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Spielberichte Profis - 17.12.2015

Borussia hat den Jingle Bells - klarer Sieg im Achtelfinale zu Augsburg

Der Gästeblock war natürlich ausverkauft„Über 1000 Kilometer mitten unter der Woche und unverschämte 10 Euro für das Parken an einem Stadion, das vor seinen Toren keinerlei Versorgungsstände aufweist und im Gästeblock nur alkoholfreie Getränke zu bieten hat.“ Klingt das nicht verlockend?

Willkommen zum DFB-Pokal Achtelfinale in Augsburg. Rund 3.000 Borussen, ein sicherlich nicht allzu kleiner Teil stammend aus dem Süden der Bundesrepublik, wollten sich das Schmankerl nicht entgehen lassen, welches die Losfee für unseren BVB bereitgehalten hatte. Der mit zum Teil spektakulären Siegen gegen den 1. FC Köln, Partizan Belgrad und den FC Meineid nach einem Katastrophenstart wiedererstarkte und mit dem Traumlos FC Liverpool zusätzlich euphorisierte FC Augsburg war genau der Gegner, den sich beim BVB niemand gewünscht hatte: durchschnittliche Kulisse in einem durchschnittlichen Neubau am gefühlt anderen Ende der Welt, schwer berechenbarer Gegner und die bereits oben genannten Widrigkeiten – ein idealer Ort, an dem man schon mal eine Blamage würde einstecken können. Entsprechend war die Vorfreude kaum bis gar nicht vorhanden und wünschten sich die meisten Fans nichts weiter als einen dreckigen Sieg, solange sich dieser nur wenigstens in der regulären Spielzeit einstellen würde.

Aufmunternde Choreografie für den schwerverletzten Augsburger Ultra SimonAm Stadion angekommen, war erst einmal Kopfschütteln angesagt. Ein weiteres Spiel der Kategorie „vollkommen harmlos“ hatte ein mittleres USK-Aufgebot angelockt, das es sich nach Spielende nicht nehmen ließ, die Ultrabusse bis auf die Autobahn (und wahrscheinlich noch weiter) zu eskortieren. Hatte der geneigte Fan schon mit Freude zu Kenntnis genommen, dass die regelmäßig bei Fußballspielen zum Einsatz kommende BFE („Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit“ / der Name ist Programm) schon bald ein neues Brüderchen BFE+ zur Unterstützung der GSG9 in Anti-Terroreinsätzen bekommen würde, sorgte die alleinige Anwesenheit der Herren in schwarz schon wieder für ein großes Sicherheitsgefühl. Fußball ist ja irgendwie auch Krieg, wenn man die Aufgebote der letzten Tage der größten Steuerverschwendung des Landes als Maßstab heranziehen darf.

Im Stadioninneren durfte dafür der Humor nicht zu kurz kommen. Weil alle Pressearbeitsplätze in diesem Jahr über einen Internetzugang verfügen sollten, fragte ich freundlich nach einem LAN-Kabel. Und weil ich meine große Klappe nicht halten konnte, beantwortete ich die Frage nach der benötigten Länge mit einem augenzwinkernden „40 Meter wären wohl ganz gut“. Als rund drei Sekunden später hinter dem Tresen ein etwa 4kg schweres Kabelbündel von wahrscheinlich genau 40 Metern Länge zum Vorschein kam („Aber bitte wieder zurückbringen“), war mir dieser Zahn zur großen Freude des umstehenden Publikums schon wieder gezogen. Adrian Ramos kam neu in die StartelfMunter geriet auch das Stellenangebot, das die Wände der Toiletten im Pressebereich zierte. Auf diesen suchte der FCA neue Guides für Stadiontouren, erwartete als Voraussetzung aber unter anderem „Grundkenntnisse von Fußball“ und bot eine „leistungsgerechte Entlohnung auf Mini-Job-Basis“. Hätte die Titanic nicht besser machen können, Jürgen Klopp hätte „gefällt mir“ geklickt. Im bayerischen Schwaben geht man zum Lachen offensichtlich nicht in den Keller.

Doch genug der Schelmerei. Nach einer sensationellen Hinrunde in der Bundesliga, die Thomas Tuchel dank heftiger Rotation mit mäßigen bis furchtbaren Darbietungen in der Europa League bezahlen musste, durfte in Augsburg wieder die von den Namen her beste Startelf beginnen. Gegenüber dem lockeren 4:1 gegen die Frankfurter Eintracht rückte mit Adrian Ramos nur ein Neuling ins Team, der als Ersatz für den verletzten Marco Reus das Sturmzentrum bilden sollte. Für die nötigen Zuspiele sorgten Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang, die zugleich die gegnerische Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Augsburger Defensive von der ersten Spielminute an unter Druck setzen sollten.

