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Im Gespräch mit.. - 04.04.2016

278 Tage Thomas Tuchel - Ein taktisches Zwischenfazit

Als Thomas Tuchel im Sommer 2015 das Traineramt bei Borussia Dortmund übernahm, war wohl weder den Verantwortlichen noch den Fans gänzlich bewusst, in welche Richtung die Reise gehen würde. Der BVB hatte sich in der Vorsaison 14/15 nach einer katastrophalen Hinrunde, die den Verein zwischenzeitlich sogar auf den letzten Tabellenplatz führte, noch auf den für die Europa-League-Qualifikation berechtigenden siebten Tabellenplatz gerettet. Darüber hinaus verließ mit Jürgen Klopp der Trainer den Ruhrpott, der den BVB zu zwei Meisterschaften, einem Pokalsieg und ins Champions-League-Finale geführt hatte. Vermeintlich nicht die allerbesten Startbedingungen für einen Trainer, dessen einzige Trainerstation im Profifußball bis dahin der FSV Mainz 05 war. Andererseits sprach auch die Entscheidung von Tuchel und seinem Trainerteam, sich einer solchen Herausforderung zu stellen, für ein gesundes Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Nach nun mehr als drei Vierteln der Saison, in denen sich die Mannschaft anschickt, die historisch beste BVB-Saison zu spielen, und sich mit dem Erreichen des Pokalhalbfinales und dem Viertelfinale der Europa League noch immer zwei Final-Chancen wahrt, kann schon jetzt konstatiert werden, dass Thomas Tuchel die Erwartungen erfüllt hat. Sein größter Verdienst ist bis dato wohl die gelungene Implementierung eines Ballbesitzspieles, welches unter Jürgen Klopps pressingorientiertem Ansatz sichtlich zu kurz kam. Schwatzgelb.de hatte die Gelegenheit mit Constantin Eckner, einem der Autoren des Fußball-Taktik-Blogs Spielverlagerung.de, über die taktischen Probleme der letzten Saison, die von Tuchel vollzogenen Veränderungen und über die Zukunft des BVB zu sprechen.

Schwatzgelb.de: Speziell in der letzten Saison zeigten sich beim BVB dann große Defizite, wenn der Gegner sich um den eigenen Strafraum verbarrikadierte und man zum Ballbesitzspiel gezwungen wurde. Kannst du kurz schildern, wo die Probleme des BVB lagen?

Eckner: Einerseits hatte Dortmund bei eigenem Ballbesitz nicht die Strukturen, um sich in die Zwischenräume zu kombinieren oder geordnet hinter die gegnerische Abwehr vorzustoßen. Andererseits war das Gegenpressing des BVB nicht so effektiv wie noch in den Jahren zuvor. Nicht alle Teams, gegen die Dortmund in Schwierigkeiten geriet, mauerten durchweg. Sie verbarrikadierten sich nicht sofort am eigenen Strafraum, sondern starteten zunächst ihr Mittelfeldpressing. Dortmund hatte im Gegensatz zu den Bayern nicht die Möglichkeit, mit ruhigem Ballbesitzspiel den Gegner geduldig nach hinten zu drücken.

Gab es für den BVB Ballverluste, erfolgten diese häufig schon kurz hinter der Mittellinie und aufgrund der Dortmunder Flügelorientierung oftmals auf der Außenbahn, von wo aus man nur schwerlich in Richtung gegnerisches Tor in kürzester Zeit durchbrechen kann. Also ist in diesen Zonen die unmittelbare Rückeroberung des Balles nicht so effektiv wie im letzten Spielfelddrittel.

Dortmund versuchte jedoch trotzdem mit aller Gewalt im Gegenpressing zuzugreifen und anschließend über Umschaltangriffe schnell nach vorn zu kommen. Doch dieses Risiko führte sogar dazu, dass man selbst häufiger ausgekontert wurde. Hinzu kam sicherlich noch der Faktor, dass viele Teams selten durch die Mitte des Spielfeldes aufbauten, sondern bevorzugt den Ball nach vorn bolzten, wodurch Dortmund mit seinem zugegeben abgestumpften Pressing inklusive unkreativer Raumaufteilung wirkungslos blieb.

