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Eua Senf - 12.03.2016

Das erste Mal

Das Foto auf Whatsapp sorgte erst einmal für einen gelinden Schock. Karten für das Spiel Dortmund gegen Bayern, am 5.3.2016, auf den letzten Drücker – als Geschenk für meinen Sohn, der demnächst acht Jahre alt wird, Dortmund toll findet und seit einem Jahr selbst Fußball spielt. Allerdings: Keine Sitzplätze, sondern Stehplätze – in Block 12.

Rückblende, zwei Tage vorher:

Ich arbeite in einer Erstaufnahme für Flüchtlinge. Mitten im größten Trubel hörte ich mein Handy piepen und schaute drauf – eine befreundete Mama, deren ebenfalls siebenjähriger Sohn mit meinem befreundet ist – er ist für Bayern, mein Sohn für Dortmund, obwohl er Bayern auch okay findet: „Mia, ich kann an Karten für das Dortmund

-Bayern-Spiel kommen. Interesse? Sind allerdings nicht bei uns im Bayern-Block, sondern bei den Dortmundern.“ Keine Frage, ich sagte sofort zu, hier sind alle Dortmund-Fans. Zu Hause hab ich dem Kurzen davon erzählt, er war hellauf begeistert. Oma fing sofort an, eine Dortmund-Mütze zu stricken, einen Fanschal hatte er ja ohnehin schon. Und dann kam am nächsten Tag das Foto mit den Karten…

Als absolute „ich habe keine Ahnung vom Fußball und mache das nur, damit der Zwerg einmal im Stadion war“-Mama fragte ich unsere Security, von denen viele Fans des BVB sind, ob sie das machen würden. Alle rieten ab. Allerdings wollten auch alle diese Karten haben. Ich rief im Stadion an, dort hieß es, es wird voll, es wird laut und vielleicht sieht er nichts. Also kurze Rücksprache mit Söhnchen – er war tatsächlich bereit, das Risiko einzugehen, Hauptsache er darf ins Stadion und das Spiel sehen. Gut, no risk, no fun. Oma häkelte noch eine Fanmütze, ein gelber Pullover, die schwarze Jacke und der heißgeliebte Fanschal durften natürlich nicht fehlen.

Endlich war Samstag, ich hatte sogar frei, wir fuhren schon um halb eins mit der befreundeten Mama und ihrem Sohn los. Die Jungs, beide ja noch sieben Jahre, freuten sich völlig und wir Mamas fanden sogar den Weg vom P & R bis zum Stadion. Dort trennten sich unsere Wege.

Als Einlass war, hatte sich das Fan-Equipment des Zwergs um Handschuhe und eine große Fahne erweitert. Wir fanden den Eingang zu Block zwölf und gingen eine Treppe hinauf. Und dann betraten wir das Stadion – für uns beide das allererste Mal überhaupt, das war schon der Hammer.

Direkt links von diesem Eingang war ein Wellenbrecher – dort platzierten wir uns, mein Sohn war begeistert über fahrende Kameras, die Tore, die Fahne und es wurde schnell voller. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn war es dann berstend voll in der gelben Wand – nur bei uns hielt es sich im Rahmen, denn der Kleine wurde tatsächlich sowohl von mir als auch von den Fans drumherum beschützt. Klar kam es auch zu Gequetsche, aber allermeistens wurde wirklich Rücksicht genommen, die Bierduschen, die hauptsächlich ich abbekam, waren auch nicht tragisch und die Stimmung war unschlagbar. Besonders toll fand ich, dass die Jungs vor uns immer wieder fragten, ob er genug sehen könne und sogar dafür sorgten, dass sich immer eine kleine Gasse bildete und auch seitlich achteten große starke Jungs darauf, dass wir nicht zerquetscht wurden. So konnten wir das Spiel richtig genießen. Ich revanchierte mich natürlich mit Bier. Der Kleine hopste mit, konnte die Gesänge schnell mitgrölen (und mit einer Begeisterung die wüstesten Schimpfwörter benutzen) und war völlig hin und weg. Als das Spiel zu Ende war, hat er den ganzen Weg nach Hause weitergesungen, die Fahne geschwenkt und ich bin mir sicher, als er um halb zwölf nachts dann im Bett lag, hat er noch davon geträumt. Dass er beim nächsten Mal wieder dabei sein will, versteht sich von selbst. Ein ganz dickes Lob an die Leute bei uns am Wellenbrecher, ihr habt ihm und mir ein wirklich tolles Erlebnis beschert, das wir gern wiederholen.

Mia, 12.03.2016

In der Rubrik "Eua Senf" veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Texte, die uns von unseren Lesern zugesandt wurden. Dir brennt auch ein Thema unter den Nägeln und Du möchtest einen Text auf schwatzgelb.de veröffentlichen? Dann schick ihn an gastautor@schwatzgelb.de.


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