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Im Fokus - 03.02.2016

"Kein Zwanni" in Stuttgart: "Wir haben einen langen Atem"

Gegen Stuttgart soll die Kurve 20 Minuten leer bleiben19,50 Euro für einen Stehplatz und 38,50 Euro für den günstigsten Sitzplatz, Vorverkaufsgebühren exklusive: Der VfB Stuttgart ruft für das anstehende Pokalspiel gegen Borussia Dortmund am Dienstag, 09. Februar, gesalzene Preise aus. Bereits in der vergangenen Saison protestierten Teile der schwatzgelben Fanszene gegen die Preispolitik der Hausherren. Nun hat die Initiative "Kein Zwanni" zu einem Teil-Boykott aufgerufen. Während der ersten 20 Minuten der Flutlichtpartie soll der Gästeblock möglichst leer bleiben. Die Maßnahme wird unter BVB-Fans heiß diskutiert. Sascha, der nicht nur schwatzgelb.de-Redakteur, sondern auch Mitglied der "Kein Zwanni"-Initiative ist, beantwortet einige brennende Fragen.

Beim VfB Stuttgart sollen die BVB-Fans erst nach 20 Minuten den Gästeblock betreten. Ihr werdet bei „Kein Zwanni“ verschiedene Alternativen diskutiert haben, bestimmt war auch ein komplettes Fernbleiben Thema. Warum habt ihr euch nun für einen Teil-Boykott entschieden?

Es geht dabei um Protest, darum, ein Zeichen zu setzen. Das kann man bei einem Pokalspiel, das live im TV übertragen wird, auch ebenso gut, indem der Block eine zeitlang frei bleibt und man sowohl den Fans als auch den Medien erklärt, worum es geht. Wir müssen einfach Trauriger Anblick in Hoffenheim in der Hinrundeunterschiedliche Wege gehen, weil der Boykott als äußerstes Mittel an Schärfe verliert, wenn man ihn zu häufig anwendet.

Anders könnte man argumentieren: Als „Kein Zwanni“ zuletzt gegen Hoffenheim zu einem Boykott des gesamten Spiels aufrief, hat man das Maximale rausgeholt: Die TSG wird künftig auf Topspielzuschläge verzichten. Macht es nicht Mut und ist es nicht reizvoll, erneut zu diesem Mittel zu greifen? Zumal es nicht das erste Mal ist, dass BVB-Fans gegen die Stuttgarter Preise protestieren.

Ich glaube, du stellst da eine Kausalität her, die es so gar nicht gibt. Wir konnten mittlerweile mit einigen Vereinen Gespräche führen und Ergebnisse erzielen, auch ohne dass wir dort boykottiert haben. Ein Teilboykott ist eine Form, der sich viele Fans anschließen können, weil sie einen Kompromiss zwischen Protest und Support darstellt. Gerade bei einem Pokalspiel, bei dem es nur einen Sieger und einen Verlierer gibt, wollen alle auch die Mannschaft zum Sieg schreien. Letztendlich sind wir alle ja in erster Linie BVB-Fans und nicht Protestierer.

Und noch etwas darf man nicht außer Acht lassen: Wird zu oft boykottiert, kann das auch von den Vereinen bewusst als Mittel genutzt werden, um die vermeintlichen Störer und Kritiker zum Fernbleiben zu bewegen.

Letztendlich muss man das auch ganz realistisch sehen: Der Erfolg eines Boykotts hängt maßgeblich davon ab, wie groß die Lücken im Block letztendlich sind. Der BVB hat im schwäbischen Bereich viele Fans, die vielleicht immer nur zu diesem Spiel ins Stadion gehen und es ist eben etwas Besonderes. DFB-Pokal. Durch so einen zeitlich begrenzten Stimmungsboykott, der von vielen Gruppen, Fanclubs und Einzelfans getragen Einen lautstarken und farbenfrohen Block wird es erst ab der 21. Minute gebenwird, ist ein sichtbares Zeichen garantiert.

Du hast es angesprochen: In Süddeutschland gibt es traditionell viele Umlandfans, die selten in den Genuss kommen, den BVB live zu sehen und sich daher umso mehr freuen würden, den BVB über die komplette Distanz zu unterstützen. Und überhaupt: Unsere Jungs kämpfen Dienstag auswärts immerhin um den Einzug ins Pokalhalbfinale. Und das gegen einen unangenehmen Gegner, für den der DFB-Pokal die vielleicht letzte Chance ist, einer bisher völlig verkorksten Saison noch einen glänzenden Anstrich zu verpassen. Was erwidert ihr denjenigen, die ein Versagen der Unterstützung gerade in diesem Spiel für unangebracht halten?

