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Unsa Senf - 14.12.2015

Portugiesische Feuertaufe - Der FC Porto im Check

Den Titel der „Glücksfee“ wird sich Alex Frei in diesem Leben wohl nicht mehr auf seine BVB-Visitenkarte drucken lassen. Dass bei der Auslosung am Montag in Nyon auf die Borussia eine womöglich schwierige Aufgabe warten würde, war einigermaßen voraussehbar. Dann zog der ehemalige Borusse und Derbyheld die entscheidende Kugel aus dem Topf: FC Porto. Rumms. Das sitzt. Klangvoller Name. Große Geschichte. Dauergast in der Champions League. Mourinho. Überragender Sieg, ebenso vernichtende Niederlage gegen die Bayern im Frühjahr. Die ersten Assoziationen in den Momenten nach der Ziehung gestalteten sich vielfältig. Eines stand jedoch fest: auf den BVB warten im nächsten Jahr mindestens zwei weitere großartige Europapokalabende. Der Gegner in der Detailanalyse:

Hintergrund

Erfolglosigkeit ist für die Anhänger des FC Porto normalerweise ein gänzlich unbekanntes Gefühl, zumindest auf nationaler Ebene. Relativ deutlich verpasste man es in den letzten zwei Spielzeiten die portugiesische Meisterschaft zu gewinnen. In der Saison vor zwei Jahren wurde die Saison sogar mit 13 Punkten Rückstand zur Spitze hinter Sporting und Benfica Lissabon abgeschlossen: die niedrigste erreichte Punktzahl seit 1994. Veränderungen mussten her. Eine nicht unwichtige trug damals den Namen des aktuellen Cheftrainers: Julen Lopetegui. Als ehemaliger Coach der spanischen U-21 erfolgreich, konnte zwar auch im ersten Jahr unter seiner Leitung die Meisterschaft nicht gewonnen werden, die Handschrift des Trainers war jedoch deutlich erkennbar. In der aktuellen Saison spielen die Portugiesen einen souveränen Fußball und belegen hinter Sporting Platz 2 in der Liga. Umso enttäuschender war das frühe Ausscheiden in der Gruppenphase der Champions League und dem damit verbundenen „Abstieg“ in die Europa League. In der Gruppe mit Chelsea, Kiew und Tel Aviv war man trotz 10 Punkten nur dritte Kraft und zeigte insbesondere im Heimspiel gegen Kiew eine sehr schwache Vorstellung. Nichtsdestotrotz zählt die Mannschaft als bester Dritter der CL - Gruppenphase qualitativ immer noch zu den besten Teams der Europa League.

Team & Taktik

Viele schwerwiegende Abgänge hatte Porto vor dieser Saison zu verkraften. Neben Altmeister Ricardo Quaresma und den beiden Außenverteidigern Danilo und Alex Sandro, war vor allem der Verlust von Sturmtank Jackson Martinez an Atletico Madrid nur schwer aufzufangen. Die prominenteste Personalie der neuen Saison steht aber im Tor. Die spanische Torwartlegende Iker Casillas, bei Real Madrid auf undankbarste Art und Weise vergrault und beschämt, überquerte die Landesgrenze und schlug seine ablösefreien Zelte zwischen den Pfosten der Portugiesen auf. Langjähriger Stammtorwart und Routinier Helton funktioniert im Tandem mit dem Spanier als solider Backup.

