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Serien - 10.09.2015

Das Auswärtsspiel der Zukunft – eine ganz persönliche Utopie

Letztlich hat jede Stadt was zu bietenEigentlich erwarte ich von der perfekten Auswärtsstadt zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als das, was ich auch in meinem geliebten Dortmund habe: Sie ist verrückt nach Fußball und nimmt mich als Fan entsprechend wahr. Die Bewohner der Stadt wissen zu schätzen, was es heißt, unter Umständen ein paar Hundert Kilometer für ein Fußballspiel gereist zu sein. Bewohner, Heimfans, Handel und Wirte wissen daher, was ich brauche.
In der optimalen Fußballstadt habe ich als Fan die Möglichkeit, mich zu entfalten. Aber auch als Tourist. Die Stadt hat etwas zu bieten: Kultur, Architektur, Geschichte. Die optimale Fußballstadt ist eine Stadt, in die ich auch sonst fahren würde. Sie ist Metropole, aber nicht abgehoben. Für mich persönlich ist die perfekte Fußballstadt eine Mischung aus Dortmund und München. Was könnte München für eine geniale Stadt für Fan auf Auswärtsreise sein, wenn sich dort bloß jemand erkennbar und offen, ehrlich und leidenschaftlich für Fußball interessieren würde?

Ich reise mit Vorfreude in die optimale Fußballstadt, gerne auch schon einen oder zwei Tage vor dem Spiel. Ich kann mich mit Trikot oder mit meinem Fanschal frei bewegen. Die Stadt freut sich auf mich und behandelt mich wie einen gern gesehen Gast. Als Gleichgesinnten. Dadurch dass die Stadt ihren Verein so liebt wie ich meinen, gibt es ein Agreement: Wir teilen eine Leidenschaft und daher haben wir Respekt voreinander. Und auch wenn mein Verein 5:0 gewinnt, bekomme ich anschließend ein Bier. Oder auch zwei oder auch zehn.

Spiele in Mainz machen immer SpaßMan mag mich spießig nennen, aber ich mag es höflich. Ich mag es, wenn ich als Auswärtsfan in eine fremde Stadt komme und die Einheimischen mir freundlich begegnen. Dass bedeutet nicht, dass man mir den roten Teppich ausrollen muss, wenn ich eine Kneipe oder eine Straßenbahn betrete. Und das bedeutet auch nicht, dass ich mit Komplimenten für ein tolles Spiel zugeschwallert werden möchte. Nein. Den Inbegriff der Freundlichkeit habe ich bei meiner ersten Auswärtsfahrt nach Mainz erlebt. Als ich aus dem Bahnhof trat und orientierungslos auf dem Vorplatz umherirrte, sprach mich ein älterer Herr mit Mainzschal um den Hals an und fragte, ob er mir helfen könne. Bereitwillig erklärte er mir den Weg in die Innenstadt, wünschte mir ein schönes Spiel und eine gute Heimreise. An dieser Begegnung war nun rein gar nichts spektakuläres, aber sie war einfach nett. Aus diesem Grund fahre ich heute immer noch gerne nach Mainz, denn für mich ist Mainz der Inbegriff der Gastfreundschaft. Während des Spiels kann ich gut auf Freundlichkeiten verzichten. Um ehrlich zu sein: 90 Prozent meiner Ausdrücke während eines Fußballspiels müssten mit einem *Piep* übertönt werden. Aber 90 Prozent von dem was ich da an Kraftausdrücken loslasse, ist auch nicht ernst gemeint. Vor und nach dem Spiel gilt für mich die Prämisse: Hast du nichts Nettes zu sagen, sag einfach nichts. Und genau aus diesem Grund fahre ich zum Beispiel so ungerne nach München. Meiner Erfahrung nach hat der Münchner selten etwas Freundliches zu sagen. Ich kann gut und gerne darauf verzichten, dass mich alte Bazis in der Straßenbahn als „Hartzer aus dem Pott“ bezeichnen, bevor ich überhaupt den zweiten Fuß in der Tür habe. Das verfolgt mich zwar nicht in meinen Träumen, finde ich aber einfach überflüssig.

Dann gibt es diese perfekten Fußballstadt-Momente. Ich habe sie schon oft erlebt. In Dortmund zum Beispiel, wenn mir auf dem Weg zum Stadion eine wildfremde Oma im Vorbeigehen viel Erfolg wünscht. Wenn sich Mittfünfzigerinnen montags in der U-Bahn über das Spiel von Samstag unterhalten. Das ist Teil der Mentalität, die ich von einer Fußballstadt erwarte.
In Auxerre hatte ich das Gefühl, der ganze Ort hätte nur darauf gewartet, die BVB-Fans begrüßen zu dürfen. Schwarz-gelb dekorierte Schaufenster, ein hübscher mittelalterlicher Stadtkern, in dem die Menschen schon am Mittag in den Farben ihres Vereins spazieren gehen und sich ganz offensichtlich über den Fußballbesuch freuen. Und wenn diese außerhalb des Stadions so freundlichen Menschen dann während des Spiels einen Krach machen würden wie die in Lemberg – dann wären wir schon sehr nah an der perfekten Stadt.

