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Eua Senf - 26.06.2015

Von Omas und echter Liebe

Choreo 2005/2006„Also Fußball ist ja nicht so wirklich mein Ding, aber nimmst du mich mal mit auf die Süd?“ Diese Frage löst in den meisten Fällen bei mir ein nervöses Zucken aus, denn eins ist klar:

Bevor ich irgendjemanden in den Hort meiner Fußballglückseligkeit einkehren lasse, der mit Fußball so viel am Hut hat wie Primark mit fairen Löhnen, muss erst mal die Liste der Leute abgeklappert werden, die zwar nicht das Privileg besitzen, alle zwei Wochen eine mindestens 90minütige Audienz im Tempel zu erhalten, jedoch trotzdem brennen für Borussia wie Omas Aufgesetzter an Heiligabend. Generell habe ich das dumpfe Gefühl, meine Borussia ist nun salonfähig geworden. Wo es früher noch hieß „Über zwei Stunden stehen und ich sehe fast nichts? Nein, danke!“ folgt heute ein erregtes Seufzen, gefolgt von „Da würde ich auch mal gerne stehen.“

Doch in dieser Saison kam der Cut, Borussia Tabellenletzter. Ich habe an einem Spieltag die große Ehre, die Karte eines Freundes, der aus familiären Gründen verhindert ist, weiterzugeben. Nummer um Nummer rufe ich an. Immer wieder die gleichen, dummen Ausreden von „kein Geld“ (ich hätte es vorgestreckt) über „hab 'nen Kater“(Gegenpressing weiß jeder Klopp-Jünger ist die beste Lösung) bis hin zu Aussagen, die meinen Puls in Sphären eines Speedcore-Konzerts vordringen lassen „keine Lust“.

Wat?

Wie?

Keine Lust? Wie kann man keine Lust haben auf Ekstase, Bierdusche und Gruppenkuscheln? Auf Stimmbandzerrung, Bluthochdruck und Kollektivfluchen? Erschließt sich mir nicht und nach diversen Versuchen habe ich auch den Kaffee auf.

Warum sind die Menschen so? Hieß es nicht irgendwann mal, dass wir „(...) alle ein wenig verknallt in diesen Verein“ sind?

Nacht um Nacht liege ich wach und frage mich, wie so etwas passieren kann. Die endgültige Antwort habe ich vielleicht bis heute nicht gefunden und werde sie eventuell auch nie finden, doch mir ist eins klar geworden.

Echte Liebe ist schon ein Wort zu viel. Denn Liebe ist immer echt. Liebe ist kein „Verliebt sein“. Kein einfaches Kribbeln im Bauch. Liebe muss sich über eine lange Zeit, in der man lernt, auch mit Ecken und Kanten des anderen zu leben, entwickeln. Auch in Momenten, in denen es vielleicht so scheint, als wäre die Idylle zerbrochen, wieder aufzustehen. Meine Oma sagte einmal, als ich frisch mit meiner besseren Hälfte verturtelt war, zu mir:

„Mäxken, eins sach ich dir, pass mir bloß gut auf sie auf. *Nimmt meine Hand* Und noch wat. Liebe is imma Arbeit, lass dir dat gesacht sein!“

Wie recht diese Frau doch hat. Liebe ist Arbeit! Und Liebe funktioniert einfach nicht ohne Einsatz. Während der eine das ganze Wochenende einsetzt, setzt der andere vielleicht nur Stimme und Leberwerte im wahrsten Sinne des Wortes „aufs Spiel“.

Doch beide investieren etwas, damit das Urgefühl des Verliebtseins, nämlich dieses Kribbeln im Bauch, sich wieder einfindet.

Vielen Leuten hat vielleicht diese herzliche, natürliche, ja fast schon naive Art imponiert, mit der wir Borussen in den vergangenen Jahren unseren Weg gegangen sind. Ich möchte mich auch davon distanzieren, alle Menschen über einen Kamm zu scheren, denn ich bin der festen Überzeugung, dass Borussia in den letzten Jahren auch viele neue, inbrünstig singende und feiernde Anhänger, die ganz nebenbei aber auch leidensfähig sind, dazu gewonnen hat. Doch jedem, der sich in der 80. Minute vom Acker macht, ob auf Ost, Nord oder Süd, sage ich entweder „Dass du noch mal Vater wirs, hätte ich ja nie gedacht“ oder eben „du, ja genau du wirst nie Borusse sein.“

Glück Auf!

Max Steinfort, 23.06.2015


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