Die Innenverteidigung der Stammformation bilden Maicon und Ivan Marcano. In den bisherigen 13 Ligaspielen kassierten die Portugiesen nur sechs Gegentreffer, zu großen Teilen ein Verdienst der beiden Defensivspezialisten. Der Niederländer Bruno Martins Indi, manchen bekannt aus der holländischen Nationalmannschaft, kann je nach Gegner und taktischer Ausrichtung variabel eingesetzt werden. In dieser Saison war er schon sowohl als Innen- als auch als Außenverteidiger im Einsatz. Die beiden angestammten Außenverteidiger Miguel Layun und Maxi Pereira verkörpern gleichzeitig die größte Schwachstelle im Spiel des FC Porto. Rechtsverteidiger Pereira, im Sommer noch von Benfica entlassen und ablösefrei zum Rivalen nach Porto gewechselt, absolvierte in dieser Saison zwar ausgerechnet gegen die alten Kollegen aus Lissabon sein bestes Spiel. Besonders in der Champions League ließ sich der Uruguayer jedoch mehrmals zu einfach überlaufen und vernachlässigte auffällig oft den Raum in seinem Rücken. Unklar ist zudem, inwiefern sich Thomas Tuchel tiefer mit Miguel Layun beschäftigen sollte. In der Liga Stamm, kam in der Champions League häufig Martins Indi auf seiner Position des Linksverteidigers zum Einsatz und ersetzte den Halbmexikaner. Ein eigentlich eindeutiges Zeichen von fehlendem Vertrauen in die Defensivqualitäten auf höherem Niveau seitens des Trainers Lopetegui. Für den BVB somit ein zumindest theoretischer Vorteil, stehen bei Ballbesitz die beiden Außenverteidiger immer sehr hoch und schaffen somit auf den Außen stets Situationen in Überzahl.

Portos wahres spielerisches Potenzial kommt jedoch erst so richtig bei Betrachtung des Mittelfelds zum Vorschein. Der Wertigkeit und der universellen Einsetzbarkeit nach aufsteigend, ist zuerst Danilo Pereira zu nennen. Der Portugiese, vor der Saison für 3 Mio. Euro von Maritimo nach Porto gekommen, übernimmt in dieser Saison ausschließlich die Rolle des Defensivankers vor der Abwehr. Um ihn herum gestaltet sich das Spiel dann schon vielfältiger und variabler. Zwei der wichtigsten Namen hierbei: Gianelli Imbula und vor allem Ruben Neves. Imbula, vor Saisonstart für stolze 16 Mio. Euro aus dem südfranzösischen Marseille verpflichtet, interpretiert seine Rolle je nach Bedarf, und ist gerade deshalb für die Balance im Spiel des FC Porto besonders wichtig. Ob als Box-to-Box-Spieler, auf der 10 oder als 8er auf den Halbpositionen: der in Belgien geborene Franzose mit kongolesischen Wurzeln ist eine der Entdeckungen der aktuellen Spielzeit und mittlerweile so gut wie unverzichtbar.

Der Name Ruben Neves sollte jedem halbwegs regelmäßigen Leser von Transfergerüchten definitiv ein Begriff sein. Der 18-jährige Portugiese wird schon von gefühlt halb Europa gejagt, und gilt als wichtigster Spieler im Mittelfeld, wenn nicht sogar des ganzen Teams. Als defensiver Mittelfeldakteur, vornehmlich auf der 6 oder 8, überzeugt Neves diese Saison bislang mit teils überragenden Leistungen. Vergleiche mit Größen wie Sergio Busquets werden langsam aber sicher laut.

In wechselnder Regelmäßigkeit, übernehmen die anderen mehr oder weniger wichtigen Mittelfeldakteure je nach Gegner und Ausrichtung verschiedene Rollen. Hector Herrera ist hier als mexikanischer Nationalspieler und nach einer überzeugenden WM letzten Sommer als wichtiger Mann auf der zentralen Position zu nennen. Andre Andre und Evandro komplettieren als offensive Kräfte den erweiterten Kreis des überaus gut bestückten Mittelfelds des FC Porto, wobei ersterer auch in der Offensive eingesetzt werden kann.