Schwatzgelb.de: Jürgen Klopps favorisierte Grundformation war ein 4-2-3-1. Welche Formationen favorisiert Tuchel in seinem ballbesitzorientierten Spielstil und könntest du diese kurz charakterisieren?

Eckner: Thomas Tuchel ließ von Saisonbeginn an ein 4-3-3 spielen. Dabei waren in den ersten Monaten bestimmte offensive Bewegungsmuster charakteristisch: Beide Außenverteidiger rückten bei der Spieleröffnung umgehend nach vorn. Julian Weigl als tiefster zentraler Mittelfeldspieler positionierte sich halblinks, um die Überladungen des linken Halbraums abzusichern. Denn in der Regel interagierten Shinji Kagawa, Marcel Schmelzer und Henrikh Mkhitaryan in dieser Zone miteinander. Marco Reus, der zu Saisonbeginn meist als nomineller Rechtsaußen auflief, rückte ebenso häufig nach links. Übrig blieb Ilkay Gündoğan als diagonaler Spielmacher im rechten Halbraum sowie Matthias Ginter als Empfänger für Verlagerungsbälle auf der rechten Seite. Man kann Ginter gewiss in vielen Belangen kritisieren. Aber seine ballferne Positionierung, die aufrückenden Läufe sowie die Präzision seiner Querpässe ins Sturmzentrum, nachdem er die Verlagerungsbälle erhalten hatte, waren nahezu perfekt.

Im Verlauf der Hinrunde wurden diese Muster jedoch immer weiter aufgeweicht. Teilweise kippten Kagawa und Gündoğan zu stark nach hinten, wodurch ein Loch zwischen Aufbau- und Angriffsreihe entstand. Zur Winterpause erfolgte wieder Feinjustierung von Seiten Tuchels. Mittlerweile präferiert er aber nicht mehr ausschließlich das 4-3-3. Genauso gab es schon 4-2-3-1-Formationen zu sehen. Zuletzt spielte der BVB unterdessen häufiger mit einer asymmetrischen Fünferabwehr, wobei auf der rechten Seite quasi zwei Außenverteidiger sehr nah nebeneinanderstanden. Gegen Bayern gab Lukasz Piszczek einen klassischen Halbverteidiger. Doch im Hinspiel gegen Tottenham schob er häufig auf die Außenverteidigerposition, während Nebenmann Erik Durm situativ zum Rechtsaußen wurde. Anfangs legte Tuchel viel Wert auf eingeübte Strukturen. Nun sind wir im Stadium zunehmender Flexibilität und Unberechenbarkeit angelangt. 

Schwatzgelb.de: In letzter Zeit beklagte sich ein Teil der BVB-Fans darüber, dass der neue Taktikansatz wesentlich unspektakulärer als der vorherige sei.  War die Anpassung gemessen an den Anforderungen, die ein Großteil der Gegner mittlerweile an eine Mannschaft wie Borussia Dortmund stellen, nicht längst überfällig und sogar alternativlos?

Eckner: Unspektakulär bedeutet in diesem Fall stabiler. Jürgen Klopps Run-and-Gun-Stil war in seiner absoluten Hochphase nur sehr schwer bezwingbar. Der BVB kontrollierte Gegner nicht unbedingt über ausgeklügeltes Ballbesitzspiel, wobei dies beim Klopp'schen BVB in manchen Phasen besser war als sein Ruf. Aber das unglaublich zugriffsstarke Gegenpressing gab den gegnerischen Teams keine Luft zum Atmen. Als diese Komponente jedoch abstumpfte, wurde die Borussia viel anfälliger. Man hatte vielleicht 65 Prozent Ballbesitz, aber kontrollierte das Geschehen nicht. Selbst Siege gegen den Abstiegskandidaten an x-beliebigen Samstagnachmittagen wurden regelmäßig zum Nervenkitzel.

