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Unsa Senf - 26.01.2016

Die große Langeweile

Zugegeben, schon vor dem ersten Spieltag der Rückrunde war die Situation in der Bundesliga nicht unbedingt spannend für unseren BVB: Die Sache mit der Schlagdistanz auf die Bayern hatte sich dank der nachlassenden Kräfte kurz vor Weihnachten leider erledigt, und auf alle anderen Kandidaten für die Champions League war der Abstand mindestens sehr komfortabel. Trotzdem dürften Pessimisten den Rechner wenigstens mal kurz eingeschaltet haben: Zu Beginn drei Auswärtsspiele bei der direkten Konkurrenz (Gladbach, Hertha, Leverkusen), und dazwischen zumindest ein unangenehmes Heimspiel gegen Ingolstadt: Wenn es zu Beginn blöd laufen würde, wäre der Komfort vielleicht ja doch schneller weg, als man denkt...?

Soviel sei verraten: Bereits ein souveräner Sieg bei den Ponys gepaart mit überraschenden Pleiten der Konkurrenz insbesondere aus Wolfsburg und Gelsenkirchen sorgen dafür, dass nur noch eine Rückrunde von der Qualität der Hinrunde 2014/2015 den BVB von den ersten drei Tabellenplätzen stoßen kann. Zur Belohnung kürte uns die Reviersport bereits zum "einsamsten Team der Liga“, weil wir mit Platz 2 das Niemandsland der Liga darstellen. Acht Punkte hinter den Bayern, acht Punkte vor der Hertha, gar zwölf Punkte vorm Tabellenvierten aus Gladbach. Bereits Ende Januar verspricht nur noch der Kampf gegen den Abstieg wirklich spannend zu werden: Zwischen den Blauen auf dem letzten Europa-League-Platz 6 und Werder Bremen auf Platz 16 liegen ganze neun Punkte.

Wer die letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, ahnt, dass es sich dabei weniger um eine Momentaufnahme denn um einen tatsächlichen Trend handelt. Addiert man die Punkte der tatsächlichen oder gefühlten Topclubs von der Spielzeit 2010/2011 bis zum letzten Spieltag der aktuellen Saison auf, dann ergibt sich folgendes Bild:

1. FC Bayern: 447 Punkte

2. Borussia Dortmund: 380 Punkte

3. Bayer Leverkusen: 337 Punkte

4. Gelsenkirchen: 299 Punkte

5. Borussia Mönchengladbach: 293 Punkte

6. VfL Wolfsburg: 280 Punkte.

Selbst unter Berücksichtigung unserer miserablen Hinrunde aus der letzten Saison ist die Situation eindeutig: Erst kommen die Bayern, dann kommt lange nichts. Dann kommen wir, und dann kommt ebenfalls wieder lange nichts. Die aktuelle Tabelle bringt den Ist-Zustand der Kräfteverhältnisse in der Bundesliga, vom Überraschungsteam aus Berlin vielleicht einmal abgesehen, präzise auf den Punkt.

Es mit Sicherheit kein Zufall, dass sich dieses Bild auch in der erst kürzlich veröffentlichen Deloitte-Football-Money-League widerspiegelt. Dabei fließt in die beinahe halbe Milliarde Euro, die die Bayern erwirtschaftet haben, noch nicht einmal der neue Ausrüstervertrag mit adidas komplett ein, der ihnen in Zukunft jährlich 60 Millionen Euro in die Kasse spülen wird. Zum Vergleich: Pumas Jahresbeitrag in Dortmund wird auf rund 15 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt. Trotzdem besteht für uns zum Jammern eigentlich kein Grund, da auch der BVB das von Herrn Watzke formulierte Ziel von konstant 300 Millionen Euro Umsatz in Zukunft wohl auch problemlos erreichen wird. Womit wir Vereine mit "ähnlich" klingenden Namen wie Gladbach, Hamburg oder Köln um mehr als das Doppelte übertrumpfen. Gut, unsere Nachbarn aus Gelsenkirchen beweisen permanent, dass nicht nur die Generierung von Geldern, sondern auch eine sinnvolle Mittelverwendung unabdingbar ist, wenn man Erfolg haben will, aber man muss sich schon ziemlich ungeschickt anstellen, wenn sich ein so großer Vorsprung im Finanzbereich nicht auch in der Bundesligatabelle niederschlagen soll.

Alles tutti also? Am Rheinlanddamm jedenfalls dürfte man die aktuelle Tabelle natürlich mit einem lachenden Auge betrachten, in dem sich aber durchaus ein paar kleine Tränchen zeigen sollten. Die Aussagen von Herrn Watzke vor Saisonbeginn waren deutlich: Wenn der BVB nicht wieder schrumpfen solle, müsse die Rückkehr in die Champions-League erfolgen. Und da dürfte es ziemlich beruhigend sein, dass man auf einem exorbitant guten Weg zu diesem Ziel ist. Nur wird auf Dauer ein Status als "ewiger Zweiter“ alles andere als erstrebenswert sein. Um den Bayern in Normalform den Titel abspenstig zu machen, wird man zukünftig jedoch über 80 Punkte erreichen müssen, und auch dann ist die Meisterschale nicht garantiert. Wenn dann auch noch der Abstand nach hinten zu deutlich ist, wo bleibt dann noch Raum für Spannung? Für die großen Momente, die es braucht, um "sexy“ zu bleiben? Wir wissen bereits jetzt: Ohne ein mittleres Fußballwunder wird es derartige Storys in dieser Saison zumindest in der Liga nicht geben. 