Zu einer grün-weiß-roten Papptafelchoreo liefen die Mannschaften ins Stadion ein, auch wiesen die Hausherren vor allem zu Spielbeginn lautstark auf ihre Anwesenheit hin. So beteiligte sich die gesamte Hintertortribüne zweimal an einem Gesang und zeigte recht beeindruckend, was mit einer Mats Hummels gegen Raul Bobadillaentsprechenden Geschlossenheit in Augsburg möglich wäre. Ansonsten pendelte sich der Support auf einem soliden und angesichts der örtlichen Gegebenheiten respektablen Niveau ein, das jedoch nicht wirklich vom Hocker reißen konnte. Auf der Gegenseite hielt der Gästeblock mit zahlreichen schwarzgelben Handschwenkern, einer schönen Liedauswahl und ordentlicher Lautstärke dagegen – ab Mitte der ersten Halbzeit dominierten die Borussen spürbar, in der zweiten Halbzeit drückte sie Augsburger mit Leichtigkeit an die Wand.

Die ersten Spielminuten gerieten munter, da beide Mannschaften mit einer großen Portion Selbstbewusstsein und Willen auf Sieg spielen wollten. Der BVB hatte von Beginn an rund zwei Drittel aller Ballkontakte auf seiner Seite, während die Augsburger zwei von drei Zweikämpfen für sich entscheiden konnten – leichte Vorteile gab es zunächst auf Seite der Schwaben, mit zunehmender Spieldauer jedoch für die Borussen.

Da beide Defensivabteilungen ihre Lage im Griff oder auch das nötige Quäntchen Glück hatten, blieben große Torraumszenen in der ersten Halbzeit eher die Ausnahme. Stark wirkte etwa Mats Hummels in der 25. Minute, als er Raul Bobadilla den Ball in letzter Sekunde vom Schlappen spitzelte – zuvor hatte Lukasz Piszczeks den Ball mit einem schlampigen Fehlpass verloren und Bobadilla Sven Bender mit einem harten aber akzeptablen Bodycheck zu Fall gebracht. Während Augsburg ansonsten vor allem auf Konter und hohe Bälle setzte (Bobadilla setzte dann zum Sprint an und versuchte, die auf abseits bedachten Innenverteidiger Hummels und Bender zu überrumpeln), gingen gute Szenen beim BVB vor allem von Aubameyang und Mkhitaryan aus.

Alle Hände voll zu tun für Marwin HitzSo schüttelte Mkhitaryan in der 17. Minute den zupfenden Dominik Kohr ab und brachte den Ball über Gonzalo Castro auf Aubameyang, dessen abgefälschter Torschuss eine Ecke einbrachte. Diese erreichte über Hummels Kopfballverlängerung Lukasz Piszczek, der aus kürzester Distanz den Ball aufs Tor köpfte, aber ohne großen Druck in Daniel Baier auf der Linie seinen Meister fand. Schöne Spielzüge scheiterten regelmäßig an der noch fehlenden Durchschlagskraft oder unsauberen letzten Pässen – etwa in der 27. Minute, als Ramos einen Ball von Aubameyang auf Mkhitaryan legte, dieser Marwin Hitz aus einem gefühlten Meter Entfernung allerdings nicht überwinden konnte (wäre aber auch abseits gewesen). Folgerichtig sprang bis auf einen Distanzschuss Julian Weigls (37. / geklärt zur Ecke) und eine Großchance Aubameyangs (40. / Pass von Mkhitaryan auf Aubameyang, stark pariert von Hitz, vor dem Nachschuss Foul an Ragnar Klavan und Freistoß für Augsburg) dann vor dem Pausenpfiff auch nichts mehr Nennenswertes heraus.

