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Eua Senf - 29.02.2016

Wo geht die Reise hin - TV-Vermarktungsrechte der Bundesliga

Die angebliche Weiterentwicklung der Bundesliga wird seit mehreren Monaten immer mal wieder thematisiert: Immer neue Ideen werden in Interviews, auf Empfängen oder in einem „unverbindlichen Gedankenaustausch“ proklamiert. Insbesondere durch den 6,9 Milliarden Euro schweren Deal für die TV Rechte der englischen Premier League scheint sich diese Diskussion immer weiter zu überhitzen. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit steht über allem, sodass Vieles auf den Prüfstand gestellt werden soll. 

Eine Milliarde Euro jährlich für  TV-Vermarktungsrechte 

Wenn es nach der Deutschen Fußball Liga (DFL) geht, sollen die nationalen TV-Vermarktungsrechte der Bundesliga im kommenden Jahr mindestens die Grenze von einer Milliarde Euro jährlich übersteigen. Free-TV-Privilegien könnten aufgeweicht werden, indem bis 20 Uhr nur verkürzte Berichte gesendet werden dürften – die Institution Sportschau könnte dadurch entweder verkürzt oder ins Abendprogramm verschoben werden. Im Bereich des Pay TV wünscht sich die DFL mehr Konkurrenz, muss jedoch erst noch abwarten was das Kartellamt zur Vergabe der Rechte entscheiden wird. Eben diese Entscheidung könnte beispielsweise bewirken, dass die Live-Rechte nicht ausschließlich bei einem Anbieter liegen dürfen – das vermeintliche Pay TV Monopol von Sky würde ins Wanken geraten. Inwieweit dadurch aber auch mehr Geld generiert werden kann, ist schwer absehbar. Schließlich würde man die größere Konkurrenz durch mangelnde Exklusivität womöglich konterkarieren. Die Frage, inwieweit Kunden bereit sind zwei Pay TV Verträge abzuschließen, um alle Spiele live zu sehen, dürfte besonders in Deutschland schwer zu beantworten sein, da die Pay TV Kultur anders und sehr viel weniger etabliert ist als in England oder den USA. 

Ideen von der DFL gegen den Willen der Zweitliga-Clubs

Unabhängig von der tatsächlich erwirtschafteten Höhe der TV-Gelder, haben sich die Vertreter von 16 Bundesliga-Clubs in einem „unverbindlichen Gedankenaustausch“ dafür ausgesprochen, dass man die Ausschüttung an die Vereine der 2. Bundesliga deckelt, um dadurch den Vereinen der ersten Liga mehr Geld zukommen zu lassen. Die Vereinsvertreter versprechen sich dadurch, dass man nicht im internationalen Vergleich abgehängt wird. Mehr Geld für die Erstligisten erscheint auf den ersten Blick zwingend notwendig zu sein, wenn man sich die sprudelnden Einnahmen der Engländer vorstellt.

Allerdings dürfte die weitergehende Schwächung der Vereine aus der zweiten Liga sowohl die dort herrschenden, wirtschaftlichen Zwänge als auch die Chancenlosigkeit gegenüber den Clubs aus der 1. Bundesliga vergrößern. Man kann befürchten, dass das Prinzip von Auf- und Abstieg immer weiter verwässert wird, wenn die Schere zwischen Erst- und Zweitliga-Vereinen hinsichtlich der Ausschüttung von TV-Geldern noch weiter auseinander klafft. Obwohl die Idee der Bundesliga-Vereine selbstverständlich nur im Rahmen eines „unverbindlichen Gedankenaustausch“ entsprungen ist, liegt die Vermutung nahe, dass derartige Ideen von der DFL gegen den Willen der Zweitliga-Clubs durchgesetzt werden. Aufsteiger könnten sich vermutlich vor allem dann langfristig in der höchsten deutschen Spielklasse halten, wenn sie anderweitig finanzielle Mittel akquirieren und sich Investoren gegenüber öffnen – 50+1 könnte so weiter ausgehöhlt werden, wie es gerade in Leipzig vorgemacht wird!

Spiele Sonntags um 13:30 Uhr und Montag um 20:15 Uhr

Im Zuge der Vergabe der TV Rechte wurde seitens der DFL bereits bestätigt, dass es weitere Anstoßzeiten für die Bundesliga geben soll: Sonntags um 13:30 Uhr und Montag um 20:15 Uhr. Obwohl dies nur für einige wenige Spiele gelten soll, ist der Trend unverkennbar. Entsprechend erwarten uns künftig bis zu sieben unterschiedliche Anstoßzeiten, während es in England nur fünf bis sechs pro Spieltag sind. Eine weitere, achte Anstoßzeit wird bereits am 28. Februar getestet, wenn an einem Sonntag um 19:30 Uhr angestoßen wird.

