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Spielbericht Profis - 24.08.2015

Eine Reise, die ist lustig! Über Skien nach Ingolstadt, 3000km für Borussia

Ein Europapokalspiel in Norwegen, am Donnerstagabend und ein ganzes Stück abseits der nächsten internationalen Flughäfen: was schon bei der Auslosung nach einer der reizvolleren Auswärtsfahrten der letzten Jahre klang, mauserte sich recht bald zu einem Highlight der eigenen Fangeschichte. Dass nur drei Tage später ausgerechnet ein Bundesligaspiel beim Neuling FC Ingolstadt stattfinden sollte, tat dem keinen Abbruch. Kurzerhand entschlossen wir uns zu einem kleinen Roadtrip, der uns fünf Spiele in fünf Tagen, fünf Wettbewerben und vier Ländern liefern sollte – und weil der Fußballgott es eher gut mit uns meinte, trugen die schwarzgelben Mannschaften gleich fünfmal den Sieg davon. Ein Spiel- und Stimmungsbericht aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Ingolstadt.

Los ging der Spaß am Mittwochmorgen. Statt des gebuchten Ford Focus gab es nur einen kleinen A1. Vier ausgewachsene Männer zwischen 1,80 und 2 Meter Körpergröße bekamen sich kaum mehr ein vor Freude, doch interessierten sich weder Vermieter, noch Vermittler oder der Betreiber der Buchungswebsite für Details. Dass die Kupplung bereits bei niedriger Belastung heftigsten Gestank entwickelte und das Handbuch nur in tschechischer Sprache bereitlag, ließ immerhin jede Minute außerhalb des Wagens zu einem kleinen Gottesgeschenk werden und uns die Schönheiten der Landschaft umso mehr genießen. Man sollte billige Mietwagenportale eben doch besser meiden, wenn es um längere Strecken geht.

Spiel 1: AC Horsens vs. Silkeborg IF

AC Horsens: Neubau mit nettem FlutlichtAm Mittwochnachmittag stand bereits das erste Spiel auf dem Programm: AC Horsens gegen Silkeborg IF, ein Derby in der zweiten dänischen Liga. Das Stadion wirkte von außen eher unscheinbar, die einmaligen Flutlichtmasten verpassten dem Neubau jedoch einen gewissen Charme. In Hufeisenform gebaut, ließ sich zudem eine weitere Seitentribüne hinzurollen, die wohl nur bei absoluten Toppspielen benötigt werden dürfte. So hatten sich im Stehplatzbereich der Heimmannschaft ebenso wie im Gästeblock kaum mehr als 30 Fans eingefunden, getrennt von rund 300 dazwischen sitzenden Fans auf der Gegengerade. Auf der Haupttribüne lag die Sponsoren-, Medien- und VIP-Quote bei geschätzten 70 Prozent, was uns abermals ein wenig überraschte. Immerhin gab es dort Freibier und Kekse, sodass wir nicht auf das als „Chauffør Menu“ angepriesene Autofahrerspezial aus einem Bier und einer Cola (je 0,4l für insgesamt rund 7,80 Euro) angewiesen waren. Das Spiel als solches plätscherte im Wesentlichen vor sich hin und endete mit 2:0 für die Heimmannschaft. Rund 200km weiter bezogen wir einen Campingplatz als Nachtlager, an dem wir den Tag nur allzu gerne im Stehen ausklingen ließen.

