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Unsa Senf - 09.11.2015

Probleme schaffen, die es nicht gibt

Während auf dem Platz alles rund lief, fiel die Polizei mal wieder negativ aufWas war das eine Harmonie nach dem letzten Duell zwischen den Schwarz-Gelben und Blau-Weißen: Vom „friedlichsten Derby aller Zeiten“ sprach die Polizei, und von einem voll aufgegangenen Sicherheitskonzept. Vor der jetzigen Neuauflage hätte es allen Grund gegeben, erneut an ein friedliches Derby zu glauben – nur scheint dies weder im Dortmunder Polizeipräsidium noch in der Landesvertretung Düsseldorf jemand so recht gewollt zu haben.

So trat die Dortmunder Polizei im Vorfeld mit aber-witzigen und vor allem alles andere als deeskalierenden Forderungen an die beiden Vereine heran: eine weitere Reduzierung des Gästekontigents oder die verpflichtende Anreise der Gäste mit Bussen. Wie solche Maßnahme überhaupt die Sicherheitslage verbessern sollten – Antworten auf diese (Fan-)Frage blieb die Polizei schuldig. Stattdessen schien man die Gelegenheit einmal mehr nutzen zu wollen, das eigene Profil als funktionierende Truppe auf Kosten von Fußballfans schärfen zu wollen, während man in vielen anderen Bereichen in der Stadt Dortmund auf kompletter Linie regelmäßig versagt.

Doch scheinbar war nicht die Polizei Dortmund alleine bei der Ausarbeitung des „Wunschkatalogs“ beteiligt. Hört man sich ein wenig um, hat wohl das Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes NRW mächtig Druck aus dem Hintergrund gemacht. Es verwundert nicht weiter, dass eine von Ralf Jäger geführte Behörde auf die Idee kommt, von den Vereinen den „Ausschluss von Problemfangruppierungen des Gastvereins“ zu fordern. Auch hier bleiben die Polizei und/oder das MIK die Antwort schuldig, warum die Vereine das lösen sollen? Es gibt polizeilich die Möglichkeiten von Aufenthaltsverboten, Meldeauflagen etc. pp.

Mobile Drehkreuze sollten einen Sturm des Eingangs verhindernWarum sollten es also die Vereine lösen? Vermutlich weil es sich mittlerweile auch bei den Sicherheitsbehörden herumgesprochen hat, dass das Grundgesetz grundsätzlich auch für Fußballfans gilt und man sich, beim Versuch das zum ignorieren, in der Vergangenheit regelmäßig Niederlagen vor Gericht einhandelt hat. Dieses Risiko sollte nun auf die Vereine umgelegt werden und mit dem viel angenehmeren Zivilrecht hat man hier auch eine viel unkomplizierte Rechtslage, die man sich zu Nutze machen könnte.

So blieb es bei diesem Derby ein Verdienst der Vereine, dass man den ganzen Wahnsinn erst einmal nicht mitmachte und eine weitere Verschärfung der Maßnahmen zumindest in Frage stellte. Dennoch blieben zahlreiche Auflagen bestehen, und so entschied sich die Schalker Fanszene für einen Boykott des Spiels. Im Grunde hatten die Polizei Dortmund und MIK bekommen, was sie wollten. 

Horrormeldungen trotz Absage der Schalker Fanszene

Und ab diesem Punkt wird es geradezu skurril, was die Dortmunder Polizei in den Tagen vor dem Derby an die Presse gab und wie sie sich schließlich rund um den Spieltag verhielt. 

Nach der "Wannenparade" vermischte sich Schwarzgelb mit BlauweißSo sah man sich offensichtlich genötigt, am Donnerstag vor dem Spiel eine Pressemeldung zu veröffentlichen, die chaotische Szenarien für den Sonntag heraufbeschwor. Plötzlich war nicht mehr vom „friedlichsten Derby aller Zeiten“ die Rede, sondern Polizeisprecher betonten bei jeder sich bietenden Gelegenheit die 51 Anzeigen wegen vermeintlicher Straftaten im Umfeld des letzten Derbys – bei 79.800 Zuschauern gliche dies einer Quote von etwa einer Anzeige pro 1600 Fans. Und: Zu diesem Derby reiste die Schalker Fanszene trotz eines bereits reduzierten Ticketkontingents an (zur Überraschung der Polizei jedoch nicht über den Dortmunder Hbf sondern über Barop). 

Diese Saison war jedoch zum Zeitpunkt der polizeilichen Horrormeldungen bereits klar, dass der Großteil der Schalker Fanszene gar nicht nach Dortmund fahren, sondern sich an einer gemeinsamen Alternativ-Veranstaltung in Gelsenkirchen beteiligen würde. Grund genug eigentlich, ein wenig Luft aus der angespannten Sicherheitsdiskussion zu nehmen und Abrüstung zu betreiben. Schließlich klagen die polizeilichen Gewerkschaften im Dauertakt über überlastete Kollegen und zu hohe Einsatzzeiten rund um Fußballspiele. Stattdessen schien man händeringend nach Gründen zu suchen, die eingeplanten Hundertschaften, Hubschrauber und Wasserwerfer dennoch zum Einsatz zu bringen.