Christian Seifert verbittet sich diesbezüglich allzu deutliche Kritik, vor allem von Seiten der Fans. Im Juli 2015 unterstellte der Vorsitzende der Geschäftsführung der DFL in einem Interview mit „Die Welt“, dass die anderen europäischen Ligen sich nahezu ausschließlich nach monetären Interessen richten würden, während die DFL versucht alle Interessengruppen unter einen Hut zu bringen. Doch wie passen derartige Aussagen damit zusammen, dass Seifert bereits seit Anfang 2015 eine Art Verdrängungswettbewerb der europäischen Ligen proklamiert, dem man sich stellen müsse, um an die internationalen Geldtöpfe zu kommen und langfristig international erfolgreich zu sein?

Der Mehrwert der weiteren Zerteilung des Spieltags ist auf Anhieb aus Sicht eines Fans nicht erkennbar. Bei Fans der Zweitliga-Clubs wird man sicher erfreute Rückmeldungen zu Auswärtsfahrten zu den „neuen“ Spielterminen erhalten. Auch für die Vereine und Spieler, erschließt sich wohl nicht auf Anhieb, wie der Spieltermin um 13:30 Uhr der Regeneration dient, wenn die Ansetzung an den – leider bereits etablierten – weiteren Spielzeiten des Sonntags erfolgen würde. Oder liegt der Mehrwert derartiger Überlegungen vor allem darin, dem asiatischen Markt ein Abendspiel präsentieren zu können?

Zuletzt wurden auch des Öfteren Veränderungen bezüglich des DFB Pokal diskutiert, bei denen es vor allem um einen späteren Einstieg der vermeintlichen Top Teams geht. Mal aus dem Antrieb, diesen Vereinen mehr Zeit zur Vorbereitung (im Ausland!) geben zu können, mal um den Wettbewerb aufzublähen. Dadurch könnte man die fußballfreie Zeit nochmals reduzieren, da man diesen Wettbewerb wohl schon früh im August starten müsste. Paarungen zwischen echten Amateurclubs und Spitzenteams der Bundesliga gäbe es nur noch selten, sodass der Reiz dieses Wettbewerbs weiter geschmälert und die ursprüngliche Idee des DFB Pokals ad absurdum geführt werden könnte.

Fankultur wird eingeschränkt

Im Zuge der Umsatzsteigerungen wird aber natürlich auch an die Stadionbesucher gedacht. Sicherlich auch, da sie in einer unsachlichen Debatte immer wieder als Sicherheitsrisiko angeführt werden und bereits erste Rechnungen über Polizeieinsätze an die Verbände und Vereine gerichtet wurden. Auch wenn das angebliche Sicherheitsrisiko ‚Fußballfan‘ bisher wohl keinem regelmäßigen Stadionbesucher aufgefallen ist, führen es die DFL, Innenminister und Polizei-Gewerkschaftler immer wieder gerne an. Vielleicht muss man einfach hinnehmen, dass Fans nicht nur zum Sicherheitsrisiko ernannt und durch neue Konzepte hinsichtlich der Fankultur eingeschränkt werden, sondern zusätzlich noch mehr zur Kasse gebeten werden.

Nichts verdeutlicht die Entwicklung der Ticketpreise so gut wie die bereits 2010 gegründete Faninitiative ‚Kein Zwanni – Fußball muss bezahlbar sein‘, die sich für bezahlbare Tickets für Jedermann einsetzt. Durch zahlreiche Aktionen wurden bereits einige Vereine zum Umdenken gebracht – dank des Einsatzes dieser Initiative gibt es beim BVB keine Topspielzuschläge mehr; auch wenn dies derzeit nur für Gästefans gilt ist es ein (Teil-)Erfolg, da inzwischen nur noch zwei Bundesligaspiele in diese Kategorie fallen. Nach dem medial sehr erfolgreichen Protest der Initiative beim DFB Pokalspiel unserer Borussia in Stuttgart wurde von einigen Medien auch auf die Verhältnisse in England hingewiesen und betont, dass wir im Vergleich zu englischen Fans sehr viel weniger für einen Stadionbesuch zahlen müssen. Das stimmt. Leider, aber nicht uneingeschränkt.

