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Spielbericht Profis - 17.09.2015

Borussia braucht ein bisschen länger

Fahnenintro auf der SüdtribüneDer Auftakt in die Gruppenphase der Europa League geriet für den BVB zur Zitterpartie. In beiden Halbzeiten dauerte es bis zur Nachspielzeit, ehe der BVB einen Treffer erzielen konnte. Die Russen verteidigten ihre frühe Führung geschickt und beinahe wäre es ihnen gelungen, einen Punkt aus dem Westfalentempel zu entführen. Der BVB tat sich schwer, mit neuformierter Mannschaft an die bisherigen, starken Leistungen in dieser Saison anzuknüpfen.

Bei ausdauerndem Regen präsentierte sich das Westfalenstadion so leer wie lange nicht mehr. Der Oberrang der Nordtribüne war bis auf ein paar Vips nahezu unbesetzt und auch im restlichen Stadion zeigten sich deutliche Lücken. Offenbar waren einige Dauerkarteninhaber trotz Option nicht erschienen und Tageskarten dürften beim BVB nach dem Desaster mit der Preisgestaltung für die Europa League auch nicht sonderlich gut weggegangen sein. Im Gästeblock hatten sich knapp 30 Supporter des FC Krasnodar  eingefunden, die vom Dortmunder Publikum mit warmem Applaus bedacht wurden, als Nobby Dickel sie ansprach.

Die Südtribüne bezieht klar Stellung gegen die BildDie Südtribüne bezog vor dem Spiel deutlich Stellung zur scheinheiligen Refugees Welcome Werbeaktion der Springerpresse, an der der BVB leider trotz des Protests der Fanszene teilnehmen wird. „Keine PR für Hetzer Bild-Aktion boykottieren“ hieß es auf einem Transparent und eine große  „#bildnotwelcome“ Zaunfahne  prangte über die gesamten 90 Minuten schön mittig auf dem Zaun, so dass sie auch im Fernsehen gut zu lesen gewesen sein dürfte.

Thomas Tuchel sorgte mit seiner Startelf dafür, dass im Stadion ein paar neue Namen eingeübt werden konnten. Neben Adnan Januzaj der auf der rechten offensiven Außenbahn begann, stand auch Joo Ho Park von Beginn an auf dem Rasen. Er bildete das linke Glied einer  Dreierreihe im zentralen Mittelfeld, der neben ihm auch noch Ilkay Gündogan und Gonzo Castro angehörten. Tuchel hatte also auch das System vom gewohnten 4-2-3-1 auf ein 4-3-3 umgestellt. Neben Weigl erhielten auch Kagawa und Bürki eine Pause.

Henrikh Mkhitaryan mit schwerem StandDer BVB zeigte zunächst ein paar Abstimmungsprobleme in der ungewohnten Ordnung. Mkhitaryan lief ins Abseits, ein weiter Ball von Januzaj trudelte ins Nichts und die Abwehr schien auch noch nicht komplett im Bilde. Die Stimmung auf den Rängen plätscherte zunächst dahin wie der Regen, bis Block Drölf den Rest des Stadions nach 8 Minuten erfolgreich zum Aufstehen animieren konnte und ein schallender Wechselgesang angestimmt wurde.  Aber auch der verebbte schnell wieder und die Außenblöcke der Süd zeigten sich an diesem Abend überhaupt nicht sangesfreudig. Der Westfalenstadion Roar wollte sich zum Auftakt der Gruppenphase nicht einstellen. Das echte Europapokalfeeling gibt es eben nur in Playoffspielen.

Dann vernaschte plötzlich Smolov Ginter, zog zur Grundlinie und legte Mamaev den Ball maßgerecht vor, den Sokratis einfach laufen gelassen hatte. Dass Mamaev Weidenfeller den Ball dann auch noch durch die Hosenträger schob passt zu dessen bislang eher suboptimaler Saison. Der kollektive Tiefschlaf in der Defensive des selbsterklärten Titelfavoriten wurde sofort mit einem Rückstand bestraft. Block Drölf unternahm dann noch einen Versuch, den Rest der Tribüne aufzuwecken, aber nicht einmal in die BRUSSIA, BRUSSIA Schlachtrufe wollte irgendwer außerhalb des dauersingenden Stimmungskerns einstimmen.