Und nächste Saison ist es vielleicht das Spiel, das die direkte CL-Qualifikation entscheidet. Und dann in der Saison der große Schritt zur Meisterschaft. Es fühlt sich immer falsch an, nicht im Block zu sein, wenn Borussia spielt, aber irgendwo muss man anfangen, wenn man etwas erreichen will. In dem Zwiespalt zwischen Protest und Support befinden wir uns ja alle. Und mal ganz ehrlich: So wie unsere Jungs diese Saison spielen, sollten sie die ersten 20 Minuten auch so überstehen. Die restlichen 70 gibt man dann eben noch etwas mehr Gas.

Hat bei euren Überlegungen auch eine Rolle gespielt, dass das Spiel live im Free-TV gezeigt wird?

Der Protest in Hamburg verlief erfolgreichDas Preisniveau in Stuttgart ist, vor allem wenn man sich dort die sportliche Realität anschaut, einfach zu kritisieren. Sitzplatzpreise, die bei fast 40 € anfangen und 16,50 € über dem liegen, was Fans von Hannover oder Berlin für den gleichen Platz zahlen. Dagegen muss man sich einfach aussprechen, TV-Übertragung hin oder her. Natürlich gibt das dem Protest noch einmal eine größere Bühne, aber ausschlaggebend war es nicht. Es ist ja auch nicht so, dass Free-TV das einzige Medium ist, auf das wir setzen. Wir haben auch aktiv die Zeitungsmedien angesprochen, um unser Anliegen zu verbreiten.

Kritik gab es allerdings wegen des Zeitpunktes der Bekanntgabe des Protests: Manch einer bemängelte, dass die erst nach dem Vorverkaufsstart erfolgte.

Okay, das ist etwas, was wir für die Zukunft mitnehmen sollten. Aber auch wenn‘s abgedroschen klingt, wir sind nur "nebenberuflich" Fans und noch in anderen Gruppen und Organisationen aktiv. Meistens kommt so ein Problem auch bei uns erst wirklich auf den Schirm, wenn es Richtung Vorverkauf geht und dann überlegen wir auch selber erst, ob und wenn ja, wie man auf solche Preise reagieren soll.

Hand aufs Herz: Müssen sich Fans, die am Dienstag trotzdem pünktlich zum Anpfiff im Gästeblock stehen wollen, unsolidarisches Handeln vorwerfen lassen?

Das Motto der KampagneMeine Meinung? Ja, das ist unsolidarisch. Es geht ja nicht einfach darum, in Zukunft persönlich wieder etwas mehr in der Tasche zu haben, sondern darum, den Fußball auch für Leute offen zu halten, die nicht so viel Geld zur Verfügung haben, aber den Verein genau so lieben wie wir auch. Das ist doch die Gemeinschaft, die BVB-Familie, die es zu erhalten gilt und das ist eine Aufgabe, der wir uns alle zusammen stellen müssen. Je mehr sich beteiligen, desto stärker ist das Bild und umso mehr Möglichkeiten zur Einflussnahme haben wir auch. Wer sich nicht beteiligt, verhält sich in meinen Augen somit unsolidarisch gegenüber den Leuten bei uns, die mittlerweile wirklich ein Problem mit dem Preisgefüge im Profifußball haben.

In weniger als drei Monaten steht schon das nächste BVB-Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart auf dem Programm. Dann in der Bundesliga. Was muss bis dahin seitens der Gastgeber passieren, damit „Kein Zwanni“ nicht erneut zu einer Protestaktion aufruft? Und wie würdet ihr reagieren, wenn sich der VfB gar nicht bewegt?

Eins nach dem anderen. Ziel ist es, im Anschluss an den Protest ins Gespräch mit dem VfB zu kommen und für die Zukunft Änderungen zu vereinbaren. Wie wir reagieren, wenn Stuttgart sich nicht bewegt, haben wir ehrlich gesagt noch nicht besprochen. Aber dass wir da einen langen Atem haben, sieht man ja zum Beispiel in Hamburg.

Interview: Malte S., 03.02.2016


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