Spiel 2: Odds BK vs. Borussia Dortmund

"This continent isn't big enough for the both of us!" - Selbstironische Choreo der NorwegerDonnerstagmorgen, wecken um 6:30. Die Fähre wartete auf hunderte BVB-Fans, die in Bussen, Bullis und PKW die rund viereinhalbstündige Überfahrt antreten wollten. Wer nach der anstrengenden Busfahrt noch stehen konnte und den skandinavischen Fangetränkepreisen vorbeugen wollte, frohlockte angesichts der Gerüchte über den günstigen Duty Free Shop. Minuten vor dessen Öffnung hatten sich bereits über 50 schwarzgelb gekleidete Fans vor den Türen versammelt, die pünktlich um 10 Uhr geöffnet wurden. Zwei Verkäuferinnen, die den Andrang schon mitbekommen hatten, filmten von der Kasse aus den Sturm des Ladens – es spielten sich Szenen ab wie sonst nur bei einer kik- oder Media Markt Eröffnung in östlichen Bundesländern. Gegen 10:02 Uhr waren die Cider-Vorräte erstmals erschöpft, palettenweise wurden gehopfte Getränke herausgetragen und die Vorräte hastig wieder aufgefüllt. Rund um die Tanzfläche des Fährendiskothekenbetriebs (das Afternoon Entertainment um 16 und Bingo um 17 Uhr konnten wir leider nicht miterleben) saßen, schliefen, tranken und schunkelten die mitgereisten Borussen zu den feinsten Klängen von Haddaway bis Metallica.

Eine ganze Tribüne als Gästeblock - 1400 BVB-Fans vor Ort in NorwegenAngekommen im wunderschönen Norwegen, fielen die Grenzkontrollen für PKW (im Gegensatz zu den Bussen, die zum Teil lange aufgehalten wurden) überschaubar aus. In bestem Deutsch entwickelte sich ein netter Dialog: „Seid ihr hier für das Match?“ – „Ja.“ – „Habt ihr etwas dabei, das ihr verzollen müsst?“ – „Wir haben einige Liter Bier, aber unter der Freigrenze.“ – „Habt ihr Pyro?“ – „Nein.“ – „Dann gute Fahrt und viel Spaß!“ Diese wunderbar entspannte Freundlichkeit begegnete uns immer wieder und ließ uns ein wenig beschämt nach Hause blicken, wo sich die Polizei gegenüber Fans leider viel zu oft deutlich aggressiver präsentierte. So war auch rund um das Stadion nicht allzu viel Sicherheitspersonal zu sehen: Die Kontrolle am Stadioneingang wurde von der stets freundlichen Polizei begleitet, ansonsten konnten die BVB-Fans locker ihre Zeit genießen. Alkoholverbot in der Öffentlichkeit? Interessierte niemanden, Polizisten sahen zu und standen lächelnd für Fotos mit den BVB-Fans bereits. Wildes Überqueren der Straße? Störte niemanden, die Autos warteten und die Fahrer verfolgten das bunte Treiben mit einigem Interesse.

Rekordkulisse: Nie zuvor waren so viele Zuschauer bei einem Spiel des Odds BKÜberhaupt hatten wir das Gefühl, dass sich alle über das riesige Spiel in ihrer eher ruhigen Region gefreut hatten – immer wieder suchten Norweger in hervorragendem Englisch oder Deutsch das Gespräch mit uns und zeigten stolz Visitenkarten mit den Namen ihrer deutschen Arbeitgeber. Der BVB hatte von seinen verfügbaren 2100 Karten etwa 1400 verkaufen können, von denen sicherlich 100 kurzfristig frei geworden und vor dem Stadion verfügbar waren. Traurig berichtete uns ein norwegischer Fan, dass er trotz zweier Freunde in der Mannschaft des Odds BK und fünfstündigen Anstehens im Vorverkauf leer ausgegangen war – dass die Gäste aus Dortmund so viele Karten erhalten hatten, störte ihn dabei überhaupt nicht (es wurde ein neuer Zuschauerrekord aufgestellt: nie zuvor hatten mehr als 12.436 Zuschauer ein Spiel bei Odds BK besucht). Als er dann über den BVB-Anhang noch eine der begehrten Karten erhalten konnte, war er überglücklich und strahlte bis über beide Ohren – daran hätte sich wohl auch nichts geändert, wenn man den dreifachen Preis verlangt hätte. Zum Rückspiel in Dortmund dürfen wir dann wohl auch mit einem größeren Gästeanhang rechnen: Die Stadionkasse mit den Tickets schien durchgehend bestens besucht zu sein, viele Norweger wollen sich das aus ihrer Sicht billige Deutschland mit dem einmaligen Highlight Westfalenstadion wohl nicht entgehen lassen.

