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Spielberichte Profis - 19.03.2016

Nach der Insel ist vor der Insel – BVB hat leichtes Spiel in Tottenham

Telefonzelle in London? Nur echt mit BVB-Aufkleber!Es gibt doch tatsächlich Medien, die Spieler des BVB aus sportlichen Gründen in die englische Premier League schreiben möchten. Gerne auch mal zum Vierten oder Sechsten der Tabelle, immerhin locken durchaus klangvolle Namen. Doch sollte es tatsächlich Borussen geben, die mit einem Transfer auf die Insel liebäugeln, bieten diese Wochen hervorragenden Anschauungsunterricht: Reihenweise fliegen englische Teams aus den Europapokalwettbewerben, weil sie in der Champions League nicht konkurrenzfähig sind oder sich in der Europa League in voller Lustlosigkeit abschlachten lassen. Der Tabellenzweite aus Tottenham machte da keine Ausnahme: Borussia hatte leichtes Spiel, der Gästeblock ließ die Sau raus und die mitgereisten Fans kamen wie immer voll auf ihre Kosten.

Auswärtsfahrten nach London sind immer ein Highlight. Eine der großartigsten Städte Europas lockt mit all ihren Skurrilitäten, wunderbaren Pubs und viel zu teurem Cider vom Fass. Die Polizei hält sich angenehm zurück und arbeitet eher ergebnisorientiert, als nach dem kleinen Karo. Die Briten lieben deutsche Fußballfans und erklären gebetsmühlenartig, wie sehr sie ihnen Titel gönnen, weil sie so leidenschaftlich mit ihren Clubs mitfieberten. Und wenn der Pilot den Landeanflug mit den Worten "It's a nice and warm evening with 5 degrees and a beautiful fresh wind" beginnt, weiß man, dass die Stunde wieder geschlagen hat.

Beliebt bei BVB-Fans und anderen Touristen: Big BenAngekommen am späten Mittwochabend, bezogen wir unsere Unterkunft diesmal im Osten der Stadt. Zwischen Shoreditch und Hackney lockten dutzende Kneipen und Imbisse, die – typisch englisch – natürlich alle spätestens um Mitternacht geschlossen hatten. Ein trockenes „people are working tomorrow“ reichte zur Begründung, doch wurde uns immerhin ein Pub empfohlen, der irgendwo in zwei bis drei Kilometern Entfernung vielleicht noch offen haben könnte. Die Einlasskontrollen hielten jedem Vergleich mit größeren Flughäfen dieser Welt stand: Unsere Personalausweise wurden an der Türe gescannt, sämtliche Details mit Foto auf einem Fernseher angezeigt und wir mit dem freundlichen Aufkleber „Smile, you’re on CCTV!“ begrüßt.

Während sich das Personal eher humorlos zeigte, freute sich ein Ire über die deutsche Reisegruppe und spendierte einige Freigetränke: „You’ve come all the way for a game? That’s just beautiful!“ In der gleichen Kneipe entschuldigte sich am Donnerstagabend ein Portugiese, Fan des FC Porto, für den herzlosen Fußball seines Teams im Sechzehntelfinale. Schon nach der ersten Halbzeit in Dortmund sei er so wütend gewesen, dass er sich über das Dortmunder Weiterkommen gefreut habe – wer mit so viel Leidenschaft spiele, müsse den Titel am Ende auch gewinnen. Für Sicherheit vor der Pinte sorgte an beiden Abenden Ali G., der in Sonnenbrille und feinste Ballonseide gehüllt auf seinem Fahrrad patrollierte, auch an paarungswilligen Damen mit BMI 35+ herrschte kein Mangel. Manchmal ist es einfach schön zu sehen, dass sich einige Dinge wohl nie ändern werden.

Eines der vielen Londoner Wahrzeichen: Tower BridgeAm Spieltag traf sich die Fanszene an einem Pub in Stadionnähe, wo bis zum späten Nachmittag mehrere hundert Borussen zusammengekommen waren. Die Polizei trat erst nach einigen Stunden hinzu und regelte den Straßenverkehr, sodass Autos vorbeifahren, BVB-Fans aber ungehindert entlang der Straße stehen und diese ohne Probleme überqueren konnten. Gegen 17.30 Uhr setzte sich der Tross in Bewegung, doch hatte die Polizei auch kein Problem damit, dass ein paar dutzend Fans noch länger am Treffpunkt verweilen wollten. Die Einlasskontrollen am Stadion liefen selbst zu den Stoßzeiten vorbildlich ab, der Ordnungsdienst war freundlich und der Ton stets entspannt.

Das Stadion an der White Hart Lane war typisch englisch. Gelegen mitten im Wohngebiet, mit schmalen Türen in hohen Ziegelsteinwänden, ohne Zäune zwischen Rasen und Tribüne sowie mit einem tollen Gästeblock im Unterrang hinter dem Tor – perfekte Voraussetzungen für einen tollen Support. Während die Hausherren wie schon im Hinspiel einfach mal die halbe Mannschaft schonten und mit einer B-Elf aufliefen, überlies Thomas Tuchel nichts dem Zufall und brachte alle Spieler, die nicht mit kleineren Wehwehchen aus Vorsichtsgründen pausieren durften.

