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Unsa Senf - 02.09.2015

Lieber BVB, wir müssen reden

Lieber BVB, mein geliebter Ballspielverein,

wir müssen reden!

Du weißt, dass das meistens ein Zeichen ist, dass in einer Beziehung etwas schief läuft, und genau das muss ich dir leider sagen.

Ich will mich aber zuerst vorstellen, damit du die Hintergründe verstehen kannst. Du kennst mich ja nicht so gut wie ich dich. Kannst du gar nicht.

Ich bin 30, habe seit gut 10 Jahren eine Dauerkarte auf der Süd, Block 13. Ohne Option. Weil ich mich eigentlich nie richtig drum bemüht habe. In meinen Anfangszeiten wären Europapokalspiele mit Dortmunder Beteiligung sowieso nicht unerreichbarer gewesen, wenn sie auf dem Mond stattgefunden hätten. Und danach habe ich darauf vertraut, dass ich irgendwann an die Reihe kommen würde. Dass es nicht so war, das finde ich ehrlich gesagt im Moment gar nicht so schlimm. Ich bin Vielfahrer, nicht Allesfahrer. Die Arbeit und gelegentliche Hochzeiten oder Urlaube sorgen dafür, dass ich vielleicht 80 % der Spiele live im Stadion verfolge. Zu Hause und auswärts. National und etwas seltener international. Ich bin weder Ultra noch Hooligan und trotzdem Befürworter (kein Abbrenner) der Pyrotechnik. Ich mag laute, bunte Tribünen und Stehplätze. Ich mag den Fußball von früher, wenn der Regen die Rasenflächen auf den überwucherten Stehplatztribünen tränkt und es so herrlich nach Gras duftet. Ich bin ein Fußballromantiker, nicht mehr und nicht weniger.

Trotzdem bin ich, wie viele andere auch, ein Erfolgsfan. Seit 1995. Meisterschaft, Champions League und dazu die herrlich gelbglänzenden Trikots. So was zieht Kinder an. Auch von weiter weg.

Genau deswegen hat das mit uns ja auch irgendwie so gut gepasst. Du bist ein großer Traditionsverein. Einer, dem die Fans am Herzen liegen. Der lange Zeit den Spagat zwischen Tradition und Erfolg ganz passabel hingekriegt hat. Die Meisterschaft 2011 ist die beste, schönste und ehrlichste Meisterschaft, die ich jemals erlebt habe und jemals erleben werde. Wahrscheinlich nicht nur ich, sondern die ganze Menschheit. Alle Fußballfans.

Doch dieser Erfolg hat dich verändert. Hat unsere Beziehung verändert. Ich bin ersetzbar geworden. Auf einen Traditionalisten und potentiellen Problemfan (aus deiner Sicht) wie mich kommen 10 Japaner, die nur zu gerne meinen Platz einnehmen würden. Kommen 100 „Echte Liebe“-Kunden, die alles bezahlen, um Teil von dir zu sein.

Ganz ohne Option verstehe ich die Wut, die sich gerade bei den Optionsinhabern verbreitet.

Ein Aufschlag für Spiele in der EL gegenüber der CL? Nach einer Saison wie der letzten? Das ist dreist! Dazu das ganze Geld gleich zu Beginn abbuchen? Das ist sogar noch dreister!

Ich will da aber auch nicht weiter darauf eingehen, denn das Thema wird dir noch um die Ohren fliegen, da bin ich mir sicher.

Glaubst du ernsthaft, dass wir Hamburg, Hoffenheim und Wolfsburg boykottieren und dann vor den eigenen Missständen die Augen verschließen?
Glaubst du, dass die 12:12-Proteste nicht zu wiederholen sind?
Glaubst du, dass die „Echte Liebe“-Kunden noch da sein werden, wenn es wieder schlechter geht?

Wer damals nicht zu jung oder zu pleite war für eine Dauerkarte, hat 2005 problemlos eine bekommen können. Alle, die jetzt groß schreien, dass sie unsere Karten gerne haben wollen, wenn wir sie nicht mehr möchten, haben sich 2005 keine gekauft. Warum wohl?

Oder glaubst du nicht, dass du nochmals so tief sinken wirst? Hast du letzte Saison vergessen? Hast du in letzter Zeit mal nach Hamburg geschaut?

Ständige Erhöhung der Dauerkartenpreise. Stetige Schröpfung der Europapokal-Optionsinhaber. Eine Tickethotline zum Vergessen, Verzweifeln und Abwinken. Kunden statt Fans. Riesige Einkaufstempel statt einem Fanhaus. Montagsspiele statt fanfreundlicher Anstosszeiten. VIP-Tickets fürs Pokalfinale statt Berücksichtigung der Fans, die alle Spiele auf dem Weg nach Berlin gesehen haben. Muss ich noch weitermachen?

Du siehst die Premier League vor Augen und willst gerne dahin. Viel Geld, wenig Stimmung. Ist es wirklich das, wofür ein Verein wie Borussia Dortmund stehen will? Ist dir noch nicht aufgefallen, dass Spieltag für Spieltag ungeheure Horden von Briten nach Dortmund pilgern, weil sie da noch echte Stimmung und – für britische Verhältnisse – billige Tickets bekommen?

Glaubst du ernsthaft, dass die noch immer kommen, wenn die Bundesliga zu einer billigen (und dabei beziehe ich mich nicht auf die Preise) Version der Premier League verkommen ist?

Du brauchst dir bestimmt keine Sorgen zu machen, dass das Westfalenstadion in nächster Zeit auch nur annähernd leer bleiben wird. Auch die Stimmung dürfte bei den anhaltenden Erfolgen noch eine Weile gut bleiben, da vorerst nur die wenigsten von uns wirklich den Spielen fern bleiben werden, dafür lieben wir dich – oder zumindest die Vorstellung von dir in unseren Köpfen – und den Fußball einfach zu sehr.

Doch wir werden nicht tatenlos zusehen, was du uns, unserem geliebten Fußball und nicht zuletzt auch dir selbst antust. Wir werden uns wehren. Wir werden darum kämpfen, dass nicht nur wir ein Teil von dir, sondern auch du ein Teil von uns bleibst.

Wir brauchen keinen Leuchtturm, um den Weg zu dir zu finden. Wir brauchen nur ehrliche, faire Arbeit. Auf und neben dem Platz. Keiner von uns wird wegrennen, wenn es ein paar Jahre schlecht läuft. Wir werden vielleicht schimpfen, fluchen und meckern, denn das ist hier der Ruhrpott! Aber wir werden nicht weggehen!

Verlieren kannst du uns nur, wenn du so weitermachst wie in den letzten Jahren. Wenn „echte Liebe“ weiterhin nichts ist als eine Einbahnstraße oder ein Marketingslogan.

Schau dir die Bilder vom Derby 2005, von Bielefeld 2007, vom Pokalfinale 2008 und von der Meisterschaft 2011 nochmal an und hör vor allem gut hin!

Und überlege dir dann, ob du die tatsächlich ersetzen willst durch schwarz-gelbe Einkaufstüten und gesponserte Klatschpappen.

Wir sind leidensfähig, in jeder Hinsicht, aber auch unser Fass ist mal voll. Meines ist im Moment nahe dran. Andere sind bereits übergelaufen. Es ist Zeit, Stellung zu beziehen und mir zu sagen, ob unsere Beziehung noch gerettet werden kann.

Schwarz-gelbe Grüße,

Nadja, 02.09.2015


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