Adnan Januzaj stand erstmals in der StartelfMats Hummels schien mal wieder einen seiner Wacklertage erwischt zu haben. Erst brachte er Roman Weidenfeller fast mit einem Rückpass in die Bredouille der unterwegs verhungerte und dann hatte er Glück, das Smolov knapp im Abseits war, nachdem er dem Nationalverteidiger entwischt und frei durch war. Adnan Januzaj schwang sich von Beginn an zum Mann für alle ruhenden Bälle auf. Sowohl von rechts wie von links schlug er die Freistoßflanken in den Strafraum. Die sahen zwar durchaus  gefährlich aus, erreichten aber keine Mitspieler. Auch alle Ecken führte der Neuzugang aus Manchester aus.

Bis zum ersten vielversprechenden Angriff der schwarzgelben verstrichen über 20 Minuten. Leider verschlief Park den richtigen Zeitpunkt, um auf Januzaj quer zu legen. Als er schließlich Schmelzer fand, hatte der schon keine freie Schussbahn mehr und sein Ball wurde geblockt. Kurz darauf bot sich Castro eine passable Kopfballmöglichkeit nach Flanke von Schmelzer, aber er traf den Ball nicht voll.

Januzaj zeigte dann einen ersten Geistesblitz. Er führte einen Freistoß schnell aus, nachdem er gefoult worden war und schlug den Ball aus der eigenen Hälfte perfekt in den Lauf von Aubameyang. Aber dessen Versuch, Mkhitaryan mit einer hohen Flanke zu erreichen, war angesichts der baumlangen Nordmänner in der Krasnodarer Innenverteidigung natürlich zum Scheitern verurteilt. Die nächste Dortmunder Chance vergab dann erneut Castro, dem ein Schuss im Strafraum komplett abrutschte. Auch Mkhitaryan konnte den Bann nicht brechen, als er nach einer guten halben Stunde aus kurzer Distanz an Dykan scheiterte.

Kein guter Tag für AubameyangDoch auch Krasnodar blieb gefährlich. Immer wieder stellte der schnelle Smolov Hummels vor Herausforderungen, die er nur mit Mühe bewältigen konnte.  In der vierzigsten Minute hätte Smolov sogar beinahe den zweiten Treffer für Krasnodar erzielt. Roman Weidenfeller bekam weit vor seinem Strafraum gerade noch so einen Fuß an den Ball, sonst wäre Smolov alleine auf ein leeres Tor zu gelaufen.

Als Norbert Dickel zwei Minuten Nachspielzeit für die erste Hälfte ausrief, fand man sich im Stadion so langsam mit dem angesichts der Spielanteile bitteren, aber doch nicht gänzlich unverdienten Rückstand zur Pause ab. Zu einfallslos hatte die Borussia in der Vorwärtsbewegung agiert. Immer wieder wurden hohe Bälle in den Strafraum der Russen geschaufelt, die dort problemlos auch wieder raus geköpft werden konnten. Von der Leichtigkeit der ersten Saisonwochen war an diesem Abend bislang nichts zu spüren gewesen. Aber dann stieß Joo Ho Park nochmal in den Strafraum vor und servierte Ginter eine butterweiche Flanke derart maßgerecht auf den Schädel, dass der kaum anders konnte, als den Ausgleich zu markieren. So ging es doch noch mit einem halbwegs versöhnlichen Resultat in die Kabine.

Geht doch - Matze Ginter bejubelt den AusgleichMatthias Ginter steht exemplarisch für die Schnelllebigkeit des Fußballgeschäfts. Es ist nur ein paar Wochen her, dass viele in Dortmund mit Unverständnis reagierten, als der BVB die 10mio € ablehnte, die Gladbach bereit war, in den BVB-Bankdrücker zu investieren. Einige wollten ihn sogar am liebsten mit der Schubkarre ins Schwabenland fahren, als der VfB Interesse an einer Leihe signalisierte. Doch dann reüssierte Ginter plötzlich und total unerwartet auf der rechten Außenbahn und ist inzwischen gefühlt an jedem zweiten Dortmunder Treffer irgendwie beteiligt. Das Lukasz Piszczek inzwischen ins zweite Glied gerückt zu sein scheint, wundert jedenfalls keinen mehr.

