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Spielbericht Profis - 07.02.2016

Ein Nuller, der seinem Ergebnis (nicht) gerecht wird

Die erste Nullnumemr für den BVB in der laufenden SaisonDa ist es also passiert. Nicht der erste Punktverlust im neuen Jahr, sondern die erste Null auf Seiten unserer Offensive in der laufenden Saison. Schon erstaunlich, nach den 52 Buden in den 19 Spielen davor. Und die Hertha hat es sich tatsächlich verdient, diesen Nimbus der offensiven Eskalation zu durchbrechen, mit einem durchweg konzentrierten und höchst disziplinierten (Defensiv)Auftritt über die gesamten 90 Minuten.

Aber fangen wir doch da an, wo ein schwarzgelber Samstag normalerweise startet. Weit vor Anpfiff und mit dem Drumherum eines Bundesligaspiels. Da ging es für viele, sehr viele und sogar noch viel mehr Borussen also gen Hauptstadt in den westlichen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. In das Stadion, das mittlerweile aus bekannten Gründen eh jeder recht gut kennt. Draußen vor dem Stadion glich die Szenerie tatsächlich den Tagen im Mai. Auf der Flatowallee, die direkt an der S-Bahn Station vorbei auf die Haupttribüne des Olympiastadions führt, hatte man Probleme, Fans mit blau-weißen Schals auszumachen. Von überall strömten die schönsten Farben der Welt Richtung Stadion und verwandelten die Vorplätze und Biergärten zu einem Heimspiel-Ort. Gut 17.000 Borussen, vielleicht sogar noch etwas mehr, sollten es später dann bei Anpfiff im Stadion sein. Das Wetter hatte sich ebenso entschieden, seinen Teil zum Mai-Feeling beizutragen und ließ die Sonne bei angenehmen Temperaturen scheinen.

Masse ist leider nicht immer gleich klasseDas einzige Problem war, dass die Standbetreiber heillos überfordert waren und so der einfache, weil spieltagsnotwendige Vorgang des Bierbeschaffens zum Kraft- und Geduldsakt wurde. Hier fünf langsame Zapfer und ein schwitzender Kassierer, dort ein leeres Fass. Es war zum Heulen. Man musste schon ein paar Stände ansteuern und viele Minuten investieren, um letztlich ein kühles Pils in Händen halten zu dürfen. Zumindest war die Einlasssituation anfänglich noch sehr human. Aber durch Bier- und Bahnverzögerungen kamen viele Fans erst in den letzten 30 Minuten vor Spielbeginn in den Genuss, sich an die Eingangstore zu begeben und warteten dann dort doch einige Zeit mit tausend anderen Borussen, die ins Olympiastadion drängten.

Ausgeglichen von Minute eins an.

Im weiten Rund dann ein schönes, weil farbenprächtiges Bild. Überall waren gelbe Punkte auszumachen, rund um den einen riesigen Fleck links und rechts vom Marathontor. Die Stimmung in den ersten Minuten vor und nach Anpfiff machte jedenfalls Lust auf dieses Topspiel des Tabellendritten gegen den Zweiten. Auch die Ostkurve wurde geräuschtechnisch zu überzeugen und sah sich seit Langem mal wieder einem belebten Gästeblock gegenüber, was natürlich bei jedem supportwilligen Herthaner noch mal ein paar Zusatzprozente freisetzte. Sehr positiv fiel auf, dass der Kern des Gästeblocks Ilkay Gündogan stand wieder in der Startelfmit der Wahl des Liedrepertoire direkt gewillt war, die große Masse mizunehmen, in einem akustisch suboptimalen Umfeld. In den ersten 45 Minuten ein starker Auftritt des Gästeanhangs, der dann mit zunehmender Spieldauer und dem Geschehen auf dem Rasen in der Folge etwas abflaute.

Denn leider schafften es beide Teams nicht, den Schwung und die guten Ansätze der Anfangsphase über die kompletten 90 Minuten zu transportieren. Das Personal, das Thomas Tuchel aufstellte, war im Gegensatz zum Heimspiel der Vorwoche wieder mit allen Akteuren bestückt, die zuvor noch aus Verletzungsgründen passen mussten. Die einzige Überraschung war beim Blick auf die Bank festzustellen. Shinji Kagawa bekam den Denkzettel, der sich aufgrund seiner Leistungen in den letzten 14 Tagen so ein bisschen angedeutet hatte. Kein Platz für ihn im Kader, dafür wieder mit Pulisic und Leitner als Wechselspieler.
Der BVB strahlte direkt Selbstbewusstsein aus und ließ den Ball in der Anfangsviertelstunde gut und sicher in den eigenen Reihen laufen, ohne dabei Torgefahr auszustrahlen. Der Berliner Sport-Club war konsequenterweise auf Defensive bedacht und schob seine engen Reihen geschickt gegen den Ball und unsere Aufbauspieler. Es war einfach kein Durchkommen, bis auf diesen einen genialen Moment von Gündogan, dessen Anspiel Schmelzer nicht zum freien Aubameyang durchbrachte (12. Minute). Torchancen waren rar. Die Berliner strahlten Gefahr maximal bei Standardsituationen aus, sodass Brooks nach 21. Minuten sträflich frei zum Kopfball kam und diesen auf das Tornetz setzte.