Perfekte Stadt – perfektes Stadion

Das perfekte Stadion in der perfekten Stadt ist verkehrsmäßig noch besser angebunden als das Westfalenstadion.Wenn eine Stadt so für den Fußball lebt wie die von mir beschriebene perfekte Fußballstadt, dann hat sie natürlich auch das perfekte Stadion. Wobei da die Vorstellungen vermutlich noch weiter auseinander klaffen als bei den Wünschen an die perfekte Stadt. Daher auch hier: meine ganz persönliche Utopie.
Das perfekte Stadion in der perfekten Stadt ist verkehrsmäßig noch besser angebunden als das Westfalenstadion. Natürlich ist es von der Innenstadt aus zu Fuß zu erreichen. Rings ums Stadion gibt es die Infrastruktur, die ich als Fan gerne hätte: Kneipen, Bierstände, lecker Essen zu vernünftigen Preisen. Vor dem Spiel ist hier die Hölle los, aber richtig voll wird’s nach dem Spiel, wenn hungrige und durstige Fans aus dem Stadion strömen und gerne sofort etwas essen und trinken würden.

Das Stadion thront über der Stadt wie es das Westfalenstadion tut. In vielen Punkten ist der Tempel nah dran an dem, was ich mir unter dem perfekten Stadion vorstelle, allein schon, weil es ein reines Fußballstadion ist. Das Stadion prägt das Stadtbild, es stiftet Identität. Es ist in das Stadtleben eingebunden. Zum Beispiel weil mir jedes Mal, wenn ich mit der Bahn daran vorbei fahre, warm ums Herz wird. Ich würde mein Stadion gerne öfter unter der Woche besuchen.
Das perfekte Stadion ist ein gewachsenes Stadion. Es steht da, wo es schon immer stand. Und weil das so ist, ist es auch ohne Fußball ein Anlaufpunkt. Daher hat das perfekte Stadion einen VIP-Bereich, der unter der Woche eine gemütliche Mischung aus Kneipe und Restaurant ist. Ich komme gerne hier hin. Ich kann mich mit Freunden treffen und dabei auf den Rasen oder auf meine Tribüne sehen.
Ich störe mich nicht an Logen oder VIP-Plätzen. Aber ich finde es schon wichtig und richtig, dass es in meinem Stadion während des Spiels keine Fensterplätze gibt. Fußball findet draußen statt und daher dürfen sich alle, die der Sport interessiert, gleichermaßen die Ärsche abfrieren. Mein Stadion bringt Menschen zusammen und erdet vielleicht auch ein bisschen. Daher ist die Südtribüne natürlich Teil des Gesamtpakets. Ein Stadion ohne großen, kochenden Stehplatzbereich, kann niemals perfekt sein.

Auch Gästefans wie die Berliner am letzten Spieltag sollen sich wohl fühlenIn meinem perfekten Stadion wird den Gästefans die gleiche Wertschätzung entgegengebracht wie den Heimfans. Auch hier ist Freundlichkeit kein Fremdwort. Ordner und Mitarbeiter haben für Fragen ein offenes Ohr und blaffen nicht dumm zurück, nur weil man ein anderes Vereinswappen trägt.
Der Einlass zum Gästebereich läuft natürlich reibungslos ab. Klar, ich plane für die Prozedur zusätzlich Zeit ein, muss aber nicht ewig vor dem Einlass warten und werde auch nicht wie Vieh in einem Transporter zusammen gepfercht. Die Ordner kontrollieren mich gewissenhaft, aber nicht übertrieben. Da ich naturgemäß keine Waffen oder andere verbotene Gegenstände mit zum Fußball nehme, muss ich auch nichts am Eingang abgeben. Ich muss mir nicht anhören, dass der Labello ein Wurfgeschoss sei und in die Tonne gehört, während dutzende Feuerzeuge mit in den Block genommen werden dürfen.
Die Gäste haben hinter dem Tor einen großen Stehblock mit guter Sicht. Und der Gästesteher ist gut zu erreichen. An Essen und Trinken komme ich natürlich so schnell ran, so dass ich nicht eine gefühlte Halbzeit am Bierstand verbringe, sondern das eben in der Halbzeit erledigen kann.
In großen Stadien hat er zwei Ein- bzw Ausgänge, so dass man den Block vielleicht sogar während des Spiels verlassen kann, wenn zum Beispiel mal die Blase drückt.