Auch das Spiel gehörte in die Kategorie legendär. Thomas Tuchel hatte seine Mannschaft auf einigen Positionen verändert, wollte dem „zweiten Anzug“ eine Bewährungschance geben. So spielten Gonzalo Castro und Kevin Kampl für die angeschlagenen Marco Reus und Lukasz Piszczek, während Matthias Ginter und Sven Bender für die zur Schonung auf der Bank sitzenden Julian Weigl und Sokratis antreten durften. Im Tor stand Roman Weidenfeller statt Roman Bürki, sodass wir in dieser Saison wohl tatsächlich von einer wettbewerbsübergreifenden Rotation der Torhüter ausgehen dürfen.

Pyroshow im Gästeblock Bereits nach 13 Sekunden war dann passiert, was nicht hätte passieren sollen: Castro ließ sich wie ein Schuljunge düpieren, Rafik Zekhnini konnte unbedrängt in die Mitte flanken, Jone Samuelsen den Ball zum 1:0 in die Maschen nicken. Im kollektiven Tiefschlaf der Herren Ilkay Gündogan, Bender, Ginter und Castro setzte der ehemalige Fürther Olivier Occean Fredrik Nordkvelle in Szene, der in der 19. Minute das 2:0 erzielen konnte. Weil auch das noch nicht reichte, durfte sich wenig später auch Roman Weidenfeller wenig mit Ruhm bekleckern: Ein wuchtiger Freistoß Espen Ruuds aus über 30 Metern glitt ihm durch die Hände, das 3:0 war in der 22. Minute gefallen. Ein weiteres Europapokalwunder mit Dortmunder Beteiligung, diesmal jedoch auf der falschen Seite. Tuchel nahm das Gesehene mit stoischem Schweigen zur Kenntnis - einigermaßen schockiert stand er am Spielfeldrand und wusste nicht, was er dazu noch hätte sagen sollen. Ein eigentlich überlegenes Spiel entglitt in wenigen Augenblicken, weil die Hintermannschaft überhaupt nicht ins Spiel fand und vorne gleich zweimal der Pfosten (2. Shinji Kagawa, 30. Henrikh Mkhitaryan) einen eigenen Treffer verhinderte. Dass Pierre-Emerick Aubameyang ein Abstaubertor erzielen konnte (34.), dürfte am stillen Entsetzen nur wenig verbessert haben.

Mit Sokratis für Castro ging es in die zweite Halbzeit: Wieder in der zweiten Minute kam Kagawa zu einer guten Chance, semmelte das Leder diesmal aber mit Gewalt ins Tor – 3:2 nach 47 Minuten, hier ging noch was! Gündogan (52., 92.), Aubameyang (70., 79.) vergaben selbst beste Chancen oder scheiterten am norwegischen Keeper, der Pfosten rettete erneut zweifach vor dem Einschlag (Aubameyang 67., Gündogan 80.) – doch Aubameyang nach Vorarbeit Marcel Schmelzers (76.) und Mkhitaryan nach Vorarbeit Kagawas (84.) machten den am Ende verdienten Sieg klar.

Nach Spielende: Die Mannschaft bedankt sich für den großartigen SupportDer Gästeblock, der sich über eine ganze Hintertortribüne erstreckt hatte, feierte den Sieg wie lange nichts mehr. Bereits vor Spielbeginn in Bestform, sangen die 1400 Borussen selbst bei einem Rückstand von drei Toren und gerieten immer weiter in Exstase. Beeindruckend laut, beeindruckend geschlossen und beeindruckend schwarzgelb setzte der BVB-Anhang eine Duftnote, die so schnell nicht vergessen werden dürfte – es war am Ende wohl einer der überzeugendsten Auftritte der letzten zehn Jahre, der vielen norwegischen Beobachtern mit Recht die Kinnlade herunterfallen ließ. Dass dabei massenweise Pyrotechnik zum Einsatz kam, tat dem hervorragenden Eindruck keinen Abbruch – Ordner und Polizei blieben stets gelassen und hielten sich zurück, Gefahr für unbeteiligte Fans hatte im geräumigen Block zu keiner Zeit bestanden und auch im norwegischen Teil des Publikums niemand Anstoß daran genommen. Dass zwischenzeitlich zwei Böller auf dem Spielfeld landeten (ausgerechnet neben Publikumsliebling Weidenfeller, unweit vor der Fahne der neuen Dortmunder Ultragruppe), empfanden hingegen selbst die Befürworter der Pyrotechnik als Scheißaktion und deutlichen Makel eines ansonsten wunderbaren Tages.

