schwatzgelb.de
Zu schwatzgelb.com wechseln

Unsa Senf - 26.02.2016

Über Geld spricht man nicht - sollte man aber dringend

50+1-Banner in Bremen 2009Bei Geld, so das Sprichwort, hört die Freundschaft auf. Nun, die Beziehung der Proficlubs untereinander war nie von besonderer Freundschaft geprägt, schließlich steht man im sportlichen und wirtschaftlichen Wettbewerb zueinander. Aber zumindest war man bemüht, ein Mindestmaß der Solidarität untereinander zu wahren. Selbst diese Solidarität erodiert aktuell angesichts der kommenden Finanzmacht aller Vereine der englischen Premier-League. Und die jüngsten Einkäufe der chinesischen Liga dürften auch nicht gerade zur Beruhigung der Gemüter geführt haben.

So trafen sich Vertreter von Werder Bremen, Hertha BSC, Eintracht Frankfurt, dem VfB Stuttgart, dem 1. FC Köln und dem HSV als „Mittelstands-Vereinigung“ zum Gedankenaustausch. Natürlich sind Ideen wie eine Deckelung der Anteile aus dem neuen TV-Vertrag für die Vereine der zweiten Bundesliga offiziell nur Denkansätze, aber schon die Tatsache, dass diese Gedanken ganz schnell den Weg in die Öffentlichkeit fanden, zeigt, dass die Erstligaclubs schon mal die Claims abstecken wollen. Das Signal an das Unterhaus ist klar: Erwartet nicht zuviel. Am besten erwartet gar nichts.

Aber auch die Vereine aus der ersten Liga untereinander sind von einer Solidargemeinschaft momentan weit entfernt. Bayern Münchens Chef Karl-Heinz Rummenigge fordert immer wieder höhere Anteile an den Ligaeinnahmen, um als Zugpferd des deutschen Fußballs international wettbewerbsfähig bleiben zu können und kokettiert regelmäßig mit einer Einzelvermarktung, während Aki Watzke zumindest eine stärkere Berücksichtigung der Strahlkraft und Attraktivität der Vereine einfordert. Dabei ist zu vermuten, dass sich, wenn es hart auf hart käme, der BVB auch eher auf Seiten der Münchener Bayern stellen würde, weil das strategische Geschäft ganz klar auf die Teilnahme an der Champions-League ausgerichtet ist.

Ein Punkt eint allerdings alle Vereine: sie haben Angst. Die Spitzenclubs der Liga haben Angst, in Europas Spitze abgehängt zu werden und die klassischen „Mittelfeldvereine“ der Bundesliga haben Angst, dass unterhalb Platz 6 eine unüberwindbare Grenze zementiert wird, die sie dauerhaft von den Fleischtöpfen im Europapokal fernhält. Ebenso wird man in der zweiten Liga wird voller Sorge auf eine immer größer werdende Lücke zwischen erster und zweiter Liga hinweisen, die einen Aufstieg zu einem finanziellen Ritt auf der Rasierklinge werden lässt. Und diese Angst führt dann zu den aktuell zu beobachtenden Verteilungskämpfen.

Dabei scheinen die Vereine den Punkt bereits überschritten zu haben, ab dem der Kampf um höhere Anteile an den TV-Einnahmen zum Selbstzweck wird. Natürlich, man muss etwas tun. Alle Einzelinteressen für sich genommen sind absolut legitim. Aber diese Gelder haben mittlerweile eine völlig überhöhte Bedeutung erhalten. Wenn in England in Zukunft TV-Milliarden auf Besitzer-Milliarden treffen und sich dann auch noch Ausrüsterverträge wie der Manchester United-Deal mit adidas über rund 100 Millionen € pro Spielzeit dazu gesellen, was macht es dann noch aus, ob die Münchener Bayern jetzt fünf, zehn oder fünfzehn Millionen Euro mehr pro Jahr aus den Übertragungsrechten erwirtschaften? Sie versickern wirkungslos auf den Konten der gleichen Spieler und deren Berater, auf denen auch der Rest des Personaletats landet.

Welche Chancengleichheit bringt eine Umverteilung in der Liga wirklich, wenn die Bayern Ihrerseits allein jedes Jahr 60 Millionen Euro von adidas erhalten und unser BVB den Etat fürs Profipersonal der Frankfurter Eintracht allein über die Einnahmen aus dem Merchandising finanzieren könnte? Ein Blick auf die aktuelle Tabelle reicht, um zu erkennen in welch gewaltiger Schieflage sich die Liga bereits befindet. Da ist „ein bisschen umverteilen“ nicht viel mehr als bloße Symbolpolitik. Und trotzdem muss etwas getan werden. Mit dem Tabellenbild wird langfristig nämlich niemand wirklich zufrieden sein. Auch die Bayern brauchen einen sportlichen Wettbewerb in der Bundesliga, um die internationale Leistungsfähigkeit zu erhalten. Und sie brauchen eine auch in der Spitze spannende Bundesliga, wenn auch in Zukunft die Ligaeinnahmen sprudeln sollen. Für uns Borussen mag die aktuelle Situation einmalig angenehm sein, weil sie Planungssicherheit für den Wiedereinzug in den europäischen Spitzenfußball bringt, langfristig bieten derartige Abstände nach vorne und hinten aber keinen Stoff für Heldensagen, die die Strahlkraft eines Vereins ausmachen. Interessant sind Helden – und gefallene Helden.

