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Unsa Senf - 19.12.2015

Merkt ihr noch was?

Wer kontrolliert die Polizei?Am Montagabend saß ich auf der Couch und verzweifelte am wenig attraktiv wirkenden Fernsehprogramm. Bis ich auf einem Sender landete, den ich sonst nur vom mit Oma "entzückende Tierfilme" - Gucken kenne. Oder Tatort. Den WDR. Auf einmal wurde ich wieder wach. Grund dafür waren Szenen von wild übereinander hüpfenden Verrückten in einem Fußballstadion. Kenn ich. Mag ich. Muss ich gucken. Jeder darauffolgende Satz ließ meine Kinnlade allerdings wiederholt auf der Tischkante aufprallen. Polizei. Geheime Datenbanken. SKB. Gewalttäter Sport. Einem nicht Involvierten müssen vor Angst die Knie schlottern, wenn sie auf Leute treffen, die in solch einer Datenbank aufgeführt sind. Thematisiert wird in dem Bericht in erster Linie, dass neben der  Gewalttäter Sport-Datei auch eine geheime Datenbank der szenekundigen Beamten existiere, in der weitaus mehr Personen aufgelistet sind. Wie und was genau wird dabei verschwiegen. Geil.

An der Stelle einmal eine kurze Erklärung, wozu es eine Datenbank wie die "Gewalttäter Sport"-Datei überhaupt gibt: In erster Linie werden dort durch die Polizei Daten von (aktuell etwa 13.000) Personen gespeichert und bundesweit ausgetauscht, gegen die im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen wegen einer Straftat ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde und jene, die daraufhin verurteilt wurden. Und scheinbar auch eben solche, die fernab von Widerstand gegen die Staatsgewalt, Nötigung, Landfriedensbruch, Gefangenenbefreiung usw. einfach mal nichts gemacht haben. Diese landen dann zwar "nur" in Kategorie A des Registers als "friedliche Fans", stehen aber trotzdem drin. Und genau da kommen wir an den Punkt, an dem ich so intensiv vor mich hin durchdrehte, dass die Katze rückwärts und mit übergroßen Pupillen von der Couch sprang:

Polizei vor dem PAOK Spiel am FanprojektEin Anwalt berichtet von einem seiner aktuellen Mandanten. Nein, einer Mandantin. Seit kurzem in eben dieser geheimen Datei aufgeführt. Ein erschreckendes Beispiel für die Unverhältnismäßigkeit dieser -übrigens nicht rechtmäßigen- Aktion, denn besagte Mandantin ist nicht gerade das, was man sich unter einem kriminellen Gewalttäter vorstellt. Ebenso absurd ist hier der Grund, warum sie in der Datei zu finden ist: Es gibt keinen. Nichts und niemandem jemals ein Haar gekrümmt, wahrscheinlich sogar die Beerdigung für jede ausversehen plattgetretene Ameise bezahlt, so unkriminell ist besagte Mandantin, wenn ich die Aussagen des Anwalts richtig deute. Und trotzdem erfolgte eine Personalienaufnahme inklusive Fotoshooting. Meint ihr, besagte Mandantin brauchte mal wieder neue Fotos für ihr Facebookprofil? Oder vielleicht als Weihnachtsgeschenk für ihren Mann? Wahrscheinlich habt ihr sie wie jeden Schwerverbrecher mit vier bewaffneten erwachsenen Männern zur Personalienaufnahme geschubst und gezogen, richtig? Immerhin war sie 1,60m groß und wog 50kg. Wobei es da natürlich angebracht ist, sie festzuhalten. Nicht, dass der Wind sie wegfegt. Da könnte man neben dem Landfriedensbruch dann immerhin ein "Widerstand gegen die Staatsgewalt" zur "Gewalttäter Sport"-Akte hinzufügen.

 Und genau das ist das Problem. Merkt ihr noch irgendwas? Was passiert einem jedem von uns, der sich mit jemandem dieser "schrecklich kriminellen" Menschen unverblümt auf dem Nachhauseweg unterhält, die gesamte Gruppe eingekesselt wird und man verdammt ungünstig dabei steht? Richtig. Man ist am Arsch. Dabei erschließt sich mir auch überhaupt nicht, warum dann nicht eben diese Personen herausgezogen werden, die man anhand des grandiosen Videobeweismaterial als schuldig auserkoren hat und der Rest sich seinem Abendprogramm im warmen Bett widmen kann. Aber nein, man ist am Arsch. So sehr, dass man in einer Datenbank für "Gewalttäter" landet. Ob man will oder nicht. Ob man was gemacht hat oder nicht. Klingt absurd. Ist es auch, aber leider eine Tatsache. Problematisch sind nämlich insbesondere die Folgen einer solchen Datenaufnahme. Für strafrechtlich auffällige Personen stehen dort natürlich Stadion- und Bereichbetretungsverbote im Vordergrund. Diese können so weit gehen, dass es diesen nicht gestattet ist, in andere Länder einzureisen und teilweise sogar startende Flugzeuge gestürmt werden, um diese Leute wieder herauszufischen. Für unauffälligere Personen kann auch eine mehrmalige Personalienaufnahme zu Konsequenzen führen. Hierbei sei nochmal darauf hingewiesen, dass auch diese Folgen auf keinem Straftatbestand beruhen.

Im ersten Moment mag das alles witzig oder uninteressant klingen, aber aus Spaß kann sehr schnell Ernst werden. Ernst heißt Straftäter-Datenbank und kann jeden von uns treffen. Repressionen im Fußball nehmen immer krankhaftere Ausmaße an und das kann es nicht sein. Hört auf, euch an vermeintlich Kriminellen hochzupushen und kümmert euch mehr um das wirkliche Elend: Um Personen, die es verdient haben, in euren Verbrecher-Datenbanken zu landen!

Michi, 19.12.2015


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