Tuchels Ansatz möchte jedoch dem Spiel zu einem gewissen Grad die Zufälligkeit nehmen, die Unvorhersehbarkeit minimieren. Deshalb wirkt das Ballbesitzspiel der Dortmunder derart strukturiert. Es ist das Ziel Tuchels, die Bewegungen der Spieler auf dem Feld bis ins letzte Detail zu perfektionieren. Das bedeutet nicht unbedingt, dass jedem Kreativkopf die komplette Freiheit geraubt wird. Aber Spieler wie etwa Marco Reus brauchen feste Strukturen, um sich entfalten zu können. Zu Saisonbeginn agierte er oftmals in einer schwimmenden Flügelspielerrolle und wurde damals zu Recht dafür kritisiert, dass er im Vergleich zum restlichen Team abfiel. Gündoğan hingegen bekommt weiterhin Freiheiten im Spielaufbau, da er von Natur aus über ein gutes Gefühl für die zu besetzenden Räume verfügt. Mats Hummels darf weiterhin über den linken Halbraum vorstoßen, nur eben nicht mit der Brechstange, sondern mit dem passenden Timing bei entsprechenden Rahmenbedingungen.

Durch die von Tuchel implementierte Abstimmung im Ballbesitz sowie über das komplette Spielfeld effektive Pressing, was in dieser Form nahezu einmalig ist, wirken die Dortmunder gegen individuell unterlegene, tiefstehende Mannschaften nicht nur dominant, sie sind es auch. Der BVB braucht womöglich einige Zeit, um das erste Tor zu erzielen, hat aber mittlerweile ein derart großes Vertrauen in die eigenen spielmacherischen Fähigkeiten entwickelt, dass die Spieler nicht in Panik verfallen. Sie spielen normalerweise ihren Stiefel herunter. Auch wenn das nicht unbedingt zu nervenaufreibenden Partien am Fließband führt.

Worin lag nun die Besonderheit von Klopps BVB? Der Ausschlag nach oben wie nach unten war extremer. Man war zu herausragenden Leistungen, gerade gegen Spitzenteams, fähig, konnte aber ebenso gegen unterdurchschnittliche Mannschaften gehörig ins Straucheln kommen. Tuchel hat Dortmund auf einem hohen Niveau stabilisiert. Es bleibt die Frage, inwieweit der BVB unter ihm auch zu außergewöhnlichen Leistungen im Stande ist, wenn man als eigentlich unterlegene Mannschaft ins Spiel geht. Glücklicherweise gibt es nur noch wenige Teams in Europa, die über Dortmund anzusiedeln sind. 

Schwatzgelb.de: Im Vergleich zur Hinrunde (23 Gegentore in 17 Spielen) kassierte der BVB bisher in der Bundesliga-Rückrunde (5 Gegentore in 11 Spielen) wesentlich weniger Gegentreffer. Kannst du erklären, wo die defensiven Defizite in der Hinrunde lagen und durch welche taktischen Anpassungen Tuchel diesen in der Winterpause Herr wurde?

Eckner: Die angesprochenen Bewegungsmuster im 4-3-3 zu Saisonbeginn hatten einen entscheidenden Nachteil. Die Räume hinter den hochaufgerückten Außenverteidigern waren nach Ballverlusten extrem anfällig. Die Dortmunder konnten nicht jeden gegnerischen Umschaltangriff mit schnellem Zugriff im Gegenpressing verhindern. Ergo waren sie recht konteranfällig. Im Verlauf der Hinrunde änderte Tuchel an der Ausrichtung wenig. Seine Mannschaft war offensivstark genug und jede Sicherheitsmaßnahme hätte eben diese Stärke vermindert. Im wöchentlichen Spielbetrieb läuft man schnell Gefahr, auf beiden Seiten des Balles an Qualität einzubüßen.

Nach der Winterpause zeichneten sich jedoch langsam Änderungen im Spielaufbau, im offensiven Positionsspiel und damit auch in der defensiven Absicherung ab. Beispielsweise blieb Rechtsverteidiger Piszczek oftmals tiefer positioniert. Es entstand eine Dreierreihe im Aufbau, in welcher Hummels näher an der Seitenauslinie stand und somit Flügeldurchbrüche besser verhindern konnte.