Der deutsche Profifußball hat lange die Augen vor einem gravierenden Problem verschlossen: Es gibt keine völlige Freizügigkeit in der Gestaltung der Finanzstruktur, aber eben auch keine einheitlichen Begrenzungen. In der Bundesliga spielen eingetragene Vereine gegen Vereine mit dem Kürzel GmbH im Namen. Vereine, die sich an 50+1 halten und welche, für die extra Ausnahmen geschaffen wurden. Zur nächsten Saison, dafür muss man kein Prophet sein, wird mit Leipzig noch ein weiterer Verein dazu stoßen, der jeden Geist von 50+1 und jedes sportliche Ideal pervertiert. Befeuert wird die Problematik noch durch die UEFA, die mit ihren steigenden Prämien für die Champions-League-Teilnehmer deren Dauergäste dem Rest der Liga immer weiter entrücken lässt. Dass unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten dann auch zu unterschiedlichen Entwicklungen führen, ist zwangsläufig. Und je besser die Entwicklungsprognosen sind, desto mehr Leute wollen an dieser Entwicklung teilhaben. Wir schwatzgelben sind aktuell wohl das beste Beispiel für einen Nutznießer dieser Entwicklungsspirale. Mit der Meisterschaft 2011 als Initialzündung haben wir binnen kürzester Zeit die Voraussetzungen schaffen können, zukünftig konstant Umsätze jenseits der 300-Millionen-Euro-Grenze zu erwirtschaften. Werder Bremen steht dagegen für das genaue Gegenteil, bei dem zwei, drei Jahre mit einer rückschrittlichen Entwicklung zu einem beeindruckenden Abwärtsstrudel geführt haben.

Es mag zu schwarzmalerisch sein, aber vielleicht geht die deutsche Bundesliga gerade den Weg, den jedes Unternehmen geht, das Entwicklungen zu lange tatenlos zugeschaut hat. Um eine auch in der Spitze wieder interessante Liga zu schaffen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Vereine in Europa zu erhalten, braucht es ganz simpel Geld. Viel Geld. Unmengen von Geld. Wir reden hier von zusätzlichen 100 bis 200 Millionen Euro pro Jahr für Vereine wie den Bayern und uns, um langfristig mit England, Spanien und gepimpten Clubs wie PSG mithalten zu können. Diese europäische Wettbewerbsfähigkeit ist für alle Vereine der Liga wichtig, weil sie das Produkt „deutscher Profifußball“ qualitativ aufwertet. Und in der weiteren Konsequenz würde das für potentielle Verfolgervereine wie Borussia Mönchengladbach bedeuten, dass sie 300 bis 400 Millionen Euro Umsatz pro Jahr mehr generieren müssten, wenn man mal wieder einen halbwegs spannenden Meisterschaftskampf erleben möchte.

Spätestens an diesem Punkt erkennt man, dass die aktuellen Verteilungskämpfe um TV-Gelder vor allem eins ausdrücken: Hilflosigkeit. Egal wie dieser Kampf ausgeht, er löst das Problem kein Stück. Aber er gibt die Gelegenheit, eine fundamentale Entscheidung weiter in die Zukunft zu schieben: Soll sich der deutsche Fußball der europäischen Entwicklung anpassen und sich komplett für Investoren und Mäzene öffnen, oder will er sich von dieser Entwicklung abkoppeln und bewusst einen Rückfall in die zweite Reihe akzeptieren? Eine vollständige Öffnung für externe Geldgeber würde massive Proteste in der eigenen Fanschar nach sich ziehen und für nicht wenige Vereine eine innere Zerreißprobe bedeuten. Nicht minder unangenehm dürfte für die Manager der Bundesligaverein der zweite Weg sein, hieße es doch, all den aktuellen Sponsoren und Investoren, die langfristige und gute dotierte Verträge mit den Clubs abgeschlossen haben, zu erklären, dass das Hochglanzprodukt Bundesliga schon sehr bald einiges an Glanz verlieren wird.

Egal wofür man sich entscheidet, es wird Verlierer geben. Das ist auch das Ergebnis davon, dass man von allen Seiten – und da können wir Fans uns auch einschließen – zu lange die Augen vor dieser Entwicklung verschlossen hat. Vielleicht hätte man vor zehn Jahren mit einem offenen Diskurs noch gemeinsame Wege finden können, um eine gesteuerte Entwicklung einzuleiten, aber diese Gelegenheit wurde verpasst. Umso härter und einschneidender werden jetzt die Folgen in der Zukunft ausfallen.

Trotzdem bleibt es wichtig, sich endlich dieser Frage zu stellen und wirklich bewusst zu agieren. Eine Diskussion einzuleiten, wo der deutsche Fußball hin will und soll. Viel wichtiger als Nebenschauplätze wie Montagsspiele oder eine Beteiligung der Zweitligavereine an TV-Geldern. Das sind nur Symptome, nicht das Problem.

Sascha, 26.02.2015


Du möchtest schwatzgelb.de unterstützen?

Schwatzgelb.de ist kostenlos und werbefrei. Wir finanzieren unsere ehrenamtliche Arbeit über unsere Shops. Schaut doch mal rein!