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Inne Ecke - 14.03.2016

You'll never walk alone - wenn Stille schreit

Die zweite Halbzeit des Spiels unserer Borussia gegen Mainz hatte auf den Rängen nicht mehr viel mit Fußball zu tun, zeigte aber eindrucksvoll, das Fans eben keine dumme Masse sind.

Es gibt diese Momente, in denen ich stolz bin, Fußballfan zu sein. Es gibt unter Fans eine besondere Form der emotionalen Schwarmintelligenz, die dafür sorgt, dass Tausende Menschen mehr oder weniger zeitgleich das Gleiche und vor allem das Richtige empfinden und den richtigen Weg finden, sich zu äußern. Und wenn es eben durch Schweigen ist.

Ich muss zugeben, dass ich lange, sehr lange auf dem Schlauch stand. Um es ganz ehrlich zu sagen: Ich habe mich nicht nur über die Stille gewundert, sondern auch geärgert. Die zweite Hälfte beginnt - und niemand singt. Kein Vorsänger, kein Mucks. Dann fällt mir auf, dass bei den Mainzern ebenfalls Stille herrscht. Die ersten Versuche, aus den Ecken heraus Stimmung zu machen, ziehe ich noch mit.

Warum? Weil ich - und viele Fans auf den Plätzen um mich herum - keine Ahnung hatte. Viele Menschen dachten dasselbe wie ich: Irgendein Ultra hat ein Knöllchen wegen Falschparken bekommen, und jetzt sind sie wieder zickig.

Mein Block, oder zumindest die Plätze in meiner Nachbarschaft, war aber offenbar nicht das einzige Tal der Ahnungslosen. Erst langsam dämmerte es. Es war die ganze Süd, die schwieg. Pfiffe gegen die Gesänge kamen nicht nur von den Ultras. Die Gewissheit, dass etwas Größeres passiert sein musste, kam erst, als Nobby die Einwechslung von Julian Weigl emotionslos verkündete. Also kramte ich mein Handy hervor, um das zu tun, was ja eigentlich verpönt ist: während des Spiels facebooken. Natürlich hatte ich zunächst kein Netz. Als sich dann laaaaangsam die Seite aufbaute, sagte ich noch im Scherz, dass die bestimmt alle schweigen, weil die AfD die Wahlen gewonnen hat (was ich zu dem Zeitpunkt ja noch nicht wusste).

Der erste Post in meiner Timeline klärte mich auf: ein Todesfall im Stadion. Ich sagte es meinen Sitznachbarn, und gleichzeitig taten es mir wohl viele andere Fans gleich, denn ab jetzt gab es wirklich keine Stimmungsversuche mehr. Nur noch gespenstische Stille und gelegentliche Reaktionen auf das Spiel. Sehr beeindruckend das alles.

In meinem Kopf tauchte dieses Gedankenspiel auf, bei dem man überlegt, wie oder wo man gerne sterben würde. Oft sagen Fans dann, dass es doch keinen schöneren Tod geben könne als den auf der Tribüne, möglichst plötzlich und ohne zu leiden. Und dann erwischt es einen aus unserer Mitte und das Gedankenspiel entuppt sich als Unsinn. Wer vital genug ist, mit 79 Jahren ins Stadion zu gehen, hatte gewiss nicht vor, zu diesem Zeitpunkt dort sein Leben zu beenden. Es gibt ihn nicht, den perfekten Ort für den perfekten Tod. Nicht im Stadion, nicht auf der Laufstrecke, nicht im Hobbykeller.

Ein Todesfall im Stadion zeigt uns, wer wirklich das Sagen hat: der Zufall, das Schicksal, das Leben - und zu dem gehört nun mal auch der Tod. Selbst an einem für uns Fans so durchweg positiv besetzten Ort wie einem Fußballstadion. Wir schieben ihn weg, verneinen seine Existenz. Und wenn er dann kommt, ist er ein Arschloch.

Die Fans haben angemessen reagiert. Mein Beileid gilt den Angehörigen des Verstorbenen, und ich wünsche, dass ihnen die Reaktion des ganzen Stadions vielleicht ein bisschen hilft, mit der Situation umzugehen.

Euer
desperado09


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