Der „nicht angemeldete Derbymarsch“ der Dortmunder Ultra-Gruppen

Wasserwerfer an der LindemannstraßeAm Spieltag selber bekamen dann also die Dortmunder Bürger und Fußballfans zu spüren, was die ganze Panikmache seitens der Polizei im Vorfeld verursacht hat. Trotz fehlender „Gegner“ auf blauer Seite, wurden die Dortmunder Ultra-Gruppen auf dem Weg zum Stadion direkt an ihren Räumlichkeiten in Manndeckung genommen und über den Dortmunder Wall geführt. Die sonst übliche Nutzung der Stadtbahnen wurde den Gruppen untersagt, was folgte, war das vorprogrammierte Verkehrschaos. Zum Vorwurf wurde dies aber lediglich den Ultras gemacht: Als Treppenwitz fabulierte die Dortmunder Polizei von einem „nicht angemeldeten Derbymarsch“ gegenüber den Ruhrnachrichten und erklärte:

„Aus Verhältnismäßigkeitsgründen und um die Einschränkungen für den Straßenverkehr und somit die Folgen für den Besucherstrom des verkaufsoffenen Sonntags in der Innenstadt so gering wie möglich zu halten hat die Polizei den Marsch zum Stadion toleriert. In der Spitze nahmen ca. 700 Personen teil. Allerdings waren kurzfristige Verkehrssperrungen nötig um den Aufmarsch schnellstmöglich zum Stadion zu geleiten.“

Da die Dortmunder Ultras in dieser Saison noch nie diesen Weg zum Stadion genommen hatten, ihnen aber just an diesem Spieltag von der Polizei kein anderer Weg gestattet wurde (Einkesselung teilweise in Manndeckung, gesperrte Seitenstraßen und U Bahnhöfe), ist die Antwort auf die Frage „warum das so nötig war“, im Polizeipräsidium zu finden. Als Fan hat man sicherlich besseres vor, als Öffentlichkeitswirksam über den Wall getrieben zu werden. Die oft gehörte Forderung von Kooperation war in diesem Fall geradezu obskur, schließlich gab es hier von Seiten der Polizei keine Absprachen zu treffen, sondern nur Ansagen zu befolgen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte der NRW-weit im Einsatz befindlichen Behörde auch bewusst geworden sein, dass sie dieses Jahr wirklich nicht von der blauen Fanszene übertölpelt wird, und diese sich wirklich zum gemeinsamen Fußballschauen in Gelsenkirchen einfinden würde. Es wäre also durchaus möglich gewesen, auf Entspannung zu schalten. Stattdessen aber wurde der polizeilich angeführte Marsch auf dem Weg durch das Kreuzviertel nicht gelöster. Die Beurhausstraße wurde blockiert, mit der Begründung, dass dort die Rettungswagen freie Fahrt haben müsste. Absperrungen an der MöllerbrückeDafür ließ die Einsatzleitung weiterhin die Hohe Straße sperren – jeder Dortmunder wird sich nun fragen, wie es dort um die hochfrequentierten Rettungswagen-Einfahrt stand…

Ein ähnlich fadenscheinige Konzept lieferte die Polizei bereits beim „Not for Sale Marsch“ bei der die B1-Brücke gesperrt wurde für die BVB Fans. Während man Fußballfans diese schnellste Verbindung zum Stadion aus Sicherheitsgründen nicht nutzen lassen kann, ist sie bei Demonstrationen der Partei „Die Rechte“ hingegen ohne Probleme nutzbar. Sinn muss das alles nicht machen, Hauptsache man hat seinen Kopf durchgesetzt.

Also ging es durch die viel engere Sonnenstraße ins Kreuzviertel hinein. Beih einer Pause am Sonnenplatz/Möllerstraße, durfte man dann auf Nachzügler werden. Die letzten Meter bis zum Stadion durften die Teilnehmer dann noch einen bereitgestellten Wasserwerfer in seiner ganzen Pracht bewundern und auf der Wittekindstraße wurde ein vollkommen sinnbefreites „Straßenseite Wechsel dich“-Spielchen – von der einen Fahrspur auf die andere und wieder zurück - mit den etwa 700 Fans geübt. Ganz nach dem Willen der Einsatzleitung.

Ankunft der Ultragruppen am WSHier war es dann endlich so weit, den ersten Beteiligten platzte die Hutschnur. Jedoch nicht auf Fanseiten, sondern dem ersten Beamten war es wohl unter seinem Helm und seiner Maske die heiße Luft zu Kopf gestiegen. Es folgte eine Pöbelorgie, deren Quint­es­senz lautet, dass die anwesenden Fans Schuld seien, dass er hier überhaupt Dienst verrichten müsste. Die Beschuldigten verwiesen den Staatsdiener nur darauf, dass sie auf die Manndeckung gerne verzichtet hätten und vielleicht auch intern mal die Befehlskette hinterfragt werden solle.

Schlussendlich kam der „unangemeldete Derbymarsch“ am Stadion an, allem Aufwand zum Trotz hat sich kein Fan von all dem Wahnsinn provozieren lassen.
Ein auffällig anderes Bild bot sich den Stadionbesuchern dann nach dem Spiel. Plötzlich war selbst für die Ultragruppen die Manndeckung des Hinwegs obsolet und auch das Nutzen der städtischen U-Bahn stellte kein Problem mehr da. Wer böse Gedanken hegt, könnte auf die Idee kommen, die Truppe wollte schlichtweg in den Feierabend und die Einsatzleitung war zu der Erkenntnis gekommen, dass hier an diesem Derbyabend keine Presse mehr zu machen war.

Ferdinand, 09.11.2015


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