Insgesamt war das Aufrückverhalten während der Spieleröffnung nicht mehr so aggressiv wie noch in der Hinrunde. Dafür verlor der BVB teilweise ein wenig an Präsenz im Mittelfeld. Das wurde beispielsweise beim Remis gegen die Hertha deutlich. Zum Heimspiel gegen Bayern München stellte Tuchel dann der Weltöffentlichkeit erstmals seine Version der Fünferabwehrkette vor. Eine Dreierkette wurde zuvor in groben Ansätzen einmal getestet, aber hatte mit diesem System eigentlich nichts zu tun. Die asymmetrische Fünferkette gehört nun zum Repertoire und sollte Tuchel noch mehr Möglichkeiten zur Steigerung der Stabilität geben. 

Schwatzgelb.de: Dass Thomas Tuchel ein großer Fan von Pep Guardiola ist, ist kein Geheimnis. Gerade vor dem Hintergrund des vergangenen Spieles gegen den FC Bayern München stellt sich die Frage, wo die taktischen Unterschiede in der Spielausrichtung der beiden Trainer liegen?

Eckner: Spielen beide Mannschaft nicht direkt gegeneinander, ähneln sich die Spielanlagen schon sehr. Sicherlich wirkt der BVB noch etwas konventioneller, was zum Beispiel die Rollenverteilung betrifft. Aber die Grundprinzipien bei eigenem Ballbesitz sind nahezu identisch. Beide Trainer legen viel Wert auf ein konzeptionelles Positionsspiel, also beispielsweise darauf dass nicht zu viele Akteure in Linien neben- oder hintereinanderstehen. Dies war übrigens ein Problem für den BVB in der Schwächephase unter Klopp. Durch die nun implementierten Staffelungen Tuchels ergeben sich automatisch viele Dreiecke, über die seine Spieler kombinieren können.

Im Vergleich zu Pep Guardiolas System lassen sich im Moment sogar einige Vorteile auf Seiten des BVB ausmachen. Guardiola richtete sein Positionsspiel zuletzt sehr stark auf die Flügel und auf individuelle Durchschlagskraft aus. Das ist bei der gebotenen Qualität der Bayern sicherlich erfolgsversprechend, aber vom systematischen Ansatz her nicht herausragend.

Guardiola wird gerne als Trainer gesehen, der enorm viel Wert auf zentrale Mittelfeldspieler legt. Dabei präferiert er aktuell eine taktisch klare, jedoch zurückhaltende Struktur im Spielfeldzentrum. Seine Mittelfeldakteure positionieren sich sauber, bleiben aber häufiger passiv neben den eigentlichen Epizentren der Angriffe. Der BVB hingegen ist in der Positionsfindung freier. Es ergeben sich dadurch kleinräumigere Kombinationen und die Durchbruchsversuche sowie Vorbereitungen von Torabschlüssen werden nicht derart strikt auf bestimmte Zonen ausgerichtet. Dortmund ist folglich etwas kreativer und kombinativer im zweiten und letzten Spielfelddrittel.

Schwatzgelb.de: Von den Torhütern abgesehen scheint Neven Subotić der einzige Spieler in unserem Kader zu sein, der im Prinzip auf eine klare Position bzw. eine klare Rolle festgelegt ist. Ist das typisch für Tuchel, oder ist das generell ein Trend, der in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen wird? Und was bedeutet das für die Kaderplanung? Spielt die Position eines Spielers überhaupt noch eine Rolle im Vergleich zu Qualität und Variabilität?

Eckner: Was die Position im Mittelfeld betrifft, ist das ein Trend, weil zumindest ein Teil der Trainer nicht mehr starr eine Grundformation spielen lässt. Es geht vielmehr darum, Rollen zu schaffen, die zu Spielern passen, um sie richtig einzubinden. Es gibt nicht unbedingt den Zehner und den Achter. Aber es gibt Spieler X mit einem Stärke-Schwäche-Profil und es gibt Spieler Y mit einem Stärke-Schwäche-Profil. An beiden Enden des Spielfelds, also in Zentralverteidigung und Mittelsturm, wird es jedoch auch künftig viele Spieler geben, die sehr auf diese Positionen zugeschnitten sind, weil hier traditionellere Systeme weiterhin gewisse physische Merkmale verlangen. 