Die Offensivabteilung gehört trotz der prominenten Abgänge immer noch zu einer der spannendsten in Europa. Die größte Herausforderung für den ohnehin anfälligen Dortmunder Defensivverbund hört wohl auf den Namen Yacine Brahimi. Der pfeilschnelle Flügelstürmer machte schon bei der WM letzten Sommer in Brasilien für Algerien ordentlich Alarm, und bereitete vor allem der deutschen Elf im Achtelfinale große Probleme. Der 25-jährige ist mit 22 Mio. Euro Marktwert nicht nur der wertvollste Spieler im Kader der Portugiesen, sondern machte vor allem schon in der letztjährigen Spielzeit der CL auf sich aufmerksam, als der FC Porto fast schon sensationell mit 3:1 zuhause gegen die Bayern gewann. Schnelligkeit auf den offensiven Außenbahnen wird den BVB vor die größten Schwierigkeiten stellen, denn auch Christian Tello auf der gegenüberliegenden Offensivseite ist mit einer überragenden Grundgeschwindigkeit ausgestattet. Ausgeliehen vom FC Barcelona, stellt der 24-jährige Spanier, einmal in Fahrt, seine Gegenspieler vor schier unlösbare Probleme. In den meisten Fällen resultieren seine Flankenläufe in einem Zuspiel auf Vincent Aboubakar. Der 23-jährige Mittelstürmer und Ersatz für Jackson Martinez, ähnelt letzterem von Statur und Spielweise auffallend stark. Ausgestattet mit einer unfassbaren Physis und Durchsetzungskraft, erinnert der Kameruner zudem außerordentlich an Romelu Lukaku. Verteidigt wird dann wohl in Manndeckung: ein klarer Fall für Sokratis (bei allem Respekt vor Hummels’ körperlicher Präsenz). Sollte Aboubakar für den BVB glücklicherweise ausfallen, stünden mit Osvaldo und Bueno zwei ordentliche, aber keineswegs gleichwertige Alternativen bereit.

Logischerweise ist davon auszugehen, dass Porto im Hinspiel im Westfalenstadion wesentlich defensiver auftreten wird als sonst. Obwohl auf dem Papier wohl leichter Außenseiter, wird der BVB aller Voraussicht nach die in Heimspielen gewohnt hohen Ballbesitzwerte verzeichnen und die Initiative ergreifen müssen. Aber gerade gegen diesen Gegner wären Ballverluste im Aufbauspiel, die sich bei der Borussia in guter Regelmäßigkeit einschleichen, so gut wie tödlich. Besonders mit Fokus auf Tello und Brahimi könnten Konter im fremden Stadion ein probates Mittel gegen die Borussia sein. Schon gegen Frankfurt und vor allem gegen Stuttgart fing man sich vermeidbare Gegentore nach schnellen Umschaltaktionen des Gegners. Sollte Porto also zurückhaltend und abwartend beginnen, ist eine Ausrichtung ohne echte Spitze wie Aboubakar, und stattdessen mit entweder Brahimi oder Tello als einzige echte Offensivkraft durchaus denkbar. Daraus schließend würden die Räume im Mittelfeld weiter verdichtet werden. Neben den ohnehin gesetzten Neves und Imbula, würden zusätzlich noch Andre Andre und nach Möglichkeit Layun auf den Außen zusätzliche defensive Aufgaben übernehmen. Unabhängig vom Ergebnis im Hinspiel, wird das ganze im Estádio do Dragão sicher anders aussehen. Zurecht darf volle Offensivpower erwartet werden: Brahimi, Tello und Aboubakar sind unter normalen Umständen in vorderster Front wohl garantiert. Einzige mögliche Änderung in der Mitte wird der wohl offensiver ausgerichtete Andre Andre sein. Ein Einsatz des Mexikaners Herrera erscheint aufgrund seiner Aggressivität und Mentalität auch nicht abwegig zu sein.

FC Porto offensiv - Football tactics and formations

Fazit

Schwierig, aber machbar. Die erste große Bewährungsprobe für Tuchel und sein Team auf europäischer Bühne. Würde man vom Klang her diese Begegnung eigentlich in der Champions League suchen, ist das Duell sportlich wahrscheinlich nicht ganz auf Augenhöhe anzusiedeln. Porto geht zwar als leichter Favorit in die beiden Spiele, bedingt vor allem durch das erste Spiel auf fremdem Platz. Der BVB, mit der in dieser Saison entwickelten Offensivpower, braucht sich jedoch keinesfalls zu verstecken. Einzig die Defensive bereitet Kopfschmerzen; zu einfach und zu regelmäßig kassiert man in letzter Zeit unnötige und vermeidbare Gegentore. Wohl alles eine Sache der Einstellung und der Konzentration. In die gleiche Kerbe schlägt auch der Chef: „Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir eine Haltung für diesen Wettbewerb finden müssen. Wir müssen die Europa League zu unserem Wettbewerb machen. Sonst überstehen wir, egal gegen welchen Gegner, keine weitere Runde.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

14.12.2015, Boris Davidovski


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