Und wo wir gerade beim Thema sind: Toiletten sind in ausreichender Anzahl vorhanden - Schlage stehen gibts nicht. Die hygienischen Bedingungen sind gut. Ohne Furcht, mich in Charlotte Roches "Feuchtgebiete" wiederzufinden, kann ich die Sanitäranlagen benutzen. Ja, das mag pingelig klingen. Doch wer als Frau im Westfalenstadion die Toiletten vor Block 80 benutzen muss, weiß wovon ich spreche. Da darf es auswärts dann gerne etwas "netter" sein.
Das Stadion ist nicht steril, aber auch nicht versifft. Das Stadion ist nicht steril, aber auch nicht versifft. Dem Beton sieht man an, dass er schon von Zigtausenden Menschen benutzt wurde. Und trotzdem wirkt mein Stadion „wertig“. Es wird den Ansprüchen aller Fans gerecht. Es gibt einen Kinderhort für kleine Kinder, deren Eltern gemeinsam auf der Tribüne stehen oder sitzen wollen. Aber anders als in Dortmund, bietet der Kinderhort einen Blick auf das Spielfeld, damit die Kurzen auch die Möglichkeit haben, das Spiel zu sehen, wenn sie möchten.

Wenn ich ehrlich bin, gibt es neben den oben genannten nicht viele Dinge, die das Westfalenstadion vom perfekten Stadion trennen. Ein paar Plätze weniger ohne Sichtbehinderung wären gut. Und wenn Plätze schon sichtbehindert sind, dann sollten sie auch – wie im Theater – als verbilligte „Hörerplätze“ angeboten werden. In meinem Stadion wird es keinen einzigen Platz geben, auf dem man vor ein Treppengeländer, einen Handlauf oder sonst etwas guckt.

Perfekte Stadt – perfektes Stadion – perfekte Infrastruktur

Es gibt mehrere Bahn-Haltestellen, Parkplätze im Überfluss und eine gute Anbindung an die Autobahn. Ich wünsche mir eine Stadt, deren Infrastruktur es mir erlaubt, frei zu wählen, ob ich mit der Bahn oder mit dem Auto anreise. Entscheide ich mich für ersteres, spucken mich Zug, S-Bahn oder Straßenbahn direkt am Stadion aus. Ich muss nicht erst mit dem Bus fahren, dann in die S-Bahn steigen und dann auch noch ewig zum Stadion laufen. Und natürlich fahren die Züge bei An- und Abreise am Stadion so schön regelmäßig ab, dass sich niemals die Fanmassen auf zu kleinen Bahnsteigen stauen müssen. Und Bahnsteige komplett sperren zu müssen, weil der Nahverkehr den Massen nicht Herr wird, ist natürlich auch nicht nötig. Weil das alles oft Utopie ist, entscheide ich mich in der Realität meistens für die Anreise mit dem Auto, wenn es die Entfernung zu lässt. Für die perfekte Autofahrt zu einem Auswärtsspiel habe ich eigentlich nur einen Wunsch: Ich will schnell wieder wegkommen. Die Parkplätze rund um das Stadion sind so konzipiert, dass man von jedem Parkplatz schnell die Autobahn erreichen kann und sich nicht eine endlos lange Blechlawine beispielsweise durch einen winzig kleinen Kreisverkehr quälen muss, um die Autobahnauffahrt zu erreichen. Ich wünsche mir, dass ich das Spiel entspannt bis zum Abpfiff sehen und die Mannschaft verabschieden kann. Ich muss nicht zehn Minuten vor Abpfiff das Stadion verlassen, weil ich sonst ein bis zwei Stunden auf einem vollgestopften Parkplatz verbringen muss.

Perfekte Stadt – perfektes Stadion – perfekte Infrastruktur – aber wann wird überhaupt gespielt?

Das Thema Anstoßzeiten bleibt weiterhin aktuellAnstoßzeiten, sind ein heikles Thema. Die Realität hat hier Fakten geschaffen: Spieltage sind zerstückelt, wir haben uns längst daran gewöhnt, dass es Freitags-, Samstags-, Sonntags- und sogar Montagsspiele gibt. Ich könnte daher jetzt darüber schreiben, dass es mir als Familienvater inzwischen nichts ausmachen würde, wenn samstags oder sonntags, um 13 Uhr Anpfiff wäre. Man könnte zu Hause gemütlich frühstücken, danach ins Stadion fahren und dennoch wäre der halbe Tag noch frei. Als Berufspendler und als Fan, der lange Jahre nicht in Dortmund gewohnt hat, finden in meiner Utopie keine Freitagsspiele statt, so lange die A40 nicht zehnspurig ausgebaut und gleichzeitig in meinem Job die 30-Stunden-Woche eingeführt worden ist.
Letztlich gehört für mich die Anstoßzeit 15.30 Uhr einfach dazu. Daher ist meine Utopie zu Anstoßzeiten ganz simpel: Die Bundesliga spielt am Samstag, um 15.30 Uhr. Internationale Spiele, egal, ob Champions League oder Uefa-Cup, steigen dienstags und mittwochs, jeweils um 20.45 Uhr.

10.09.2015, desperado09 und Leonie


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