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Unsa Senf - 02.09.2015

Der Fan als Melkkuh

Da habe ich mich mal gründlich verarschen lassen.

Als der BVB vor ein paar Jahren die Wahlmöglichkeit gestrichten hatte, als Dauerkarteninhaber von Spiel zu Spiel neu zu entscheiden, ob man im DFB-Pokal oder im Europacup ins Stadion geht, konnte ich das tatsächlich nachvollziehen. Zum einen aus ganz praktischen Erwägungen, weil ich immer schon einen Hang zur Faulheit hatte und es unsinnig fand, jedes Mal extra Überweisungen für ein Spiel zu tätigen, das ich sowieso besuchen würde. Zum anderen aber auch, weil Dauerkarten eben Dauerkarten sind und es dem BVB und den anderen Fans ohne Option gegenüber nur fair ist, wenn man wirklich jedes Mal Karten abnimmt und nicht nach Gutdünken neu entscheidet. In der Bundesliga nimmt man Hoffenheim und Wolfsburg ja auch schweren Herzens mit. Warum nicht dann ebenfalls Qäbälä?

Tja, da war ich wohl extrem naiv. Die Wahrheit ist so schäbig wie schlicht: Die Führungsetage des BVB wollte schon immer durch die Hintertür das Geld im Ticketing einnehmen, das sie in den Sonntagsreden aufgrund einer "sozialen Verantwortung" lieber im Portemonnaie der Fans stecken lässt. Der Trick war eigentlich ein bisschen zu billig, um darauf reinzufallen, aber mir ist es passiert: Ein paar Prozent Inflationsausgleich hier, ein paar Prozent als Topzuschlag dort, ein Schlückchen im Vergleich mit den Preisen im Bernabeu noch obendrauf, aber hey: Wir sind der BVB, ein alter Arbeiterverein, bei uns wird der kleine Mann auf der Tribüne nicht geschröpft. Seit gestern ist das Märchen vorbei. Die Hintertür braucht es nicht mehr. Man poltert direkt ins Wohnzimmer.

Die Dauerkarte für die Südtribüne kostet im Vergleich zur Saison 2014/15 schlanke 13,4% mehr, nimmt man die 17 Spiele in der Bundesliga und die drei Spiele in der Europa League als Maßstab. Für Spiele gegen Krasnodar, Qäbälä und PAOK wohlgemerkt, und nicht gegen Arsenal, Galatasaray und Anderlecht. Und das sind nur die relativen Erhöhungen, auf den Sitzplätzen trifft es die Fans in absoluten Zahlen nochmal härter. Augenscheinlich legt der BVB für sämtliche Spiele in Europa die regulären Tageskartenpreise zu Grunde, was selbst auf den günstigsten Sitzplätzen Beträge deutlich über 30 Euro bedeutet. Pro Spiel. Um die Crème de la Crème des europäischen Fußballs zu sehen. Oder so ähnlich. Erhöhungen von etwa 15 Euro pro Spiel im Vergleich zur Vorrunde der Champions League im letzten Jahr sind keine Seltenheit, sondern der Normalfall.

Und das alles, weil wir Idioten der Borussia einen Blankoscheck ausgestellt haben. Nicht nur wird als Dauerkarteninhaber kein Rabatt auf die Tageskartenpreise fällig, wie es bei Bundesligaspielen noch der Fall ist, noch dazu ist der BVB völlig frei in der Preisgestaltung und kann nach eigenem Gutdünken selbst für ein Spiel gegen den unattraktivsten Gegner den üblichen Eintrittspreis plus 20% Aufschlag verlangen. Und das alles wird direkt eingezogen, die ganze Vorrunde auf einmal. Was kostet die Welt!

Wenn in der Geschäftsführung des BVB schon kaum noch ein Fünkchen Anstand zu finden ist, so wird hoffentlich wenigstens der kaufmännische Sachverstand zu der Erkenntnis gelangen, dass man das Rad dieses Mal zu weit gedreht hat. Zu diesen Bedingungen wird auf den Sitzplätzen sicher kaum noch jemand im nächsten Jahr seine Option ziehen. Verarschen lässt man sich nämlich selten zweimal. Ohne Rabatt für die sichere Abnahme der Tickets, wie er mit jeder Dauerkarte sonst verbunden ist, und ohne einen bereits zu Saisonbeginn feststehenden Preis für jedes einzelne, potentiell zu bezahlende Spiel ist für 2016/17 ein Szenario zu befürchten, das es in Dortmund lange nicht mehr gab: Ein nur halb gefülltes Westfalenstadion. Selbst verschuldet, weil die Vereinsführung den Hals nicht voll genug bekommen konnte.

Und kurzfristig? Die "marktüblichen Preise" gegen Qäbälä werden bezahlt werden müssen, da kann man nichts machen. Alles andere ist möglich: Einfach nicht hinzugehen, die Schnauze zu halten, laut zu protestieren. Wer Hamburg oder Hoffenheim boykottiert, kann und wird vor der Dreistigkeit im eigenen Laden nicht kapitulieren.

Scherben, 02.09.2015


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