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Unsa Senf - 03.12.2015

Defensivprobleme - warum wir uns so viele leichte Gegentore fangen

Pischu, Schmelzer und Hummels in HamburgOhne Frage, der Wechsel von Jürgen Klopp zu Thomas Tuchel hat etwas bewegt. Aus der in der letzten Saison häufig bemängelten Einfallslosigkeit und der mangelnden Durchschlagskraft ist wieder eine Borussia geworden, die in der Offensive einen spektakulären Angriffsfußball zeigt, der phasenweise richtig Spaß macht. Das Europa-League-Spiel gegen Krasnodar war bereits das 23. Pflichtspiel in dieser Saison – und das erste ohne eigenen Torerfolg. Ganze 39 Bundesligatore nach erst vierzehn absolvierten Ligaspielen. Wenn man, was natürlich nicht ganz statthaft ist, den Schnitt auf eine komplette Saison hochrechnet, hätte der BVB am Ende der Saison 95 Tore geschossen und damit sämtliche, vereinseigenen Topmarken in dieser Disziplin locker pulverisiert. Hier gehört der BVB zur absoluten Ligaspitze. Was man von der Defensive allerdings nicht sagen kann. Eine Analyse:

Spielen wir auch für diesen Mannschaftsteil zur Einordnung mal ein bisschen mit den Zahlen. Mit 19 Gegentoren stellt man ligaweit gerade einmal die achtbeste Abwehr. Hier gibt es keinerlei Fortschritte zu verzeichnen, bereits in der letzten Saison waren sechs Teams in dieser Disziplin besser. Im Gegenteil, rechnen wir auch diesen Wert auf volle 34 Spieltage hoch, dann kommt man auf 46 Treffer des Gegners. Das wäre der schlechteste Wert bei einem Betrachtungszeitraum ab der Saison 2010/2011. Ein Rückschritt? Jein. Der Wert an sich ist natürlich schlechter, aber er hat Gründe, die wir später noch beleuchten. Er ist in Kauf genommene Folge einer Entwicklung, die eigentlich ein Schritt nach vorne ist.

Grundsätzlich sollten wir uns einmal die Qualitäten des Abwehrverbundes anschauen. Mit Hummels und Schmelzer ist die Hälfte der Defensivreihe identisch mit der Startelf 2011, Sokratis spielt ebenfalls schon seit zwei Jahren bei unserem BVB. Nur Ginter als rechter Außenverteidiger ist eine echte Tuchel-Maßnahme, obwohl auch er natürlich noch ein Klopp-Transfer ist. Es ist also im Wesentlichen immer noch die Abwehrreihe von Jürgen Klopp und nach seinen Vorstellungen komponiert. Dabei kann man durchaus in Frage stellen, ob es jemals eine wirkliche Topabwehr im Hinblick auf die Defensivarbeit war. Richtig gute Werte konnte dieser Mannschaftsteil eigentlich nur in den beiden Meisterjahren vorweisen. 22 Gegentore 2011 und 25 im Jahr 2012. Weniger als ein Gegentreffer pro Spiel. Aber das waren genau die beiden Jahre, in denen die Spielweise mit einem aggressiven Pressing und Gegenpressing sehr gut funktionierte. Der BVB jagte seinen Gegner bereits bei der Spieleröffnung und die Offensivspieler schafften es, sich sehr gut auf dem Feld zu verschieben. In der Folge hatten es die anderen Mannschaften sehr schwer, gegen uns Angriffsaktionen aufzubauen. Häufig genug waren sie schon froh, wenn sie den Ball nicht einfach planlos aus der eigenen Hälfte schlagen mussten. Das macht es den Abwehrspielern natürlich deutlich einfacher, wenn die Mannschaftsteile vor ihnen schon viel an Druck wegnehmen und Angriffe bereits im Keim ersticken.