Zweite Halbzeit

Auch zur zweiten Halbzeit präsentierte Block Drölf ein deutliches Statement zu den ehemaligen Hetzern und neuen Flüchtlingsfreunden vom Springer Verlag: „Menschen unverpixelt an den Pranger stellen? Das bringt nur Bild!“ Leider ist der Corpsgeist in der ersten Liga offensichtlich so groß, dass man sich geschlossen vor den Karren der Hetzer spannen lässt und ihnen dabei behilflich ist, sich kurz mal dem Zeitgeist entsprechend zu Flüchtlingsfreunden zu stilisieren. In ein paar Wochen sind die gleichen Menschen dann wieder kriminelle Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge. Einfach nur schade, dass nur ein paar Zweitligisten die cojones haben, sich dem ebenso schäbigen wie durchschaubaren Manöver zu entziehen. Da hat der BVB, der auch zu diesem Spiel wieder Flüchtlinge eingeladen hat, eine große Chance vertan, mal ein nachdrückliches Zeichen zu setzen.

Sokratis wie gewohnt sehr zweikampfstarkThomas Tuchel brachte nun Shinji Kagwa für Schmelzer ins Spiel, um der BVB-Offensive mehr Struktur zu verleihen. Park rückte nun aus dem Mittelfeld auf die Linksverteidigerposition. In seiner ersten Aktion wirkte Kagawa aber noch unglücklich, als er eine verunglückte Faustabwehr von Dykan nicht nutzen konnte, weil ihm der Ball durch die Beine flutschte.

Herrschte über weite Strecken der ersten Halbzeit noch Testspiel-Atmosphäre, schaffte es Block Drölf nun nochmal, kurzfristig die anderen Tribünen mitzureißen. Erst wurde Mkhitaryan mit Sprechchören angefeuert, der sich im Duell mit Dykan wehgetan hatte und dann animierte man nochmal den Rest des Stadions zum Wechselgesang. Doch so plötzlich und eindrücklich wie diese Aufwallung der Tribünen gekommen war, so schnell ließ die Bereitschaft zum Mitmachen bei den übrigen Fans auch wieder nach.

Der BVB verzichtete nun auf die hohen, weiten Bälle und versuchte, sich mit Flachpässen vor das gegnerische  Tor zu kombinieren. Das wirkte auch wesentlich erfolgversprechender als die Bemühungen in der ersten Halbzeit. Aber erst verzog erneut Castro, dessen Unsicherheit derzeit leider bis auf die Tribüne zu spüren ist und dann schlenzte auch Mkhitaryan den Ball knapp am Winkel vorbei.

Mauricio Pereyra gegen Marcel SchmelzerTuchel brachte nun auch noch Weigl. Der junge Bayer hat es in seinen ersten Wochen beim BVB tatsächlich geschafft, sich derart unentbehrlich zu machen, dass es direkt negativ auffällt, wenn er mal nicht auf dem Platz steht. Für ihn ging Castro vom Platz, dessen Start bei Borussia bislang diametral anders verlaufen ist. Auch in diesem Spiel merkte man dem teuersten Neuzugang des Sommers an, dass er sich in dieser Mannschaft einfach noch nicht zuhause fühlt. Aber angesichts seiner unbestreitbaren Qualitäten wäre es deutlich verfrüht, ihn schon jetzt abzuschreiben.

Jetzt machte sich sogar mal der kleine Haufen Russen auf der Nordtribüne bemerkbar. Ihr Schlachtruf klang in meinen Ohren wie „Ra Ra Ra Krasnodar“ aber allein die Tatsache, dass dieser mein Ohr weit südlich der Mittellinie überhaupt erreichte, spricht Bände über darüber, wie stark die Stimmung auf Dortmunder Seite wieder verflacht war. Offenbar können sich viele BVB-Fans nach den Jahren in der Champions League nicht mehr wirklich motivieren, wenn es gegen Gegner geht, die man erstmal auf der Landkarte suchen muss.

Dann hatte erneut Januzaj ein Highlight in petto, doch sein wunderbarer Schuss aus der Drehung wurde von Dykan noch abgewehrt und Aubameyangs Nachschuss wurde auch geblockt. Auch nach über einer Stunde war es dem BVB noch nicht gelungen, die Verhältnisse gegen Krasnodar gerade zu rücken. Ganz im Gegenteil musste man immer wieder aufpassen nicht in einen gefährlichen Konter der Russen zu laufen. Die Russen bestätigten auf jeden Fall die Erwartung, dass sie in dieser Gruppe der stärkste Gegner des BVB sein dürften.

