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Spielberichte Profis - 02.10.2015

Unverantwortliche Pyro-Aktion trübt die positiven Reise-Eindrücke

Paok-Choreo vor dem SpielWas wurde im Vorfeld nicht alles geschrieben? Man konnte den Eindruck bekommen, dass man sich in einen Bürgerkrieg stürzen würde, wenn man das Auswärtsspiel des BVB bei PAOK Saloniki besuchen würde. Doch die Warnungen vor Mord und Totschlag in Thessaloniki entpuppten sich als blanke Hysterie. Natürlich, in Trikot, mit Schal und laut grölend hätte man sicher an der einen oder anderen Stelle in der Stadt Probleme bekommen - doch das wäre sicherlich als Schwarzgelber in Buer, Rheydt oder Fröttmaning nicht anders. Uns ist allerdings kein einziger Fall von Übergriffen in den letzten Tagen bekannt. Im Gegenteil!

In ziviler Kleidung konnte man sich in all den Tagen wunderbar durch die Stadt bewegen. Erste Anlaufstation am Mittwochabend war das Stadion von Aris, Kleanthis Vikelidis, wo sich ein fröhliches Miteinander mit den Anhängern von Aris entwickelte.

Intensive, aber keine unfreundlichen Kontrollen

Hafen-IdylleAm Spieltag selbst war bei einem Spaziergang zum Hafen ebenfalls keine gereizte Stimmung auszumachen und kein Unterschied zu einem vermeintlich „normalen“ Auswärtsspiel auszumachen. Die Sehenswürdigkeit der Stadt, der Weiße Turm, diente am späten Nachmittag schließlich als Anlaufpunkt für alle BVB-Fans. Mit Reisebussen - und nicht in Linienbussen wie etwa in Istanbul oder Turin - ging es recht problemlos direkt vor den Gästeeingang des Paok-Stadions Toumba. Die Kontrollen waren zwar wie erwartet akribisch und wurden mehrfach hintereinander vorgenommen (nach dem fünften Anheben der Mütze schien auch der letzte Ordner zu glauben, dass dort wirklich nichts hereingeschmuggelt wird), doch traten die Ordner dabei in der Breite keineswegs unfreundlich auf, wie es zu befürchten war. 

Etwas überfordert schienen die Verkäufer am „Bierbank-Imbiss“ im Block zu sein, doch nach einigen Anlaufproblemen kam die Sache auch hier ins Rollen. Auch wenn die fertig verpackten Baguettes nun wahrlich nur den Zweck des Überlebens erfüllten und keine Geschmackseuphorie auslösten.

Beeindruckende Paok-Kulisse vor dem Spiel

Auch die Gegengerade beteiligte sich an der ChoreoBeeindruckend war die Stimmung auf den Rängen der Gastgeber. Im Ranking der letzten Jahre liefern sich Paok und Napoli objektiv betrachtet ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen. Im Gästeblock gab es nicht den Hauch einer Chance, um akustisch gegen die Griechen anzukommen. Allerdings war die Stimmung im schwarzgelben Bereich unterm Strich nicht einmal Euro-League-würdig. Die überragende Atmosphäre von den Paok-Rängen verflachte nach dem Anstoß jedoch ebenfalls zusehends. Nichtsdestotrotz wäre es ein Traum, wenn auch in Dortmund einmal das ganze Stadion aufstehen und bei dem einen oder anderen Gesang mitmachen würde, wie dies in Saloniki die Paok-Fans vormachten.

Der Beginn der Pyro-AktionEinen Bärendienst erwiesen dann jedoch einige schwarzgelbe Fans zu Beginn der zweiten Halbzeit all jenen, die sich für den kontrollierten Einsatz von Pyrotechnik in den Stadien einsetzen. Was zunächst noch den Anschein einer kontrollierten Bengalo- und Rauch-Show erweckte, verwandelte sich schnell in eine sinnlose Provokation von Polizei und Ordnern. Denn leider schien die Pyro in Saloniki ausschließlich als Waffe zu dienen, wurden die Fackeln doch umgehend in Richtung der Sanitäter vor, der Polizisten im Block sowie den Paok-Anhängern nebenan geschleudert. Es kam, wie es kommen musste: Die Polizei sah sich zum Einschreiten gezwungen, was wiederum eine panikartige Flucht der BVB-Fans in den oberen Bereich des Blocks zu Folge hatte, in dem es fortan sehr ungemütlich eng wurde.