Der einzig echte "Zweikämpfer" - SokratisAls diese Spielweise in der Liga jedoch nicht mehr funktionierte und die Abwehr stärker unter Druck geriet, stieg auch schlagartig die Zahl der Gegentore an: 42, 38 und noch einmal 42. Deutlich schwächere Werte. Diese Zahlen sind immer noch nicht wirklich schlecht, die 38 war in der Saison 2013/2014 sogar der zweitbeste Wert in der Bundesliga, dafür reichten die 42 Gegentore in der letzten Saison wie erwähnt nur zu Platz 7 in dieser Wertung. Unter Druck gesetzt erzielte die Abwehr also zwar noch zufriedenstellende Ergebnisse, aber eben keine herausragenden mehr. Wohl auch, weil man an die Viererkette andere Ansprüche als in den meisten anderen Mannschaften stellt(e). Die Spieler sind die ersten Spieleröffner und erst in zweiter Linie reine Toreverhinderer. Das ist in keinem Falle despektierlich gemeint, weil mit beinharten Verteidigern alter Schule eine Geschichte wie unsere vermutlich überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Es waren die richtigen Spieler für das richtige System. Aber vielleicht rein auf pure Defensivarbeit eingegrenzt nur bedingt Ligaspitze. Das ist wichtig für die Bewertung der Abwehrleistung in dieser Saison.

Dabei besteht nicht nur die Abwehr allein aus Spielern, die bereits unter Klopp in den Verein gekommen sind. Julian Weigl ist der einzige Spieler in der Startelf, der von Tuchel neu installiert wurde. Der Trainer hatte also die extrem schwere Aufgabe, mit einem im Kern unveränderten Kader wieder eine erfolgreichere Spielweise zu installieren. In der letzten Saison schien die Mannschaft nämlich spielerisch endgültig in einer Sackgasse gelandet zu sein. Gegen Gegner mit einer konzentrierten und laufstarken Arbeit in der eigenen Hälfte fanden wir kaum ein Mittel. Wobei keinesfalls unterschlagen werden darf, dass mit Gündogan ein Spieler, der ein wichtiger Teil der Lösung dieses Problems sein sollte, gerade erst nach langer Verletzung wieder zurück aufs Spielfeld fand und mit Lewandowski der vordere Fixpunkt der letzten Jahre nach München gewechselt war.

Und trotzdem haben wohl nur die wenigsten das Gefühl gehabt, dass Klopps Ansatz von der Spielverdichtung zentral vor dem Strafraum von Erfolg gekrönt werden könnte. Tuchel verschob die Spielzentrale wieder deutlich weiter zurück. Bei Ballbesitz herrscht eine hohe Passfrequenz rund um die Mittellinie. Gündogan, Weigl und oft auch Hummels versuchen, den Gegner herauszulocken, zwingen ihn in eine permanente Verschiebebewegung und wechseln mit langen Diagonalbällen die Angriffsseiten. Bewusst müssen dabei auch mal riskantere Pässe gespielt werden, um die Passgeschwindigkeit hoch zu halten. Dabei rücken die Außenverteidiger als Anspielstationen sehr weit auf, so dass der Gegner mit zwei eigenen Spielern diesen Bereich verteidigen muss. Das entzerrt das Spielfeld und schafft in der Folge die so schmerzlich vermissten Räume für den tatsächlichen Angriff. Tuchel hat seine erste große Aufgabe gemeistert und dem BVB einen anderen spielerischen Ansatz vermittelt. Man muss sich mal vor Augen halten, dass unsere Borussia diese Saison bereits zur Winterpause fast genau so viel Tore erzielt hat, wie in der ganzen letzten Spielzeit zusammen.

Weigl und Gündogan - die PasszentraleDer Nachteil der Verlegung des spielerischen „Nervenzentrums“ in ein Dreieck aus Innenverteidiger und den beiden Sechsern ist dann nun einmal eine enorme Anfälligkeit bei eigenen Ballverlusten. Wir kassieren nur ganz selten „klassische“ Gegentore, bei denen z. B. eine Flanke von der Eckfahne in einen vollbesetzten Strafraum segelt und dort Stürmer und Verteidiger in Kopfballduelle gehen. Es gibt auch kaum Weitschussgegentore. Aber dafür überdurchschnittlich viele aus Kontergelegenheiten für den Gegner. Gegnerische Balleroberungen, Fehlpässe und verlorene Zweikämpfe führen sofort zu extrem gefährlichen Situationen, weil es kaum Absicherungen gibt. Unsere eigene Spielhälfte ist dann nahezu unbesetzt und eröffnet riesige Räume. Ein Paradies für schnelle Spieler, die mittlerweile eigentlich jede Mannschaft besitzt. Es entstehen fast augenblicklich Eins-gegen-Eins-Situationen, die unsere Abwehrspieler gewinnen müssen, weil der Angreifer sonst frei vor unserem Tor steht. Das sind dann klassische Defensivaufgaben, in denen eigentlich nur Sokratis wirklich als kompromissloser Zweikämpfer glänzen kann.