Spiel 3: Lillestrøm SK vs. Tromsø IF

Nicht viel los bei Lillestrøm SK vs. Tromsø IFNach gut 140km Fahrt über schmale Waldsträßchen und Autobahnen verbrachten wir den Freitag in Oslo. Zunächst ging es zum Holmenkollen, dem Osloer Wahrzeichen und Traum vieler Wintersportfreunde – eine herrliche Aussicht über Stadt und angrenzende Landschaft überzeugte und ließ die Erwartungen in die Höhe schnellen. Die Innenstadt zwischen Bahnhof und Königspalast, Festung und Hafenviertel mit unzähligen Kneipen und Badegelegenheiten mit Stadtstränden waren dabei ebenso sehenswert wie unpraktisch, wenn man mit einem Auto unterwegs war. Umgerechnet acht Euro pro Stunde waren jedenfalls kein Argument, das Auto allzu lange in der Tiefgarage zu lassen und in Oslo zu verweilen – schade, denn hier hätte es sicherlich noch mehr zu entdecken gegeben. Stattdessen ging es am frühen Abend nach Lillestrøm, wo sich gefühlt mehr Borussen zum Spiel eingefunden hatten, als unlängst Leverkusener bei Lazio Rom. Eine relativ langweilige Erstligapartie (Tippeligaen) auf äußerst mäßigem Niveau endete mit 1:0 für die Hausherren, doch lagen die eigentlichen Highlights an anderer Stelle: Tromsø, rund 1700km von Lillestrøm entfernt und fast am Nordkapp gelegen, wurde begleitet von rund 60 Fans – und die heimischen Fans sorgten in einem englisch angehauchten Stadion für eine Stimmung, die ihnen in Norwegen nach Rosenborg Trondheim und Molde FK den Ruf der drittstärksten Kurve eingebracht hatte. Weiter ging es am Abend in die Nähe von Göteborg.

Spiel 4: BK Häcken vs. Malmö FF

Tolle Stadt: Göteborg begeisterteGöteborg begeisterte uns von der ersten Minute. Am Abend sollte im Ullevistadion Metallica auftreten, sodass die gesamte Stadt schwarz und schwer tätowiert erschien. Aus dem Delikatessenladen dröhnte Sad But True, aus dem Bahnhof Enter Sandman und aus dem Supermarkt The Four Horsemen – das Herz schlug höher. Die sehenswerte Altstadt wurde zudem überlagert vom Red Bull Flugtag, der tausende Menschen angezogen hatte und in einer relativ großen Show alle möglichen selbstgebauten Fluggeräte ins Kanalbecken beförderte. Der Kenner genoss und schwieg, wissend, dass ausgerechnet am Red Bull Flugtag der Malmö FF in der Stadt gastieren sollte, der den Salzburger Bastard wiederholt aus der Champions League Qualifikation hatte fliegen lassen.

Starker Support von Malmö mit ABBA FangesangDie Bravida Arena, etwa 5km entfernt auf der anderen Flussseite gelegen, wirkte sehr unscheinbar und wenig ansehnlich. Der Neubau der Marke „Traum in Stahlbeton“ wurde erst vor wenigen Monaten bezogen und hatte den Charme eines Provinzbahnhofs. Rund 1000 Gästefans sorgten unter insgesamt rund 4700 Zuschauern für eine Menge Alarm und unterstrichen ihren Ruf, die mit Abstand beste Kurve Schwedens zu sein. Große Schwenkfahnen, kleine Handschwenker und ein guter Mix aus vielen verschiedenen Liedern (darunter einige in Deutschland bekannte, aber auch ein Highlight auf die Melodie von ABBAs „Lay All Your Love On Me“) schwappten durchs Stadion und ließen die Hausherren alt aussehen. Auf dem Platz sah es anders aus, dort konnten die schwarzgelben Häcker die himmelblauweißen Malmöer in einer sehr zähen und an Höhepunkten armen Allsvenskanpartie mit 1:0 besiegen. Direkt nach Spielende ging es mit 1300km in die längste Etappe des Ausflugs, die uns Sonntagmorgen um 6 Uhr zumindest für wenige Stunden bis nach Würzburg brachte.