Verantwortungslose Pyro-Würfe gefährden die Gesundheit aller

Nicht nur, dass das bloße Werfen von Pyrotechnik in Menschengruppen völlig unverantwortlich und verachtenswert ist, auch die Konsequenz hätte für die knapp über 1.000 Borussen böse ausfallen können. Wer erinnert sich nicht an die Bilder der prügelnden Polizisten vor ein paar Wochen in Piräus? Doch glücklicherweise reagierten die Cops in Saloniki besonnener als ihre Kollegen in Piräus, sodass die Aktion im Block relativ schnell erledigt war. Einige Personen wurden verhaftet und aus dem Block geführt. Die Stimmung war in der Folge erst recht im Eimer, ein organisierter Support fand nicht mehr statt, woran auch der Ausgleich zum 1:1 nichts ändern konnte.

Nicht verschweigen darf man an dieser Stelle die miese Funktion, die einige „Ordner“ im Gästeblock spielten. Denn schnell verschwand die eine oder andere BVB-Fahne und tauchte wenig später in der Heimkurve als Trophäe wieder auf. Darauf sollte die Uefa in ihrer Sanktionierung auch ein Auge haben.

Auf lange Blocksperre folgt chaotische Abfahrt

Paok beim Versuch eines PlatzsturmsDie Blocksperre nach dem Spiel dauerte knapp über eine Stunde. In dieser Zeit fühlten sich zahlreiche Paok-Fans zu einem Platzsturm in Richtung des Gästeblocks bemüßigt, wurden jedoch schnell von Ordnern und Cops wieder in ihre Kurve zurückgetrieben. Die restliche Zeit während der Blocksperre verbrachten einige lächerliche Paok-Gestalten im leeren Stadion damit, irgendwelche unverständlichen Pöbeleien Richtung Auswärtsblock abzusondern.

Der Abtransport wahlweise zum Flughafen oder zurück zum Weißen Turm verlief beim Einstieg in die Busse zwar extrem chaotisch, doch nach geraumer Zeit hatte endlich jeder einen Platz in einem Bus zum persönlichen Ziel ergattert. Zwar flog während der Fahrt noch ein Bierglas an die Scheibe eines Busses, doch das kann einem im Pfälzer Hinterland von einem besoffenen Landwirt ebenso passieren, sodass auch die Rückfahrt insgesamt absolut sicher vonstattenging.

Alles in allem war es also abseits des Platzes ein sehr interessanter Ausflug in eine völlig fußballverrückte Stadt, der jedoch durch die Vorkommnisse im Block mitsamt den noch unabsehbaren Folgen einen mehr als bitteren Beigeschmack erhalten hat. Wichtig ist jetzt insbesondere auch die interne Aufarbeitung dieser Vorfälle und entsprechende Konsequenzen, dass sich solche Szenen nicht wiederholen (warum sind wir nach dem Derby 2013 eigentlich schon wieder an genau diesem Punkt?). Denn hier schaden einige Personen dem Ansehen des gesamten Vereins sehr massiv und bringen - selbstverständlich neben den Zielen ihrer Angriffe - auch die gesamte eigene Borussen-Familie im Block in Gefahr. Dennoch soll das Geschehen auf dem Rasen hier natürlich nicht unerwähnt bleiben. 

Trotz trister Leistung hat eine Dortmunder B-Elf einen Punkt aus Thessaloniki entführt. Gegen PAOK reichte ein Glückstreffer von Gonzalo Castro, um die Tabellenführung in der Gruppe C zu verteidigen – nachdem die Elf von Thomas Tuchel zuvor mal wieder in Rückstand geraten war.