Der Vergleich mit England

Sofern man die Stehplätze aufgrund mangelnder Vergleichbarkeit ausblendet und die Ticketpreise von Borussia Dortmund mit denen englischer Top-Teams vergleicht, kann nicht immer von großen Differenzen gesprochen werden. Der günstigste Sitzplatz im Westfalenstadion kostet in Kategorie 6 genau 31,20 Euro – der teuerste Sitzplatz in Kategorie 15 wird mit 78,20 Euro in Rechnung gestellt. Für ein Spiel gegen die ungeliebten Nachbarn oder die Bayern sind nochmals 20% Aufschlag fällig – auch in späteren nationalen und internationalen Pokalspielen ist man vor diesem Top-Zuschlag nicht immer befreit.

Ein Vergleich mit den Ticketpreisen beim FC Chelsea mag die These der viel teureren Tickets in England stützen, da Spiele in der Premier League je nach Spielpaarung auf dem günstigsten Sitzplatz zwischen 53 und 64 Euro kosten; die teuersten Plätze kosten zwischen 89 und 112 Euro. Beim Arsenal FC sieht es da teilweise anders aus. Tickets für Nichtmitglieder und die fünf Spiele der Kategorie C kosten zwischen 35 und 51 Euro. Tickets für die neun Spiele der Kategorie B kosten zwischen 48 und 73 Euro. Nur die Spiele der Kategorie A (gegen Chelsea, Tottenham, Manchester United, Manchester City und Liverpool) werden ab 85 Euro verkauft. Bei Teams wie Aston Villa wird die günstigste Karte gar für weniger als beim BVB verkauft, bei Stoke City kostet die günstigste Eintrittskarte bei Spielen der Kategorie C einen Euro mehr. Entsprechend ist die Lücke zwischen Premier League und Bundesliga zweifellos vorhanden, aber nicht so groß, wie sie gerne verkauft wird. Vor allem gilt sie vorwiegend für die günstigsten Sitzplätze im Stadion, während auch heute ein Besuch eines Bundesligaspiels teurer sein kann als in England.

Vor allem muss im Zuge des Vergleichs erwähnt werden, dass die Gewährung von Rabatten für Kinder, Jugendliche, Senioren und Schwerbehinderte sehr viel üblicher zu sein scheint, als in Deutschland – in Dortmund sind diese eher Mangelware, trotz mancher Bemühungen des BVB. So gibt es gewisse Kontingente für Schwerbehinderte und Jugendliche auf der Südtribüne und Block 63, für Schwerbehinderte ein paar Tickets in Kategorie 5 und vergünstigte Tickets für Rollstuhlfahrer. Darüber hinaus gibt es den – von REWE unterstützten – Familienblock. Warum es aber ausschließlich für bestimmte Bereiche vereinzelte Kontingente für rabattierte Karten gibt, ist nicht direkt ersichtlich. Es ist zweifelsfrei ein wichtiges und positives Zeichen des BVB – gleichwohl wäre eine Ausweitung des Angebots rabattierter Tickets sinnvoll. Unabhängig vom bereits länger andauernden Nachfrageüberhang und der in einigen Bereichen angestoßenen Transformation „weg vom Fan, hin zum Kunden“ muss man sich in erster Linie um seine „Bestandskunden“ kümmern. Ein stetes Drehen an der Preisschraube wird in Zusammenhang mit der immer weiter steigenden Anzahl an Spielen und der erkennbaren Abschwächung des nationalen Wettbewerbs ansonsten womöglich dazu beitragen, dass das Bild von leeren Blöcken aus der Gruppenphase der Europa League auch bei normalen Spielen und selbst im Westfalenstadion von der Anomalie zur Normalität wird.

Über die Rabatte für bestimmte Personengruppen hinaus bieten Vereine wie Tottenham Tickets für die Europa League im ganzen Stadion für etwas mehr als 32 Euro an – egal auf welchem Sitzplatz. Wir BVB Fans zahlen in diesem Jahr hingegen mehr als noch in den vorangegangenen Champions League Saisons.
Alles in allem scheint also noch viel Spielraum für die Bundesliga und die Clubs zu sein, um die Einnahmen-Lücke zu den Engländern zu schließen. Es bleibt die essentielle Frage zurück: Wozu das ganze Theater?

