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Unsa Senf - 08.12.2015

Quo vadis, Kevin Großkreutz?

Unvergessen sind die Last Minute-Tore von Kevin Großkreutz gegen Köln 2010 und Marseille 2013, vor allem bleiben aber seine zwei Tore in Leverkusen im Januar 2011 in Erinnerung, die auch den letzten Fan realisieren ließen, dass die erste Meisterschaft seit 2002 im Bereich des Möglichen liegen würde. Nach sechs intensiven Jahren bei „seinem“ Verein, an deren Ende zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg und der Einzug ins Finale der Champions League standen, verließ der bodenständige Publikumsliebling im Sommer wohl nicht ganz freiwillig heimische Gefilde. Es sollte ein Neuanfang werden, dem nun scheinbar ein jähes Ende droht. Aber der Reihe nach.

Ab dem letzten Jahr gerieten die erwähnten Erfolge zunehmend in den Hintergrund. Konnte man über Pinkeleinlagen und Dönerwürfe eventuell noch mit einem Augenzwinkern hinwegsehen, so schien wohl besonders die in Brasilien gewonnene Weltmeisterschaft einen negativen Einfluss auf Großkreutz gehabt zu haben. Gerüchte über schlechte Fitnesswerte als Folge eines unprofessionellen Lebensstils machten die Runde und ließen, zusammen mit dem Eindruck der katastrophalen Hinrunde 2014/2015, die Meinung von Teilen der Fans gegenüber Kevin Großkreutz kippen. Auf die vormalige Rede vom Spieler, der "einer von uns" sei, folgten nun despektierliche Kommentare wie "was für ein Vollpfosten".

Als der BVB zwischenzeitlich bis auf den letzten Tabellenplatz der Bundesliga abgerutscht war, zog sich Großkreutz zu allem Überfluss einen Muskelbündelriss zu. Fortan musste er von der Tribüne mit ansehen, wie sich seine Mannschaftskameraden in der Rückrunde zurück in die internationalen Ränge kämpften. Mit Instagrampostings machte Großkreutz dann im Sommer seinen Unmut darüber laut, dass Thomas Tuchel, der inzwischen für den als BVB-Trainer geschiedenen Jürgen Klopp Cheftrainer wurde, scheinbar keine Verwendung für den Mittelfeldspieler sah. Zwar erklärte sich Kevin sogar dazu bereit, bei den Amateuren auszuhelfen, das offensichtliche Zerwürfnis zwischen Vereinsführung und Spieler machten die Trennung letztlich aber nachvollziehbar. Insgesamt eine traurige Entwicklung, wurde doch insgeheim gehofft, Großkreutz könne sich zu einer Vereins-Ikone wie beispielsweise Michael Zorc entwickeln.

Der Wechsel in die türkische Süper Lig zu Galatasaray sollte einen Neuanfang darstellen: „Ich verlasse Dortmund mit einem großen weinenden Auge, aber auch mit einem lachenden – denn natürlich freue ich mich auf einen ambitionierten Traditionsverein und die damit verbundene sportliche Herausforderung auf höchstem Niveau, um es allen – aber am meisten mir selbst zu beweisen“, ließ Großkreutz zähneknirschend nach seinem Wechsel verlauten. Aber auch dieses Kapitel begann durchaus unglücklich. Als Folge eines Formfehlers seitens der Türken verweigerte die FIFA die Spielberechtigung. Vom Umstand, bis zur Rückrunde zum Trainieren verdammt zu sein, ließ sich Kevin jedoch zunächst nicht beeindrucken: „Die FIFA hat meine Spielberechtigung NICHT anerkannt, trotzdem werde ich mich ab der kommenden Woche nach Istanbul begeben und eingewöhnen. Ich habe nun leider bis Januar die Zeit, mich nur im Training zu beweisen.“

In den letzten Tagen wurde nun bekannt, dass die Eingewöhnungszeit in der Türkei scheinbar wesentlich schwerer gefallen ist als zunächst vermutet. Das Heimweh sei in der Zwischenzeit so groß geworden, dass eine Rückkehr in die Heimat ein Herzenswunsch von Großkreutz sei. Am vergangenen Mittwoch ließ er die Verantwortlichen von Galatasaray von seiner Entscheidung wissen. In den Medien wurde Mustafa Denizili, der inzwischen Trainer bei den Türken ist, wie folgt zitiert: „Als ich heute Morgen ankam, saß er vor dem Trainingszentrum. Ich habe ihn gefragt, ob es ein Problem gebe und er antwortete, er könne hier nicht weitermachen. Er hat dann heute nicht mit uns trainiert und das Gespräch mit den Klub-Chefs gesucht.“ Auf Nachfrage des Kicker entgegnete ein Klub-Offizieller jedoch, dass es aktuell kein Thema sei, Kevin Großkreutz abzugeben.

Vielleicht waren es seine kontinuierlichen Heimreisen, die den für seine weitere Karriere wichtigen Tapetenwechsel als schwierig gestalteten. Ein gewisser Abstand zum Dortmunder Umfeld hätte sicherlich gut getan, um den Fokus wieder auf seine Arbeit als Profifußballer zu richten. Mir ist durchaus bewusst, dass diese Zeilen nicht leicht von der Hand gehen, denn selbst Profis sind nicht frei von Heimweh, eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Galatasaray wäre für den verdienten Borussen und seine weitere Entwicklung jedoch von enormer Bedeutung gewesen. Großkreutz beraubt sich mit dieser Geschichte eine vorteilhafte Ausgangsposition für seinen weiteren Karriereweg, denn die Frage, welcher ausländische Verein in Zukunft noch an ihn herantreten wird, muss erlaubt sein.

Unser Verein wird im Fall Großkreutz wohl die Füße stillhalten, seinen weiteren Weg muss Kevin selbst regeln. Interessenten aus der Bundesliga scheint es für den polyvalenten Großkreutz zu geben. Er muss seine Karriere nun wieder in geregelte Bahnen lenken, denn im schnelllebigen Profigeschäft droht ein Abstieg selbst für einen Weltmeister schneller als einem lieb ist. Um davon verschont zu bleiben, sollte schleunigst eine Rückbesinnung auf alte Stärken und eine grundlegende Fokussierung auf die wichtigen Dinge stattfinden. Denn letztlich wäre es wünschenswert, dass der „Dortmunder Junge“ eine neue sportliche Heimat mit Perspektive findet.

DerJungeMitDemBall, 08.12.2015


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