Schonen statt Rotation

Schon am Vortag, als bekannt wurde, dass die Stammkräfte Aubameyang, Sokratis, Hummels, Kagawa und Gündogan gar nicht erst mit in die griechische Hafenstadt fliegen würden, konnte man erahnen, dass die sportlichen Verantwortlichen mit mindestens einem Auge schon nach München schielten. Mit Reus, Mkhitaryan und Weigl fanden sich letzten Endes nur drei Spieler in der Startelf, die auch schon gegen Darmstadt von Beginn an auf dem Platz standen. Der Rest setzte sich zusammen aus Spielern, die bisher aus verschiedenen Gründen nicht über die Reservistenrolle hinausgekommen sind. Statt einer Rotation wurde die Absicht deutlich, den Großteil der Stammkräfte für das Spiel gegen die derzeit bärenstarken Bayern zu schonen. Die Aufstellung dieser uneingespielten Mannschaft – ausgerechnet auswärts beim stärksten Gegner der Gruppe – lässt vermuten, dass das Team um Thomas Tuchel auch einen Punktverlust in Kauf nahm. Obwohl Pausen für einzelne Akteure angesichts des 14. Pflichtspiels, das unsere Jungs in dieser Saison gegen PAOK bereits bestritten, natürlich unumgänglich sind, mutete dieser Schritt schon sehr drastisch an.

Trotz B-Elf war die Borussia anfangs das dominante Team. Der Drittplatzierte der griechischen Liga stand im eigenen Stadion überraschend tief und attackierte spät. Mit mindestens fünf Mann wartete man am eigenen Strafraum auf die schwatzgelben Angriffsbemühungen. Die blieben dennoch nicht ungefährlich: Nach zwei Minuten zog Hofmann per Direktabnahme aus guter Position ab, die Kugel ging aber deutlich drüber. Auch ein Kopfball von Sven Bender nach Januzaj-Ecke verfehlte das Ziel. Die größte BVB-Chance in Durchgang eins vergab Marco Reus, der nur knapp an einer scharfen Hereingabe vorbei rutschte.

Saloniki hingegen beschränkte sich aufs Kontern und lief Mal um Mal in die Dortmunder Abseitsfalle – bis zur 34. Minute: Tziolis mit einem langen Ball auf den Ex-Nürnberger Mak, dessen Gegenspieler Subotic spekuliert – diesmal zu Unrecht – auf Abseits und Mak knallt den Ball von halbrechts ebenso kompromisslos wie unhaltbar unter die Latte. Im 14. Pflichtspiel nun also das siebte Mal, dass unsere Mannschaft in Rückstand gerät. Bisher konnte unsere Offensive die teilweise wirklich ärgerlichen Fehler unserer Hintermannschaft meist vergessen machen (Ausnahmen: Hoffenheim und Darmstadt). Man möchte sich aber nicht vorstellen, wie sehr diese ins Gewicht fallen, wenn neben aktuell Marco Reus auch mal Aubameyang oder Mkhitaryan in einem längeren Formtief stecken.

Reus völlig abgetaucht

Im zweiten Durchgang war der BVB zwar weiterhin deutlich feldüberlegen, konnte aus seinen knapp 70 Prozent Ballbesitz aber lange Zeit nichts Zählbares herausholen. Reus war mittlerweile komplett abgetaucht und ebenso ideenlos wie der Rest des Teams. Und als Thomas Tuchel nach 65 Minuten auch noch Mkhitaryan und Weigl auswechselte, um sie vor dem Spiel in München nicht der vollen Belastung auszusetzten, vermutete manch einer das Spiel in den Köpfen der Schwatzgelben abgehakt. Und die Spieler auf dem Platz unternahmen vorerst auch nichts, um diesem Eindruck entgegen zu wirken.

Nur mit einer gehörigen Portion Glück gelang in der 72. Minute doch noch der Ausgleich: Castro lupfte halbhoch in den Strafraum und dort sprang nicht nur Hofmann, sondern auch Keeper Olsen elegant am Ball vorbei, sodass dieser über die Linie kullerte. Unverhofft kommt oft.

In der Folge hatten unsere Jungs großes Glück, dass sowohl Jairo – nach erneutem Fehler Subotics – und Tzavellas gute Chancen liegen ließen. Auf der anderen Seite entschärfte Olsen einen gefährlich abgefälschten Schuss des mittlerweile eingewechselten Schmelzers, bevor zum Abschluss ein Fernschuss von Park knapp am Pfosten vorbei rauschte.

Im ersten Auswärtsspiel der Gruppenphase ist der BVB noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen und konnte die Tabellenführung verteidigen. Ob sich die mehr als maue Darbietung im Tausch gegen hoffentlich ausgeruhte Stammkräfte bezahlt gemacht hat, wissen wir dann am Sonntag um 19.20 Uhr.

Daniel Mertens und Malte S., 02.10.2015


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