-Deutschland ist am Sonntagnachmittag eine Welt zusammengebrochen. Der Schuldige: Thomas Tuchel. Wie konnte der BVB-Trainer es nur wagen, der Liga die Spannung zu nehmen, indem er im Derby seine Reservebank auf den Rasen schickte? Das ist doch Wettbewerbsverzerrung! Und dann spielen die nur unentschieden, statt wie erwartet zu gewinnen.

Ach, Leute... Ja, man durfte auch und gerade als BVB-Fan ein wenig verwundert über die, nun ja, unkonventionelle Aufstellung im Derby sein. Da standen Spieler auf dem Platz, von denen ich als Fan sagen würde, dass sie als Einwechselspieler in dieser Saison noch nicht so wahnsinnig eingeschlagen sind. Und die sollen ausgerechnet im Derby von Beginn an spielen? Aber andererseits ist Tuchel ja vor der Sasion als der große Rotator angekündigt worden. Dann soll er mal rotieren.

Nun stand da also eine vermeintliche B-Elf auf dem Platz und spielte einen Fußball, den die Blauen nur aus Schwarz-Weiß-Filmen kennen. Unser geliebter Gegner legte als Reaktion die oft geforderten vermeintlichen Derbytugendenen an den Tag: kratzen, treten, Ellbogen in die Fresse. Was bleibt einem auch übrig, wenn man sonst nichts kann? Geradezu lächerlich, zu fordern, Spieler der Gewichtsklasse Leitner-Kagawa-Pulisic müssten stärker dagegenhalten. Nee, wir wären mit rein spielerischen Mitteln beinahe als Sieger vom Platz gegangen und können sicherlich auch nach dem Remis erhobenen Hauptes durch den Pott schreiten.

Und trotzdem rauscht's im Blätterwald, denn wir, der glorreiche Ballspielverein Borussia aus Dortmund, haben just an diesem Sonntag den deutschen Fußball hinterrücks und in einem Akt nie dagewesenen Egoismus' kaltblütig gemeuchelt. Wir haben dem Meisterschaftsrennen die Spannung geraubt, geopfert auf dem Altar möglicher Titelgewinne im DFB-Pokal und in der Europa League!

Warum nur, BVB?! Warum?

Weil es richtig war. Halten wir fest: Andere Mannschaften schenken seit zwei Jahren ihre Spiele gegen Bayern her, indem sich Spieler eine Gelbsperre abholen oder Trainer urplötzlich eine Überbelastung bei ihrem Spitzenpersonal feststellen, während sie gegen den BVB und andere vermeintliche Bayern-Konkurrenten in Bestbesetzung auflaufen. Könnte es vielleicht nur ein klitzekleines Bisschen sein, dass die Bayern auch darum unangefochten an der Tabellenspitze stehen und nicht, weil der BVB im Auswärtsderby nur einen Punkt geholt hat?

Was haben wir früher gelacht, wenn die Bayern bei abstiegsbedrohten Bielefeldern, Bochumern oder Uerdingern Punkte im Meisterschsftsrennen lassen mussten! Heute undenkbar. Die Liga beginnt mit dem zweiten Tabellenplatz, das Spiel gegen Bayern ist lediglich da, um die Kassen zu füllen. Aber der BVB hat's verbockt, dass die Liga nicht mehr spannend ist...

Spannend. Ich lach mich kaputt. Spätestens seit dem 0:0 zwischen Borussia und Bayern ist die Spannung raus. Schon damals wurde genöhlt, dass der BVB in der zweiten Halbzeit nicht mehr Risiko gegangen war. Dabei war völlig offensichtlich, dass mehr Risiko vorne höchstwahrscheinlich zu einem großen Loch in der Defensive geführt hätte. Und wir wissen ja, was die Bayern mit solchen Löchern machen. Wer übrigens glaubt, der BVB hätte mit seiner A-Elf das Derby gewonnen, glaubt zwangsläufig auch, dass die Bayern selbst dann gegen die Blauen gewinnen, wenn sie Götze einsetzen. Ganz zu schweigen vom Rest der Ligaspiele. Leute, werdet klar im Kopf: Die Meisterschaft war höchstens in unseren Träumen noch spannend.

Ja, Spannung. Die gibt es für den BVB noch, bloß nicht in der Liga. Wir stehen im Viertelfinale der Europa League und haben in Liverpool ein schweres Spiel vor der Brust. Eine Woche später ist Halbfinale im DFB-Pokal, ausgerechnet auswärts bei sehr motivierten Berlinern. Der BVB kann in dieser Sasion zwei Titel gewinnen und hat - ganz nebenbei - schon längst sein Saisonziel erreicht: die direkte Qualifikation zur Champions League.

Intern ist Borussia im Soll, hat Punkte gesammelt und Spiele gewonnen wie noch nie und kann, wenn es richtig, richtig gut läuft, eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte spielen.

Es ist nicht die Aufgabe von Borussia Dortmund, Projektionsfläche für die Meisterschaftsträume von Journalisten und Fußballexperten zu sein. Für eine spannende Liga braucht es 17 Mannschaften, die versuchen, die Bayern zu schlagen. 

Doch auch in der Fanlandschaft des BVB hadert mancher mit der Derby-Rotation. Tuchel ist vielen Fans nicht emotional genug. Sie mögen seinen Fußball nicht und erst recht nicht, dass er in einem Derby Rücksicht auf die großen kommende Aufgaben nimmt. Klar, nach der Ära Klopp müssen wir alle noch ausnüchtern und sehnen schon den nächsten Rausch herbei. Ich fürchte nur, der wird nicht kommen. Zumindest nicht so gewaltig wie unter Klopp.

Ich muss zugeben, dass Tuchels Ballbesitzfußball oftmals - wie soll ich's sagen? - langweilig wirkt (außer wenn Bürki den Ball bekommt). Das stimmt aber nur, so lange man sich nicht mit dem Fußball beschäftigt, der da geboten wird. Dann wird recht schnell nachvollziehbar, dass das Passspiel der Jungs da auf dem Rasen in der Regel alles andere ist als planlos. Ja, da läuft nicht mehr das große Gefühlskino auf dem Rasen. Schlechter ist der Fußball aber nicht geworden.

Experten behaupten, der BVB habe sich weiterentwickelt und sei erwachsen geworden. Die Mannschaft geht schonender mit ihren Ressourcen um, der Trainer tut dies ebenfalls. Was fehlt, ist das große Emotionskino, das Drama. Aber Tuchel als emotionslosen Tüftler hinzustellen, trifft es auch nicht. Ich habe lange keinen Trainer so häufig von Spielfreude, Vorfreude, Freude über die Möglichkeit, das kommende Spiel bestreiten zu dürfen etc. sprechen gehört. Dieser Trainer mag kein kraftstrotzendes Energiebündel sein, und natürlich hat er einen verkopfteren Ansatz als Klopp. Und natürlich würde ich ihm gerne mal ein Bütterken reichen, damit er was auf die Rippen kriegt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Tuchel bei aller Askese und Verkopftheit kein emotionsloser Theoretiker ist. Wir müssen uns bloß noch an einander gewöhnen.

desperado09, 12.03+1.2016


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