Spiel 5: FC Ingolstadt vs. Borussia Dortmund

Die letzte Reise war nun trotz aller Übermüdung ein gefühlter Katzensprung. Das Stadion im Stile der Mainzer Coface-Arena war nun wahrlich kein Hingucker, allerdings bei weitem nicht das hässlichste Stadion, das wir auf dieser Tour zu sehen bekommen hatten. Dass wir wieder zuhause in Deutschland angekommen waren, erkannten wir sofort an den Heerscharen von Polizei und USK, die das harmloseste Spiel der Bundesligasaison mit einem kleinen Großeinsatz zu sichern müssen glaubten.

Unauffälliger Neubau: Audi Park in IngolstadtSo hatten zwei Bullis eine Begegnung der besonders albernen Art: Der am Vortag fertig gestellte Parkplatz hatte zwei Einfahrten, eine vordere und eine hintere. Die Bullis wurden hinten eingeleitet, fuhren jedoch nach vorne durch, um nach Spielende möglichst rasch aufbrechen zu können. Kaum hatten sie die Wagen abgestellt, wurden sie von der Polizei zum Umparken aufgefordert – die Autos würden bei beiden Einfahrten gezählt und müssten auch dort abgestellt werden. Auf die kurze Rückfrage, ob man die Zählung nicht um zwei Autos anpassen könne, wurden die Besatzungen von den anwesenden Ordnungshütern angebellt: „Wir können euch auch gleich mitnehmen, wir beobachten euch schon die ganze Zeit!“ Fortgeführt am Stadioneinlass, wo die Polizei weitgehende Ordnungsdienste übernahm, mussten Fans wie am Flughafen alle Gegenstände aus ihren Taschen auf Metalltischen ausbreiten und zum Teil sogar die Schuhe ausziehen. Als ein Fan das Ausziehen verweigerte, wurde er kurzerhand aus dem Stadion geworfen. Solcherlei Unverschämtheiten erlebt man scheinbar wirklich nur in Deutschland, dort in einigen Regionen aber mit stetiger Gewissheit.

Choreo des Zweitligameisters IngolstadtAnsonsten erschien der Bundesliganeuling als typischer Dorfverein, der zwar eigentlich nicht in die Liga gehörte, es sich aber sportlich verdient hatte. Als noch immer kleiner Verein, der im Gegensatz zu Clubs wie Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig nicht von außen dominiert wird und in seiner Investorensituation (abgesehen vom Engagement des Volkswagenkonzerns, der beinahe überall seine Finger im Spiel hat) kaum kritikwürdiger aufgestellt ist als der BVB oder der FC Bayern, wirkte alles ein bisschen anders. Sehr bemüht und korrekt, aber auch bodenständig ging es zu: Parken am Stadion für 3 Euro, eine Kneipe in direkter Stadionumgebung – da konnte man jetzt nicht besonders meckern.

Auf den Leinwänden wurden E-Mail-Adressen und Handynummern eingeblendet, unter denen sich interessierte Fans für die beschwerliche Fahrt ins 80km entfernte Augsburg im „Szenebus Augsburg“ (!!!) oder bei den „Torkelschanzern“ anmelden konnten. Auch für den Partyzug nach Bremen (mit Party-Abteil) sind wohl noch Plätze zu ergattern. Der Stadionsprecher nervte mit seiner betont überguten Laune, ließ dabei aber ein paar richtige Hämmer vom Stapel: „Macht alle mit, damit die heutige Aktion in die Geschichte der Choreographie eingehen wird!“, „Unser Trikot wurde von Modeexperten zum schönsten Trikot der Liga gewählt, kauft es euch noch heute“ und vergleichbare Kaliber legten die noch immer müde Stirn in Falten. Erfreulicherweise machte seine Kollegin einen etwas weniger aufgedrehten Eindruck und wirkte sogar irgendwie sympathisch, das herrliche Gemecker und Sinnlos-Gepöbel der lederbehosten VIP-Gäste direkt in unserem Rücken (Highlights: „GEEEEEEEELLLLLLLBBBB!“, „Des muss do a Koartn gebn!“, „TT – trauriger Trottel!“) ließ bisweilen sogar authentische Fußballstimmung entstehen.

