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Spielbericht Profis - 01.11.2015

Wonderwall

Der umgebaute Gästeblock ist wirklich eine VerbesserungAb und zu kommt aus den Stadionlautsprechern, wenn man richtig Glück hat, genau der richtige Song zur richtigen Zeit. Wie damals in München, nach unserem 3:0-Sieg, als der Praktikant aus Versehen „Always look on the bright side of life“ gespielt hatte. Bremen hatte so einen Moment.

Lange nach Abpfiff war der Gästeblock noch gut gefüllt. Unter der Tribüne klang ein entferntes „Scheiße Null Vier!“ hoch ins Stadion, doch oben sangen die Zurückgebliebenen beschwingt und einfach nur von Grund auf glücklich einen anderen Text.

Today is gonna be the day
That they're gonna throw it back to you
By now you should've somehow
Realized what you gotta do
I don't believe that anybody
Feels the way I do about you now

Fahnenintro auf Bremer SeiteEs war eine wunderbare Stimmung, die in dem sich leerenden Gästeblock herrschte. Ein barrierefreier, mit Essensresten und Bechern gepflasterter Gästeblock. Eine ganz andere Stimmung, als in anderen Jahren, als man sich eingesperrt fühlte und einfach nur so schnell wie möglich aus der Enge raus wollte, in der Hoffnung, nicht an einer der Engpässe zu Tode getrampelt zu werden.

Bremen hat wieder einen richtigen Block, kein Gefängnis. Einer, in dem nicht Sitzplätze gestürmt werden müssen, um genug Platz zu haben. Wo nicht Gitter und Zäune die einen BVB-Fans von den anderen trennen (zumindest nicht in der Länge). Sondern einen, in dem gegessen und getrunken werden kann. Und der nach dem Spiel zum Verweilen einlädt, zum Fotos machen, den Sieg genießen. Zum wildfremde Leute umarmen und mit den Stadionlautsprechern mitgrölen.

Backbeat the word was on the street
That the fire in your heart is out
I'm sure you've heard it all before
But you never really had a doubt
I don't believe that anybody
Feels the way I do about you now

In der 09. Minute traf Marco zum ersten MalDas neue Gefühl des Auswärtsfans in Bremen hat sich auch auf die Stimmung ausgewirkt, so schien es. Der Schall unter dem Dach hallt wunderbar auf die Tribüne zurück (wenn auch dem Vernehmen nach etwas weniger auf der anderen Seite des Feldes) und pushte gerade in der ersten Halbzeit den Auswärtsmob auch zu einer richtig guten Leistung.

Dass die Jungs auf dem Feld das ihre zur guten Stimmung beigetragen haben, sollte allerdings nicht unterschlagen werden. Bereits in der 09. Minute klingelte es im Bremer Kasten. Nach einem wunderschönen Gündogan-Pass (es sollte nicht der letzte bleiben), bereitete Mkhitaryan (wie es schien eher unfreiwillig) für Reus vor, der den Ball gekonnt in der weiten Ecke versenkte. Mit dem 1000. Heimspiel-Gegentor (die Bayern halten nicht JEDEN Rekord!) war Bremen eigentlich schon früh angehalten, vom geplanten Defensivspiel Abschied zu nehmen. Doch anfangs war davon nichts zu sehen. Eine BVB-Ecke reihte sich an die nächste (am Ende waren es 09), wobei erst in der 27. Minute erneut Gefahr vor dem Bremer Keeper entstand. Den Schuss von Mkhitaryan konnte der Schlussmann aber parieren.

Kurzzeitige Enttäuschung nach dem Bremer AusgleichUnd dann kam wie aus dem nichts der Ausgleich. Einmal mehr sorgte die kollektive Schlafmützigkeit in der Dortmunder Abwehr dafür, dass ein offensiv eigentlich harmloser Gegner beinahe zum Toreschießen gezwungen wurde. Auch wenn Ginter den ersten Schuss noch in Kohlerischer Manier auf der Linie klärte, konnte er alleine gegen den zwei Meter vor dem Tor stehenden Ujah auch nichts mehr ausrichten.

Das Tor läutete die stärkste Phase der Bremer ein und der Gästeblock, kurz zuvor noch in fröhlicher Feierlaune, musste sich auch erst wieder fassen. In der Zwischenzeit kam Bremen zum ein oder anderen gefährlichen Angriff, die bis auf den Kopfball in der 35. Minute jedoch harmlos blieben. Und Junuzovic’s Ball segelte glücklicherweise am Pfosten vorbei. Danach hatten sich die Gelben auf und neben dem Platz aber eingekriegt und gaben wieder Gas.

Kurz vor der Pause gab es dann nochmal eine Aktion zum Einrahmen. Hummels‘ perfekt getimte Außenristflanke auf Mkhitaryan, der im richtigen Moment mit einem richtig gut platzierten Flugkopfball angesegelt kam, war einer dieser Momente, die ganz losgelöst von Stimmung, Gefühl und Leidenschaft aufgrund ihrer puren fußballerischen Schönheit eine tiefe Verbeugung eines jeden Fußballliebhabers bedürfen. Wenn sie dann noch im richtigen Moment für das richtige Team passieren, dann explodiert der Gästeblock.