Schwatzgelb.de: Zum Abschluss noch ein paar Fragen bezüglich der Zukunft des BVB. Was ist von Thomas Tuchel taktisch noch zu erwarten? Wo liegen beim BVB Verbesserungspotenziale und welche (realistischen) Neuverpflichtungen könnten bei deren Umsetzung helfen?

Eckner: Die Grundprinzipien werden sich nicht verändern, aber er wird weitere Formationen einstudieren lassen. Tuchel hatte durch seine Zeit bei Mainz 05 den Ruf erworben, sehr flexibel zu sein, was Grundformationen betrifft. Mit den Mainzern passte er sich häufig dem anderen Team auf dem Feld an. Der BVB befindet sich in einem anderen Verhältnis zur großen Mehrheit der Gegner. Folglich sollte man nicht erwarten, dass er künftig Woche für Woche alles umkrempelt. Aber sind einmal ein paar Formationen einstudiert, kommen sie bei Bedarf auch zum Einsatz.

Bei Betrachtung der bestmöglichen Startelf sowie des ganzen Kaders fallen mir drei kleine Schwachstellen auf. Zum einen muss über kurz oder lang ein neuer Rechtsverteidiger gefunden werden. Piszczek spielt immer noch auf einem sehr hohen Niveau, aber das Alter kann sich bei einem athletischen Außenverteidiger doch recht schnell bemerkbar machen. Erik Durm verfügt über eine ähnliche Athletik, ist aber eben nur für die Rolle des Linienläufers zu gebrauchen. Um jedoch etwas flexibler auf der rechten Seite agieren zu können, bräuchte der BVB einen weiteren Spielertyp, der sich von Piszczek und Durm abhebt. Also einen Rechtsverteidiger, der verstärkter ins Zentrum rücken kann und mehr Potenzial in der Spielgestaltung bietet. Leider ist der Markt für Rechtsverteidiger sehr überschaubar. Und vom Profil her interessante Spieler wie etwa Paul Verhaegh sind zu alt. Vielleicht wirft der BVB einen Blick auf Joël Veltman von Ajax.

Eine zweite Position im Kader, die verbessert werden muss, ist die des zweiten Stürmers. Niemand möchte Adrián Ramos etwas Böses, aber seine langsame, oftmals suboptimale Entscheidungsfindung macht ihn nicht zu einer ernsthaften Alternative zu Pierre-Emerick Aubameyang. Leider ist der Stürmermarkt ebenfalls dünn. Und gibt es einen passenden Spieler für den BVB, wie etwa Breel Embolo, ist dessen geforderte Ablösesumme schon bereits jenseits von Gut und Böse. Vielleicht muss Max Kruse den VfL Wolfsburg doch verlassen.

Ein passender Backup für Marco Reus, der ebenso über Geradlinigkeit und durchbruchsorientierte Bewegungen verfügt, würde dem BVB nicht schlecht zu Gesicht stehen. Kevin Volland und Julian Brandt kämen aus der Bundesliga in den Sinn.

Im zentraloffensiven Mittelfeld müsste der BVB ebenfalls über einen Neuzugang nachdenken. Nicht falsch verstehen: Kagawa sowie Gonzalo Castro sind begabte Fußballer. An einem guten Tag kann Kagawa auf engstem Raum brillieren. Doch Tuchels Atmosphere of Greatness erfordert es wohl, dass man sich nicht damit zufrieden gibt, auf einer Position "nur" gut besetzt zu sein. Man möchte herausragend sein. Im ersten Moment kommt womöglich Christian Pulisic in den Sinn. Er ist ein Riesentalent, das bei Ausbleiben schwerer Verletzungen in den kommenden Jahren viele Fußballfans begeistern wird. Aber es ist noch zu früh, ihn mit großen Aufgaben zu belasten. Folglich sollte der BVB auf dem Transfermarkt Ausschau halten.