Wieder mit einer starken Partie: Julian WeiglMit einigen Wechseln gegenüber der Partie in Norwegen (Bürki für Weidenfeller, Neven Subotic für den angeschlagenen Sokratis, Julian Weigl für Bender, Reus für Kampl) erwischte der BVB einen hervorragenden Start ins Spiel. Großchance um Großchance erarbeiteten sich die Borussen, die wie schon in Skien und so oft in den letzten Jahren eine katastrophale Chancenverwertung an den Tag legten: Hummels lang auf Schmelzer, Pass von der Grundlinie in die Mitte, Reus zieht frei ab – daneben (6.). Schmelzer auf Reus, Pass von der Grundlinie in die Mitte, Aubameyang zieht frei ab – rechts oben vorbei (15.). Weltklassedribbling Gündogan durch sämtliche Abwehrreihen des Bundesliganeulings hindurch, vorbei an fünf Gegenspielern, Querpass in die Mitte – Aubameyang verpasst (17.). Mkhitaryan per Hacke auf Kagawa, Steilpass auf Mkhitaryan, Schuss ins lange Eck – vorbei am Tor, kein Mitspieler kommt an den Ball (18.). Weigl auf Aubameyang, aus der Drehung aufs Tor – gehalten (21.). Ingolstadt will einen Pfiff, doch der Schiedsrichter lässt weiterlaufen und ermöglicht Reus den Abschluss aus kurzer Distanz – links daneben (28.). Beinahe endlos könnte man die Liste der Dortmunder Großchancen aufzählen, die trotz deutlichster Überlegenheit nicht zum Torerfolg führten.

Beste Chancen blieben ungenutztThomas Tuchel und Michael Zorc wurden am Spielfeldrand fast wahnsinnig. In den ersten Minuten hatte es bei Kleinigkeiten gleich mehrere Pfiffe gegen den BVB gegeben, Mkhitaryan nach einem Foul in der 9. Minute gelb gesehen und Sekunden später bei einem Handspiel kurz vor dem Platzverweis gestanden. Heftigste Kritik musste der Schiedsrichter einstecken, Tuchel und vor allem Zorc wurde bereits nach wenigen Minuten die Verbannung auf die Tribüne angedroht. Tatsächlich kämpften die Ingolstädter verbissen und gingen hart in die Zweikämpfe – ein gemeines Foul an Mkhitaryan hätte auch mit rot geahndet werden können (25., Leckie), hatte aber wie ein weiteres Foul an Mkhitaryan eine gelbe Karte zur Folge (29., Roger). Gleich zwei weitere Borussen sahen den gelben Karton nach taktischen Foulspielen und setzten den Schiedsrichter unter großen Druck – zwar waren alle Kartenentscheidungen nachvollziehbar und pfiff er eine konsequente Partie, doch hatten die Spieler einfach kein Einsehen und wollten eine kampfbetonte erste Halbzeit spielen.

Endlich das 0:1! Ginter nach Vorarbeit MickiDas Ingolstädter Konzept war bei alledem nie wirklich klar geworden: Hinten offen wie ein Scheunentor, im Mittelfeld kaum existent und nach vorne kein einziger vernünftiger Angriff – das konnte nicht funktionieren. Der zweite Durchgang begann deshalb mutiger – die ersten Torschüsse der Hausherren waren immerhin ein Lebenszeichen. Doch gerade in diese Ingolstädter Druckphase stieß der BVB: Mkhitaryan auf Ginter, der lässig ins lange Eck zum hochverdienten 0:1 einschiebt (55.). Klarer Elfmeter herausgeholt von Schmelzer und wuchtig zum 0:2 verwandelt von Reus (60.). Kagawa mit dem 0:3 nach Vorarbeit von Jonas Hofmann (84.) und Aubameyang mit dem 4:0 nach guter Hereingabe Ginters (90.) ließen einen Sieg herausspringen, der auch trotz vieler weiterer vergebener Großchancen (66., 70., 71., 74., 86., 88.) in der Höhe verdient war.