Henrikh Mkhitaryan bejubelt das wichtige 2:1Doch Schiri Welz brauchte eine Pause und so endeten die Feierlichkeiten relativ schnell beim Pausentee.

Was Tuchel den Seinen in den Selbigen gemischt hat, wird sein Geheimnis bleiben, der BVB startete jedenfalls wie die Feuerwehr. Doch je länger die Halbzeit dauerte, umso mehr hing dieses darmstädtische Damoklesschwert über den Schwarzgelben. Eine Führung mit nur einem Tor – und sei sie noch so verdient – ist immer nur ein Gegentor vom Ausgleich entfernt. Dazu klopft in solchen Momenten ja auch noch gerne das alte Sprichwort an: „Wenn du sie vorne nicht machst, dann kriegst du sie hinten rein.“ Und das, was wir vorne nicht machten, damit könnte man alleine einen ganzen Spielbericht füllen. Allen voran Aubameyang übte sich in bewundernswert konsequenter Torabstinenz. Wunderbar freigespielt von Gündogan und Mkhitaryan, die sich mit Traumpässen gegenseitig überboten, vergab der Gabuner Chancen, die die sprichwörtliche Oma des gemeinen Südtribünenbesuchers reingemacht hätte. Aber einfach ist für Aubameyang einfach zu einfach. Frei vor dem Torhüter (48.). Frei vor dem Torhüter mit zwei freien Mitspielern (51.). Frei vor dem Tor ohne Torhüter (71.). Auba chipte, scherte und stolperte sie allesamt in die Bremer Beine. Auch Batman hat eben mal einen schlechten Tag, aber dafür hat er ja Robin. Reus machte es besser und schlenzte in der 72. Minute eine schöne Vorlage von Mkhitaryan zur Entscheidung in die Maschen.

Schalparade im GästeblockDer Gästeblock, der in der zweiten Halbzeit etwas nachgelassen hatte, hatte nach einer kurzen Ekstase nun trotz Schiedsrichterwechsel keinen Bock mehr auf das entschiedene, langweilige Spiel auf dem Rasen, bei dem die Bremer zu keiner Zeit in der zweiten Halbzeit ebenbürtig waren. Ebenso wenig schien man sich auf den Rängen in irgendeiner Weise mit dem kommenden Europapokalspiel zu beschäftigen. Stattdessen betrieb man Warmlaufen fürs Derby. Von einem donnernden „Am Tag, als der FC Scheiße starb“ über „Haut drauf, Kameraden“ bis hin zum kollektiven Hüpfen zusammen mit der Mannschaft, begleitet von einem sehr lautstarken „Wer nicht hüpft, der ist ein Scheißer“ kam das ganze Repertoire zum Einsatz. Es dürfte daher keinen in der Mannschaft geben, der nicht genauestens darüber informiert ist, wie wichtig das Spiel gegen die Blauen ist. Dennoch bleibt zu hoffen, dass sich die Borussen – auch wenn es keine große Herausforderung scheint – doch zumindest ein kleines bisschen auf Qäbälä konzentrieren, damit der Einzug in die KO-Phase der Europa League so früh wie möglich eingetütet werden kann.

Wer nicht hüpft der ist ein Schalker - noch eine WocheUnd als die Mannschaft sich nach ihrem verdienten Applaus in die Kabine verabschiedet hatte und das Bremer Publikum schon längst wieder bei den Stadtmusikanten war, klang es aus dem Gästeblock noch immer.

And all the roads we have to walk are winding
And all the lights that lead us there are blinding
There are many things that I would like to say to you
But I don't know how

Sechs Punkte Vorsprung auf die Blauen vor dem Derby sind auf jeden Fall ein gutes Polster. Das Selbstvertrauen, die Spielfreude und die Dominanz die die Mannschaft zurzeit ausstrahlt, können uns sicher optimistisch stimmen, dass wir alle Voraussetzungen haben, die angeknockten Blauen am Sonntag aus dem Westfalenstadion zu prügeln. Und vielleicht läuft dann zum Ausklang des Spiels auf der Süd ein anderes Lied, das uns den Moment noch etwas genießen lässt.

Because maybe
You're gonna be the one that saves me
And after all
Auch Bartels und Gebre Selassie konnten den Spieler des Tages nur selten aufhaltenYou're my wonderwall

Statistiken

Werder Bremen: Wiedwald - Gebre Selassie, Galvez, Vestergaard, Sternberg - Bargfrede - Bartels, Fritz, Junuzovic, Grillitsch – Ujah

Borussia Dortmund: Bürki – Ginter, Sokratis, Hummels, Park – Weigl – Mkhitaryan, Gündogan, Kagawa, Reus – Aubameyang

Einwechselungen: 76. Schmelzer für Park, 77. Castro für Reus, 85. Piszczek für Gündogan – 77. Lorenzen für Grillitsch, 83. Fröde und Pizarro für Fritz und Bartels

Tore: 0:1 Reus (09., Mkhitaryan), 1:1 Ujah (32., Grillitsch), 1:2 Mkhitaryan (44., Hummels), 1:3 Reus (72., Mkhitaryan)

Schiedsrichter: Welz (Wiesbaden, ab 85. Thomsen, Kleve)

Gelbe Karten: Sternberg, Fritz, Galvez

Zuschauer: 42.100 (ausverkauft)

Nadja, 01.11.2015


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