Geht es nur darum, mehr Geld zu generieren um dem „Wettbewerb“ hinterherzulaufen? Ist das wirklich nötig um in internationalen Pokalwettbewerben erfolgreich zu sein? Ist es nicht viel zu einfach zu proklamieren, dass ein Anstieg der durch die Vermarktung realisierten Umsätze automatisch zu einer verbesserten Wettbewerbssituation führt?

Würde man dieser Argumentation folgen, wären die zwei aufeinanderfolgenden Titel des FC Sevilla in der Europa League wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Schließlich erhielt der Club in der ersten Titel-Saison 2013/2014 lediglich 32 Millionen Euro aus dem spanischen TV Vertrag – vergleichbar mit dem Umsatz des fünften Clubs der Bundesliga in der damaligen TV-Tabelle: Borussia Mönchengladbach. In Bezug auf die Champions League sind die Teams aus der Premier League in den letzten drei Jahren mit 7 Achtel- und je einer Viertel- und Halbfinalpartie hinter den Erfolgen der Bundesligisten zurück (6 Achtel-, 1 Viertel- sowie 2 Halbfinalpartien, und dem Finale 2013). Entsprechend fällt es schwer an die Chancenlosigkeit der Bundesliga zu glauben.

Natürlich wäre es naiv anzunehmen, dass sich die Bundesliga nicht auch um Geld und „neue Märkte“ kümmern sollte. Allerdings stört der dafür eingeschlagene Weg und wirft die Frage auf, ob das dringlichste Problem der Bundesliga die Wettbewerbsfähigkeit von Borussia Dortmund und Bayern München im Vergleich zu den Teams aus Madrid, Barcelona, Paris, London und Manchester ist; schließlich dürfte man auch mit aktuellem Budget ein besseres Abschneiden in der Europa League erreichen können.

Die Bundesliga als Vorbereitungswettkampf für die Champions und Europa League 

Sollte sich die DFL nicht eher auf die Stärken der Bundesliga konzentrieren und versuchen, den nationalen Wettbewerb zu stärken?

Die früher oft bemühte Mär, dass in der Bundesliga Jeder Jeden schlagen kann und die Titelkämpfe spannender sind als in den anderen Ligen dürfte inzwischen fast wie Hohn klingen. In der Saison 2009/2010 wurde der Meister letztmals am 34. Spieltag ermittelt. Darauf folgten Meisterschaften bei denen die Titelträger 7, 8, 25, 19 oder 10 Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger aufwiesen. Im Zuge der Meisterschaften unseres Ballspielvereins haben die Bayern die Tore ihrer Geldspeicher weit geöffnet und seit unserem Titel 2010/2011 etwa 200 Millionen Euro mehr für Transfers ausgegeben als eingenommen. Auch wir sind der Konkurrenz enteilt. Der Lizenzspieler-Etat wird kurzfristig – vielleicht schon in dieser oder der nächsten Saison – die dreistellige Millionengrenze überschreiten! Der Unterschied im Lizenzspieleretat der Bayern, dem BVB und dem durchschnittlichen Bundesliga-Club liegt nicht mehr bei ein paar Millionen Euro, sondern ist bei einem x-fachen dessen angekommen. Spannung wäre doch nur möglich, wenn mehrere Teams mit ähnlichen Voraussetzungen antreten würden und der Lizenzspieler-Etat vergleichbar wäre – beispielsweise in Form eines Salary Cap Systems.

Allerdings müsste dies auch direkt auf europäischer Ebene eingeführt werden, damit es sowohl in nationalen als auch internationalen Wettbewerben nicht tatsächlich zu unüberbrückbaren Unterschieden kommt. Dies dürfte unmöglich sein und am Widerstand der besten Clubs Europas scheitern. Unser Ballspielverein würde sicherlich auch keinem Plan zustimmen, der mit einer Einschränkung des eigenen Vorteils gegenüber dem Großteil der anderen Bundesligisten einherginge.

Letztlich müssen sich die DFL und die Vereinsvertreter der Bundesligisten die Frage gefallen lassen, ob das (angebliche) Ziel der „wettbewerbsfähigen Bundesliga“ ernsthaft durch eine erhöhte Ausschüttung an die erfolgreichsten Teams sichergestellt werden kann, obwohl die letzten Jahre und immer höheren Ausschüttungen eher das Gegenteil gefördert haben. Oder ist es einfach zeitgemäß für ein paar Millionen Euro mehr auch den einstigen Markenkern (Volle, moderne Stadien; tolle Stimmung; bezahlbare Eintrittskarten für Alle; spannender, attraktiver Fußball) aufs Spiel zu setzen?

Stefan, 29.02.2016

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