Marco Reuse gegen Mitchell WeiserAuffällig war, dass unseren Jungs viele Bälle schon bei der Ballannahme versprangen – dem sichtbar schlechten Zustand des Rasens sei Dank, den Trainer Tuchel nach Spielende auch zurecht anprangerte. Es war so relativ schwer, direkte Bälle in die Nahtstellen zu spielen. Generell fehlte etwas der Mut, die riskanten Anspiele zu suchen, denn Hertha strahlte zu jeder Zeit eine beeindruckende Kontergefahr aus. Wie nach einem erfolgreichen Hostel-Date war „safety first“ also die Devise. Teilweise wirkten die schwarzgelben Angriffsbemühungen auch einfach zu verspielt, dem Abschluss wurde ein weiterer Pass vorgezogen, der dann im Niemandsland verpuffte. Castro und Gündogan drehten sich lieber noch zwei Mal um die eigene Achse als konsequent die zweifellos vorhandene Schusstechnik zu nutzen.

Halbzeit. Torlos. Dann die wohl schlechtesten Konter dieser Saison.

Im zweiten Abschnitt hatte man relativ früh den Eindruck, beide Teams würden sich mit dem Remis gut arrangieren können. Mats Hummels, der schon in der ersten Halbzeit die mit Abstand beste Chance per Kopfball hatte, wusste die wenigen Berliner Angriffe geschickt zu verteidigen. Zwei Mal jedoch war auch der Abwehrchef geschlagen. Hertha schaffte es, zwei dermaßen vielversprechende Kontersituation zu vertändeln, dass der Punktgewinn für uns nachher tatsächlich noch als Punktgewinn bezeichnet werden Auch Mats Hummels schaltete sich immer wieder in die Angriffsbemühungen einkonnte. Erst rannte Kalou mit dem Ball nach einer Ecke Schmelzer davon – wohlgemerkt flankiert von zwei Mitspielern – schaffte es aber zum Glück weder den Ball rechtzeitig abzuspielen, noch selbst effektiv aufs Tor zu schießen. Und in der Schlussminute vollbrachte der eingewechselte Baumjohann das gleiche Kunststück, nachdem auch er mit Fuß am Ball gefühlte fünf Minuten allein auf Bürki zusteuerte, sich dann aber in seinen Gedanken verlor. Von schwarzgelb waren keine größeren Chancen mehr zu verzeichnen. Den besten Ansatz hatte da noch Kapitän Hummels, der mit einem seiner Solos von der Mittellinie ansetzte, keinen Mitspieler fand und daher allein gegen vier Gegenspieler in den Strafraum zog. Sein Abspiel fand dann leider keinen Borussen. Um die 60. Minute hatte man zwar kurze Zeit das Gefühl, der Hertha würden die Kräfte schwinden, aber das Defensivkonstrukt hielt eindrucksvoll, sodass vor allem Aubameyang keinen weiteren guten Auftritt folgen lassen konnte und stetig in der Luft hing – kein eigener Abschluss von ihm sagt viel über die Defensivqualitäten des Gegners. Positiv anzumerken, dass Tuchel den sehr jungen Pulisic nach dessen starken Auftritt gegen Ingolstadt wieder mit einer recht frühen Einwechslung belohnte.

Ein letztlich gutes, weil taktisch toll geprägtes Spiel, fand verdientermaßen keinen Sieger. Beide Teams können mit dem Punkt sicherlich gut leben – mindestens die zehn Punkte Vorsprung zu halten, war vorher das Ziel. Das ist geschafft. Und auswärts mal wieder zu null ist ja auch eine Leistung, Zufriedene Gesichter sehen anders ausdie anerkannt werden sollte. Ungeschlagen im neuen Jahr, hoffentlich dann auch weiterhin am späten Dienstagabend!

Statistiken

BSC: Jarstein - Weiser , S. Langkamp , Brooks , Plattenhardt - Lustenberger - Darida , Hegeler (Stark) - Kalou (Baumjohann) , Haraguchi - Ibisevic (van den Bergh)
BVB: Bürki - Piszczek , Sokratis , Hummels , Schmelzer - Gündogan , Weigl - H. Mkhitaryan , Castro (Pulisic) , Reus (Ginter) - Aubameyang (Ramos)

Die Stimmen zum Spiel:

Thomas Tuchel: „Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir uns an das Spiel und die Bedingungen angepasst haben. Der Platz ist in einem extrem bescheidenen Zustand, das macht keinen Spaß. In der zweiten Halbzeit waren wir komplett dominant, aber unter dem Strich hatten wir nicht die Tagesform, um das Spiel für uns zu entscheiden."

Julian Weigl: „ Es war ein sehr schweres Spiel für uns. Wir sind in der ersten Halbzeit nicht so hinter die Abwehr gekommen, wie wir uns das vorgestellt haben. Hertha hat sehr wach, sehr hart und gut verteidigt, aber auch mutig gespielt. In der zweiten Halbzeit haben wir nochmal alles versucht, uns Chancen erspielt, die wir aber nicht konsequent zu Ende gespielt haben. Das Unentschieden geht in Ordnung. Wir können mit dem 0:0 leben, auch wenn ich damit nicht zufrieden bin.“

Tim, 07.02.2016


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