Marc Stendera ist sicherlich ein heißer Kandidat – und wird noch heißer, sollte Gündoğan den BVB verlassen. Leider fehlt es dem Frankfurter gelegentlich an Präsenz im Mittelfeld. Eigentlich müsste er bei der Eintracht stets die spielbestimmende Figur sein, gerät jedoch manchmal in seinen Trott und verschwindet in der Masse. Tuchel könnte daran arbeiten.

Dann gibt es für viele BVB-Fans noch das böse Wort mit "G". Und ich meine nicht Gelsenkirchen. Dieser Spieler hat ohne Zweifel herausragende Fähigkeiten, wenn er als Akteur im offensiven Zwischenlinienraum zum Einsatz kommt. Und selbst auf der Neunerposition kann er gegen den passenden Gegner auftrumpfen. Sollte sich hier ein Transfer für den BVB ergeben, wäre es aus rein sportlicher Sicht ein richtiger Schritt. Alles andere ist eine Diskussion für sich.

Schwatzgelb.de: Von dir ganz allgemein eine Einschätzung, wohin der taktische Trend mittel- und langfristig vermutlich gehen wird. Also z.B. Ballbesitzfußball als das nächste große Ding für Spitzenmannschaften und ob die Viererkette breitflächig durch die Dreierkette abgelöst wird.

Eckner: Ballbesitzfußball ist an sich kein Trend, weil es diesen Spielstil schon immer gab und auch weiterhin geben wird. Jede Spitzenmannschaft sollte über ein ausgereiftes Ballbesitzspiel verfügen, um vor allem in der heimischen Liga konstant gute Ergebnisse einzufahren. In diesem Kontext ist Atlético Madrid ein interessantes Beispiel. Sie sind eine der besten Defensivmannschaften, wenn nicht sogar die beste Defensivmannschaft der Welt. Allerdings wirken die Spieler von Diego Simeone in der Offensive hin und wieder einfallslos. Sie haben durch Antoine Griezmann und Co. die notwendigen individuellen Qualitäten, um die Mittelfeldteams in La Liga schlussendlich doch zu besiegen, aber oftmals verlangt das einen großen Kraftaufwand.

Wirft man den Blick auf die jeweiligen Mannschaften um Platz fünf in den besten Ligen der Welt, könnte eine Fußballphilosophie wie das Juego de Posición, das auf die konstruktive Nutzung von Ballbesitz ausgelegt ist, an Bedeutung gewinnen. Insbesondere in der Bundesliga werden die Defizite der vermeintlichen Verfolgerteams deutlich. Sie dominieren zu selten Partien, die sie eigentlich komplett im Griff haben sollten. Mit einer ausgefeilten Ballbesitzstrategie würde hierbei Abhilfe geschaffen.

Stichwort Dreierkette: Sie wird die Viererkette nicht ablösen. Schwarz-Weiß-Denken ist sowieso der falsche Weg. Beide Varianten bieten Vor- und Nachteile. Die Dreierkette ist wieder stärker verbreitet und wird auch nicht mehr mit den Dreierabwehrreihen aus Libero und Manndeckern aus den 1990ern verglichen.

Andere Trends durften wir schon beobachten: einrückende Außenverteidiger, dosierteres Abkippverhalten von Sechsern, engstehende Flügelstürmer. Außerdem werden formative Asymmetrien künftig noch bewusster genutzt. Die Zeiten, in denen Trainer mit Gleichförmigkeit Raumkontrolle erzeugen möchten, könnten absehbar vorbei sein.

Zur Person: Constantin Eckner, 1989 geboren, ist Analyst beim Fußball-Taktik-Blog Spielverlagerung.de. Außerdem schreibt er als freier Journalist über Taktik, Statistik und Trainingslehre für Sport1, n-tv.de, ZEIT Online und andere.

Interview: DerJungeMitDemBall, 03+1.03+1.2016


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