Borussia startete aufmerksam in die Partie und war bemüht, sofort für klare Verhältnisse zu sorgen. Die Spurs sollten sich dem Tor von Roman Weidenfeller nicht weiter als unbedingt nötig nähern, eigene Angriffe und Konterbewegungen stets für Gefahr sorgen. Dieser Plan ging voll auf: Während Tottenham in der Offensive nicht stattfand, hatte Marco Reus nach Vorarbeit von Marcel Schmelzer und Hackentrick von Henrikh Mkhitaryan schon in der 13. Minute den Führungstreffer auf dem Schlappen, setzte sein Pfund aber nur ans linke Außennetz.

Der Gästeblock legte einen starken Auftritt hinBesser machte es Pierre-Emerick Aubameyang zehn Minuten später: Die Abwehr der Engländer ließ ihn recht lange gewähren und machte keinerlei Anstalten, ihn zu attackieren. Also schnappte sich Aubameyang den Ball, legte ihn sich halblinks vor dem Strafraum auf den Schlappen und zog aus über 20 Metern Torentfernung ab: 0:1. Für Aubameyang war dieser Treffer wichtig, nachdem er zuletzt doch recht viele Chancen liegengelassen hatte, für den BVB war es einer von nur wenigen Treffern aus der Distanz – schön zu wissen, dass auch Fernschüsse noch eine Option sind. Leider verpasste Aubameyang in der 26. Minute die Gelegenheit zur Vorentscheidung, als er im Strafraum zu lange zögerte und sich den Ball von einem herbeigeeilten Verteidiger noch vom Fuß fummeln ließ. Bis zur Halbzeit passierte dann nicht mehr viel, abgesehen von einem ordentlichen Schuss Heung-Min Sons (41.) und einer guten Gelegenheit Mkhitaryans, die nach zu langem Zögern allerdings ebenfalls im Toraus endete (44.).

Für die Spurs, die nun schon fünf Tore hätten schießen müssen, war in der zweiten Halbzeit dann auch nichts mehr zu holen. Sie bewegten sich kaum in die Dortmunder Hälfte und spielten ihren uninspirierten Stiefel herunter, sehr zum Unmut der eigenen Fans, die ab der 80. Minute das Stadion in immer größeren Zahlen verließen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Aubameyang bereits eine weitere Großchance vergeben (58.), nach wunderbarer Vorarbeit Mkhitaryans das verdiente 2:0 erzielt (71.) und Son einen etwas heroischen Pass Neven Subotics auf Weidenfeller für den Anschlusstreffer genutzt (74.).

Etwa 1800 BVB-Fans waren mitgereistWährend das Spiel langsam aber sicher seinem Ende entgegenplätscherte, wussten die BVB-Fans zu überzeugen. Der Gästeblock hatte über die gesamten 90 Minuten für ordentlichen Wumms gesorgt und mit einer netten Liedauswahl ordentlich Lautstärke erreicht, mit vielen Fahnen auch für ein optisch ansprechendes Bild gesorgt. Die Fans der Hotspurs hatten derlei wie erwartet nicht zu bieten. Zwar intonierte das Stadion ein paarmal ziemlich geil „When the Saints go marchin‘ in“, doch dominierte ansonsten Schweigen. Interessant war immerhin, dass rund 3000 Fans der Hausherren standen – direkt neben dem Gästeblock hatten sich ganze Blöcke über 90 Minuten mit Freude hingestellt und die wenigen Gesänge angestimmt.

Mit einem vergebenen Torschuss Shinji Kagawas endete das Spiel mit einem glanzlosen, aber hoch verdienten Sieg des BVB. Zur Belohnung für die tolle Unterstützung kamen die Spieler nach dem Schlusspfiff zum Gästeblock und feierten mit den Fans den nie gefährdeten Einzug ins Viertelfinale, wo es mit dem Liverpool FC Anfang April gegen den nächsten Club von der Insel gehen wird. Wie in London werden auch an der Mersey wieder allerlei britische Skurrilitäten, wunderbare Pubs und Cider vom Fass auf die BVB-Fans warten. Dann werden wir auch sehen, ob wenigstens der Tabellenachte der Premier League ein wenig Ehrenrettung für den englischen Fußball betreiben möchte.

 

Statistik

Tottenham Hotspur: Lloris - Trippier - Alderweireld, Wimmer, Davies - Dier, Mason - Son, Alli, Lamela - Chadli
Wechsel: Rose für Davies (12.), Carroll für Alli (70.), Onomah für Lamela (74.)

BVB: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Sokratis - Ginter, Schmelzer - Weigl - Mkhitaryan, Castro, Reus - Aubameyang        
Wechsel: Durm für Sokratis (54.), Pulisic für Reus (60.), Kagawa für Mkhitaryan (72.)

Tore: 0:1 Aubameyang (24.), 0:2 Aubameyang (71.), 1:2 Son (74.)
Gelbe Karten: Lamela, Alderweireld, Castro

 

SSC, 19.03.2016

(Vielen Dank für die Bilder aus dem Stadion an Matthias Dersch/Ruhr Nachrichten)


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