In der zweiten Halbzeit sollte sich diese Situation ändern. Die nachlassende Kraft und Aufmerksamkeit der Schwaben sowie der sich immer weiter nach vorne verlagernde Druck Aubameyangs ließen das Spiel deutlich zugunsten des BVB kippen. Die Einschläge kamen dem Augsburger Tor dann auch immer näher und in immer schnellerer Taktung: Ein Abpraller im Strafraum, von Hitz pariert nach Abschluss von Castro (47.). Ein Freistoß Ilkay Gündogans von halbrechts findet Hummels frei im Strafraum –Kopfball knapp rechts vorbei (48.). Schuss von Ramos – pariert (50.). Castro von außen in den Auf Pierre-Emerick Aubameyang ist einfach verlassStrafrum, Sokratis frei aus der Drehung übers Tor (53.). Konter Mkhitaryan, der statt des freien Ramos auf rechts lieber zu Castro oder Aubameyang nach links stecken will – Kohr klärt knapp vor Aubameyang (55.). Wiederholung der gleichen Szene, diesmal legt Mkhitaryan auf Ramos ab – geblockt zum Einwurf. In dieser starken Druckphase konnten sich die Augsburger nur ein einziges Mal befreien und zu einem Konter ansetzen, den Bobadilla freistehend vor dem Tor jedoch schwach auf Roman Bürki brachte.

Tuchel baute die Mannschaft nun entscheidend um und brachte Shinji Kagawa für den glücklosen Ramos. Sofort brachte sich der Japaner gut ins Spiel ein und verwirrte die veränderte Zuordnung die Augsburger Hintermannschaft. Es kam, was kommen musste: Dong Won Ji konnte den Ball nicht aus dem Strafraum befördern, über Piszczek prallte der Ball zu Aubameyang in die freie Mitte – kaltschnäuzig zog der Gabuner ab und hämmerte das Leder unhaltbar ins linke Eck (61.). Der BVB presste nun erbarmungslos und zwang den FCA immer wieder zu Fehlern – das 2:0 war ebenso verdient wie konsequent (65. / Mkhitaryan aus 20 Metern in die rechte untere Ecke nach Vorarbeit Kagawas). Weil Borussia es nun wissen wollte, Augsburg taumelte und sich auf dem Rasen kaum mehr orientieren konnte, gingen Aubameyang, Kagawa und Mkhitaryan die Hausherren nun selbst an ihrer eigenen Grundlinie an – im 26. Saisonspiel war eine solche Entschlossenheit mehr als nur beeindruckend.

Henrikh Mkhitaryan sorgte für die EntscheidungDie Augsburger legten fortan keinen allzu großen Wert mehr auf Gegenwehr, wollten den zuvor stabilen Auftritt nicht in einem Fiasko münden lassen. Bis auf Jis Schuss in der 85., der aus kurzer Distanz erneut stark von Bürki pariert wurde, gab es hier nichts mehr zu sehen. Auch der BVB nahm den Fuß vom Gaspedal und zeigte neben kleineren Aktionen (70. / Castro weit übers Tor, 90. / Mkhitaryan zentral mit schwachem Abschluss nach Vorarbeit Kagawas) nur noch einen großen Antritt: Aubameyang hatte sich rechts mit viel Freiraum durchgesetzt und den Ball steil in den Strafraum geschickt, wo Mkhitaryan einen halben Schritt zu spät gekommen war und den Ball nur wenige Zentimeter am leeren Tor vorbeispitzeln konnte. Wie schon gegen Frankfurt besangen die BVB-Fans den Armenier, der mit seinem öffentlichen Dank an die Südtribüne das Tor zum kommenden Publikumsliebling zuletzt ein ganzes Stück aufgestoßen hatte – die Widmung seines Treffers zum 2:0 an die BVB-Fans war nicht nur ein kluger Schachzug, sondern ging auch runter wie Öl.

Anfang Februar wird es im Viertelfinale des DFB-Pokals wieder nach Schwaben gehen – dann wartet mit dem VfB Stuttgart erneut ein Gegner mit Jingle Bells vor der Gästekurveewig langer Anreise, seltsamem Bier und schweineteuren Tickets auf unsere Borussia. Gehen wir’s an!

Statistik

FCA: Hitz - Verhaegh, Hong, Klavan, Stafylidis - Baier - Kohr - Koo, Moravek, Ji - Bobadilla
Wechsel: Esswein für Koo (64.), Trochowski für Moravek (70.), Caiuby für Bobadilla (74.)

BVB: Bürki - Piszczek, S. Bender, Hummels, Schmelzer  - Weigl - Gündogan, Castro - Aubameyang, H. Mkhitaryan - Ramos
Wechsel: Sokratis für Bender (46.), Kagawa für Ramos (58.), Ginter für Gündogan (84.)

Tore: 0:1 Aubameyang (61.), 0:2 Mkhitaryan (66.)

Zuschauer: 30.101

SSC, 17.12.2015


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