Adrian Ramos bejubelt mit Joo Ho Park den SiegtrefferHerrn Pieper zog es diesmal gen Süden. Er wurde dringend beim Ordnungsdienst erwartet. Dort wurde ihm vermutlich die reichlich geschönte Zuschauerzahl von angeblich über 50.000 mitgeteilt. Irgendwie freut es einen ja schon fast, dass der BVB für seine überzogenen Preise in der Europa League gleich im ersten Spiel eine derartige Quittung kassiert. Andererseits ist man als BVB-Fan eigentlich immer ein zumindest fast ausverkauftes Haus gewohnt und Spiele im vollen Tempel sind definitiv schöner als gefühlte Testspiele vor halbvollen Tribünen.

Auch Aubameyang wurde ein vorgezogener Feierabend gewährt. Gegen die tiefstehenden Russen war er auch nicht wie gewohnt zum Zuge gekommen. Sein Ersatz Adrian Ramos zeigte  dann gleich  mal einen Zauberpass auf Ho, aber dessen Flanke war leider zu unpräzise. Kurz darauf zog Gündogan einen Freistoß von der Außenseite des Strafraums einfach mal frech aufs kurze Eck, aber Dykan ließ sich nicht verarschen und auch der Abpraller konnte nicht verwertet werden. Ramos hatte eine Minute später den Torwächter der Russen schon ausgespielt und sein Schuss aus spitzem Winkel wäre auch im Netz gelandet, aber ein Verteidiger kratzte den Ball noch von der Linie. In der Schlussviertelstunde wollte der BVB das Spiel doch noch zu seinen Gunsten entscheiden. Die Borussen zogen rund um den gegnerischen Strafraum ein Powerplay auf, aber der letzte Ball geriet immer wieder zu unpräzise.

Die Siegerwelle nach Abpfiff vor der SüdtribüneUnd so arbeitete man sich bis zum Schluss immer wieder zu umständlich vors Tor und konnte die Russen nicht mehr wirklich in Bedrängnis bringen. Krasnodar stellte einen Doppelriegel vor den eigenen Strafraum und Dortmund fand einfach kein Mittel, diesen zu knacken. Als dann 4 Minuten Nachspielzeit angezeigt wurden, kam noch einmal etwas irrationale Hoffnung auf, dass doch noch was gehen könnte. Und tatsächlich segelte irgendwann eine weite Flanke von Ginter durch den Strafraum. Adrian Ramos segelte zwar noch unter dem Ball her, aber am langen Pfosten hatte sich Park heimlich, still und leise freigeschlichen. Der kleine Koreaner setzte einen Flugkopfball knapp über der Grasnarbe an und wuchtete den Ball ins leere Tor. Irgendwie schien er nach seinem spielentscheidenden Treffer viel zu überrascht, um wirklich befreit jubeln zu können. Vermutlich war es das erste Kopfballtor seiner Karriere.

Kurz darauf war Schluss und man kratzte sich ungläubig am Kopf. Hatte der BVB tatsächlich auch das zehnte Pflichtspiel unter Trainer Thomas Tuchel gewonnen? Sah so aus. Damit war dann auch der Start in die Europa League gewonnen. Hoffentlich nehmen die Jungs aus diesem Spiel die Erkenntnis mit, dass es auch gegen Gegner ohne große Namen nicht von alleine läuft. Sonntag steht mit dem Werksklub aus der Farbenstadt der nächste Prüfstein auf Thomas Tuchel war nicht vollkommen zufriedender Agenda. Für die interessierten Kreise: Ein Doppler mit den Amas in Kray ist fast komplett möglich.

Statistik

BVB: Weidenfeller - Ginter, Sokratis, Hummels, Schmelzer (46. Kagawa) - Castro (61. Weigl), Gündogan, J.-H. Park - Januzaj, H. Mkhitaryan - Aubameyang (72. Ramos)

Krasnodar: Dykan - Jedrzejczyk, R. Sigurdsson , Granqvist, Petrov - Strandberg - Akhmedov , Kaboré (70. Gazinski) - Pereyra (60. Laborde), Mamaev (81. Ari) - Smolov

Tore: 0:1 Mamaev (12. Smolov), 1:1 Ginter (45+1 Park), 2:1 Park (90+3 Ginter)

Gelbe Karten: Kagawa, Gündogan - Kaborè, Jedrzejczyk, Laborde

Angeblich 55.200 Zuschauer im Westfalentempel zu Dortmund

Web, 17.09.2015


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