Der Gästeblock war in Ingolstadt im Vergleich zu Skien eher uninspiriertFür den BVB-Anhang, der im Gegensatz zu Norwegen eher mäßig aufgelegt war (durchschnittlich in der ersten Hälfte, mies zu Beginn der zweiten Hälfte, ab dem Führungstreffer gut bis teilweise stark), ging ebenso wie für die Spieler eine anstrengende Woche zu Ende. Tabellenplatz 1 und ein Verhältnis von 20:3 Toren aus den ersten sechs Pflichtspielen konnten sich nun wirklich sehen lassen und boten angesichts der riesigen Chancen noch eine ganze Menge Luft nach oben. Dass Tuchel die Pressekonferenz mit einem ausdrücklichen Kompliment an die BVB-Fans eröffnete, die gleich zweimal innerhalb weniger Tage in so großer Zahl weiteste Strecken zurückgelegt hatten, passte ins Bild eines gelungenen Saisonstarts – so darf es gerne weitergehen!

 

Statistik (Ingolstadt)

FCI: Nyland - Levels, Bregerie, Hübner, Engel – Roger - Groß, Morales - Hartmann, Leckie – Hinterseer
Wechsel: Matip für Hübner (46.), Lex für Hartmann (61.), Suttner für Engel (74.)

BVB: Bürki - Ginter, Subotic, Hummels, Schmelzer - Weigl - Gündogan - Kagawa - Reus, Mkhitaryan - Aubameyang
Wechsel: Hofmann für Mkhitaryan (73.), Ramos für Reus (80.), Castro für Kagawa(86.)

Tore: 0:1 Ginter (55.), 0:2 Reus (60.), 0:3 Kagawa (84.), 0:4 Aubameyang (90)
Gelbe Karten: Leckie, Roger - Mkhitaryan, Subotic, Kagawa

Noten (Ingolstadt)

Bürki: Starker Rückhalt, wenn auch selten geprüft. War hellwach und überzeugte vor allem mit klugen Anspielen. Note 2,5.

Ginter: Wurde nach der Katastrophenpartie in Skien zum Matchwinner - tolles Tor und gute Vorlage, sorgte auf seiner Seite für eine Menge Alarm. Note 2.

Subotic: Hinten selten gefordert, brachte er sich in den Spielaufbau ein. Das sah ganz gut aus, doch bei seinen Mannschaftskameraden eben noch ein bisschen toller. Note 3.

Hummels: Traumpass vor dem ersten Tor, auch sonst ohne Mühe. Note 2,5.

Schmelzer: Schon nach wenigen Minuten drei klasse Flanken geschlagen, Elfmeter rausgeholt und als Torvorbereiter geglänzt. Tolles Spiel, selbst wenn es bisweilen einmal hakte. Note 2,5.

Weigl: Der Gewinner der Vorbereitung macht auch in den Pflichtspielen eine gute Figur. In Skien vermisst, hinterließ er in Ingolstadt einen mittlerweile fast schon gewohnt starken Eindruck. Note 2,5.

Gündogan: Zeigte Sololäufe in ihrer schönsten Form, hing sich voll in die Partie und hatte mehrfach Pech, als er seine Großchancen nicht nutzen konnte. In dieser Form kaum zu ersetzen. Note 2.

Kagawa: Blieb unter dem Radar, konnte sich mit zunehmendem Spielverlauf aber reinbeißen. Im Abschluss kaltschnäuzig. Note 3.

Reus: Gute Partie, aber zu leichtsinnig im Abschluss. Hätte in der 6. Minute bereits die Führung klar machen müssen. Note 3.

Mkhitaryan: Bekam viel auf die Knochen, teilte selbst aber auch gut aus - hatte Glück, nach zehn Minuten nicht vom Platz gestellt zu werden. Weiter in guter Form. Note 2,5.

Aubameyang: Ackerte wie wild, spielte sich haufenweise Chancen heraus - und versemmelte sie fast alle. Weil es am Ende doch noch klappte, gibt es die Note 2,5.

 

SSC, 24.08.2015


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