Man mag einwenden, dass ja immerhin noch DFB-Pokal und Europacup für die eine oder andere Geschichte gut sind, aber das strukturelle Problem scheint sich dadurch auch nicht zu lösen. Deshalb sollte man sich vielleicht doch den fundamentalen Fragen stellen, denen man als Fan eigentlich lieber ausweichen bzw. bei denen man direkt ablehnend den Kopf schütteln möchte: Was soll den Vereinen in Zukunft erlaubt sein, um neue Geldquellen zu erschließen? Wie weit ist zumindest der verbliebene Rest von 50+1 noch haltbar? Welche Rolle sollten Investoren und Mäzene in Zukunft spielen dürfen? Vor allem: Wie schaffen wir es, die Liga wieder ausgeglichener zu gestalten, ohne auf ein wortwörtliches Geschäftsmodell wie in Leipzig zurückzugreifen? Dies ist ein Diskurs, der bei aller Ablehnung des "modernen Fußballs“ und des ehrenwerten Kampfs für 50+1 beinahe völlig fehlt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es gibt gute Gründe, warum man 50+1 beibehalten will. Ein Verein ist mehr als ein Wirtschaftsunternehmen, und gerade Borussia Dortmund hat mehr als einmal erleben dürfen, wie schnell die Existenz bedroht ist, wenn ein Verein nicht mit Herz und Verstand, sondern rein zahlenbasiert geführt wird. Auch aus dieser Erfahrung heraus haben wir uns qua Vereinssatzung den Erhalt von 50+1 selbst fest auferlegt. Was uns, nebenbei gesagt, auch leichter fällt als anderen Vereinen: Natürlich haben wir uns die Möglichkeit der letzten Kapitalerhöhung sportlich erarbeitet, weil Puma, Signal Iduna und Evonik mit Sicherheit nicht in einen Verein aus dem grauen Mittelfeld investiert hätten. Andererseits bietet die Struktur mit der durch den Verein kontrollierten börsennotierten KGaA aber eben auch eine 50+1-konforme Möglichkeit, "mal eben" 114 Millionen Euro einzusammeln (und trotzdem noch auf einem anderen wirtschaftlichen Level als die Bayern zu verweilen). Wie dem auch sei: Historisch ist die Entscheidung für 50+1 nachvollziehbar und richtig, aber sie fiel zu einer Zeit, in der die Bayern zwar bereits der wirtschaftlich und sportlich dominierende Verein in der Bundesliga waren, die Abstände zum Rest der Liga zumindest aber noch so "gering" waren, dass immer wieder Spannung bis zum Schluss herrschte. Man konnte theoretisch also noch beides haben: Eine Vereinsstruktur und eine gewisse sportliche Ausgeglichenheit.

Natürlich ist das vereinfacht betrachtet, denn auch schon vor zehn Jahren waren Zwitter wie Wolfsburg oder Leverkusen in der Liga, und auch Herr Kind hat wohl damals schon geträumt, Hannover 96 irgendwann einmal formal zu übernehmen. Trotzdem war die Schere bei weitem noch nicht so geöffnet wie heute, und mit Hoffenheim und Leipzig steckten die größten Pervertierer des Prinzips des Fußballvereins höchstens in den Kinderschuhen. Was kann man also tun? Zumindest die Premier League macht es uns vor: Wenn man alle Vereine mit unfassbar viel Geld zuschüttet, verschwinden die wesentlichen Unterschiede im sportlichen Bereich. Aber will man das? Romantischer klingt sicher das gegenteilige Prinzip sozialistischer Umverteilung innerhalb der Liga (nebst konsequenter Umsetzung des Geistes von 50+1), aber das würden abseits aller rechtlichen Fragen bereits die großen Vereine aus München und (ja, auch) Dortmund allein deswegen nicht mitmachen, weil das die Konkurrenzfähigkeit auf europäischer Ebene massiv bedroht. (Womit vermutlich auch der Kern des Problems angesprochen ist: Die Einführung der Champions League 1992 hat den wenigen erfolgreichen Vereinen einen steten Geldzufluss geschaffen, der sich im Wesentlichen selbst erneuert: Wer weit kommt, kriegt wahnsinnig viel Geld und ist obendrein für Sponsoren attraktiv. Was den Grundstein dafür legt, im nächsten Jahr wieder weit zu kommen uns sich national nebenbei wieder für die Champions League zu qualifizieren.) 

Was soll man also tun? Will man europäischen Fußball und die nationalen Wettbewerbe komplett trennen? Will man auch in Deutschland Investoren (begrenzt? unbegrenzt?) Einfluss auch oberhalb von 50+1 gewähren, um so die sportliche Balance wiederherzustellen? Oder lässt man alles beim Alten und hofft auf die Selbstregulierung im Laufe der Zeit, weil diese Art des sportlichen Wettbewerbs für Sponsoren und zahlende Zuschauer dann doch nicht so attraktiv ist? Es bleiben viele Fragen übrig. Aber vielleicht sollten wir uns denen tatsächlich stellen und nach Antworten suchen. Zeit genug hätten wir ja, denn den Tabellenrechner werden wir bis September nicht mehr brauchen.

Scherben, 26.01.2016

 


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