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Unsa Senf - 04.12.2015

Hallo Südtribüne.

Vorab: Auch bei schwatzgelb.de kommt es manchmal vor, dass wir nicht alle einer Meinung sind. Das ist auch gut so, denn sonst hättet ihr ja keinen Grund, euch aufzuregen. Damit eure Aufregung zu diesem Thema nicht zu schnell verflacht, möchte ich euch auf diesem Wege neuen Input liefern und gleichzeitig wieder dazu appellieren, den Grund, warum wir uns das alles antun, nicht aus den Augen zu verlieren und wieder ein gemeinsames Wir zu schaffen.

 

Hallo Südtribüne.

Du weißt, wie sehr ich dich liebe. Geliebt habe. Lieben werde. Aber in der Liebe ist halt nicht alles immer glitzernder Einhornstaub, es muss auch mal scheppern, um sein Gegenüber wach zu rütteln. Wir haben uns zwar schon einmal aus genau demselben Grund gestritten, aber du hast mir scheinbar nicht richtig zugehört. Dieses Motto scheint momentan in Vergessenheit zu geraten

Mir ist aufgefallen, dass du dich in letzter Zeit versteckst. Deine Schönheit eher stumm präsentierst, während ich versuche, dich dazu zu ermuntern, aufzuwachen. Eigentlich hab' ich dich am liebsten, wenn du verrückt bist. Wenn du laut, wild und emotional bist. Weißt du, was ich Sonntag komisch fand? Du warst kurz laut. Deine Pfiffe hallen mir immer noch im Ohr, das an mir vorbei fliegende Bier klebt immer noch in Teilen meiner Strähnen. Das ist geil, weil ich es mit emotionalen Spielen und euphorischen Torjubelszenen verbinde. Dieses Flugbier am Sonntag landete allerdings begleitet von Schimpfwörtern, die ich von dir nur gegenüber Gegnern kenne, auf Menschen in den eigenen Reihen. Menschen, die du wohl nicht so gut leiden kannst - das ist mir schon aufgefallen. Sie hatten ein paar rote-weiße, nach Stuttgart stinkende Stofffetzen bei sich und saßen auf dem Zaun. Nur Stofffetzen. Nicht mehr und nicht weniger. Keine Menschen verletzt, nichts. Bei einer ähnlichen Szene im Derby letzte Saison hast du genau diese bejubelt, den Gästeblock höhnisch und provokant auf ihre Stofffetzen aufmerksam gemacht. Da war's okay, da war ja Derby. Viele 0815-Schals von normalen Fans. Das war okay, da war ja Derby. 

Apropos Schalke: vor einem Jahr hast du dort das aggressive Einschreiten der Polizei kritisiert. Nach den Vorfällen am Sonntag hast du nach einem intensiveren Auftreten dieser und der Ordner geschriehen. Du wärst also dafür, dass mehrere bewaffnete Uniformierte in eine überfüllte Südtribüne rennen, dabei Leute möglicherweise unglücklich wegschubsen, nur um eine Hand voll Leute, die - ohne etwas beschönigen zu wollen - letztlich nur auf einem Zaun sitzen und dabei niemanden gefährden, herauszuziehen? Das ist eine super Idee.

Dieses Mal ist kein "normaler" Stuttgarter unglücklich nach Hause gegangen. Es waren die ein bisschen traurig, die du in den eigenen Reihen ja scheinbar nur leiden kannst, wenn du dich mit ihnen schmücken kannst. Die Ultras. Und genau diese hatten es - auch wenn du das sicher nicht verstehen kannst - auch einfach mal verdient. Deine Reaktion hat mich dennoch erschrocken. Das Flugbier, das zwischenzeitlich sogar der Torschussgeschwindigkeit von Aubameyang Konkurrenz machte, wurde also unter lautem Pfeifen auf Leute aus dem eigenen Block geschmissen. Ich frage mich jetzt, woher deine plötzliche, ziemlich heftige Reaktion kam. Und ob sowas dann gerechtfertigt ist. Was nervt dich so sehr, dass du in solchen Momenten die Fresse aufmachst, dann wenn dich die Mannschaft braucht, aber eher vor dich hin träumst? Warum schmollst du eigentlich momentan so vor dich hin? Ist dir Platz zwei mit 11 Punkten auf die Nachbarn nicht mehr gut genug? Oder sind standardgemäß die einschläfernden Lalala-Lieder Schuld? Ich hätte es etwas besser verstanden, wenn du nach den Vorfällen in Thessaloniki sauer geworden wärst. Sehr sauer. Weil das gefährlich war. Die Gefährdung für Unbeteiligte hielt sich Sonntag allerdings ziemlich in Grenzen.

Abschließend möchte ich noch etwas loswerden, das mir am Herzen liegt. Wie unschwer zu erkennen war, ging die Aktion von wenigen Leuten aus, nicht von der gesamten Dortmunder Ultraszene. Das solltest du bedenken, bevor du das nächste Mal wieder über alle schimpfst. Mich nervt sowas auch ein bisschen an dir. Du meckerst viel über das, was da falsch läuft, hilfst aber nicht dabei, es zu ändern, obwohl du die Möglichkeiten dazu hast. Aber vielleicht hast du ja eine Erklärung, die ich nur noch nicht verstanden habe. Ich fände es schön, wenn du wieder so bist, wie zu dem Zeitpunkt, als ich mich in dich verliebt habe. Laut, wild, emotional - das hatten wir ja eben schon. Du bist nicht schön, wenn du gegen Teile von dir selbst wütest. Deswegen bitte ich dich, dein Handeln - in welcher Hinsicht auch immer - einmal kritisch zu hinterfragen und dich selbst wieder eins werden zu lassen. Ohne Hass untereinander, an einem Strang ziehend für Borussia.

 Michi, 04.12.2015


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