Man kann das auch hervorragend mit Zahlen belegen. Im Schnitt lassen wir nur 3,07 Torchancen pro Spiel zu. Besser sind nur die Bayern, die wie keine andere Mannschaft in Deutschland das Spiel dominieren, und Ingolstadt, die einen wesentlich defensiveren Ansatz wählen und die die Abwehrarbeit zu Lasten offensiver Durchschlagskraft verstärken. Die Balance stimmt also eigentlich. Wir erzielen viele Tore und kommen gleichzeitig nur selten in die Verlegenheit von für uns gefährliche Szenen. Der nächste Wert ist jedoch katastrophal: Der Gegner braucht nur 2,26 Chancen, um gegen uns zu treffen! Stuttgart als absolute Schießbude der Liga weist einen Wert von 2,34 auf. Die nächsten beiden Mannschaften mit vielen Gegentoren, Augsburg (3,24 Chancen für ein Tor) und Hannover (3,79) sind statistisch sogar deutlich besser. Der Gegner kommt also verhältnismäßig selten vor unser Tor, dann aber gleich mit so guten Möglichkeiten, dass sie so häufig wie bei keiner anderen Mannschaften zu Treffern führen. Das ist eindeutig der Spielstatik geschuldet.

Wobei eine systembedingte Anfälligkeit natürlich auch keinen Spieler aus der Pflicht zur Fehlerminimierung entlässt. Jeder Spieler aus dem Abwehrverbund hat schon den ein oder anderen schweren Bock auf seiner Habenseite und einige Tore wären sehr leicht vermeidbar gewesen. Wir servieren viel zu oft erstklassige Torchancen auf dem Silbertablett. Erschwerend kommt auch hinzu, dass die Situation auf der Torwartposition nicht optimal ist. Was wir bräuchten, wäre der Weidenfeller in der Topform vor vier oder fünf Jahren. Seine Stärke im direkten Spiel gegen Stürmer, sein sich-breit-machen und seine Ausstrahlung im Eins-gegen-Eins würden uns sehr gut tun und die Schwäche unserer Spielweise zumindest teilweise kompensieren können. Roman Bürki muss sich erst noch in der für ihn völlig neuen Situation, bei nur wenig Arbeit über 90 Minuten hinweg die Konzentration hoch halten zu müssen, zurechtfinden und Roman Weidenfeller selber strahlt leider bei weitem nicht mehr die Souveränität aus, die ihn über viele Jahre hinweg beim BVB ausgezeichnet hat.

Unterm Strich stehen als Ergebnis viele ToreTrotzdem steht am Ende eine Erkenntnis, die auch durch die 19 Gegentore nicht verwässert werden sollte: Der BVB spielt wieder ein erfolgreiches System. Wir sind Tabellenzweiter, noch im Pokal dabei und in der Europa League in der Zwischenrunde. Man bietet attraktiven Fußball und schießt viele Tore. Tuchel hat die Spielstatik deutlich zum Besseren verändert und lässt guten Fußball spielen. Die Spieler auf dem Platz haben wieder das geforderte Werkzeug gegen tief stehende Gegner. Dabei muss er zwangsläufig eine hohe Anfälligkeit in der Defensive in Kauf nehmen, weil mehr einfach nicht machbar gewesen wäre. Mit dem nahezu gleichen Kader und einer kurzen Vorbereitungszeit ein neues Offensivspiel zu etablieren, das nicht nur erfolgreich ist, sondern auch die Defensive stabilisiert, ist schlicht und ergreifend nicht möglich gewesen. Und so hat man einen Ansatz gewählt, bei dem man vielleicht ein Gegentor riskiert, der aber auch die Chance bietet, zwei oder drei eigene Tore zu schießen. Man darf gespannt sein, welche Änderungen Tuchel in der Zukunft vornimmt, um auch die Defensivarbeit wieder zu stärken. Sollte ihm das gelingen, hätte er fast unbemerkt in kurzer Zeit die Spielanlage des BVB grundlegend umgekrempelt.

Sascha, 04.12.2015

 


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